Black Candles
Claudio hasste die ewig lang erscheinenden Fahrten mit der edlen Kutsche seines Vaters, deren große Räder über die , feuchten Straßen holperten. Er wiegte seinen Kopf nachdenklich hin und her, während er aus dem kleinen Fenster auf die Häuser hinaus blickte – es waren einfache Häuser, beinahe sahen sie alle gleich aus. Einfache Häuser, in denen einfache Menschen lebten. Hin und wieder sah er einige Frauen mit Kopftüchern und geflochtenen Körben vorbei eilen, wie sie mit ihren Kinderscharen hastig die Straße entlang marschierten oder mit dem Bäcker um das letzte Stück Brot feilschten, dass dieser an der nächsten Straßenecke anbot. An manchen Gebäuden bröckelte der Putz bereits von den Wänden; kleine Kinder schlichen in mehr in Lumpen als Gewand gekleidet barfuss durch die engen, schmutzigen Gassen, die so schmal waren, dass ein kräftiger Mann kaum hindurch gepasst hätte. Claudio erblickte sein eigenes Spiegelbild im Glas des Fenster. Er war ein Junge von sechzehn Jahren – mit großen, schwarzen Augen, die einem unter langen, geschwungenen Wimpern aus einem schmalen, wenn auch etwas blassem Gesicht entgegen blickten. Seine Mutter hatte angeordnet, ihm die schwarze Mähne, die ihm bis vor wenigen Tagen noch bis auf die Schultern herab gefallen war, schneiden zu lassen. ,,Wie unordentlich du aussiehst!" hatte er sie oft klagen hören. Claudio war sein Haar egal. Es gab niemanden, der Anstoß daran genommen hätte, zumindest nicht offiziell. In Wirklichkeit zerrissen sich die edlen Familien, die oft zu Besuch waren, ihre Schandmäuler über den ,,ungepflegten" Sohn der Gastgeber und waren zutiefst empört über sein Auftreten. Meist baten sie den jungen Claudio, eine Symphonie am Klavier zu spielen oder Geige für sie zu spielen – was bei Tisch zum guten Ton gehörte - , er jedoch durchblickte die zuckersüßen Gesichter, die ihn viel zu freundlich beäugten und erklärte oft, er habe keine Lust dazu, da er Musik ohnehin nicht mochte. Er erinnerte sich an einen Abend, an dem die Familie von Claudio Mutter geladen waren und seine Großmutter – eine mollige Frau mit faltiger Haut, einem viel zu weit ausgeschnittenem Kleid und hochaufgetürmtem Haar, die schrecklich albern war – ihn darum bat, für sie etwas auf der Violine zu spielen. Claudio war gerade erst acht Jahre alt geworden, eingezwängt in die teuersten Seidegewänder und aufrecht am Tisch sitzend wie einer der Erwachsenen. Mit seinen großen, traurigen Augen, aus denen unendlich viel Weisheit sprachen, obwohl sie zu einem Kindergesicht gehörten, blickte er auf seine ergrauende Großmutter und meinte kühl: ,,Verzeiht, Madame. Ich habe keine Lust." Das Gesicht seiner Mutter wird er nie vergessen. Wie sie dagesessen hatte, sich mit ihrem schwarzen Fächer Luft zufächelte und ihr der Schweiß auf dem geschminktem Gesicht herab lief. Sie tat so, als hätte ihr kleiner Sohn gescherzt und Claudios ältere Geschwister begannen nun, ebenfalls nervös zu lachen. ,,Er meint es natürlich nicht so, Mama´.." erklärte die Mutter, während sie sich ihren Handschuh vor den Mund hielt und leise – ja, verzweifelt – lachte. ,,Er meint es nicht so!"
Claudio hatte sie oft enttäuscht. Zu oft. Beinahe so oft, dass es ihm selbst weh tat, wenn er daran dachte. Seine Mutter war keine kluge Frau, sie war albern; beinahe so albern wie ihre Mutter. Doch sie war schön und gutherzig. Eine kleine, zierliche Frau mit dunklen Puppenlocken, großen Kinderaugen und einem immer bleich geschminktem Gesicht. Claudio liebte sie. Die Haare hatte er sich schneiden lassen, um sie wenigstens dieses eine Mal nicht wieder zu enttäuschen.
Der dunkelrote Seidenvorhang glitt vor dem Fenster zu. ,,Dieser Anblick ist nichts für Euch, Sir. Es ist besser, wenn Ihr mit diesem Gesindel auf den Straßen niemals in Berührung kommt.." erklärte Chaussee, der alte, hochnäsige Mann, dem Claudios Eltern den Auftrag gegeben haben, ihren Sohn stets zu begleiten und ihm ein guter Ratgeber zu sein. ,,Natürlich, Monsieur Chaussee..." gab Claudio ruhig zur Antwort und würdigte den alten Mann nicht eines Blickes.
,,Ich hasse es, in dieser Kutsche zu reisen. Warum konnte ich nicht einfach zu Fuß gehen?" fragte er gelangweilt und betrachtete seinen schwarzen Seidenmantel, dessen Kragen und Ärmel violett bestickt waren. ,, Wollt Ihr etwa wie die Bauern durch den Schlamm laufen, Herr?" Der hochnäsige, eingebildete Mann hatte ein strenges, grobes Gesicht, dass bereits von tiefen Falten durchzogen war und aus dem zwei eisgraue, unfreundliche Augen hervorleuchteten .Chaussee mochte unangenehm sein, doch sein übermäßiges Geld war ihm nie zu Kopf gestiegen – er war ein kluger Mann, der niemals unüberlegt handelte und der bereits die ganze Welt gesehen hatte, da er der Sohn eines irischen Kaufmanns war, der eine französische Adelstochter geehelicht hatte. Claudio verzog spöttisch aber unauffällig das Gesicht. Er ist uns bleibt ein widerlicher Speichellecker.. ging es dem Jungen aus dem Kopf, der gerne weiterhin aus dem Fenster geblickt hätte, würde der seidene Vorhang nicht über das Glas fallen.
,,Erzählt mir von England, Monsieur! Und von Irland, Deutschland...und der Neuen Welt! Ihr wart doch bereits in Amerika, nicht wahr?" fragte Claudio und in seinen Augen leuchtete kindliche Neugierde, obwohl er sich eines sehr höflichen, zurückhaltendendem und gebieterischem Tonfall bediente, wie es auch seine Eltern taten, wenn sie sich unterhielten. ,,Ich bitte Euch, Herr, wie oft soll ich Euch denn noch von meinen Reisen erzählen? Ja, ich war in der Neuen Welt. .bereits mehrere Male. Doch jemand wie Ihr gehört nicht dorthin. Die Teile, die ich gesehen habe, sind so arm, dass man Angst haben muss, von Straßenkindern und Sklaven angefallen und ausgeraubt zu werden."
,,Sklaven..?" Claudio hatte bereits einmal davon gehört. Die Menschen in Amerika hielten sich dunkelhäutige Menschen als Bedienstete, die für einen Hungerlohn arbeiten mussten. Sein Lehrer hatte ihm erklärt, dass diese Menschen aus Afrika kämen und Heiden wären.
,,Doch Ihr solltet nicht darüber nachdenken, Herr. Außerdem geziemt es sich nicht, neugierig zu fragen.." wies sein alter Lehrer und Ratgeber ihn hin.
