1

1. Kapitel

 

 

Wie lange ist es her, dass dieser Unfall passiert ist? Einen Monate, vielleicht auch zwei... ich weiß es nicht, ich erlebe die Welt wie durch einen Nebelschleier. Vor mir verschwimmt alles, und wird unwichtig. Verflucht, warum geht der Schmerz nicht weg... ich habe mit meinen Eltern endlich wieder Kontakt, treffe mich sogar öfters mit ihnen. Wir kommen immer besser miteinander aus, und trotzdem, bin ich einsamer als je zuvor. Es gibt nichts was diese Leere in mir füllen kann... ich bin krank geworden. Ich schlafe kaum, hab keinen Appetit und fühle mich einsam in diesem großen Haus. Wenn Tetsuya nicht so beharrlich auf die Beine zurück in die Realität ziehen würde, ich glaube ich würde zerbrechen. Seit wann war ich nicht mehr draußen, habe die Schule geschwänzt und einfach vor mich hingelebt. Ich weiß es nichts mehr, doch manchmal wünschte ich mir, ich hätte dich nie kennengelernt, denn dann wäre mein Schmerz nicht so groß. Doch sofort schellte ich mich dafür, es ist doch wichtiger jemanden kennengelernt zu haben, als...

Tränen stiegen Ken in die Augen. Er lag schon seit dem Morgen auf dem großen Bett und starrte an die Wand. Seine Gedanken kreisten immer wieder um eine Sache- Shingo. ES war unterdessen fast Abend, doch Ken verspürte keinen Hunger. Er war wieder nicht in der Schule gewesen, obwohl Tetsuya ihn ganz schön angeschrieen hatte, weil er schwänzte. Doch es war ihm egal. Ken hatte zwar mit seinen Eltern wieder Kontakt, doch jedes Mal, wenn er wieder alleine in dem großen Haus war, musste er an Shingo und seinen Tod denken. Wie oft hatte er diese Bild nun schon vor Augen gehabt? Sein Bruder hatte ihm zwar angeboten bei ihm zu wohnen, doch der Schwarzhaarige hatte abgelehnt. Er wollte ihm nicht zur Last fallen.

„Es ist meine Schuld...“ murmelte Ken leise und betrachtete die Kette, die er Shingo einmal geschenkt hatte. Plötzlich  erklangen leise Schritte, die allmählich immer lauter wurden und vor seiner Zimmertür verstummten. Ken wusste, dass es Tetsuya war. Obwohl dieser sich heute nicht angekündigt hatte, konnte es nur dieser sein. Mit einem leisen Knarren öffnete sich die Tür.

„Ken, bist du da?“ Tetsuya spähte hinein und entdeckte Ken auf dem Bett. „Nicht schon wieder... sag mir nicht, du liegst seit heute morgen da!“ Ken antwortete ihm nicht. „Du warst heute wieder nicht in der Schule...“ Tetsuya trat zum Bett und setzte sich auf den Stuhl, der noch von seinen vorherigen Besuchen am Bett stand. „Was mach ich nur mit dir... es ist jetzt fast fünf Wochen her, und du trauerst immer noch, wie an seinem Todestag! So kann das nicht weitergehen.“ Er legte seine Hand auf Kens Kopf und bemerkte, dass dieser zitterte. Tetsuya seufzte, nichts half, Ken war schon seit Wochen so, nicht einmal die Tatsache, dass seine Eltern nun wieder mit ihm redeten, änderte etwas daran. Der junge Mann wusste, dass Ken daran zerbrechen würde, wenn er nicht etwas unternahm. Ken war deutlich dünner geworden, schlief kaum noch und sah krank und blass aus. Erst jetzt wurde Tetsuya bewusst, wie sehr Ken Shingo geliebt hatte. Zudem machte sich sein Bruder die schwersten Vorwürfe, da konnte er es noch so sehr versuchen, ihm dies auszureden.

„Hör zu...“ Er räusperte sich, doch Ken reagierte nicht. Wütend riss er ihn herum und zwang Ken dazu ihn anzusehen. „Ich sehe nicht länger zu, wie du hier eingehst... ich dachte, dass haben wir nun schon oft genug besprochen.“ Ken starrte ihn ausdruckslos an. Tetsuya wusste, dass dieser wieder geweint hatte. Er musste wieder unter Leute, hier in dem Haus, musste er ja notgedrungen an Shingos Tod denken. „Ich habe mit Mutter und Vater besprochen, dass du ab sofort nicht mehr alleine hier wohnst.“ Ken brauchte etwas um zu verstehen, denn langsam änderte sich sein Blick.

„Wie meinst du das?“ flüsterte er.

„Ganz einfach... morgen kommt jemand aus Deutschland hierher. Es ist ein entfernter Verwandter von uns. Sein Name ist Alex und er will hier in Japan die Schule fertig machen. Warum weiß ich nicht, aber da er hier nur uns als Verwandte hat und ich es nicht länger ansehe, wie du dich hier drin verkriechst, hab ich beschlossen, dass er hier wohnen wird und mit dir zur Schule geht.“ Ken sah entgeistert zu Tetsuya, doch an dessen Blick erkannte er, dass es sein Bruder ernst meinte.

„Das kannst du nicht von mir verlangen!“ schrie er und schloss wütend die Augen.

„Und wie ich das kann... schau dich mal an. Du warst schon viel zu lange alleine... Ken, das Leben muss auch ohne Shingo weitergehen. Seit wann lässt du dich so leicht unterkriegen. Ich weiß, dass du ihn geliebt hast, aber du übertreibst es mit deiner Trauer, du musst ihn irgendwann gehen lassen und dich von ihm lösen.“

„Ich soll ihn einfach so vergessen? Das kann ich nicht.“ Ken schrie ihn an und dabei überschlug sich seine Stimme. „Was rede ich eigentlich... du kannst nie verstehen, was ich empfinde!“

Ein Knall unterbrach die Stille und Ken fand sich auf dem Bett wieder. Seine linke Wange schmerzte stark und als er mit der Hand darüber fuhr, brannte sie noch mehr. Fassungslos sah er auf Tetsuya der aufgestanden war und nun nahe über ihm gebeugt war. Er wusste, dass Tetsuya sehr wütend war. Ken hatte ihn noch nie mit so wütenden Augen gesehen, und er verstand, dass er etwas falsches gesagt hatte.

„Tut mir leid...“ murmelte er.

„Mir auch... ich wollte nicht so zuschlagen!“ er fuhr ihm durch die Haare und setzte sich wieder. „Ich habe nie gesagt, dass du ihn vergessen sollst, Ken, aber ich will, dass du endlich wieder zurück in die Realität kommst. Du musst endlich darüber hinwegkommen. Was glaubst du würde Shingo sagen, wenn er dich so sehen würde. Was glaubst du wie traurig du ihn machen würdest. Er hätte nicht gewollt, dass du so sehr trauerst, er hat dich verändert, ich erkenne dich manchmal nicht wieder. Warum lebst du nicht einfach weiter, für ihn und für alle, die sich um dich sorgen. Willst du wissen, wie oft deine Freunde aus der Motorradgang schon bei mir waren und nach dir gefragt haben? Sie vermissen dich.“

„Aber es ist meine Schuld, dass er gestorben ist...“ flüsterte Ken traurig.

„Quatsch. Hör endlich auf, dir das einzureden. Und selbst wenn... dann musst du damit weiterleben. Ist es nicht feige wegzulaufen. Trage die Schuld, wie ein Mann, das wäre auch in Shingos Sinne.“ Ken sah ihn lange an. Stille trat zwischen die beiden und Tetsuya wusste, dass er ihn diesmal überzeugen musste, sonst hätte er keine Chance mehr. Schließlich nickte Ken. Vorsichtig stand er auf.

„Ich verstehe... meinetwegen kann dieser Alex hier wohnen.“ Tetsuya sah man an, wie erleichtert er war.

„Und jetzt gehen wir zusammen was essen, du bist so dürr, das es einem Angst macht, und keine Ausflüchte diesmal. Wir unternehmen jetzt was und wenn ich dich in mein Auto schleifen muss.“ Er grinste und stand auf. „Zieh dir was an, ich warte unten!“

Ken sah ihm müde hinterher. Er mochte zwar die Worte seines Bruders nicht, doch er hatte vielleicht doch Recht. War es wirklich schon fünf Monate her? Er hatte in seiner Trauer jegliches Zeitgefühl verloren. Er ging leicht schwankend zum Schrank und kramte sich eine Hose und ein Sweatshirt heraus. Als er sich angezogen hatte betrachtete er sich musternd im Spiegel. Die Hose war wirklich etwas groß und selbst sein schwarzes Sweatshirt kam ihm größer vor. Er kramte nach einem Gürtel und schließlich fand er einen. Schließlich zog er sich die Jacke und seine Schuhe an und ging müde zur Tür. Er fühlte sich wirklich nicht sonderlich gut.

„Da bist du ja endlich...“ Tetsuya lehnte am Treppengeländer und musterte seinen Bruder länger. Er war wirklich abgemagert, das Sweatshirt war schon fast zu groß und die Hose ebenso. Er ersparte sich einen Kommentar, doch man merkte, dass er doch etwas geschockt war. „Gehen wir... wo wollen wir hin? Willst du was bestimmtes essen? Ich lad dich ein.“ Ken schüttelte den Kopf. „Hm... du hast doch thailändisches Essen geliebt, wie wär’s damit?“ Ken zuckte mit den Schultern. Tetsuya wusste, dass dieser eigentlich keine Lust hatte wegzugehen, doch er müsste endlich raus. Vielleicht würde sich ja einiges ändern, wenn Alex da wäre. „Egal, wir finden schon was!“ Er lächelte kurz und zog seinen Bruder zu sich. Tetsuya musste ihn bis zum Auto hinter sich herziehen. Schließlich fuhren sie los.

Während der ganzen Fahrt starrte Ken lustlos aus dem Fenster. Er sagte kaum etwas, und Tetsuya war kurz darauf zu verzweifeln, bis Ken plötzlich sagte:

„Tetsuya...“

„Hm?“ Der junge Mann schielte ihn von der Seite an.“

„Würde es dir was ausmachen, wenn du mich zum Friedhof bringst? Ich würde gerne an sein Grab...“ Tetsuya war verwundert über diese Bitte und wand sich abrupt zu ihm.

„Was? Wie kommst du denn auf so was?“

„Ich habe mich noch nicht mal richtig von ihm verabschiedet... ich war noch nie an seinem Grab...“ antwortete und Tetsuya sah verblüfft wieder gerade aus. Ken war zwar auf der Beerdigung gewesen, doch er war nicht unter den Trauernden gewesen, sondern hatte abseits das ganze beobachtet. Er hatte vielleicht Angst gehabt, oder er fühlte sich nicht in der Lage dazu, sich von ihm zu verabschieden. Doch jetzt...

