Blutsonne
Kapitel 1 – Schimmernde Klingen
Nur wenige Sonnenstrahlen beleuchteten den Übungsplatz. Das Licht war warm
und angenehm auf der heißen Haut, aber unangenehm, wenn es den drei
Kämpfenden
in die Augen fiel. Die drei Männer waren mit langen, blutrot schimmernden
Klingen bewaffnet, in der anderen Hand hielten sie glänzende Schwertbrecher.
Zwei von ihnen umkreisten den anderen. Schweißtropfen liefen dem dritten in
die
Augen. Angstschweiß. Er hatte den Männern nichts entgegen zu setzten. Sein
können in der Schwertkunst war bestenfalls zweitklassig, und die beiden
Männer
gehörten zu den besten und rücksichtlosersten Kämpfern des ganzen Landes.
Zwei Männer, die ihn nun töteten. Aber nicht mit einem oder zwei
gutgezielten Hieben, nein, wie eine geschmeidige Katze mit der hilflosen
Maus in ihren
Fängen spielte, so spielten die Männer mit ihm. Auf Hilfe konnte er nicht
hoffen, keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Niemand wollte
diesem
blutigen Schauspiel beiwohnen.
Sein Blick fiel auf die blitzenden Augen des einen.
Setah.
Goldene Katzenaugen, bedeckt von schwarzen, langen Wimpern, sahen ihn
spöttisch an. Das dunkelblonde Haar fiel bis zu den Schultern und wirbelte
bei
jeder Bewegung um den schmalen Hals. Setah war schlank und geschmeidig,
schmale
Hüften, um die sich eine enge Hose legte und lange Beine unter rauem Leder
versteckte.
Sein Blick wechselte und betrachtete den zweiten Mann, der Setah bis aufs
Haar glich.
Jula.
Sie waren Zwillinge. Geboren unter der Blutsonne. Einem Tag, an dem die
gleißende Sonne sich zu einem rauchigen rot verfärbte. Einem Ereignis, das
nur
alle hundert Jahre stattfand.
Kinder, die an diesem Tag geboren wurden, hatten ein hartes Los. Die meisten
starben schon in den ersten Minuten. Waren sie nicht zu schwach, so töteten
die Eltern ihr verfluchtes Kind.
Setah und Jula kamen stark und gesund auf die Welt, doch sie waren anders.
Blut und Tod, Krieg und Verderben. Verlangen nach Macht. In Setahs Augen
konnte er diese Dinge sehen. Jula hingegen zeigte nur Gleichgültigkeit.
„Das Spiel wird langweilig ... bringen wir es zu Ende.“ meinte er ruhig.
„Du langweilst dich schnell, Bruder.“ erwiderte Setah, ein jungenhaftes
Grinsen stahl sich auf seine Lippen. Seine Stimme war angenehm. Nicht hell
oder
dunkel. Nur ... wunderschön. So schön, wie der Rest seines Körpers. Setah
drehte den Schwertgriff in seinen Händen und betrachtete ihr Opfer. Das
Glitzern
seines Lachen vertiefte sich in den faszinierenden Katzenaugen. Der Mann in
ihrer Mitte, spannte sich wieder an, und wartet auf den Angriff. Schweiß
lief
ihm unter seiner Kleidung über die Haut. Salziger Schweiß, der in den
Schnittwunden an Armen und Oberkörper brannte. Wunden, die ihm von den
Brüdern
zugefügt worden waren. Wunden, die schmerzten und ihm seine Konzentration
raubte.
Eine sarkastische Stimme in seinem Inneren fragte ihn, ob es noch etwas
brachte, sich so stark und tapfer zu geben. Sein Ende war so oder so schon
besiegelt. Er gab ihr recht.
Ja, es war schnell zu Ende. Das Spiel.
Setah stieß nach vorn, durchbrach die Deckung des Mannes und durchbohrte
seine Brust. Ruckartig zog er die Klinge zurück. Blutrot, wie die
untergehende
Sonne schimmerte die Schneide. Doch es war keine Illusion, nein, sein Blut
bedeckte die ganze Länge, vom Heft bis zur Spitze. Er fühlte keinen Schmerz,
nur
wie etwas warmes über seinen Bauch nach unten rann. Doch das Atmen fiel ihm
schwer, Setah musste seine Lunge getroffen haben. Blut sickerte aus seinem
Mundwinkel. Er schluckte. Salzig und metallisch brannte es sich seinen Weg
wieder nach unten. Seine Beinen wurden taub und knickten ihm unter seinem
Körper
weg. Er fiel auf die Knie und musste sich mit den Armen abstützen. Er sah
ein
paar Stiefel auf ihn zutreten und legte mit letzter Kraft den Kopf in den
Nacken, um seinen endgültigen Bezwinger in die Augen zu sehen. Es war Jula,
und
er erkannte ihn nur an dem kurzen Niederschlag seiner Lider. So leuchteten
die Wimpern golden im weichen Sonnenlicht. Golden, wie Setahs Wimpern nie
sein
würden.