,,Ja doch..." Claudio versuchte, seinen Rücken gerade zu halten und wandte seinen Blick nicht mehr von seinen schlanken Händen, die ruhig auf seinem Schoß lagen. Claudio war neugierig – am liebsten hätte er all jene Reise ebenfalls gemacht, die sein Lehrmeister bereits hinter sich gebracht hatte... London , New Orleans.. fort aus Paris, fort aus seinem Reichtum, den er noch nie zu schätzen gewusst hatte. Der Kutscher machte sich höflich durch ein Räuspern bemerkbar, hielt die Kutsche und erklärte Monsieur Chaussee, dass sie endlich bei der Oper angekommen waren, die Claudio besichtigen wollte. Der alte Mann machte einen etwas ärgerlichen Gesichtsausdruck, legte seine dunklen Handschuhe über die knochigen, faltigen Hände und trat trotz seinem Alters keineswegs schwerfällig aus der Kutsche, um Claudio beim Aussteigen behilflich zu sein. Als der Junge den ersten Fuß auf die nasse Straße setzte, richtete er die schwarze Kappe auf seinem dunklen Haar, blickte sich um und schritt dann zielsicher auf das Operngebäude zu, dass völlig verlassen vor ihm lag; umgeben von alten, knorrigen, toten Eichen. Beinahe jede Woche verschlug es ihn hierher. Er konnte nicht genug bekommen von der Faszination, die dieses alte Gebäude auf ihn ausübte – die hohen, schlanken Säulen, die unzähligen, melancholisch-zarten Gemälde an den Wänden, die goldenen Sessel, die allesamt verlassen in den Logen standen und die Vorstellung, einem der Stücke der damaligen Zeit beiwohnen zu dürfen.
Er hatte diese alte Oper gekauft, als er vierzehn Jahre alt geworden war und sie zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Bei einer Führung durch den alten Stadtplatz von Paris hatte ihn dieses alte Operngebäude so sehr in seinen Bann gezogen, dass er der alten Frau, die Besitzerin des heruntergekommenen Schuppens war, ein dickes Geldbündel in die Hand drückte; weit mehr, als je irgendjemand für dieses erneuerungsbedürftige Haus bezahlt hätte. Claudio ordnete an, es erneuern zu lassen und beauftragte die Arbeiter damit, jedoch nichts zu verändern. Alles sollte so aussehen wie vor zwei, dreihundert Jahren, als die Menschen hier noch gesungen hatten und das Publikum ihnen aus goldenen Logen entgegenjubelte. Alles war zu seiner Zufriedenheit geschehen und Claudio war zufrieden mit sich selbst und seiner Entdeckung. Seitdem besuchte er sein neues Gut wöchentlich. ,,Vergesst nicht, pünktlich zu Eurer Italienisch-Lektion nach Hause zu kommen, Herr..." erinnerte ihn der alte Mann höflich und mit einer angedeuteten Verbeugung. Claudio jedoch nahm die Worte seines Begleiters kaum mehr wahr, als er unter den alten Eichen hindurch schritt, deren Wurzeln sich tief in den Boden geschlagen hatten. Wie verzaubert betrat er das Opernhaus, ging beinahe andächtig über die samtbezogenen, Burgundfarben Stufen hinauf und schleppte seinen schwarzen Mantel hinter sich her. ,,Oh, junger Herr...warum jede Woche der gleiche Besuch hier? Ihr solltet nicht Eure kostbare Zeit verschwenden."
,,Sagt mir doch, womit ich mir meine Zeit vertreiben soll, Monsieur." Schlug Claudio gelangweilt vor und seine Augen wanderten aufmerksam durch die Räumlichkeiten. ,,Nun, wie wäre es mit dem Violinenspiel? Wie lange schon habt ihr nicht mehr Klavier gespielt? Ich hörte außerdem, Ihr würdet Eure Englischlektionen nicht mehr regelmäßig besuchen."
,,Ich spreche gut genug Englisch, Monsieur und habe diese primitiven Lektionen nicht nötig.. Und noch weniger möchte ich Klavier oder Violine spielen."
Monsieur Chaussee gab ein ergebenes Seufzen von sich, während sein Schützling die letzten Stufen der Treppen hinauf stieg. Claudio Blick schweifte über die langen, schlanken Säulen, die so gewaltig aussahen, dass ihre Schönheit ihm den Atem verschlugen. Da war es plötzlich. Ein fremdes, leises Geräusch, dass nicht so ganz in dieses verlassene Opernhaus zu gehören schien. Sein Begleiter schien offensichtlich nichts vernommen zu haben, doch der alte Mann hatte bereits schlechte Ohren.
Da war es wieder. Eine Stimme. Nein...keine Stimme. Ein Gesang. Ein leiser Gesang. Claudio blickte hinab auf die mit rotem Samt bezogenen Sitzen, auf denen seit Jahrhunderten niemand mehr gesessen hatte, hinüber zu den Logen der Adeligen und schließlich auf die verlassene Bühne – zumindest sollte sie verlassen sein. Doch stattdessen entdeckte er unter sich eine zierliche Gestalt, gehüllt in dunkle Gewänder und mit langen, wilden Haaren, die auf der Bühne tanzte und leise vor sich hin sang. Völlig perplex trat Claudio an das Geländer heran und beugte sich hinüber, um einen besseren Blick auf die Person zu haben, die über die Bühne wirbelte. Ungläubig blinzelte er hinunter, während er jede einzelne Bewegung des Fremden beobachtete. Was tut er hier?
Der sanfte Gesang des Fremden drang an sein Ohr. Beinahe wie verzaubert wandte sich Claudio ab, schleppte seinen schwarzen Mantel hinter sich her und eilte die schmalen Stufen hinunter. ,,Herr! Wohin wollt Ihr? Herr?!" hörte er die ungeduldige Stimme seines Aufpassers hinter sich rufen.
Chaussee nahm sofort die Verfolgung auf und klagte über die Launen seines Schützlings, der inzwischen bereits die lange Treppe hinter sich gelassen hatte und auf die Bühne zutrat.
Claudios Blick verfolgte den Jungen, der auf der Bühne stand und tanzte, während sein sanfter Gesang durch die Luft schwebte. Er war schlecht gekleidet – über den einfachen, schwarzen Kleidern trug er lediglich einen dunklen Umhang, der an manchen Stellen bereits geflickt worden oder zerschlissen war. Eine kirschrote Lockenpracht fiel ihm über den schlanken Rücken. Offensichtlich schien ihn der Fremde noch nicht bemerkt zu haben, denn er setzte sein faszinierendes Schauspiel weiter vor. Völlig gebannt betrachtete Claudio den Jungen – es war, als würde er eins werden mit dem Zauber dieses alten Opernhauses. So schnell wie er tanzte, war es ihm jedoch unmöglich, das Gesicht des Fremden genauer erkennen zu können, dass von den roten Locken umrahmt war. ,,Herr. .was geht hier vor?" hörte er plötzlich die ungeduldige, schreckliche Stimme des alten Mannes fragen, der ihm gefolgt war. Wie auf ein Kommando hielt der fremde Junge inne, blieb wie angewurzelt stehen und blickte mit großen, ängstlichen Augen auf seine beiden ungebetenen Zuschauer. Er hatte das Gesicht einer Porzellanpuppe – blasse, feine Haut, große, schwarze Mandelaugen und ein kleiner, sinnlicher Mund. Trotz den Lumpen, die er trug, sah er wunderschön aus.
,,Ein elender Straßenjunge!" stieß Chaussee wütend hervor und trat auf den Jungen zu, der sofort ängstlich nach hinten wich und selbst noch nicht fassen konnte, was ihm so eben widerfahren war. ,,Du elender, gottverfluchter Hurensohn! Du wagst es, deine dreckigen Füße.."
,,Ruhe! Sofort!" fiel Claudio ihm ins Wort, als der alte Mann den Jungen schlagen wollte. ,,Ein Straßenkind! Ein Bettlerjunge! Wie kannst du es wagen, hierher zu kommen?" Zorn funkelte in den Augen des alten Mannes und der Junge blickte sich verzweifelt nach einem Ausweg um. Claudio war schon einmal Zeuge geworden, wie er zwei Straßenkinder verprügeln hatte lassen, die es wagten, Claudios Mutter um eine Münze zu bitten. Er hegte einen sonderbaren Hass gegen die Straßenmenschen und Bettler, die barfuss und in Lumpen gekleidet ihr Leben in Elend fristen mussten.
,,Ich werde dir Manieren beibringen..." Chausse´erhob drohend seine große Hand und der Junge wich erschrocken zurück.