„Sicher, wenn du es willst.“

„Danke... ich würde davor gerne noch etwas kaufen...“ Tetsuya nickte. Er konnte sich fast denken, was es war.

 

Kurz darauf hielt Tetsuya vor dem Friedhof. Es war schon die Dämmerung angebrochen, und es würde bald dunkel werden. Ken stieg langsam aus und beugte sich dann zu Tetsuya.

„Ich warte hier auf dich. Lass dir Zeit, okay?“ Er lächelte Ken aufmunternd an und dieser nickte stumm. „Ach ja... hier!“ Ken sah ihn fragend an und nahm dann, die ihm angebotene Schachtel an. „Die brauchst du vielleicht.“ Er lächelte kurz und der Kleinere sah, dass es eine Packung Räucherstäbchen waren. Dann ging er langsam auf das Tor zu und verschwand aus Tetsuyas Blickfeld. „Hoffentlich hilft dir das... Ken.“ Murmelte Tetsuya und lehnte sich auf das Lenkrad.

Wie kalt es war. Ken fröstelte es und er zog die Jacke zu. Ein frischer Wind kam auf. Es war kühl um diese Jahreszeit und zudem war es ein klarer Himmel, was eine kalte Nacht ankündigte. Schließlich blieb Ken vor einem der etlichen Gräber stehen. Es war ein unauffälliges Grab, jedoch schien sich jemand sehr darum zu kümmern, es waren viele Blumen darum. Ken beugte sich hinunter und blieb einige Zeit vor dem grauen Grabstein hocken. Schweigend betrachtete er die Schriftzeichen.

„Hallo...“ murmelte er und lächelte kurz. „Sorry, dass ich erst jetzt komme.“ Er begann ein Bündel zu öffnen und ein paar weiße Lilien wurden sichtbar. Er wollte wenigstens nicht mit leeren Händen hierher kommen. Schweigend legte er sie nieder und brannte nach einiger Zeit ein paar Räucherstäbchen an. Er blieb lange vor dem Grab hocken, bis her wieder etwas sagte, doch durch einen starken Windstoss konnte er selbst kaum etwas verstehen, von dem was er gesagt hatte. Schließlich stand er auf. „Ich komme bestimmt wieder, versprochen!“ Dann ging er langsam wieder zurück. Ihm war nun wesentlich wohler, als vorher, jetzt wo er das sagen konnte, was er schon seit der Beerdigung hatte sagen wollen.

Tetsuya bemerkte ihn erst, als Ken die Autotür öffnete. Er sagte nichts weiter, auch nicht, als sich Ken setzte und die Tür zumachte. Eine kurze Stille zog auf und schließlich durchbrach Ken diese:

„Es ist alles okay, jetzt. Du musst dir keine Sorgen mehr machen, Tetsuya.“ Er lächelte und Tetsuya sah ihn verblüfft an. „Ich hab doch Lust auf thailändisch, gilt dein Angebot noch?“

„Und wie es noch gilt!“ Er nahm Ken glücklich in die Arme und wuschelte ihm durch die Haare. „Endlich taust du wieder auf, ich hab schon gedacht, dass wird nie mehr was!“ Ken lächelte verlegen.

„Ich hab mich verabschiedet, wurde langsam Zeit, oder?“ Tetsuya nickte. Ken hatte unheimlich lange gebraucht, es war ihm scheinbar nicht leicht gefallen. Doch er wusste, dass es jetzt nur noch bergauf gehen konnte. Sogar die Zweifel, die sich Tetsuya wegen Alex gekommen waren, waren verflogen. Im Gegenteil, es würde Ken sogar noch mehr helfen!

„Fahren wir...“

 

Der Abend verlief sehr gut. Ken schien endlich wieder etwas aufzutauen und wurde zum Ende hin richtig gesprächig. Tetsuya fielen an dem Abend mehrere Steine vom Herzen, so dass er sich entschied Ken nicht alleine zu lassen, sondern diese Nacht bei ihm zu übernachten. Ken war zwar dagegen, doch Tetsuya begründete dies damit, dass Alex morgen früh ankommen würde und sie ihn zusammen vom Flughafen abholen würden. Ken war zwar immer noch abgeneigt, einen völlig Fremden um sich herum zu haben, doch es brachte nichts, Tetsuya deswegen umstimmen zu wollen.

Gegen zehn kamen sie daheim an, und Ken ging sofort ins Bett. Er war müde und wollte am nächsten Tag keine allzu schlechten Eindruck auf den Jungen machen, der ab morgen mit ihm zusammen leben würde. Tetsuya stimmte ihm überrascht zu.

„Gute Nacht... Ken.“ Sagte er und setzte sich in den Sessel im Wohnzimmer, um noch etwas Fernzusehen.

„Gute Nacht!“ Ken ging leise die Treppe nach oben und trat in sein Zimmer. Vorsichtig schloss er die Tür. Es war ungewohnt von unten Geräusche zu hören und er wusste, dass das Tetsuya mit Absicht so machte, damit der Schwarzhaarige nicht vergaß, dass sein Bruder da war. Ken knipste das Licht an und zog sich die Jacke aus. Dann suchte er sich einen Pyjama aus dem Schrank und zog sich um. Er hatte den ganzen Vormittag in der Wanne gesessen und Trübsal geblasen, daher wollte er doch nicht schon wieder baden gehen. Am Schreibtisch viel sein Blick auf den Bilderrahmen, den er manchmal stundenlang betrachtete. Danach fuhr er die Kette entlang, die am Schrank baumelte. Er nahm sie und betrachtete sie lange. Schließlich hängte er sie zu seiner eigenen dazu. Er hatte heute Abend versprochen diese Kette nie abzunehmen, er würde ab sofort immer beide Regenbogenanhänger tragen und vielleicht würde er irgendwann jemandem die zweite Kette schenken können. Doch bis dahin würde viel Zeit vergehen.

„Gute Nacht...“ murmelte er und knipste das Licht aus. Müde fiel er ins Bett und schlief sofort ein.

 

Es war das erste Mal seit langem, dass Ken durchschlief und nicht von Alpträumen geplagt wurde. Gegen neun wurde er von einem lauten Klopfen wach. Müde sah er sich um und zog die Decke über den Kopf. Er hatte keine Lust aufzustehen, und schon gar nicht jetzt, wo er so gut schlafen konnte.

„Hey, Ken... bist du wach?“ Tetsuya kam schließlich hinein und zog ihm die Decke weg. Ken setzte sich protestierend auf und rieb sich die Augen. „Wir haben doch was vor... wie lange willst du noch schlafen?“ Ken brummelte etwas unverständliches vor sich hin und wollte sich wieder hinlegen, als Tetsuya zu seinem Schrank ging und begann darin herumzuwühlen. „Du solltest dich langsam fertig machen... Alex kommt in ner Stunde an, ich hab dir Frühstück gemacht.“ Ken beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. „Sag mal, hast du keinen modischen Geschmack... was sind denn das für Klamotten in deinem Schrank?“ Tetsuya holte schließlich eine schwarze enge Jeans hervor.

„Was gehen dich meine Klamotten an?“ antwortete Ken bissig und hatte im nächsten Moment die Hose im Gesicht.

„Hm... das T-Shirt wäre gut... aber es ist auch schwarz.“ Murmelte er vor sich hin. Schließlich stand Ken genervt auf und ging zu Tetsuya. Dann begann er ihn von seinem Schrank wegzudrängen.

„Ich kann das sehr gut alleine, außerdem was hast du gegen schwarz...“ Er funkelte seinen Bruder wütend an und dieser schluckte eine Bemerkung dazu hinunter. Ken würde sich nicht davon abbringen lassen schwarz zu tragen, dass wusste er sehr gut.

„Na gut... beeil dich aber, wir fahren in zehn Minuten!“ Nachdem sich endlich die Tür schloss, atmete Ken hörbar aus. Er ging ins Bad. Für eine Dusche war jetzt keine Zeit, also wusch er sich rasch und machte sich fertig, bevor er sich anzog. Er wählte nur schwarze Sachen, so hatte er es die letzten fünf Monate getan. Nur die beiden Anhänger bildeten einen farblichen Kontrast. Schließlich ging er hinunter zu Tetsuya.

„Ich hab’s gewusst... nur schwarz, du siehst aus wie ein...“ Er grinste und wuschelte seinem Bruder durchs Haar. „Naja, was soll’s.“ Sein Blick fiel auf die Küchenuhr. „Wir müssen los... es macht keinen guten Eindruck, wenn wir gleich beim ersten Treffen zu spät kommen. Du isst im Auto!“

„Ich hab keinen Hunger...“ Ken betrachtete lustlos die belegte Brote, die Tetsuya gemacht hatte.

„Nichts da... du bist eh schon dünn, bei mir kommst du so nicht durch.“ Er griff nach dem Essen, welches in einer Dose war, dann nach seinen Autoschlüsseln und ging zur Tür. Hektisch zog er seine Schuhe an und sah zu Ken. „Was ist, brauchst du ne Einladung?“

„Ich weiß nicht, ob es ne gute Idee ist, ihn hier unterzubringen... muss das sein?“ Ken sah ihn lange an. Er wollte wenigstens nicht kampflos aufgeben.

„Ja...“

„Wieso bei mir... es gibt doch noch so viele Verwandte in Tokio, warum wohnt er nicht bei denen.“ Er griff nach seiner Jacke und zog sich die Schuhe an.

„Weil du im Moment jemanden brauchst, der um dich herum ist.“

„Ach und ein Fremder soll meine Probleme lösen?“

„So meine ich das nicht... es geht ums Prinzip. Sei wenigstens fair ihm gegenüber. Er weiß nichts von dem, was vorgefallen ist.“ Er wandte sich an ihn. „Ken, es ist doch nicht um dich zu ärgern, ich... nein wir wollen dir helfen. Also komm uns ein wenig entgegen und sei mal nicht so stur, wie ein kleines Kind!“ Ken sagte nichts, so recht wusste er auch nicht, was er antworten sollte.

„Erwarte nicht zu viel von mir.“ Murmelte er und ging an ihm vorbei nach draußen. Es war leicht nebelig, doch es versprach ein schöner Tag zu werden. Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch die Blätter der Bäume und verschwammen im sich auflösenden Dunst des Morgens. Die Luft war kühl, überraschend kühl für einen Aprilmorgen. Ken atmete tief durch und schloss die Augen.

Schweigend stiegen sie anschließend ins Auto und verloren bis zum Flughafen kein Wort mehr.