„Danke für das Spiel.“ erklärte Jula leise und beugte sich über seine Lippen
und hauchte einen sanften Kuss auf den blutverschmierten Mund.
„Ich habe ... dich ... geliebt!“ flüsterte er traurig und spürte wie der
Schmerz kam. „Ich weiß.“ erwiderte Jula und trat einen Schritt zurück.
Fast schon zärtlich hob Jula die Waffe. Die Sekunden gefroren als er sie auf
den Nacken des Knienden niederfahren ließ.
Sonne auf Blut. Blut auf Stahl.
Kein Laut, kein Wind. Nichts.
Gefrorene Zeit. Sekunden, wie Wasser, das zu Eis wird.
Goldene Augen. Geliebte Augen.
Schmerz ... und Ende.
Blutsonne
Kapitel 2 – Geliebter Bruder
Eine Hand legte sich auf Julas Hüfte. Hitze durch drang ihn, wo sein Bruder
ihn berührte. Er betrachtete kurz den Körper zu seinen Füßen, dann die
Waffe,
die immer noch leicht erhoben war, als wollte sie noch einen Hieb ausführen.
Das dunkle Blut des Mannes rann über die Schneide, über seinen Handrücken.
Er betrachtete die roten Tränen. Matt schimmernd liefen sie über seinen Arm.
Eine Hand legte sich über seine und entwand ihm sein Schwert. Er ließ es
geschehen.
„Du bist sicher müde, Bruder.“ Sanft wurde er von Setah in den Arm genommen.
Er spürte den Atem seines Bruders in seinem Nacken. Zärtlich und doch
neckisch.
„Du hast ihn nicht geliebt, Bruder.“ erklärte Setah, doch ein warnender
Unterton hatte sich in die warme Stimme geschlichen. Sein Bruder gehörte
ihm, nur
ihm. Keiner durfte ihn ihm wegnehmen. Jula spürte die aufkeimende Eifersucht
und entzog sich seinem Bruder. Langsam drehte er sich zu ihm um.
„Ja, ich habe ihn nicht geliebt. Und das weiß du. Es gibt nur dich. Dich
liebe ich.“ Setah lächelte. Er trat nahe an den Körper seines Bruders.
„Ich weiß.“ Verlangend legten sich seine Lippen auf die von Jula. Sie
schmeckten nach Blut. Dem Blut des Toten. Er legte die Hände hinter den Kopf
seines
Ebenbilds und ließ seine Finger durch das seidenweiche Haar wandern. Auch
Julas Arme zogen ihn eng an sich. Erhitz vom Kampf loderte das Verlangen
noch
stärker in ihren Körpern. Ihre Lippen lagen feucht und heiß aufeinander,
ihre
Zungen waren quälende Pfeile, die sich in den Mund des anderen bohrten.
Eine Hand von Jula suchte sich einen Weg unter die enganliegende
Lederkleidung seines Bruders. Sanft strich er mit den Fingerspitzen über die
heiße Haut
seines Geliebten. Setahs Haare auf seinen Unterarmen stellten sich bei
dieser
Berührung auf und ein leichtes Keuchen entfuhr seinem Mund. Er warf den Kopf
in den Nacken und schloss genießerisch die Augen, als Jula die empfindliche
Haut seines Halses zu küssen begann. Die ganze Seite mit Küssen und sanften
Bissen bedeckend wanderte Julas Mund zu Setahs Halsbeuge.
„Das reicht jetzt!“ unterbrach sie eine dunkle Stimme wütend. Eine in weite
Mäntel gehüllte Gestalt trat aus dem Schatten der Hausmauern auf die noch
engumschlungenen Männer zu. Unter einer Kapuze leuchteten mahagonifarbene
Strähnen dunkelrot im Abendlicht. Die Gesichtszüge waren in Schatten gehüllt
und
unmöglich zuerkennen. Doch die Iris dieser Augen leuchtete kalt aus der
Dunkelheit unter der Kopfbedeckung. Die Hände waren in den Falten des
Umhangs
versteckt. Nur kurz erhaschte man eine Blick auf eine in schwarzes Leder
gehüllte
Hand, als sie eine Strähne des langen, bis zu den Ellbogen reichenden Haars
zurückstrich.