,,Ich verbiete es! Aufhören! Sofort!" zischte Claudio; wie feuchtes Holz, dass man ins Feuer geworfen hatte. Der alte Mann warf seinem Herrn einen verwirrten Blick zu, wagte es jedoch nicht, zu widersprechen. Der Junge trat noch einen Schritt zurück, stolperte über seine eigenen Füße und landete unsanft auf dem kalten Boden des Opernhauses. Die kirschroten Locken waren ihm über das schmale Gesicht gefallen, dass trotz des Schmutzes auf seinen Wangen aussah wie von einem herrlich begabten Künstler gemalt. ,,Lasst mich allein." Befahl Claudio.
,,Herr...Ihr solltet diesen Abschaum ertränken lassen!"
,,Lasst mich allein!" erwiderte Claudio gereizt, woraufhin der alte Mann gehorsam das Opernhaus verließ. Erst nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, trat Claudio langsam auf den Jungen zu, der jetzt zwar nicht mehr zitterte aber dennoch leicht verängstigt aussah. ,,Du brauchst keine Angst zu haben." Versprach Claudio und nahm seine schwarze Kappe vom Kopf. Er betrachtete seinen Gegenüber, der noch immer am Boden saß und zu ihm aufsah, jetzt jedoch mit einem beinahe herausforderndem Funkeln in den dunklen Augen, die kritisch unter langen, geschwungenen Wimpern hervorblickten. Der Junge schien in seinem Alter zu sein; schmutzig, zerlumpt und mager – wie alle Menschen, die auf der Straße lebten. Seine Hand- und Fußgelenke waren dünn und zierlich wie die einer Frau, seine Schultern schmal und das Gesicht leicht eingefallen, jedoch ungemein ästhetisch und zart. Die hohen Wangenknochen zeichneten sich unter der bleichen Haut ab und verliehen ihm – trotz all seinem Schmutz – ein sinnliches Aussehen.
,,Willst Du mich ertränken lassen?" fragte der Fremde.
Claudio schüttelte den Kopf; hörte den fremden Akzent in seiner Stimme und vermutete sofort, dass er unmöglich aus Paris kommen konnte.
,,Wie gesagt – ich habe nicht vor, dir etwas anzutun. Das hier ist mein Opernhaus und...wenn dir danach ist, hier zu singen...dann kannst du das auch tun.." erklärte Claudio, bemerkte jedoch gleich im nächsten Augenblick, dass er einen großen Fehler begangen hatte, da der Junge ihn nun völlig verständnislos und eigenartig ansah.
,,Das.. das Opernhaus...es gehört ..dir?"
,,Ja."
,,Dann muß ich mich wohl bei Euch entschuldigen, Herr. Bitte verzeiht, dass ich hier eingedrungen bin und Euer Eigentum beschmutzt habe. Ihr seid sehr gnädig mit mir." Bedankte er sich übertrieben höflich und neigte kurz den Kopf. Claudio war es unangenehm, wie ein Adeliger behandelt zu werden. Nicht ich bin es, vordem er Angst hat. .er fürchtet meine teueren Kleider, die Ringe an meinen Fingern...
,,Es tut mir leid, entschuldigt bitte vielmals, Herr." Offensichtlich schien dieser Junge schon sehr lange auf der Straße zu leben, da er genau wusste, wie man sich möglichen Ärger ersparen konnte, der einem zusätzlich nur das Leben schwer machte, das auch so bereits anstrengend genug war. ,,Du kannst ruhig aufstehen und mich ansehen, wenn Du mit mir sprichst. Du musst nicht tun, als sei ich Gott." Erwiderte Claudio verblüfft, woraufhin der Junge sich sofort erhob und ihn beinahe herausfordernd anblickte.
,,Das heißt also..." begann der Junge mit leichtem Akzent. ,,Du wirst mich nicht verprügeln lassen?" Claudio schüttelte den Kopf. ,,Warum sollte ich das tun? Weil Du hier gesungen hast? Schließlich ist das hier doch ein Opernhaus!"
Der fremde Junge schien sehr überrascht zu sein, denn er fand erst nicht die richtigen Worte, fasste sich jedoch erstaunlich schnell wieder. Er strich sich eine kirschrote Haarsträhne aus dem etwas schmutzigem Gesicht, wobei Claudio den verdreckten, zusammengeflickten Verband an seiner schlanken Hand bemerkte, der schon sehr alt zu sein schien. Blut war bereits zu sehen. Immer noch befangen von der kleinen Bettlergestalt, die trotz all seinem Schmutz so edel, so wunderschön und bezaubernd aussah, sagte Claudio mit einem höflichen Lächeln – das er von seiner Mutter erlernt hatte und aufsetzte, wenn er Gäste begrüßen -:,, Bist du etwa verletzt?" und blickte dabei auf den Verband. Der Junge trat einen Schritt zurück und drückte seine eingebundene Hand an seine Brust, als wolle er sie vor Claudio verstecken. ,,Nein!. .Nein.. ich.." versuchte er abzustreiten, doch Claudio machte ein besorgtes Gesicht, was den Fremden offensichtlich noch mehr verwunderte, da er erstaunt blinzelte. ,,Die Wunde könnte entzünden.." warnte Claudio ihn.
,,Seid Ihr ein Arzt?" war die Gegenfrage.
Claudio schüttelte leicht den Kopf und lächelte. ,,Nein, das nicht...Aber ich kenne mich etwas aus, was das Verarzten von Wunden angeht, weißt du." Gab er zur Antwort und war überrascht, den besonnenen Klang seiner Stimme zu hören.
,,Jemand wie Ihr verarzt doch wohl nicht seine Wunden selbst!" bedachte der Junge kritisch.
,,Nein, das nicht. Aber ich habe viel von meinem Arzt gelernt. Und...dieser hat mir gesagt, dass man sehr vorsichtig sein soll, wenn man verwundet ist. Eine Verletzung kann sehr gefährlich werden, wenn sie erst einmal entzündet ist. Du könntest deine ganze Hand verlieren." Der Junge schien es aufgegeben zu haben, sich zu verbergen. Sein Misstrauen sollte jedoch erst einige Zeit später ganz verfliegen.
**
Claudio beobachtete seinen heimlichen Gast stets aus dem Augenwinkel, während dieser mit forschendem Blick langsam durch sein Zimmer schritt. Ungläubig starrte er auf die bemalte Zimmerdecke und die beiden reich verzierten Säulen, die sie stützte, die Möbel aus edlem, dunklen Holz und den großen, mit gold und bronze eingerahmten Spiegel, der an der Wand lehnte. Sein Blick heftete sich sofort an das Klavier, welches in der Zimmerecke stand und schon seit Monaten nicht mehr benutzt worden war. Mit seinen schmutzigen Kleidern und nackten Füßen schien er so ganz und gar nicht in dieses herrliche Bild zu passen. ,,Das ist ja.. unglaublich..." flüsterte er leise in sich hinein.
,,Komm´ her, ich nehme dir erst einmal den Verband ab." Erklärte Claudio entschlossen, nachdem er seine schwarze Kappe abgelegt hatte und auf den Jungen zuschritt. Der Stoff, den er sich um die Verletzung gewickelt hatte, war bereits von Blut durchtränkt, welches bereits wieder vertrocknet war. Die Wunde war nicht sonderlich groß – offensichtlich stammte sie von einer sehr scharfen Klinge. Claudio jedoch war höflich genug, um nicht nachzufragen. Als er dem Fremden so nahe war, drang ein eigenartig sanfter ,beinahe verführerischer Duft in seine Nase. Der Duft von nächtlichem Regen. ,,Das sollten wir erst einmal waschen.." erklärte er, nachdem er den Verband entfernt hatte.
,,Am besten, ich lasse Dir erst einmal etwas zu Essen bringen, ja? Du musst bestimmt hungrig sein." Vermutete Claudio mit einem höflichem Lächeln. Der Junge erschrak so sehr, dass er weit die Augen aufriss und hastig den Kopf schüttelte. ,,Oh my ...Nein.. Das kann ich doch nicht annehmen! Ich habe nichts, womit ich dafür bezahlen könnte!" bestritt der Fremde.