 

„Alex?“ Ein rothaariger Junge drehte sich abrupt um und suchte in der Menschenmasse, nach demjenigen, welcher ihn gerufen hatte. Erst als Tetsuya kurz vor ihm stehen blieb, sah er ihn. „Hallo... ich bin Tetsuya, ich komme um dich abzuholen!“

„Freut mich sehr!“ Der Junge verbeugte sich leicht und lächelte. Er war recht klein, hatte eine zerbrechlichen Körperbau und lebendige Augen. Er wirkte sympathisch und nett, doch seine Haare erregten eine Menge Aufmerksamkeit. Viele der Leute blieben stehen und drehten sich um. Das Flugzeug war gerade gelandet und am Auschecken tummelten sich eine Menschenmasse.

„Gehen wir erst mal irgendwohin, wo’s ruhiger ist.“ Der Junge nickte und folgte Tetsuya unsicher. Er war diese Menschenmassen nicht gewöhnt, doch irgendwie war es ein interessantes Gefühl alle Blicke auf sich gerichtet zu sehen. Schließlich erreichten sie einen etwas ruhigeren Bereich. „Hast du viel Gepäck?“

„Ja... es müsste noch kommen.“ Er lächelte erneut, und Tetsuya grinste.

„Also, mein Name ist Tetsuya Nakai... freut mich sehr dich kennen zulernen.“

„Alexander Stein.“ Er reichte ihm die Hand und nach der Begrüßung, sah sich Alex suchend um. „Wollte mich nicht noch jemand abholen?“ Tetsuya nickte und sein Gesicht wirkte genervt.

„Eigentlich schon, aber Ken ist sauer... er wartet auf uns am Eingang. Er hatte keine Lust auf Menschenmassen.“ Sie gingen weiter in Richtung Kofferausgabe.

„Ach so...“ Alex klang ein wenig enttäuscht. Man hatte ihm schon gesagt, dass er bei ihm wohnen würde, und nun war dieser nicht einmal gekommen, um ihn abzuholen. Tetsuya beobachtete ihn aus dem Blickwinkel.

„Sei nicht enttäuscht... sagen wir, Ken ist im Moment nicht ganz auf der Höhe. Vor kurzem starb eine wichtige Person für ihn bei einem Unfall.“ Alex horchte auf und sah zu Tetsuya, der seinen Blick stur nach vorne richtete. „Ken ist gewissermaßen mit daran Schuld, dass es so weit kam, und deswegen macht er sich Vorwürfe. Wir haben gehofft, dass er wieder zu sich kommt, wenn er mit jemandem zusammenlebt.“

„Dann hat er bisher alleine gelebt?“ Tetsuya nickte. „Die ganze Zeit nach dem Unfall war er allein? Wie lang ist das her?“

„Fünf Wochen...“ Alex schwieg. „Es ist mir klar, dass es schwer für dich ist, und wenn du es nicht schaffst mit ihm klarzukommen, kannst du natürlich sagen, dass du woanders hinmöchtest. Ich würde es aber gerne einmal versuchen.“ Sie blieben vor den gestapelten Koffern stehen, die auf einem Kofferkuli waren. „Hilfst du mir? Ich bitte dich!“

Eine lange Stille trat ein. Man sah Alex an, dass er überrascht war. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er gleich mit so etwas konfrontiert wurde. Schließlich nickte er: „Okay... ich kann aber nichts versprechen.“ Tetsuya atmete erleichtert aus und wuschelte ihm plötzlich durch die roten Haare.

„Danke, da fällt mir ein Stein vom Herzen!“ Er trat einen Schritt zurück und musterte den Jungen nun genauer. Er war gerade 17 geworden, jedenfalls hatte man ihm das gesagt. Alex trat zu den Koffern und legte sein Handgepäck oben hinauf. „Gehen wir... Ken wird sonst noch unerträglich...“

 

Der Schwarzhaarige stand an einem Zeitschriftenstand und blätterte gelangweilt in einigen Magazinen. Warum zum Teufel dauerte das so lange? Er wäre am liebsten schon gegangen, doch er hatte keine Lust mit der U-Bahn zu fahren. Er würde über zwei Stunden bis nach Hause brauchen. Wieso zwang man ihm jetzt einen deutschen Jungen auf? Er hasste Tetsuya dafür, warum musste er sich auch immer einmischen? Er sah sich um, entdeckte aber weder Tetsuya noch jemanden der nicht wie ein Japaner aussah. Er griff wahllos in die riesige Auswahl an Magazinen, die in den Regalen vor ihm standen. Wie viele es davon doch gab. Er fischte ein Motorradmagazin heraus und betrachtete fasziniert das Titelbild. Trotz des Unfalls ließ ihn diese Faszination nicht los. Er liebte immer noch die Geschwindigkeit und das Feeling beim Fahren. Interessiert begann er einige Artikel zu überfliegen. Nachdem nun beide seiner Maschinen kaputt waren, hatte er mit dem Gedanken gespielt sich eine neue zu kaufen, doch vorher wollte er seinen Führerschein machen.

Er war so vertieft, dass er Tetsuya erst bemerkte, als er neben ihm stand und leicht anrempelte. Erschrocken fuhr Ken herum, und hätte fast die Zeitschrift fallengelassen.

„Sag mal, hörst du nicht, wenn ich dich rufe...?“ Tetsuyas Blick fiel auf die Zeitung und seine Stimmung änderte sich schlagartig. „Hey, du willst doch nicht etwa wieder mit dem Zeug anfangen, oder?“ Ken zuckte mit den Schultern und rollte die Zeitschrift zusammen.

„Na und? Wenn ich einen Führerschein mache, kannst du dich nicht mehr aufregen.“ Meinte er spitz und ging die Zeitschrift an der Kasse bezahlen. Eigentlich hatte er nicht vor gehabt, diese zu kaufen, doch um Tetsuya zu ärgern, hatte er sich anders entschieden. Er bemerkte den bösen Blick seines Bruders, doch es störte ihn nicht sonderlich. „Können wir gehen? Ich hab keine Lust länger zu warten.“ Sein Blick fiel an Tetsuya vorbei auf den Jungen der interessiert das Vorgehen zwischen den beiden betrachtete. Ken beugte sich nach vorne und musterte ihn mit einem etwas geringschätzenden Blick. Der Junge war noch kleiner als Shingo, doch der Blick war gleich, das fiel Ken sofort auf.

Er fuhr leicht zurück, als er bemerkte, dass er Alex mit Shingo vergleich.

„Ken, das ist Alex... Alexander Stein. Alex, das ist mein kleiner Bruder, Ken Nakai...“ Tetsuya bemerkte die angespannte Haltung der beiden untereinander und drängte schließlich zum gehen.

„Freut mich...“ sagte Alex schließlich und lächelte etwas. Ken nickte nur und warf dann Tetsuya tödliche Blicke zu. 

„Gehen wir...“ sagte dieser unsicher. Das konnte ja heiter werden, Ken war nun richtig sauer, und Alex eingeschüchtert von Kens abweisender Haltung. Er hätte seinen Bruder ohrfeigen können. Wieso musste er sich so aufführen? Gemeinsam bahnten sie sich schweigend den Weg zum Ausgang.

 

„Alex, hast du Hunger? Wir könnten irgendwo halten und was essen.“ Der Junge nickte und warf einen zweifelnden Blick auf Ken, der sich auf die Rückbank des Autos verkrümelt hatte. Dieser sah nicht sonderlich begeistert aus. „Mach dir um ihn keine Sorgen... wenn’s ihm nicht passt, soll er laufen.“ Tetsuya war gereizt, das merkte man an seinem Ton.

„Ts... als wenn ich drum gebeten habe, mitzukommen.“ Murmelte Ken und starrte weiter nach draußen. Es war in der Tat ein schöner Tag geworden, eigentlich ideal um etwas zu unternehmen.

„Du benimmst dich wie ein verzogenes Kind... hör endlich auf mit deiner miesen Laune!“ Alex überlegte, ob er sich einmischen sollte, doch hielt es für besser, nichts zu sagen. Er wollte sich nicht auch noch bei Tetsuya unbeliebt machen.

„Wer ist denn daran Schuld? Ich habe nie darum gebeten, dass ihr mir jemanden Fremden ins Haus bringt. Ich wäre schon alleine klargekommen.“ Giftete Ken und sah wütend nach vorne.

„Wärst du nicht... du bist vollkommen fertig. Und lässt niemanden an dich ran, um dir zu helfen.“

„Ich brauch auch keine Hilfe!“ Tetsuya schwieg eine Weile.

„Fängt das schon wieder an? Wie oft haben wir uns jetzt schon deswegen gestritten?“

„Ich hab nicht damit angefangen... warum lasst ihr mich nicht einfach in Ruhe. Ich hab’s satt... wieso wohnt er nicht woanders?“ Der Ältere stoppte an einer roten Ampel und wand sich zu Ken um.

„Hör zu, ich mach keine Scherze mehr. Du bist unerträglich geworden. Du bist hier nicht der einzige, der leidet. Glaubst du, es gibt hier keine Leute, die sich um dich sorgen und mit dir leiden. Ich hab es satt, als der ‚Böse’ dazustehen. Das beschäftigt mich auch. Wenn du wirklich keine Hilfe brauchst,  ist es okay... komm aber bloß nicht irgendwann, wenn du es dir anders überlegt hast.“ Er sah ihn lange an und fuhr dann fort. „Du zeigst kein bisschen Dankbarkeit. Weder mir gegenüber, noch Alex. Für ihn ist das ganze auch keine einfache Angelegenheit. Im Gegenteil... ihn verletzt du mit deinen überheblichen Worten! Also denk gefälligst darüber nach, bevor du etwas sagst, Ken!“

Ken schwieg und starrte wieder nach draußen, während Tetsuya weiterfuhr. Er wusste, dass er verloren hatte. Ken war nie sonderlich gut in Wortkämpfen gewesen, schon gar nicht mit seinem Bruder, er war nie als Sieger aus einem dieser Wortgefechte gegangen.

„Tut mir leid...“ murmelte er schließlich und Alex sah ihn erstaunt an. Er hatte nicht erwartet, dass Ken sich tatsächlich bei ihm entschuldigen würde. Es klang sogar ernst gemeint.

„Ist schon okay...“ sagte Alex lächelnd. Tetsuya musterte Ken im Rückspiegel. Er sah geknickt aus, anscheinend hatten ihn seine Worte hart getroffen, aber zurücknehmen wollte er sie nicht. Er wusste außerdem, dass es noch lange dauern würde, ehe Ken wieder der Alte war, zumindest in so fern, dass er sich nicht mehr so ausgrenzte. Sein Bruder würde die Sache wohl nie vergessen können und es würde lange dauern und noch mehrere solcher Gespräche geben, aber Tetsuya wollte ihn nicht fallen lassen. Was er eben gesagt hatte würde er wahrscheinlich nie machen können, Ken einfach im Stich lassen.

Sie hielten vor einem kleinen Café und Tetsuya wandte sich an Ken:

„Was ist, kommst du mit, oder bockst du weiter?“ Ken funkelte ihn an, doch er sagte nichts weiter, sondern stieg aus und vergrub seine Hände in den Jackentaschen. Schweigend ging er in das Café, ohne auf Tetsuya oder Alex zu warten. Tetsuya funkelte ihm wütend nach.