Jula löste sich zuerst aus den Armen seines Bruders. Setah verzog leicht das
Gesicht, als er die warmen Finger nicht mehr unter seinem Hemd spürte.
Verärgert drehte auch er sich der verhüllten Gestalt zu.
„Vater!“ meinte er und hob fragend eine Augenbraue. Als sich sein Bruder ein
paar Schritte entfernen wollte, verhinderte Setah das, indem er seinem Arm
um dessen Hüften schlang. Jula sah ihn kurz genervt an, erwiderte aber dann
die Berührung.
„Was willst du, Vater?“ fragt nun Jula.
Saron ging ein paar Schritte auf seine Söhne zu, ohne den Hass in ihren
Augen zu beachten.
„Ich habe gesagt, es reicht.“
„Was?“ Setah sah Saron spöttisch an und presste sich noch enger an seinen
Bruder. Eine Hand legte er auf die Brust von Jula. Langsam glitten seine
schmalen, feingliedrigen Finger über die glatte und kühle Oberfläche der
Lederjacke
nach unten. „Das hier?“ meinte er und verzog seinen Mund zu einem
spöttischen Lächeln. „Oder das hier?“ fragte er und schob seine Hand in den
Bund der
engen Hose, bis sie zwischen Julas Schenkeln lag. Sein Bruder keuchte
überrascht auf, als Setah leicht über seine Erregung fuhr.
Saron gab einen Laut des Abscheus von sich und wandte sich ab. Ein
siegessicheres Lächeln leuchtet in Setahs Augen, als er auf den Rücken
seines Vater
sah. Dann sah er auf, um den Blick seines Bruders einzufangen. Glitzernd
funkelten ihn die Katzenaugen an. Noch einmal bewegte Setah seine Finger und
entlockte Jula ein erneutes Stöhnen. Der heiße Atem seines Bruders fuhr ihm
angenehm über die Wange. „Später!“ flüsterte er Jula ins Ohr, bevor er sich
endgültig von ihm löste und seine Hand aus der Hose zog.
Der Kuss den sein Bruder ihm leidenschaftlich auf die Lippen presste,
verwirrte Setah. Nicht oft zeigte Jula sein Verlangen so offen. Kurz noch
hob er
die Hand an seine feuchten Lippen. Jula bemerkte die Geste und lächelte ihn
an.
Sekundenlang starrte sie sich an, bis sie sich der warteten Gestalt wieder
bewusst wurden.
„Also gut, Vater, was willst du?“ Setah verschränkte gelassen die Arme vor
der Brust. Jula nahm die am Boden liegenden Schwerter an sich und wischte
sie
an dem Umhang des Toten ab. Gesäubert steckte er seines zurück und reicht
Setha das andere. Dieser rührte sich nicht, und so schob Jula es ihm in die
schlichte Scheide an dessen Hüfte.
Die blitzenden Augen seines Bruders verrieten ihm, das Setah nur darauf
gewartet hatte, denn so musste Jula ihn wieder berühren. Auch er begrüßte
die
Situation. Länger als nötig lagen seine Hände auf der Hüfte seines Bruders.
„Was ich will?“ unterbrach sie die verächtliche Stimme ihres Vaters.
Ruckartig drehte er sich zu ihnen. „Was ich will?“ rief er zornig. Der Wind
frischte
plötzlich auf, in Sekunden wirbelte er durch den Innenhof. Der Umhang ihres
Vaters flatterte wild, eine Böe warf ihm seine Kapuze vom Kopf. Das
dunkelbraune Haar breitete sich wie eine Wolke um sein Gesicht aus. Die
Augen
brannten, kalte Feuer sprühten aus ihnen. Die Zwillinge standen
unbeeindruckt von dem
Schauspiel in einen Mantel aus Magie gehüllt, der den Zorn Sarons von ihnen
fernhielt. Minutenlang zuckten grelle Blitze über den verdunkelten Himmel,
der Wind zerrte an den vergilbten Blättern der Bäume und wehte das
Herbstlaub
in den Abendhimmel.
Doch schon bald erstarb der unnatürliche Sturm. Der Wind legte sich wieder,
bis er nur mehr sanft über das trockene Gras zu ihren Füßen strich. Die
Wolkentürme verzogen sich so schnell wie sie gekommen waren, der Himmel
klärte
sich und ließ die ersten Sterne auf dem blauvioletten Firmament erstrahlen.
Fortsetztung folgt (*irgendwann halt* - grins grins)
Kailly C. Merlin