,,Das brauchst du auch nicht. Du mußt mich nicht dafür bezahlen." War die ruhige Antwort. Während er mit einem feuchten Tuch die Haut des anderen um die Wunde herum etwas säuberte, fragte Claudio leise: ,,Englisch. .du hast englisch gesprochen, nicht?"
Etwas verlegen nickte der junge Mann, wobei ihm eine Strähne seiner Lockenpracht über das linke Auge fiel. ,,Mein Französisch ist nicht sonderlich gut.." gestand er etwas verlegen.
,, Dann lass´ uns doch auf Englisch weiterreden!...Wenn dir das recht ist." Schlug Claudio in beinahe perfekter englischer Sprache vor. Er wußte, er war gut darin. Der Französische Akzent war kaum zu hören, verlieh seinen Worten allerdings etwas sanftes, weiches und liebevolles. ,,Ja doch! Sehr gern!" freute sich der Fremde, wobei er völlig unbeholfen klang.
,,Das heißt also, du kommst nicht aus Paris.." vermutete Claudio und befeuchtete das Tuch noch einmal, mit dem er die blutverkrustete Wunde säuberte.
,,Nein. Ich bin London geboren und kam mit dem Schiff hierher." Claudio blickte den Jungen kurz etwas verwirrt an, sprach seine Gedanken jedoch nicht aus, da dieser bereits ein amüsiertes Lächeln andeutete.
,,Ihr fragt Euch wohl, wie ein armer Schlucker wie ich das Ticket bezahlen konnte, nicht?!" lachte der Fremde. Er war schön, wenn er lächelte. Schön wie eine Frau.
,,Nun.. ehrlich gesagt. .schon.." gestand Claudio.
,,Jemand wie ich bezahlt nicht. Ich habe mich nachts an Bord geschlichen und zwischen den Weinfässern versteckt..." erzählte er und beobachtete Claudios Handgriffe, ohne sie wirklich wahrzunehmen.
,,Und warum hast du London verlassen?"
,,Das. .weiß ich auch nicht so genau. .Ich dachte mir, Paris sei eine schöne Stadt ..und eine der wenigen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Ich hörte einmal jemanden sagen, dass man nicht sterben sollte, ohne Paris zu sehen.. so.. und nun bin ich also hier, in der Stadt der Liebe und habe das große Glück, mich von einem Adeligen verarzten zu lassen. .einem. .sehr, sehr.. freundlichen.." fügte er noch hinzu.
,,Du scheinst ja viel herum zu kommen.."
,,Ihr werdet es nicht glauben, aber als Straßenjunge sieht man vielleicht
mehr von der Welt als jeder Aristokrat es je vermag.. Ich muß ganz ehrlich
sagen, dass ich von der Neuen Welt sehr enttäuscht war."
Es durchfuhr Claudio wie ein Blitz. Ungläubig blinzelte er dem Jungen entgegen.
,,Amerika?.. Du warst tatsächlich in Amerika?"
Claudio hatte dem Jungen geraten, sich hinter der Zimmertür zu verstecken, während er nach den zwei Zimmermädchen rief und etwas zu Essen sowie Handtücher und den Badezuber auf sein Zimmer bringen ließ. Die beiden jungen Mädchen waren offensichtlich etwas verwirrt über Claudios plötzlichen Entschluss, baden und so viel auf einmal Essen zu wollen, da er normalerweise höchstens zweimal am Tag eine spärliche Mahlzeit zu sich nahm. Sie gingen jedoch höflich – nicht, ohne einen scheuen Knicks vor ihrem schönen Herrn zu machen – wieder aus dem Zimmer, nachdem sie sich nach weiteren Wünschen erkundigt hatten. Die Tür fiel ins Schloss und Claudio schob den Riegel vor und bot dem fremden Jungen den Stuhl an, um sich an den Tisch zu setzen. Dieser war überwältigt von Claudios Großzügigkeit und schien sich erst gar nicht zu trauen, das Essen anzurühren. Innerhalb weniger Augenblicke hatte er jedoch bereits den Kampf gegen den Hunger verloren und begann zu essen. Claudio hatte ihm einen großen Teller heißer Suppe und eine Schale voll mit Gebäck bringen lassen, welches der Junge hastig hinunterschlang.
Als dieser Claudios sanft lächelnde Blicke bemerkte, entschuldigte er sich höflich. ,,Tut mir leid...ich esse wohl etwas zu schnell..."
Claudio schüttelte nur den Kopf. ,,Sag ´ruhig, wenn Du Nachschlag möchtest. Wir haben mehr als genug." War seine freundliche Antwort.
,,Sag´ mal...wie heißt du. .eigentlich?.." begann der Fremde. ,,Ich war so unhöflich, nicht nach deinem Namen zu fragen.. aber solche Förmlichkeiten bin ich auf der Straße nicht gewohnt." entschuldigte er sich mit einem etwas bitterem Lächeln.
,,Claudio." Antwortete dieser. Seinen langen Nachnahmen wollte er nicht erwähnen, da er es nicht mochte, sich mit seinem Adelstitel vorstellen zu müssen.
,,Claudio. .das klingt italienisch. Ein Italiener in einem französischem Adelshaus?" wollte der Fremde wissen, nachdem er seinen leeren Teller von sich geschoben hatte und das restliche Gebäck an sich heran zog, um es zu essen.
,,Die Vorfahren meiner Großmutter waren Italiener. Meine Mutter hatte beschlossen, einem ihrer Kinder wenigstens einen italienischen Vornamen zu geben, um die Tradition aufrecht zu erhalten."
,,Warum hat sie ihn ausgerechnet dir gegeben?" fragte der Junge und bemühte sich, nicht mit vollem Mund zu sprechen. Claudio spürte, wie sich seine Lippen zu einem Lächeln verzogen, als er in das weiße Porzellangesicht seines Gastes sah, das von kirchroten Locken umrahmt war wie von einem Schleier.
,,Das weiß ich auch nicht so genau.." gestand Claudio beinahe etwas verträumt. ,,Aber warum reden wir über mich? Wie heißt du? Und woher kommst du?"
Der Junge schluckte den letzten Bissen hinunter und warf Claudio einen dankbaren Blick zu, jedoch ohne noch einmal einen dieser Höflichkeitsfloskel von sich zu geben, die Claudio ansonsten so gewohnt war und erklärte, ohne es auffallend zu bedauern: ,,Ich weiß es nicht. Ich bin ein Straßenkind und meine Mutter arbeitete als Hure in einem Bordell. Ich lebte dort, bis ich 5 Jahre alt war und sie mich vor die Tür setzten. An meinen Namen kann ich mich gar nicht mehr so recht erinnern...Hin und wieder, wenn ich die Augen zumache.. oder kurz davor bin, irgendwo unter freiem Himmel einzuschlafen ..dann erinnere ich mich daran, wie meine Mutter diesen Namen ausgesprochen hat. Aber.. wenn ich dann aufwache. .habe ich ihn wieder vergessen."
Offensichtlich schien der Junge Claudio seinen Schrecken anzusehen, denn er lächelte und sagte dabei: ,,Das muß dich nicht schockieren."
,,Du bist in einem Bordell aufgewachsen? .Aber.. wie kam das?" fragte er betroffen. Er hatte sich bereits mehrere Male die Frage gestellt, wie ein so freundlicher und hübscher Junge auf der Straße gelandet war.
,,Meine Mutter war, soviel ich weiß, von ihren Eltern verstoßen worden. Sie hatte kein Geld. Alle Frauen in London, die kein Geld haben aber irgendwie überleben müssen, verkaufen sich an Freier. Mein Vater war wohl einer dieser Freier. .Ich habe ihn nie kennen gelernt." Erzählte der Junge.
Claudio stützte den Kopf auf die Hand. ,,Wolltest du ihn nie kennen lernen?"