„Ist schon okay...“ murmelte Alex und lächelte unsicher.

„Nein, ist es nicht... er benimmt sich furchtbar, nicht nur mir gegenüber.“ Tetsuya stand aus und Alex folgte ihm.

„Ich kann ihn verstehen... ich meine, meine Großeltern starben Anfang dieses Jahres und ich kann verstehen, wie er sich fühlt.“

„Trotzdem, er sollte langsam wieder in die Realität zurückfinden. Weißt du, wie er Anfang der Woche aussah, noch schlimmer als jetzt.“ Tetsuya seufzte und sein Blick nahm einen traurigen und leicht sorgenden Unterton an. „Er ist so abgemagert, blass und geht kaum noch unter die Leute. Ken liegt den ganzen Tag in dem großen Haus alleine und starrt an die Decke und macht sich Vorwürfe... da kann man ja nur depressiv werden.“ Langsam gingen sie auf das Café zu. „Er schwänzt die Schule, ich kann machen, was ich will... Zu mir wollte er nicht ziehen... deswegen ist er immer noch allein.“

„Und ich soll ihn wieder aufheitern?“

„Tut mir leid, das hört sich sicher ungemein egoistisch von mir an, oder? Du wirst behandelt, als würdest du nur dazu da sein.“

Alex blieb stehen und schüttelte den Kopf. „Ist schon okay... ich mach das gerne. Ist wie ne Herausforderung für mich. Außerdem finde ich ihn interessant und möchte gerne mit ihm klarkommen.“ Sie betraten das Café und entdeckten nach einigem Suchen Ken, der sich in die dunkelste Ecke verkrümelt hatte. Tetsuya atmete hörbar aus und gemeinsam setzten sie sich zu ihm. Ken war gerade dabei sich eine Zigarette anzuzünden, als sich die beiden zu ihm setzten.

„Seit wann rauchst du wieder...?“ Tetsuya beobachtete ihn, wie Ken einen tiefen Zug nahm und danach die blaue Luft vorsichtig ausatmete.

„Ich habe nie aufgehört...“ begann er und hustete etwas. „Sagen wir, ich habe es nur vergessen...“ fügte er hinzu und starrte auf den Glimmstängel in seiner Hand. Es tat irgendwie weh, vielleicht weil er seit Wochen keine mehr angerührt hatte, doch irgendwie hatte er jetzt den Drang dazu verspürt sich eine Schachtel zu kaufen. Er steckte sich die Zigarette in einen Mundwinkel und starrte zur Seite in die Leere. Ein Zeit lang schwiegen sie, bis eine Bedienung kam.

„Sie wün...“ Sie unterbrach und starrte zu Ken. „Ken...-kun?“ brachte sie zögernd und leise hervor. Der Angesprochene wandte sich um und sah das Mädchen überrascht an. „Ken-kun!“ rief sie erfreut aus und warf sich ihm um den Hals. Alex sah fragend zu Tetsuya, der das Mädchen genau musterte und sie dann erst erkannte. „Ich hab dich so vermisst... und ich wollte sich schon so lange wiedersehen.“ Sie sah ihn an küsste ihn flüchtig auf die Wangen. „Ich dachte schon dich gibt’s nicht mehr... ich hab mir solche Sorgen gemacht!“ Schließlich trat sie von ihm zurück und lächelte. Ken konnte sehen, dass sie Tränen in den Augen hatte.

„Komiko...“ brachte Ken hervor und sah sie immer noch an, als wäre sie ein Geist.

„Wartet... ich mach für heute Schluss... jetzt wo wir uns endlich wiedertreffen. Sie machte ihren kurzen Rock zurecht und fügte hinzu. „Yuki kommt in ner halben Stunde mich abholen... bitte warte solange, Ken-kun!“ Sie lächelte und verschwand, ohne eine Bestellung aufzunehmen. Ken war blass geworden, eigentlich hatte er nicht vorgehabt, jetzt mit den Mitgliedern der Gang zu reden. Seit dem Unfall hatte er nichts mehr mit ihnen zu tun, sie trafen sich nicht mehr und redeten auch nicht. Er wusste zwar, dass die anderen versuchten mit ihm zu reden, doch Ken hatte alles schweigend abgeblockt. Sie so plötzlich zu treffen, ließ ihn unsicher werden. Sein Bruder bemerkte dies sofort, er war sich darüber im Klaren, dass Ken jetzt nicht auf solche Gespräche aus war. Aber Komiko hatte sich so gefreut ihn wiederzusehen. Jetzt zu gehen, würde Ken nicht weiterhelfen, im Gegenteil, er würde weiterhin weglaufen.

„Alex“ Der Rothaarige wandte sich fragend an Tetsuya. „Sie hat unsere Bestellung vergessen, gehst du und sagst ihr, was wir möchten? Sie kann es ja mitbringen.“ Der Junge nickte, er verstand Tetsuyas Wunsch, mit Ken alleine reden zu wollen. Wo war da nur hineingeraden, vielleicht war es dumm gewesen dessen Wunsch zuzustimmen.

„Was wollt ihr?“

„Nichts...“ fuhr Ken ihn an, so dass Alex zusammenzuckte. Man merkte Ken sofort an, dass es ihm leid tat, auch wenn er nichts sagte.

„Für mich einen starken Kaffee... und für Ken Hibiskus-Tee.“ Ken warf ihm einen vernichtenden Blick zu und Alex verschwand um die Ecke. „Hey, ich weiß, wie gerne du ihn trinkst!“ Sie sahen sich schweigend an, bis Ken sich abwand und an seiner Zigarette zog.

„Du willst nicht, dass ich gehe, oder?“ Tetsuya war überrascht, über die Worte seines Bruders, er hätte dies nicht von ihm erwartet. „Aber ich will nicht... ich will nach Hause.“ Ken wirkte geknickt und müde. Vielleicht würde es besser sein, wenn er wirklich nach Hause ging, aber Ken war manchmal gut darin zu simulieren.

„Nein... ich denke, da wir eh bestellt haben, kannst du doch auch mit ihnen reden. Ich gehe mit Alex auch woanders hin, wenn dir das lieber ist. Aber Komiko hat sich so gefreut, dich zu sehen... willst du immer wieder weglaufen?“ Ken schwieg. Er wusste selber nicht die Antwort darauf. „Wenn du nicht mit ihnen reden willst, dann sag es ihnen wenigstens ins Gesicht. Danach kannst du immer noch gehen.“ Der Jüngere schwieg wieder und drückte seine Zigarette aus. Er machte einen uneingeschlossenen Eindruck, doch schließlich stand er auf. „Ken, bitte...“ Tetsuya hielt ihn fest und sah zu ihm hoch. In dem Moment kam Alex mit Komiko zurück. Das Mädchen sah fragend zu Ken.

„Er wollte nur nach euch sehen.“ Lächelte Tetsuya und zog Ken sanft zurück, so dass sich dieser wieder setzte. Jetzt konnte er wirklich nicht mehr weg. „Tetsuya stand auf und nahm Komiko die Tasse Kaffee ab. „Ich glaube wir beide setzten uns dort drüben hin, ihr habt sicher einiges zu bereden.“ Komiko nickte überrascht, während Tetsuya grinsend mit Alex im Schlepptau an einen der anderen Tische verschwand. Er hatte die beiden immer noch im Blickfeld, jedoch konnte er nicht hören was sie sagten. Alex war nun vollends verwirrt.

„Tut mir leid, Kleiner!“ begann Tetsuya und wuschelte ihm durch die roten Haare. Sie setzten sich und Tetsuya seufzte. „Was du alles machen musst, du hast dir deinen ersten Tag sicherlich anders vorgestellt, oder?“ Alex nickte schüchtern. So ganz verstand er immer noch nicht die Situation und konnte alles einordnen.

„Wer ist das?“ Er deutete mit dem Kinn zu Komiko, die sich unterdessen gesetzt hatte.

„Komiko... sie ist eine gute Freundin von Ken, ich glaube sie waren mal zusammen. Sie war vor fünf Wochen auch bei dem Unfall... seitdem haben sie sich nicht mehr gesehen.“

„Sind wir mit Absicht hierher?“ Alex fühlte sich langsam wirklich leicht verarscht.

„Nein, ich wusste nicht, dass sie hier arbeitet... Gott, es tut mir so leid!“ Er nahm einen Schluck Kaffee und sah dann verstohlen zur Seite. „Ich will nur, dass Ken endlich wieder so wird wie früher... nein, das wird er sicher nicht, aber vielleicht schafft er es sich einfach nur wieder einzuleben. Er sollte wieder mit seinen Freunden reden, dann geht es ihm sicher besser.“ Alex nickte. Er verstand Tetsuya nur zu gut. Er hing ungemein an seinem Bruder, das merkte man. Er ließ nichts unversucht, um Ken zu helfen, selbst, wenn dieser es wahrscheinlich nicht mitbekommen würde.

„Bewundernswert...“ murmelte Alex schließlich und schloss die Augen.

„Hm?“ Der junge Mann sah ihn verwundert an.

„Wie sehr du dich um ihn kümmerst,... andere hätten ihn längst aufgegeben.“

„Ich nicht... Ich liebe Ken zu sehr, um ihn fallen zu lassen. Auch wenn er mich dafür hasst, werde ich dafür sorgen, dass er endlich weitergeht. Wenn er stehen bleibt, wird er nie wieder den Anschluss finden, und ich will mehr als jeder andere, dass er glücklich wird. Ich war so froh, als er jemanden gefunden hat, den er so sehr liebt.“

„Gerade das ist bewundernswert...“ unterbrach ihn Alex und sah zu Ken. Dieser hatte sich eine weitere Zigarette angezündet und anscheinend hatten die beiden endlich begonnen miteinander zu reden.

„Du aber auch...“ Tetsuya grinste. „Immerhin willst du es versuchen, mit ihm klarzukommen. Das ist genauso bewundernswert.“

 

Es hatte eine Weile gedauert, bis Komiko begann zu reden. Sie hatte das Gefühl, dass Ken nicht mit ihr reden wollte und sie nur störte. Doch zu leicht wollte sie nicht aufgeben, jetzt wo sie ihn endlich traf. Sie wusste noch, wie sehr sie am Abend des Unfalls weinte, gerade weil sie wusste, dass Ken Shingo mehr liebte, als alles andere. Als sie zwei Tage später von Tetsuya erfuhr, dass dieser gestorben war, war ihr so schlecht geworden, dass sie kaum mehr klar denken konnte. Sie musste immer daran denken, wie sie sich fühlen würde, wenn Yuki oder eine sehr liebe Verwandte sterben würde. Komiko musste sich eingestehen, dass sie es wahrscheinlich nicht aushalten würde. Wie hatte Ken die letzten fünf Wochen gedacht? Was hatte er gefühlt? Dies ließ Komiko traurig werden und sie verfluchte sich dafür, dass sie gerade jetzt nicht für ihn da sein konnte, ihm nicht helfen konnte, ebenso wie, als Ken den Unfall gehabt hatte. Sie hatte geweint, eine ganze Nacht lang, wegen Shingo und dem Unfall. Wie sollte sie jetzt mit Ken umgehen?

„Warum sagst du nichts? Du wolltest doch mit mir reden.“ Begann Ken schließlich und trank einen Schlug Tee. Er nahm die Zigarette wieder auf, die er vorher in den Aschenbecher gelegt hatte.

„Tut mir leid... ich weiß nicht wo ich anfangen soll.“ Komiko errötete etwas und starrte zur Seite. Ken musterte sie kurz, sagte aber nichts. „Ken, ich habe dich eigentlich schon eher mal sprechen wollen, aber,... irgendwie...“

„Ich weiß, ich wollte eigentlich nicht mit euch reden.“ Unterbrach er sie und funkelte sie an. Das Mädchen sah ihn überrascht an.

„Verstehe... ich hab mir so was schon gedacht. Immerhin sind wir ja mit daran Schuld, dass das passiert ist.“

„Nein, es ist allein meine Schuld!“ Ken wirkte aufgebracht. „Wenn ich früher ausgestiegen wäre!“ Er biss sich auf die Unterlippe.

„Das ist nicht wahr... wir sind alle mit daran Schuld.“ Sie sah ihn ernst an. „Das Shingo gestorben ist, hat mich tief getroffen. Tetsuya hat es mir zwei Tage darauf erzählt, mein erster Gedanke war, sofort zu dir zu gehen, doch dein Bruder hat gemeint es sei noch zu früh. Du weißt gar nicht, wie sehr ich darunter gelitten habe. Ich konnte nicht einmal sagen, wie leid es mir tut, dass es passierte.“ Das Mädchen atmete hörbar aus und Ken sah sie verwundert an. „Ich habe solange darüber nachgedacht... warum hatte er so was gemacht?“ Sie musterte Ken ernst. „Du trauerst schon seit fünf Wochen nicht wahr? Du hast es noch nicht überwunden...“ Ken nickte stumm.

„Du hast recht... was ändert das?“

„Die Sache, warum er es getan hat... für dich. Er hat sich wegen dir in Gefahr gebracht. Wie sehr muss er dich geliebt haben, um so etwas...“

„Hör auf!“ Ken unterbrach sie abrupt und sah sie wütend an. „Was weißt du schon, von uns... gar nichts. Du kennst ihn nicht einmal!“

Komikos Blick verdunkelte sich etwas. „Stimmt... aber ich kenne dich. Du siehst furchtbar aus... ich hab dich fast nicht erkannt. Du bist so dünn geworden und blass, du wirkst, als würdest du jeden Moment an deinem Kummer zerbrechen.“ Sie sah ihn mit dem gleichen sorgenvollen Blick an, wie Tetsuya. „Ich will nicht, dass das passiert, hörst du...ich will nicht, dass du ganz alleine bist, Ken.“ Der Junge war überrascht, als Komiko anfing zu weinen. Er wusste nicht so recht, was er tun sollte. „Willst du nicht mit mir darüber reden? Ich höre dir gerne zu... und ich will dir helfen, Ken.“ Dieser schüttelte den Kopf und wandte sich ab. „Wollen wir es nicht versuchen, bitte... ich will dich nicht kampflos alleine lassen,... immerhin bin ich irgendwie mit schuldig, an allem, was passiert ist!“ Sie stand auf und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Komm mit... ich weiß, wo wir ungestört sind.“ Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn nach oben. Dann ging sie aus der Ecke hervor durch das Café zur Küche und verschwand. Ken tat nichts, um sich zu wehren... vielleicht weil er wirklich mit ihr reden wollte. Kurz darauf kam sie alleine noch einmal zurück und steuerte schnurstracks auf Tetsuya zu.

„Wir unterhalten uns ein bisschen... dort hinten sind wir ungestört. Kann etwas dauern, wollt ihr warten?“ Tetsuya nickte. „Gut, kennen sie Yuki noch?“

„Du brauchst mich nicht zu siezen... und ja ich kenne ihn noch.“ Das Mädchen nickte überrascht und sagte dann:

„Können sie ihm Bescheid geben, er soll auf mich warten.“ Sie verschwand, nachdem sie ein kurzes Nicken als Antwort erhalten hatte.

„Ich hoffe das geht gut.“ Bemerkte Alex.

„Ich bin sicher... bisher hab immer nur ich versucht, mit Ken zu reden, alle anderen hat er abgeblockt. Es ist vielleicht ganz gut, wenn es ein Mädchen versucht, so versucht er nicht den starken Mann zu spielen, wenn du verstehst was ich meine, und lässt seinen Gefühlen freuen Lauf.“ Der Rotschopf nickte und wandte sich wieder an sein Glas. Es war unterdessen Mittag und die beiden beschlossen zusammen etwas zu essen.

 

„Da bin ich wieder.“ Ken lehnte immer noch an der Wand, an der Komiko ihn abgestellt hatte. „Komm, im Gesellschaftsrum ist jetzt niemand, da sind wir ungestört.“ Ken folgte ihr schweigend. Sie kamen in einen großen Raum mit riesigen Fenstern. Das Zimmer wirkte hell und in der Mitte statt ein großer Tisch mit Stühlen. In einer Ecke war ein kleiner Schrank, daneben ein Kühlschrank. Sie setzten sich und Komiko musterte Ken schweigend. Anscheinend war seine kühle Art abgebröckelt, er machte einen sehr geknickten Eindruck. Dieses Mal würde sie ihm vielleicht endlich helfen können, so wie es Freunde taten.

„Ken... willst du mit mir reden?“ Dieser sagte nichts. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu überlegen. Schließlich nickte er und atmete hörbar aus. „Also... dass er dir fehlt, ist nicht zu übersehen.“

„Komiko... ich kann nicht. Ich kann nicht vergessen, wo es doch meine Schuld war. Ich hätte es verhindern können.“ Er ballte die Hände und starrte auf den Tisch.

„Wieso redest du dir das ein?“

„Weil er mich schon lange vorher gebeten hat auszusteigen... doch ich...“ er stockte und schluckte. „Ich konnte nicht... die Gang hat mir zu viel bedeutet!“ Er sah zur Seite, als ihm die Tränen kamen, doch Ken konnte nicht verhindern, dass Komiko es sah. Diese war ebenso überrascht, sie hatte Ken noch nie weinen sehen.

„Ken...“ begann sie und strich ihm über die Hand, doch dieser fuhr zurück.

„Ich hab ihn geliebt... mehr als alles andere und mehr als mich selber.“ Er senkte den Kopf noch mehr und ein paar Tränen fielen auf den Holztisch. Komiko bemerkte, dass der Junge vor ihr zitterte. „Ich will, dass er zu mir zurückkommt... warum hat er das getan? Warum musste er sich selber so in Gefahr bringen? Ich versteh das nicht... ich wollte ihn beschützen, für ihn da sein...“ Seine Stimme überschlug sich und verstummte schließlich. Ein leises Schluchzen erfüllte den Raum. Komiko hatte es die Sprache verschlagen, sie hatte nicht erwartet, dass Ken so viel sagen würde, und vor allem von seinen Gefühlen. Aber er hatte ja nie mit jemandem über den Unfall und seinen Gefühlen geredet. Doch sie hatte nicht gewusst, dass Ken so sehr an ihm gehangen hatte. Es war teilweise schon merkwürdig für sie, dass Ken einen Jungen liebte...

„Shh... Ken!“ Sie stand auf und setzte sich neben ihn. Schließlich nahm sie Ken in die Arme und zog ihn zu sich. Der Schwarzhaarige schluchzte und zitterte, doch er genoss es in Komikos Armen zu ruhen. Langsam beruhigte er sich wieder. „Es ist nicht deine Schuld... es war seine Entscheidung.“ Ken schmiegte sich unwillkürlich an sie, es tat so gut diese Wärme zu spüren.

„Trotzdem...“ warf Ken ein und neue Tränen stieg in ihm auf.

„Nein... du hilfst ihm nicht, und dir auch nicht. Du musst darüber hinwegkommen und ihn gehen lassen, Ken.“ Sie fuhr ihm durch die Haare. „Ich weiß, wie schwer es ist... mein Bruder starb als ich elf war an Leukämie... ich bin vor Einsamkeit fast gestorben. Weißt du was mein Vater mir damals erzählt hat?“

Ken schüttelte leicht den Kopf.

„Ein Teil von ihm lebt in mir drinne weiter, so dass wenn ich weiterlebe, auch er weiterleben würde. Wenn ich aufgebe, würde ich ihn aufgeben und er wäre sehr traurig... wenn ich traurig bin ist er es auch und wenn ich glücklich sein würde, wäre er auch wieder glücklich.“ Ken sah sie an. Seine Augen waren rot und sein Gesicht glühte. „Doch ich solle nicht alles von ihm bei mir haben wollen, nur das wichtigste, und dann könnte der Rest in Frieden ruhen. Ich muss loslassen können und es verstehen, dass manchmal Menschen sterben. Ich behalte einen Teil in meiner Erinnerung und den Rest lasse ich ziehen... ich glaube, dass ein Mensch eine Seele hat, und wenn ich sie nicht freigebe, wird sie nie in Frieden ruhen können.“ Nach einer Pause sagte sie: „Es hat mir so geholfen... diese Worte zu hören... denn ich habe sie nie vergessen... und mein Bruder lebt in mir weiter, mit mir weiter. Ich habe ihn nie vergessen, und wenn du diese Ebene erreicht hast, kannst du auch wieder anfangen selber zu leben. Ken, finde aus deinem Kummer zurück, das würde auch Shingo-kun wollen, da bin ich mir sicher. Und irgendwann wirst du soweit sein, dass du dich wieder verliebst und so weiterleben kannst wie bisher.“

„Meinst... du das wirklich!“ Komiko nickte ihm zu und lächelte.

„Sicher, ich hab es doch auch geschafft. Leb für ihn weiter... und gehe davon aus, dass wenn du lebst, er auch lebt.“ Ken nickte und setzte sich wieder aufrecht hin.

„Tut mir leid...“

„Ist schon okay.“ Fuhr das Mädchen dazwischen. Sie war wirklich glücklich, das sah man ihr an. „Ich will dir helfen, und wenn du in Zukunft Probleme hast, kannst du gerne zu mir kommen.“ Der Junge nickte und eine lange Zeit herrschte Stille. Ken ging es wirklich wesentlich besser... er konnte Dinge sagen, die er Tetsuya nie gesagt hätte.