,,Wenn du die Männer gesehen hättest, die täglich total besoffen in das Zimmer meiner Mutter gestolpert kamen und mit dem Gedanken aufgewachsen wärst, einer von ihnen wäre dein Vater...Außerdem hat das Leben auf der Straße durchaus Vorteile, weißt du. Ich konnte mir die Welt ansehen."
,,Oh ja...das würde ich auch so. .so gerne ..einmal machen.." schwärmte Claudio und dachte an die Geschichten, die ihm sein Lehrer oft erzählt hatte, als er noch jünger war.
,,Ein alter Schiffskapitän hat mich in sein Herz geschlossen und mich mit seinem Dampfer über den Atlantik genommen. .Damals war alles aufregend und wunderschön, selbst für einen armen Jungen wie mich, der sich sein Essen stehlen oder erbetteln mußte und nicht eine Münze in der Tasche hatte."
,,Erzähl! Was hast du gesehen? Was hast du alles gesehen? Die Menschen.. die Häuser ..die Musik.." Claudio überschüttete seinen Gast förmlich mit Fragen und ein neugieriges Leuchten sprach aus seinen schwarzen Augen. Er konnte seine Begeisterung nicht länger zügeln, verspürte aber gleichzeitig auch Mitleid für diesen armen Jungen. Er war froh, ihn in seinem Opernhaus aufgelesen zu haben. Er war froh, dass er hier war. Ja, tatsächlich.
,,Ich sah die schwarzen Sklaven in New Orleans.. Wie sie auf ihren riesigen Baumwollplantagen gearbeitet haben. Eine Stadt voller düsterer Ecken und Straßen, die ganz und gar in Dunkelheit und Armut getaucht ist. Die Schwarzen tragen Kleidung wie die Amerikaner und Franzosen, aber nachts legen sie sich ihren Heidenschmuck an und tanzen um riesige Feuer auf den Feldern und singen. .spielen auf Trommeln..."
,,Wo warst du noch? Erzähl mir mehr!" forderte Claudio den anderen auf, bemerkte jedoch, dass es wohl höflicher sei, den Jungen erst einmal baden zu lassen, bevor er ihn mit seinen überschüttete, die ihm auf der Zunge lagen. Er hatte sich so viel vorgenommen, wollte so vieles sagen, so vieles fragen...Eine tiefe Zuneigung für diesen Straßenjungen hatte ihn erfaßt und er sah, wie seine eigene Hand sich dem sinnlich-blassem Gesicht des anderen entgegen streckte und ihm eine kirschrote Locke aus der Stirn strich.
,,Vielleicht solltest du dich baden, so lange das Wasser noch heiß ist." Schlug Claudio vor, zog seine Hand rasch zurück und erhob sich vom Tisch, um sich anständigerweise etwas abzuwenden, während er Fremde begann, seinen Umhang abzulegen.
Er versuchte, währenddessen aus dem Fenster zu blicken, jedoch gelang es ihm nicht, dabei auf andere Gedanken zu kommen. Claudio war neugierig geworden. Neugierig auf diesen schönen, blassen Straßenjungen. Neugierig vor allem darauf, wie er unter seiner schmutzigen Lumpenkleidung aussah.
Dieser schien erst etwas zu zögern, löste aber schließlich die alte Spange über dem Hemd und zog es sich über den Kopf. Claudio sah aus dem Augenwinkel, wie die roten Locken über seinen schmalen, weißen Rücken hinabfielen und spürte einen Kloß in seinem Hals, weswegen er sich leise räusperte. ,,Ist etwas nicht in Ordnung? Soll ich vielleicht...soll ich vielleicht nicht doch lieber.. gehen?" fragte der Junge unsicher.
Claudio schüttelte den Kopf. ,,Nein, nein, nicht doch! Lass ´dir ruhig Zeit. .es stört mich nicht."
Offensichtlich schien man auf der Straße so etwas wie Schamgefühl nicht zu kennen. Der Junge öffnete seine Hose und ließ sie an seinen schlanken, zierlichen Beinen hinabgleiten, als wäre Claudio seine Mutter oder Amme, vor der er sich ausziehen mußte, ohne sich dabei zu genieren. Dieser warf ihm einen kurzen, eindringlichen Blick zu. Weiße Haut. Dunkelrote Locken. Sein Körper sah weich und biegsam aus, er hatte zarte, angedeutete Rundungen und schien schlank und geschmeidig zu sein. Claudio spürte, wie er errötete. Was tue ich? Ich beobachte einen Jungen im Bad! Sagte er sich selbst und spürte, wie seine Wangen zu glühen begannen.
,,Du mußt dich nicht von mir wegdrehen, Claudio." Diesen durchfuhr ein angenehmer Schauer, als er den anderen seinen Namen aussprechen hörte.
,,Ich dachte nur ..ich ..es tut mir leid ..Ich weiß nicht.."
Der Junge lachte. ,,Du magst mich unverschämt nennen, aber... warum sprechen wir nicht hier ..weiter?" fragte er und blickte auf das Wasser, in welches sein blasser, zierlicher Körper geglitten war.
,,Was meinst du?"
,,Willst du nicht auch ein Bad nehmen? Wir könnten es doch zusammen tun, oder nicht?"
Claudio spürte erneut einen Kloß in seinem Hals, als die Hand des Jungen sich nach ihm ausstreckte und seine Wange berührte. Beinahe wie hypnotisiert legte er seine Lippen auf die schlanken Finger und küsste sie zärtlich.
,,Du bist so....wunderschön..."flüsterte Claudio leise, während seine Lippen auf der feinen, weißen Haut jener Hand lagen, die sich ihm entgegen streckte.
Er spürte, wie in ein wildes Verlangen überkam, stärker als alles andere, was er bis jetzt empfunden hatte. Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Herzschlag beschleunigte sich, während er die langen, schlanken Finger des Jungen so vorsichtig küsste, als würde die Berührung seiner Lippen sie zerbrechen können.
Nun streckte sich ihm auch die zweite Hand entgegen, umfasste sein schönes, sinnliches Gesicht. Claudio blickte direkt in ein schwarzes Augenpaar, welches von langen, geschwungenen Wimpern überschattet wurde und gerade zu verführerisch unter den feuchten, kirschroten Locken hervorleuchtete.
Claudio spürte die weichen Lippen des anderen auf seinen eigenen, befühlte die fremde Zunge in seinem Mund mit der seinen und seufzte leise, nachdem sie voneinander abließen. Ein Kuss war etwas herrliches. Noch nie hatte er bis jetzt jemanden geküsst, ja – nicht einmal seine eigene Mutter. Doch diesen Jungen so sanft, so zurückhaltend zu küssen, zu spüren, wie sich seine Lippen unter seiner Berührung langsam öffneten wie eine Blüte...Ein heißer Schauer durchlief all seine Glieder.
Er hatte ihm etwas von seinen Kleidern gegeben – ein sehr schlichtes, dunkles Gewand mit hohem Kragen und karmesinroter Stickerei, welches sehr wertvoll und ein Geschenk seines Onkels war, der in Indien lebte und Claudios Familie regelmäßig indische Gewürze, Seide, Vasen und andere wertvolle Dinge schickte. Claudio hatte das Badewasser und die schmutzigen Klamotten des Jungen an seine Dienstmädchen weitergegeben, ohne etwas dazu zu sagen und beobachtete ihn, wie er seinen schlanken, zierlichen Körper langsam mit dem schwarzen Gewand bedeckte. Die roten Locken fielen köstlich auf seine nackten Schultern herab und Claudio biss sich auf die Unterlippe, um das Verlangen zu unterdrücken, den Jungen zu küssen, nur um noch einmal diese weichen, feuchten Lippen auf seinem Mund zu spüren.
,,Du hast einen sehr schönen Ausblick von hier aus..." fand er, während er vor dem Fenster stand und in den großen Felsengarten hinaus blickte, dessen Rosen täglich von drei Gärtnern gleichzeitig verpflegt wurde.
,,Ja. Das finde ich auch..." antwortete Claudio langsam.