„Komiko... sag mal, was ist eigentlich aus der Gang geworden, nach dem Unfall?“

„Hm?“ Sie sah ihn verwundert an. „Wir treffen uns noch, immerhin sind wir ja mehr als nur eine Gang, sonder auch Freunde. Wir fahren nur nicht mehr, sondern treffen uns einfach nur um zu quatschen. Warum kommst du nicht mal vorbei sie würden sich sehr freuen.“

Ken wusste nicht genau, was er sagen sollte. Schließlich murmelte er: „Wissen sie, dass ich Shingo... geliebt habe?“

„Ich weiß nicht... Yuki hat mich das mal gefragt, besonders weil du so getrauert hast... ich denke mal sie erahnen es, aber ansprechen werden sie dich deswegen nicht. Ich glaube sie sind da nicht wie ich.“

„Verstehe...“ Ken wirkte niedergeschlagen.

„Hey, das ist doch nicht schlimm... ich meine, mich stört es nicht und Yuki hat mir das auch gesagt. Er hat dich sehr vermisst, du warst für ihn immer wie ein kleiner Bruder. Er war genauso besorgt wie ich, er war sogar öfters bei dir daheim, hat sich aber nie getraut zu klingeln, weil er nicht gewusst hätte, was er sagen sollte.“ Sie stoppte kurz und sah Ken an. „Hm... weißt du... ich hab ihn ja nie getroffen... hast du vielleicht ein Photo von ihm? Ich würde gerne wissen, wie er aussieht.“ Sie errötete etwas und Ken nickte leicht. Dann kramte er in seiner Jackentasche und holte zögerlich zwei Bilder hervor. Vorsichtig reichte er sie Komiko, die sie neugierig nahm und lange ansah. Auf dem einen Bild war Ken mit drauf, auf dem anderen der Junge alleine. Das war also Shingo. Er war klein, hatte braune schulterlange Haare und grüne Augen. Er wirkte zerbrechlich, doch sein Lächeln machte einen so positiven Eindruck auf sie, dass es eine innere Stärke und Ruhe ausstrahlte. Sie waren im Park, auf jeden Fall, als das Bild aufgenommen wurde.

„Hast du das gemacht?“ Ken nickte und nahm das Bild.

„Wir waren irgendwann mal im Park und haben Photos gemacht, nur so zum Spaß... ich hab noch ein Dutzend davon daheim.., doch das hat mir immer am besten gefallen.“

„Er hat dich wirklich geliebt... so wie er lächelt.“ Komiko betrachtete das andere Bild. Diesmal waren Ken und Shingo drauf. Es war irgendwie merkwürdig, es war nicht mal so lange her... und sie schienen so glücklich zu sein. „Das ist sehr schön...“ murmelte sie. Sie gab ihm die Photos zurück und er steckte sie wieder ein. „Er ist wirklich niedlich... er wirkt fast wie ein Mädchen, klein und zerbrechlich.“

„Das war er auch... unheimlich sensibel... und doch irgendwie stark.“

„Und genau das musst du dir in Erinnerung behalten.“ Ken nickte. Er machte einen besseren Eindruck auf Komiko, als noch vor einer Stunde, anscheinend hatte es Ken sehr viel genützt, mit ihr zu reden. „Gehen wir... es ist schon fast zwei Uhr... ich hab seit einer Stunde Schluss, außerdem wartet Yuki auf mich.“ Ken nickte und stand auf, während das Mädchen zur Tür ging.

„Komiko...“ Er wartete bis sie ihn ansah. „Vielen Dank...“ sagte er ein wenig unsicher und versuchte dann zu Lächeln. Es war zwar ein wenig missglückt, aber immerhin das erste Mal, dass Ken es seit dem Unfall versucht hatte. Deswegen war Komiko glücklich und antwortete ihm mit dem schönsten Lächeln, dass sie hatte.

„Das hab ich sehr gerne gemacht. Ab jetzt komme ich dich regelmäßig besuchen, okay?“ Ken nickte und sie verschwand aus dem Zimmer. Ken blieb noch eine Weile zögernd zurück und zog dann wieder das Bild aus seiner Tasche. Er betrachtete es lange und musste sich eingestehen, dass Komiko recht hatte. Shingo sah wirklich glücklich aus, und sein Lächeln war ungemein warm und offen.

„Dann werde ich dich ab jetzt in meinem Herzen tragen... Shingo.“ Ein Lächeln huschte über seine Lippen, als er das Photo wieder einsteckte und dann Komiko folgte.

 

Tetsuya saß gelangweilt an dem Tisch und rührte unterdessen in seiner vierten Tasse Kaffee. Auch Alex sah nicht mehr so glücklich aus, immerhin warteten sie nun schon seit über einer Stunde auf Ken. Yuki hatte sich zu ihnen gesellt, doch er war damit beschäftigt eine Zeitung zu lesen. Auch sonst hatte der Bonde kaum etwas gesagt. Ab und zu musterte er den Rotschopf über den Rand seiner Zeitung. Schließlich stand dieser auf und murmelte, er würde an die frische Luft gehen. Als er draußen war legte Yuki die Zeitung weg, bevor er sich eine Zigarette anzündete und den Rauch tief einatmete.

„Ich bin von Rauchern umgeben...“ murmelte Tetsuya und trank einen Schluck. Der Kaffee schmeckte ihm überhaupt nicht mehr, er hatte eindeutig zuviel davon getrunken. Wahrscheinlich würde er heute Nacht kein Auge zutun.

„Glauben sie, dass es gut ist?“ Yuki blies eine blaue Wolke in Tetsuyas Richtung und als dieser ihn fragend ansah, fuhr er fort. „Sie haben erzählt, dass dieser Junge bei Ken wohnen wird... ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist, wo er jemand so wichtigen verloren hat.“

„Du weißt davon?“ Tetsuya war überrascht, er hätte Ken nicht zugetraut es ihm zu sagen. „Ken hat dir das wirklich erzählt?“

„Nein... aber ich bin sein Freund und kenne ihn sehr lange. Auch wenn es nicht so ausgesehen hat. Ich hab noch vor Komiko gesehen, wie er sich verändert hat. Und dann als der Unfall war... ich hab ihn noch nie weinen sehen, und er hat immer seine Gefühle versteckt. Zu dem Punkt war ich mir sicher.“ Er machte eine Pause und zog erneut an dem Glimmstängel. „Ich finde es ist nicht gut einen Fremden zu ihm zu bringen, besonders hat er irgendwie etwas von Ichihara-kuns Ausstrahlung... Ken wird es nur schwerer sein, wenn er jemanden hat, der ihn ständig an ihn erinnert.“ Tetsuya überlegte. Der junge Mann vor ihm hatte vielleicht recht, und er würde wirklich das Gegenteil erreichen!

„Ich weiß nicht... Ken hat sich vollkommen zurückgezogen, dass er allein wohnt spielt eine große Rolle, deswegen hab ich mir gedacht wird er eher darüber hinwegkommen, wenn jemand da ist.“ Yuki nickte. „Ich werde sehen, wenn es nicht geht wird Alex nicht bei ihm wohnen können.“ Er fühlte sich nicht gerade wohl in seiner Haut, als er das sagte. Tetsuya fühlte sich wie ein Lügner, jemand der Alex nur benutzte um an sein Ziel zu kommen. Er war wirklich ein widerliches egoistisches Arschloch so etwas Alex aufzubürden. Er stand plötzlich auf. „Ich rede noch mal mit Alex...“ Yuki nickte, er hatte verstanden, was in dem Mann vor ihm vorging. Schweigend starrte er Tetsuya nach, der das Café verließ.

In dem Moment tauchte Komiko auf, kurz nach ihr Ken. Das Mädchen erspähte Yuki und lief glücklich auf ihn zu. Ken beobachtete die beiden, blieb jedoch stehen, als er weder Tetsuya noch Alex sah.

„Wartest du schon lange?“ Ihre roten Haare schimmerte in dem Licht und sie fiel Yuki und den Hals. Dieser schüttelte den Kopf, obwohl er auch eine geschlagene Stunde hier gesessen hatte. Doch es hatte ihm nichts ausgemacht. Ken trat schließlich zu den beiden, sagte jedoch nichts.

„Ken...“ Yuki stand auf. Er überragte den Schwarzhaarigen um einen halben Kopf. „Ich bin so froh dich endlich mal zu sehen.“ Er musterte Ken und erschrak ein wenig. War das wirklich der Ken, den er kannte? Er war so dünn geworden und blass. Zudem wirkte er müde und ausgelaugt. Ihm ging es die letzten Wochen alles andere als gut und urplötzlich machte er sich Vorwürfe, dass er nicht hartnäckiger gewesen war, als er ihn besuchen wollte.

„Hm...“ antwortete Ken nur und sah sich suchend um.

„Keine Angst, die beiden sind nur an der frischen Luft.“ Komiko sah zwischen den beiden hin und her.

„Ich denke, ich gehe besser...“ murmelte Ken und wandte sich ab.

„Ken!“ Yuki hielt ihn fest und sah ihn ernst an. „Ich würde mich freuen, wenn wir uns mal treffen könnten... zum reden und so. Oder vielleicht kann ich dich besuchen kommen, wenn es dir passt.“ Ken nickte und er warf einen raschen Blick auf das rothaarige Mädchen.

„Sicher doch...“ Yuki war sichtlich erleichtert, diese Antwort zu hören. „Bye, und vielen Dank!“ Er lächelte kurz und war dann verschwunden.

„Puh...“ Yuki seufzte ungewollt auf und setzte sich dann.

„Du bist froh, dass er dich nicht abgewiesen hat, oder?“ fragte Komiko und Yuki nickte.

„Ja... ich weiß nicht, ich war ihm nie so nah, wie ein richtiger Freund, nicht einmal jetzt, wo das passiert ist. Ich will das ändern... mir liegt viel mehr an ihm, als ich dachte. Außerdem war ich ja mit dran Schuld, dass das alles passiert ist.“ Er erinnerte sich zurück und schloss die Augen.

„Dann haben wir ja dasselbe Ziel!“ Komiko lächelte kurz und küsste ihn dann.

 

„Ken?“ Tetsuya fuhr herum, als Alex das sagte und sah zu Ken. Dieser kam gerade aus dem Café. Der Rotschopf saß auf einem Fahrradständer und starrte nun zu Ken, während Kens Bruder mit ihm geredet hatte.