,,Als ich klein war, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als in einem Garten spielen zu können, weißt du.. Ich träumte jede Nacht davon, zusammen mit meiner Mutter in einem kleinen Haus zu leben, vor dem ein großer Garten lag mit den verschiedensten Blumen.. Rosen, Orchideen, Chrysanthemen ..ich wollte sie alle haben.."
Claudio spürte, wie sehr er den Jungen bedauerte, doch er versuchte, möglichst nichts davon zeigen zu müssen. ,,Hast du jemals wieder von deiner Mutter gehört?"
,,Nein, nicht mehr, seit sie mich in den Straßen Londons ausgesetzt hat. Aber ich denke nicht, dass sie sich sonderlich verändert hat. .Diese Schweine müssen Unmengen dafür bezahlt haben, sie Nacht für Nacht vergewaltigen zu dürfen.. immer und immer wieder ..es schien nie aufzuhören. Das ganze Haus war rot. Die Wände hatte man mit roter Seide bespannt, die Lampen leuchteten in einem finsteren Rot, der Rotwein in den billigen Kristallgläsern. .selbst die Blumen in den Haaren der Prostituierten hatten diese schreckliche, rote Farbe. Es roch. .nach Duftwasser. .und Kerzenrauch.. Tabak und Alkohol ..Meine Mutter war die schönste von allen. Sie war so zierlich und unschuldig wie ein junges Mädchen, das man in zu große Kleider gesteckt hatte, in denen sie ihre weißen Oberschenkel mit den schwarzen Strümpfen zur Schau stellte.." Der Junge hielt kurz inne, woraufhin Claudio ihm stumm mitteilte, er solle weitererzählen, falls dies sein Wunsch sei .Daraufhin fuhr er fort:
,,Die meisten Männer kamen abends zu ihr. Meist schickte sie mich daraufhin in ein kleines Zimmer mit einem geblümten Bett, indem ich mich schlafen legen konnte. Sie zündete mir immer zwei, drei schwarze Kerzen an, damit ich in der Dunkelheit keine Angst haben mußte. Viele der Freier, die sie bezahlten, waren widerliche, dreckige Schweine, denen es Spaß machte, sie zu verletzen ..zu schlagen, bis sie blutete.."
Claudio sah, dass eine silbrige Träne in den Augen des anderen schimmerte und er berührte vorsichtig seine Wange mit den Fingerspitzen, um ihn sanft zu streicheln. ,,Es tut mir leid, falls ich diese Erinnerungen wieder in die wachgerufen habe.. ich wollte dich nicht damit quälen ..oder aufdringlich sein. Bitte entschuldige."
Der Junge schüttelte nur den Kopf, wehrte sich jedoch nicht gegen Claudios sanfte Berührung. ,,Das ist in Ordnung." War die leise Antwort. Er schloss langsam seine Augen und genoss das sanfte Streicheln von Claudios Fingern, der nun auch seine rote Lockenmähne berührte. ,,Chérie´..." murmelte er dann leise.
Der Junge zuckte leicht zusammen, neigte den Kopf etwas zur Seite und seufzte leise, als Claudio näher an ihn heran trat und langsam mit beiden Händen zärtlich sein Gesicht streichelte. Claudio berührte ihn so vorsichtig und behutsam, als wäre der Junge aus Glas. Er spürte förmlich, wie sehr der andere sich nach diesen Berührungen verzehrte, wie sehr sein Körper nach Liebe, Zuneigung und Geborgenheit hungerte.
Claudio zeichnete mit seiner Fingerspitze die Kontur seiner Augen nach, berührte seine langen, geschwungenen, schwarzen Wimpern und die feuchten Lippen. .Er spürte, wie Erregung in ihm aufstieg, als er erneut das leise Seufzen des Jungen vernahm.
Leise, aber ohne mit seinen Berührungen aufzuhören, fragte Claudio einfühlsam:
,,Willst du, dass ich aufhöre?"
Der Junge verneinte dies mit einem Kopfschütteln, küsste Claudios Fingerspitzen und seine Handflächen, ehe er flüsterte: ,,Nein...nein. .berühre mich. .berühre mich.."
Claudio schloss seine Augen, als der Junge in beinahe gierig küsste und an seiner Unterlippe saugte, als wolle er verhindern, dass Claudio sich von ihm abwandte.
,,Du bist so wunderschön...als ich dich tanzen sah...war ich wie verzaubert. .als hättest du mich verzaubert, Chérie ´..." gestand Claudio, nachdem ihre Lippen voneinander abgelassen hatten und er spürte, wie sein Atem heftiger wurde. Die Schwere zwischen seinen Beinen brachte ihn beinahe um den Verstand. Er schlang seine Arme um die schmalen Hüften des Jungen und küsste seinen weißen, schlanken Hals, seinen blassen Schulteransatz; gierig wie ein Ertrinkender. Er wollte nichts mehr als diesen Jungen – wollte noch einmal seine vertraute Stimme seufzen hören, seine Haut unter seinen Händen spüren...
Claudio versuchte, sich zurückzuhalten, doch allein die Gegenwart des anderen ließ seinen Körper vor Begierde erzittern. Er wollte ihn.
,,Was ist...wenn jemand herein kommt?.." fragte der Junge unsicher, was Claudio jedoch mit einem Kopfschütteln als Unsinn abtat. Noch nie zuvor hatte er jemand anderen geliebt, mit jemanden geschlafen oder auch nur den Wunsch verspürt, dies zu tun. Doch nun hungerte er nach dem zierlichen Körper des jungen Mannes. Dieser öffnete mit schnellen Bewegungen Claudios dunkles Gewand, entblößte die etwas blasse, seidig glatte Haut darunter und begann, seine Brust zu küssen, wobei die kirschroten Locken seinen Körper wie ein sanfter Schleier streichelte. Über Claudios Lippen kam ein leises Seufzen, ein unterdrücktes Stöhnen, als er den zarten, nur noch halbbekleideten Körper des anderen unter sich spürte.
,,Weißt du, was wir tun...?" flüsterte er leise in das Ohr des Jungen.
,,Ja...ja..."
Die Stimme des anderen brachte Claudio um den Verstand; ebenso sehr wie die entsetzliche Hitze zwischen seinen Beinen und seinem staubtrockenem Mund, der sich zärtlich auf die Lippen des anderen presste. Getrieben von dem Wunsch, voll und ganz mit diesem wunderschönen Körper eins zu werden, drückte er die Handgelenke des anderen mit stürmischer Zärtlichkeit auf den Boden. Hitze durchströmte seinen Körper, ehe er diese entsetzliche Enge spürte, die ihn halb um den Verstand brachte. Der Junge unter ihm erzitterte, als würde er entsetzlich frieren, jammerte leise und beglückt vor sich hin, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen und stieß seine Fingernägel in Claudios Rücken. Schritte erklangen vor der Zimmertür und Claudio blickte überrascht, jedoch wenig ängstlich auf, woraufhin der Junge ihn enger an sich, tiefer in sich presste und leise nach ihm verlangte. Claudio vernahm seine eigene Stimme, als würde sie nicht ihm gehören und biss sich vorsichtig auf die Unterlippe, nachdem die Umklammerung dieser geschmeidigen Glieder um seinen Körper leichter geworden war. Er blickte in die dunklen Augen unter sich und sah ein beinahe entzücktes, sanftes Lächeln. Nach wenigen Minuten fuhr sich der Fremde durch die kirschrote Lockenpracht und blieb, nackt wie er war, auf dem Teppich kauern, um Claudio dabei zu beobachten, wie er langsam sein dunkles Gewand wieder anlegte und wie sehr seine Hände dabei zitterten. Ja, sie zitterten tatsächlich!
,,Du bist so schön wie eine Madonna..." hörte Claudio den Jungen leise sagen und seine Stimme klang so sanft und leise wie die eines Engels.
Der junge Mann legte sich sein dunkles Gewand um die Schulter und streifte sich eine dieser ungebändigten, roten Locken aus dem Gesicht. Er beobachtete Claudio weiterhin, als dieser sich ankleidete. Dieser spürte diese fremden, schwarzen Augen auf sich ruhen, die ihn beinahe verschlangen. Noch nie hatte jemand seinen nackten Körper so eingehend betrachtet, nicht einmal seine Mutter hatte ihn häufig unbekleidet gesehen. ,,Du bist sehr neugierig.. weißt du das?" neckte Claudio ihn.
,,So? Findest du? ..Tut mir leid, falls ich zu aufdringlich bin, aber. .würde es dir etwas ausmachen, wenn ich auf deinem Klavier spiele? ..Nur ganz kurz.." bat der Junge und Claudio nickte sanft lächelnd.
,,Du magst Musik....nicht wahr?" fragte er daraufhin und der Junge fuhr mit seinen schlanken Fingern über die weißen Tasten, um sich anschließend zu setzen und ein paar Töne erklingen zu lassen.
,,Ich liebe sie. Als ich klein war, sah ich eine herrliche italienische Oper in London. .Eine völlig weiße, maskierte venezianische Prinzessin wiegte sich sanft im Takt der Musik hin und her. .und die Geigen und Violinen.. du hättest sie hören sollen, Liebster.. Es war, als würden sie klagen.."
Claudio stützte den Kopf auf seine Hand und beobachtete den Jungen, der plötzlich auf dem Klavier zu spielen begann. Eine traurige, sanfte Melodie erfüllte die Luft.
,,Oh.. wo hast du spielen gelernt?" erkundigte er sich etwas verblüfft, als er hörte, wie meisterhaft die Finger des Fremden über die Tasten flogen.
,,Meine. .Mutter hat mich an den Flügel gesetzt, als ich gerade erst gelernt hatte, zu laufen. Ich bin damit großgeworden." Erzählte er daraufhin, ohne jedoch sein Stück zu unterbrechen. Claudio trat neben ihn und legte seine Hände auf die schmalen Schultern des anderen, durchfuhr mit seinen schlanken Fingern das rote Haar und flüsterte ihm ins Ohr, wie wundervoll er spiele.
,,Mein Liebster ist ein wahres Talent! Du könntest in einer Oper spielen!" fand Claudio fasziniert.
Der Junge lächelte sanft. ,,Glaubst du, einen Straßenjungen wie mich würden sie auch nur in die Nähe eines Opernhauses lassen? Bettler gehören nun einmal nicht in das schöne Bild einer Pariser Oper.."
,,Aber man tut dir unrecht! Ja doch, man tut dir so schrecklich unrecht!" fuhr Claudio empört auf und nahm das Gesicht des anderen in seine großen Hände. Oh, welch grausames Spiel sie doch miteinander spielten!
,,Hör ´schon auf, so zu reden, ja? Du mußt so etwas nicht sagen." Antwortete der Junge.
,,Nein! Ich will, dass du hier bleibst. .und wenn es sein muß, verstecke ich dich tagsüber hier in meinem Zimmer! Aber...ich kann unmöglich zulassen, dass du zurück auf die Straße gehst.. um verprügelt und bespuckt zu werden.. und letzten Endes vielleicht auf irgendein Schiff gehst und ich dich nie mehr wiedersehe! Oh....ich würde es einfach nicht ertragen!"
Die Finger des anderen hörten auf, über die Tasten zu gleiten und er blickte Claudio unter seiner kirschroten Lockenpracht an. ,,Ist das. .dein Ernst?.."
,,Glaubst Du ich würde Dich anlügen? Ich liebe dich...ich will, dass Du bei mir bleibst..."
,,Du weißt, dass das nicht geht, Liebster. Ich würde Deinen guten Ruf beschmutzen. Ich gehöre nicht. .in ein Zimmer wie dieses. .selbst in deinen vornehmen Kleider bin ich nicht mehr als ein dreckiger Straßenjunge."
,,Das ist nicht wahr!" protestierte Claudio und spürte, wie er den Tränen nahe war. Er wollte den Jungen umarmen, ihn an sich drücken und ihm seine Liebe gestehen, hundert Mal, Tausend Mal, wenn es sein mußte, doch er wollte ihn nicht mehr von sich lassen. Nie mehr wieder.
,,Ich liebe dich..." flüsterte er leise. Der Junge biss wütend die Zähne aufeinander und seine Hände drückten sich wütend auf die Tasten des Klaviers, wodurch ein wildes Durcheinander aus schräg klingenden, hässlichen Tönen entstand. In seinen Augen loderte nun ein schwarzes Feuer, welches selbst Claudio beeindruckte.
,,Hör ´auf!.. Hör´ auf, ich will es nicht hören! Ich mag ein elender Gossenkrüppel sein, aber das heißt noch lange nicht, dass ich die Hure eines reichen, französischen Bengels wie dir spiele!" Die Worte trafen Claudio wie spitze Pfeile. Er spürte, wie sich ein grausamer, stechender Schmerz in seiner Brust ausbreitete und er den Träne nahe war. Wieso nur verletzte sein Liebster ihn plötzlich so sehr? Hatte er es denn nicht auch schön gefunden, von ihm geliebt zu werden? Hatte er sich nicht an Claudios Körper geklammert wie ein Ertrinkender, hatte er ihn nicht geküßt, umarmt, gestreichelt wie ein Geliebter?
,,Was...warum...warum sagst du so etwas ..zu mir?" fragte Claudio leise und versuchte, seinen Schmerz zu unterdrücken, um klar denken zu können.
,,Warum ich es sage?! Du willst wissen, warum ich es sage?. .Die Antwort ist ganz einfach, edler Claudio: Weil ich es denke! Es gibt Dinge auf der Straße, die man lernt und die einem nicht gut bekommen – man lernt es, sein Essen zu stehlen, fremde Leute die Geldbörse aus den Taschen zu ziehen.. Doch es gibt auch Dinge, auf die ich stolz bin. Eines davon ist, dass ich stets die Wahrheit sage! Alles, was ich sage, denke ich auch, reicher Bengel! Hast Du tatsächlich geglaubt, mich mit einem Teller Suppe und einem Seidenmantel dazu überreden zu können, deine Hure zu spielen?!" schrie er wütend und funkelte Claudio dabei so zornig an, dass dieser spürte, wie Tränen in seine Augen stiegen.
,,Nicht doch. .das habe ich. .ich habe das nie beabsichtigt! Niemals, das mußt Du mir glauben!.. Ich dachte, es hätte. .es hätte.." stammelte er hilflos.
,,Was? Sag´ schon! Was hast du gedacht?"
,,Dass...es Dir auch gefallen hätte...ich meine, dass wir.. miteinander geschlafen haben!" preßte Claudio langsam und erschüttert hervor. Es war, als hätte man ihm eiskaltes Wasser ins Gesicht geschüttet. Ein grausamer Schmerz schien sich tief in sein Herz zu bohren, als der Junge ihn wütend anfunkelte.
,,Du glaubst gar nicht, was einem Straßenjungen wie mir nicht alles gefällt, wenn er sich hinterher waschen darf und etwas warmes zu Essen bekommen! Ein so reicher Bengel wie du hat keine Ahnung von der wirklichen Welt, weil er sie nie erlebt hat!" zischte er wütend.
,,Aber. .ich verstehe nicht, warum du. .so plötzlich..." stammelte Claudio hilflos. Er trat langsam auf den Jungen zu, doch dieser schenkte ihm einen abfälligen Blick und machte entschieden einen Schritt zurück. ,,Fass mich nicht an!.." Es folgte ein wütendes Gewirr aus Wörtern einer fremden Sprache, die Claudio nicht zuordnen konnte – es war nicht Englisch, dessen war er sich sicher.
,,Du hast gesagt, ich sollte Dich berühren? Du hast mich geküßt und mich fest gehalten. .Ich sah Tränen in Deinen Augen! Du kannst mich nicht belügen!.." Der Junge hielt sich die Ohren zu und trat erneut einige Schritte zurück.