„Na endlich... wir können also endlich fahren?“ Tetsuya kam auf ihn zu. „Hast du deine Konservationen beendet?“ Ken nickte stumm. Gut... gehen wir, ist eh schon spät genug geworden!“ Alex stand auf und trat zu ihnen. Er war es langsam leid, so lange zu warten, vor allem weil er ungemein neugierig war. Und jetzt war er in einem fremden Land, und er würde in ein fremdes haus kommen, mit einem Jungen, der so alt war wie er. Er hatte schon die ganze Zeit seine Neugierde zügeln müssen, denn eigentlich war er so wie Ken vor dem Unfall war. Aufbrausend, nie um ein Wort verlegen und für jeden Spaß zu haben. Er redete gerne und viel, selbst wenn es andere störte. Nur wenn er neu war und niemanden kannte war er schüchtern, er musste zunächst abschätzen können, wie die Leute um ihn herum waren um sich auf sie einspielen zu können und ob er ihnen vertrauen könnte. Erst dann würde er sein richtiges Ich zeigen. In der Beziehung war Alex fast schon eine gespaltene Persönlichkeit, er war ruhig, richtiggehend introvertiert gegenüber Fremden oder Leuten, die er nicht mochte, aber zu Freunden war er offen, hilfsbereit, loyal und ehrlich. Seine größte Schwäche war seine extreme Neugierde, doch bisher hatte es ihn in keine größeren Schwierigkeiten gebracht, bis auf einmal.

„Alex... kommst du?“ Der Junge fuhr aus seinen Träumen und bemerkte, wie ihn die beiden ansahen. Rasch nickte er und lief zu ihnen, um einen Anflug von Verlegenheit zu unterdrücken.

Ken verkrümelte sich wieder auf die Rückbank. Er hatte wahnsinnige Kopfschmerzen, jetzt wo er sich bei Komiko auggeheult hatte. Irgendwie war es ihm jetzt ungemein peinlich, doch es ließ sich nicht mehr ändern. So hatte er auch keine Lust noch großartig mit Tetsuya zu reden, doch dieser ließ ihn zu seiner Überraschung in Ruhe. Er drehte das Radio an und sagte auf der ganzen Fahrt kein Wort, so dass es seinem Bruder fast schon so vorkam, als hätte er etwas angestellt. Sie kamen gegen vier Uhr nachmittags endlich bei dem großen alten Haus an.

„Wie sind da...“ Alex stieg langsam aus und betrachtete überrascht das Haus... er hatte nicht erwartete, dass es so groß sein würde. Irgendwie war er aufgeregt, jetzt wo er endlich da war. „Ab sofort wohnst du hier mit Ken.“ Tetsuya kam zu dem Rotschopf und wuschelte ihm durchs Haar. Ken stieg aus und ging auf das Haus zu. „Kannst du uns wenigstens helfen die Sachen von Alex reinzubringen?“ rief ihm Tetsuya wütend zu.

„Sorry, mir geht’s nicht so gut...“ Ken winkte kurz, ohne sich umzudrehen. „Macht ihr das bitte... ich leg mich hin!“ Er verschwand und sein Bruder sah ihm wütend nach.

„Dieser...“

„Schon okay.“ Beschwichtigte ihn Alex. „Er sieht müde aus... du hast mir erzählt er hat kaum geschlafen.“ In Gedanken fügte er noch hinzu, dass Ken geweint haben musste, so wie sein Gesicht aussah. Seine Augen waren gerötet gewesen, als er aus dem Café kam, doch er hatte nichts sagen wollen. Er würde sicher Kopfschmerzen haben.

„Na gut... soviel hast du ja auch nicht!“ sagte Tetsuya und begann den Kofferraum auszuladen. Gemeinsam schafften sie die Sachen ins Haus und trugen sie in das Gästezimmer in die erste Etage. Als sie schließlich fertig waren, gingen sie ins Wohnzimmer. Ken lag auf der Couch und hatte die Augen geschlossen. Mit der einen Hand fasste er sich an die Stirn.

„Ich geh dann, Ken!“ sagte Tetsuya laut und Ken sah ihn mit einem leicht verklärtem Blick an. „Ich komme morgen Abend vorbei und sehe nach dem rechten... in drei Tagen geht für euch die Schule wieder los,... Alex, ich kümmer’ mich um den Rest.“

„Wie ein Babysitter...“ murmelte Ken, dem es nicht so ganz passte, dass Tetsuya wohl die nächsten zwei Wochen jeden Tag vorbeikommen wollte.

„Hast du was gesagt?“ Tetsuya sah ihn mit einem durchdringenden Blick von oben her an. Ken schwieg erst, dann sagte er laut:

„Nein, Sir!“ Er salutierte und schloss die Augen. Tetsuya lächelte überrascht, es war ganz offensichtlich, dass ihm Komikos Gespräch sehr geholfen hatte. Er gewann langsam etwas seines Humors zurück.

„Also dann... bis morgen.“ Tetsuya ging zur Tür und blieb noch einmal stehen. „Und Ken, sei ja lieb zu ihm! Alex... du hast meine offizielle Erlaubnis ihm eine zu scheuern, falls er gemein ist.“

„Wie großzügig!“ maulte Ken.

„Bis morgen... lasst euch die zeit nicht zu lang werden!“ Dann war er verschwunden, man hörte nur noch wie er den Flur entlangging, sich die Schuhe anzog und wie die Tür ins Schloss fiel. Stille zog auf.

„Willst du nicht gehen und auspacken?“ fragte Ken schließlich.

„Hm...“ antwortete Alex und betrachtete Ken stumm. Er musste wahnsinnige Kopfschmerzen haben, so wie er dalag. „Wo ist die Küche?“ fragte er schließlich. Ken sah ihn überrascht an und deutete dann schräg durch den Raum auf eine Tür, die offen stand. Alex ging schweigend in die Küche, knipste das Licht an und suchte den Kühlschrank.

//Was macht er da?// kam es Ken in den Sinn, doch er gab es auf, warum sollte er sich darum kümmern? Er schloss die Augen und erst als er plötzlich etwas kühles auf der Stirn fühlte schreckte er auf und sah überrascht zu Alex. Er hatte einen Eisbeutel auf der Stirn und Alex war über ihn gebeugt.

„Was machst du da?“

„Gegen die Kopfschmerzen... du hast doch welche, nicht wahr?“ Ken sah ihn fragend an. Dann schüttelte er den Kopf, wütend darüber, dass er so leicht zu durchschauen war und gab ihm den Eisbeutel zurück.

„Quatsch... das merke ich sofort... sei nicht so dickköpfig!“ Er legte ihm den Eisbeutel auf den Kopf und drückte Ken zurück.

„Nein... habe ich nicht!“ schnappte Ken zurück.

„Und ob... ich hab dich doch beobachtet... außerdem hast du geweint, als du mit diesem Mädchen geredet hast! Ich hab doch keine Tomaten auf den Augen! Also leg dich hin und ruh dich aus!“ Ken gab auf und starrte überrascht auf den Jungen über ihn. Dieser trat einen Schritt zurück und sah Ken musternd an. Er war froh, dass er ihn überzeugt hatte. „Ich geh meine Sachen auspacken... mach was du willst!“ Alex machte auf dem Absatz kehrt und verschwand. Ken sah ihm grübelnd hinterher. Er hatte nicht erwartet, dass er Alex sogar das bemerkt hatte. Und zudem war er mindestens genauso dickköpfig, wie er. In dem Punkt war er fast wie Shingo, der war auch so hartnäckig gewesen, kurz nachdem er den Motorradunfall hatte und im Krankenhaus lag. Wieder ertappte er sich dabei, dass er Alex mit seinem Freund verglich. Er schloss die Augen und ohne es zu merken schlief er ein.

Eine sanfte Berührung auf der Stirn riss ihn aus dem Schlaf. Ken genoss die vorsichtige Berührung, erst dann öffnete er die Augen. Er blickte in zwei grüne funkelnde Augen und erst als ihm klar wurde, wer da auf der Kante saß, schreckte er auf. Alex zog seine Hand zurück und stand auf.

„Essen ist fertig...“ sagte er und Ken sah ihn verwirrt an. „Es ist schon nach sieben, du bist eingeschlafen...“ fuhr Alex fort und ging in die Küche. Der Schwarzhaarige war zwar verwirrt, doch langsam stand er auf und warf noch mal sicherheitshalber einen Blick auf die große Standuhr. Es war wirklich schon viertel acht. Er ging in die Küche und setzte sich müde. Wenigstens waren seine Kopfschmerzen weg.

„Hier...“ Alex reichte ihm eine Schüssel Reis und erst nach einigem zögern nahm Ken diese an.

„Danke...“ murmelte er und sie begannen schweigend zu essen. Es war merkwürdig, er aß seit Wochen das erste Mal wieder etwas zu Abend und dann nicht mal allein. Er begann Alex nun genauer zu mustern... er ähnelte Shingo irgendwie, die Ausstrahlung war ähnlich, obwohl sie komplett anders aussahen. Seine Haare waren rot und schimmerten leicht. Er hatte kürzere als Shingo und einen zerzausten Pony, der ihm immer ins Gesicht fiel. Seine Augen waren lebendig und tiefgrün, mit den Haaren bildeten sie einen wunderbaren Kontrast. Seine Haut war blass. Jetzt wo sich der Junge umgezogen hatte, konnte Ken erkennen, dass er wirklich muskulös war. Zu Beginn hatte er ihn wie Shingo eingeschätzt, zerbrechlich und sensibel. Und Ken entdeckte eine fast fünf Zentimeter lange Narbe am Oberarm des Rotschopfes. Sie reichte ihm fast bis in die Ellenbeuge und die Verletzung schien einmal recht tief gewesen zu sein. Urplötzlich kehrte Kens Neugierde zurück, er wollte Alex besser kennen lernen, jetzt wo sie schon zusammen wohnten.

„Ken-san...“ Der Angesprochene sah ihn überrascht an und sah ihn fragend an.

„Was ist?“ Seine Antwort klang barscher, als er beabsichtigt hatte, denn Alex fuhr ein wenig zurück. Sie hatten sich nun schon über zehn Minuten angeschwiegen, für den Deutschen eine regelrechte Tortur, da er nie länger als ein paar Minuten still sein konnte. Zudem hatte er heute Ken kennengelernt, und er war es gewöhnt zu reden. „Tut mir leid... ich wollte nicht so schreien.“ Sagte Ken ruhig und stellte die Schüssel weg. Er hatte kaum etwas gegessen, ihm fehlte immer noch der Appetit. //Wie sehr muss er sie geliebt haben...// dachte Alex bei dich, und konnte die Enttäuschung nur schwer unterdrücken. Ken sah ihn lange an und seufzte dann.

„Wieso musst du mich so ansehen?“ Ken lächelte etwas, doch sofort wurde er wieder ernst. Alex sah ihn fragend und verwirrt an. Was redete des Schwarzhaarige da nur?

„Wie?“ fragte er schließlich und starrte zur Seite.

„Vielleicht bilde ich mir das ja nur ein, oder ich wünsche mir ihn zu sehen.“ Ken atmete hörbar aus und schloss die Augen, als sich Alex zu ihm drehte.

„Wen?“ fragte er zögerlich.

„Shingo...“ antwortete Ken und sah ihn wieder an.