,,Hör auf! Ich will es nicht hören!. .Lass mich zufrieden! Ich möchte nie wieder etwas davon hören. .Ich will Dir nie wieder unter die Augen treten müssen." Rief er wütend. Eine dicke Träne perlte von Claudios langen, dunklen Wimpern, als der Junge hastig zur noch verschlossenen Tür lief.
,,Nein!. .Nein! Ich bitte dich!. .Geh ´nicht.." flehte er traurig.
Doch die schlanke, zierliche Gestalt verschwand so eilig aus seinem Zimmer, dass er nur noch die Schritte langsam verhallen hörte. ,,Warte!. .So warte doch!.. Warum...warum gehst du..." Die letzten Worte flüsterte Claudio leise in sich hinein, als die Tür ins Schloss gefallen war. Sein Körper zitterte noch immer vor Kälte und Sehnsucht nach diesem jungen Mann, doch er fühlte mehr denn je, dass er vollkommen allein war. Er konnte noch die Spuren ihrer letzten gemeinsamen Nacht auf seinem Körper spüren, den Duft seiner roten Locken auf seiner Haut riechen....Der Regen perlte von den Fensterscheiben und der Vollmond war hinter schwarzen, grausam dunklen, dichten Wolken verschwunden...
*
Das schwere Tor der Kirche gab einen unheimlichen Ton von sich, als der Junge es vorsichtig öffnete. Der leicht modernde Geruch der alten, steinernen Mauern begrüßte ihn, als er mit langsamen, bedachten Schritten eintrat. Die schlanken, edlen Kerzen an den Wänden erleuchteten den Weg zwischen den dunklen Bänken hindurch zum Altar und flackerten unermüdlich und stumm vor sich hin. Er strich sich mit einer sanften Geste die rote Lockenmähne aus dem Gesicht und blickte ehrfürchtig um sich. Das Gotteshaus schien vollkommen verlassen zu sein, einzig und allein das schwere Licht der Kerzenflammen zeugten davon, dass es noch gelegentlich besucht wurde. Das beinahe etwas unheimliche Halbdunkel machte den Jungen etwas ängstlich. Er glaubte nicht an Gott; er glaubte nicht, dass diese blutige Gestalt mit der Dornenkrone, welche an einem Kreuz genagelt über dem reich verzierten Altar hing, auf ihn herabblicken würde. In all den Jahren auf der Straße er vergessen, was er bedeutet, an so etwas wie Gott zu glauben. Wie viele Jahre vergangen, ohne dass er je einen Fuß in eine Kirche gesetzt hatte? Oh, es war schon lange...lange. .lange Zeit her..
Er zog den dunklen Mantel enger an sich und schritt langsam durch den Durchgang, der zwischen den Bankreihen hindurch führte. Zwei Engelsstatuen hielten mit ehrfürchtig gesenkten Köpfen das Jesuskreuz, ein reich verzierter, goldener Kelch mit blutroten und smaragdgrünen Edelsteinen besetzt, stand auf dem Altar zwischen zwei uralt aussehende, silbernen Kerzenständern. Ein karmesinroter Teppich führte über die drei kleinen, schmalen Stufen zum Altar hinauf und der Junge blieb stehen. Keineswegs ehrfürchtig aber dennoch unsicher. Seine Mutter hatte ihm nie viel über Gott und Jesus erzählt. Während er die blutende Figur am Kreuz betrachtete, sich ihre halbgeöffneten, schmerzerfüllten Augen verinnerlichte und seinen Blick auf die Wunde an seiner Seite senkte, wurde ihm dies mehr als je zuvor bewußt. Er dachte so gut wie nie an Gott. Dies war das erste Mal seit Jahren, dass er ein Kreuz wie dieses betrachtet hatte...
Doch seine Mutter hatte ihm oft von der Heiligen Jungfrau erzählt. Hin und wieder hatte sie ihn an die Hand genommen und ihm die Statue in der winzigen Kapelle gegenüber dem Bordell gezeigt. Gelegentlich hatte sie auch ein paar übrige Münzen, um sie in den steinernen Behälter einzuwerfen und anschließend zwei winzig kleine Lichter anzuzünden.
Der Junge wandte sich nun der Marien-Statue zu, unter der ebenfalls ein kleiner Altar mit vielen, noch unbenutzten Lichtern errichtet worden war. Ihr Gesicht war schneeweiß und so edel wie das einer Königin. Um ihre dunkelroten Lippen spielte ein sanftes Lächeln und kupferrotes Haar fiel ihr in sanften Wellen bis auf die Hüften herab. Obwohl sie in dem grünen, schlichten Gewand und dem lila – farbenen Umhang keineswegs edel aussah, wirkte sie mit ihrem goldenen Heiligenschein und den sanft ausgebreiteten Armen wie ein Engel. Der Junge betrachtete die Figur eine ganze Weile, ehe er beschloß, ein Licht an diesem Altar anzuzünden, obwohl er keine Münze dabei hatte, um dafür zu bezahlen. Doch würde die heilige Jungfrau ihm nicht auch zuhören, wenn er ein armer Straßenjunge war? Seine Mutter hat stets gesagt, dass nicht nur sie sondern auch Maria seine Mutter sei. Sie sei die Mutter aller Menschen und eine heilige, weise und barmherzige Frau.
,,Wann immer Du glaubst, keinen Rat mehr zu wissen, dann suche nach der heiligen Maria." Hatte ihm seine Mutter einmal gesagt. Obwohl sie nichts weiter als eine billige Hure war, die sich täglich mehrmals vergewaltigen lassen und sämtliche Abarten über sich ergehen lassen mußte, glaubte sie fest an Maria. Schlicht und einfach deshalb, weil sie eine Frau war. Gott war ein Mann – was würde er von Schmerz, Liebe und Trauer verstehen?
Der Junge entzündete zwei der Kerzen und beobachtete eine Weile die winzig kleinen Flammen.
Schwarze Kerzen.... Seine blassen, schmalen Lippen verzog sich nun zu einem liebevollem Lächeln. Dann kniete er nieder und senkte das Haupt etwas, wie er es bei anderen Menschen früher gesehen hatte, die sich vor dem Altar niederließen.
,,Ich weiß nicht, ob es Dich gibt.. und ich weiß nicht, ob Du jemandem wie mir auch zuhören willst. Aber wenn Du die Mutter aller Menschen bist, die lieben...wenn Du auch meine Mutter bist, obwohl ich nicht mehr bin als der Sohn einer Prostituierten und ein dreckiger Straßenjunge...dann möchte ich dich um einen Rat bitten. Wenn du mich hörst.. dann sag´ mir, was ich tun soll.."
Eine silbrige, dicke Träne perlte von den dunklen, geschwungenen Wimpern des Jungen und tropfte über seine blasse Wange.
,,Ich muß den einzigen Menschen, den ich so sehr liebe ..den einzigen auf dieser Welt. .alleine lassen! Er ist ein Adeliger, der Sohn einer reichen, angesehenen Familie.. Würde ich bei ihm sein und er mich weiterhin lieben... würde er mit seiner Familie brechen.. Würde er einen Straßenjungen wie mich begehren, würde er verstoßen werden...Es ist besser für ihn, mich nie wieder zu sehen. .Aber...aber..."
Heiße Tränen rollten nun über seine Wangen hinunter bis zum Kinn und er unterdrückte es, in dieser eiskalten Stille der Kirche zu schluchzen.
,,Ich liebe ihn...Ich liebe ihn so sehr, Mutter. .Wenn es Dich wirklich gibt. .und wenn Du tatsächlich die Beschützerin aller Liebenden bist. .dann lass ihn mich vergessen!. .Lass ihn mich für immer und ewig vergessen.." flüsterte der Junge leise.
Das schwere, dunkle Tor der Kirche war wieder ins Schloss gefallen und noch immer flackerten die schwarzen Kerzen wie unermüdliche, eiserne Wächterinnen vor sich hin, um die Dunkelheit dieses heiligen Ortes zu bekämpfen.
Der Junge blickte nicht einmal zurück. Er mußte versuchen, das nächste Schiff nach London noch rechtzeitig zu erreichen.
~Ende des 1. Teils~