„Wer ist das?“

„Tetsuya hat dir nichts erzählt, das überrascht mich jetzt!“ Ken sah ihn erstaunt an und grinste dann.

„Nun ja... er hat mir von dem Unfall vor ein paar Wochen erzählt und dass deine Freundin dort gestorben ist...“ Ken hielt inne und sie sahen sich schweigend an. Alex wurde unsicher, hatte er vielleicht etwas falsches gesagt? Umso überraschter war er, als Ken plötzlich anfing zu lachen, und umso verwirrter wurde er letztendlich. Es dauerte eine Weile, bis sich Ken beruhigte.

„Er hat dir gesagt, meine Freundin sei dort gestorben?“

„Naja, nicht direkt...“ rechtfertigte sich Alex. „Er meinte, du hast eine wichtige Person verloren, und da dachte ich...“ Er wurde rot und wich Kens Blick aus.

„Nun ja... du hast schon irgendwie recht...“ Ken wurde wieder ernst. „Nur, dass sie ein er ist...“ Auf Alex überraschten Blick fuhr er fort. „Shingo ist vor fünf Wochen gestorben und es war ein Junge. Für mich war... ist er die wichtigste Person.“ Stille trat ein und es dauerte, bis Alex das eben gesagte verarbeitet hatte.

„Dann ward ihr ein Paar?“ Ken nickte. „Dann bist du...“ Alex stockte und sah auf sein Glas. Ken half ihm.

„... schwul... hm, könnte man so sagen.“ Er bemerkte Alex’ Reaktion und fügte rasch hinzu: „Keine Angst, ich falle nicht über dich her. Mir ist nur aufgefallen, dass du ähnliche Augen hast, wie Shingo.“ Er stand auf und wandte sich zum gehen. „Tut mir leid, dass ich nicht ganz so bin, wie du es dir gedacht hast... ich überlasse es dir, ob du bleiben oder gehen willst.“ Ken war schon fast aus der Küche verschwunden, als er sich nochmals umdrehte und etwas hinzufügte: „Ich geh besser ins Bett... lass den Abwasch stehen, ich mach den morgen früh. Gute Nacht!“ Alex starrte stumm vor sich hin und Ken verließ die Küche. Leise ging er die Treppe hinauf in sein Zimmer und schloss die Tür. Er sank auf das Bett und stützte den Kopf in die Hände. //Was hab ich da eigentlich gemacht?//

Er wusste nicht, warum er das alles gesagt hatte, es kam einfach aus ihm heraus, eigentlich wollte er so etwas nie sagen. Müde fuhr er sich durch die Haare und ließ sich dann in die Kissen fallen. „Was mache ich eigentlich?“ murmelte er und schloss die Augen. Ihm fielen die überraschten Augen des rothaarigen Jungen wieder ein, jemand, den er erst heute kennengelernt hatte, von dem er gar nichts wusste... wieso erzählte er ihm so etwas?

 

Alex saß schweigend in der Küche. Seine Gedanken liefen förmlich Amok, und für kurze Zeit übermannte ihn eine gewisse Angst, die er jedoch unterdrückte. Das, was er nicht erwartet hatte, war eingetreten, und er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Nachdem er sich beruhigt hatte fuhr er sich durch die kurzen Haare und ließ den Kopf auf den Tisch sinken. Schließlich ruhte dieser zwischen seinen Armen und urplötzlich kam wieder dieses panische Gefühl in ihm auf.

„Warum?“ murmelte er und Tränen stiegen in ihm auf. „Ich bin hierher gekommen, um alles zu vergessen... wieso muss er die alten Wunden wieder aufreißen, so dass ich nicht vergessen kann!“ Seine Hand fuhr über die Narbe und er betrachtete sie. Er wollte das Erlebnis vergessen, doch Ken war schwul, und es erinnerte ihn daran. Sollte er nicht doch besser Tetsuya anrufen und woanders hinziehen. Doch Alex wusste, dass es schon zu spät war. „Mist...“ brachte er gepresst hervor und schluchzte. „Verfluchter Mist!“

 

Ken erwachte am nächsten Tag, als es fast Mittag war. Müde reckte er sich und ließ sich in die Kissen fallen. Er hatte schon lange nicht mehr so gut geschlafen und er fühlte sich wesentlich besser als gestern. Er ließ den gestrigen Tag Revue passieren, bis ihm einfiel,  dass er ja von jetzt an nicht mehr alleine wohnen würde. Rasch stand er auf und zog sich an. Eigentlich wollte er duschen gehen, doch zuerst wollte er nach Alex schauen. Zudem wollte Tetsuya kommen, und da er bald Mittagspause hatte, würde er innerhalb der nächsten halben Stunde auftauchen. Er ging kurz ins Bad, um sich wenigstens frisch zu machen. Müde starrte er in den Spiegel und fuhr sich dann durch die Haare. Sie waren in den letzten Monaten noch länger geworden. Sie fielen ihm nun weit über die Schulter und auch der Pony war kaum noch zu erkennen. Er würde wohl demnächst wieder zum Friseur müssen. Für heute würde ein Zopf reichen um seine Haare zu bändigen, also suchte er sich einen Gummi und wand seine Haare zusammen. Nur ein paar Strähnen fielen in sein Gesicht.

Erst jetzt fiel ihm auf, wie mager er doch wirkte, sein Gesicht war noch schmaler und die Augen waren geprägt von Trauer und Einsamkeit. Fast alle seine Sachen waren ihm zu groß geworden. Er seufzte leise und gestand sich ein, dass es so wirklich nicht weitergehen konnte. Er verließ das Bad und ging die Treppe hinunter. Vielleicht war Alex ja in der Küche oder im Wohnzimmer. Tatsächlich fand er Alex im Wohnzimmer. Er saß auf der großen Couch und hatte die Beine zu sich gezogen. Er trug eine lange schwarze Hose und ein hautenges ärmelloses T-Shirt. Er sah sich irgendwelche Animes im Fernsehen an, doch Ken merkte, dass er sich langweilte.

„Morgen...“ sagte Ken und versuchte freundlich zu klingen.

„Mittag, trifft’s besser.“ Entgegnete Alex und sah ihn aus dem Augenwinkel an.

„Seit wann bist du wach?“ Alex sah ihn nun verwundert an. Er hatte nicht erwartet, dass Ken ein Gespräch beginnen würde.

„Seit neun Uhr vielleicht... in der Küche ist noch essen für dich... ich hab dir was warmgehalten.“ Ken nickte und lächelte. Sein Blick fiel ungewollt auf die Narbe des rechten Oberarmes. Schließlich bemerkte Alex, worauf Ken starrte und drehte sich so weg, dass er den Arm versteckte. Leicht wütend starrte er in die violetten Augen.

„Tut mir leid...“ murmelte Ken und ging in die Küche. Er war neugierig, doch der Blick des Rotschopfes zeigte ihm, dass dieser unter keinen Umständen mit ihm darüber reden würde. Er kannte Alex überhaupt nicht, und langsam kehrte in Ken die Lebenslust wieder. Er war in einer Beziehung, wie Shingo... unheimlich hartnäckig und dickköpfig. Er wohnte nun mit Alex zusammen, also war es natürlich, dass er ihn besser kennen lernen wollte, um sich besser mit ihm anzufreunden. Es war das erste Mal, nach Shingo, dass Ken eine Freundschaft aufzubauen versuchte. Vielleicht lag es daran, dass er die Einsamkeit hasste und weil er aufhören wollte zu trauern.

„Hast du Lust, mit rauszugehen? Ich dachte ich zeige dir ein bisschen die Stadt!“ Ken lächelte und kam mit ein paar belegten Broten auf einem Teller ins Wohnzimmer.

„Wirklich... klar hab ich Lust!“

„Super, wir müssen nur noch warten bis mein Bruder seine ‚Visite’ abgeschlossen hat...“ Der Junge setzte sich zu Alex und verschlang regelrecht die Brote. Alex lächelte etwas... Ken machte schon einen anderen Eindruck als gestern, er schien ein sehr wandelbarer Charakter zu sein. Alex nickte und schon im nächsten Moment  klingelte es an der Tür. Der Rotschopf öffnete und ließ Tetsuya herein.

„Hallo... na wie sieht’s bei euch aus?“ begann er und ging mit Alex ins Wohnzimmer. „Ken, du bist schon wach?“

„Hm...“ murmelte dieser und stellte den Teller auf den Tisch.

„Du siehst richtig gut aus, heute morgen...“ Tetsuya setzte sich zu ihm und wuschelte ihm durchs Haar. „Dann war meine Idee doch super... man, bin ich gut!“ Tetsuya hatte Mühe sich zu beherrschen. Er hatte nicht vermutet, dass Ken sich so leicht erholen würde. Nun jedenfalls ging es bergauf, auch wenn man ihm immer noch die Trauer ansah. Dazu hatte wohl auch Komikos Gespräch beigetragen. „Und bei dir?“ Er wandte sich an Alex. „Hat Ken sich irgendwie daneben benommen?“ Er spürte den gekränkten Blick von diesem und beugte sich nun vollkommen auf Kens Kopf, so dass dieser den Kopf weit senkte.

„Nein... wir wolle uns nachher die Stadt ansehen.“ Antwortete Alex.

„Wirklich, ich kann euch bis in die Stadt mitnehmen, wenn ihr wollt... genau, das machen wir!“ Er lächelte zu Alex und spürte dann ein Zwicken in seinem Arm.

„Geh endlich runter von mir, du bist schwer!“ fauchte Ken und Tetsuya ließ ihn grinsend los.

„Sei doch nicht so... Brüderchen!“ Tetsuya spielte etwas... wie sehr hatte er diese kleinen Streitereien und Spielchen mit seinem Bruder vermisst und er wollte es sich nicht nehmen lassen.

„Ich hole noch schnell ein paar Sachen und ziehe mich um!“ rief Alex den beiden zu und verschwand.

„Glaubst du, dass ihr miteinander klarkommt?“ Tetsuya war nun wieder ernst.

„Ich denke schon... es wird nur etwas dauern, ich weiß ja gar nichts über ihn, aber er ist sehr nett... nur manchmal etwas unnahbar.“

„Wie nennst du dich denn... du warst gestern unausstehlich, bevor du mit Komiko gesprochen hast... hat dir anscheinend gut getan!“ Ken nickte und sah zur Seite.

„Das Leben geht weiter... auch ohne Shingo!“ sagte Ken traurig. Tetsuya sah ihn mitfühlend an. „Ach übrigens... du hast Alex nicht gesagt, dass... dass ich schwul bin.“ Tetsuya sah ihn überrascht an. Jetzt wo er darüber nachdachte stimmte das wohl.

„Hehe... vergessen... wieso, hat er was dagegen?“

„Ich weiß nicht.“ Ken zuckte mit den Schultern. „Er sah nur sehr verstört und erschrocken aus, als ich ihm das gesagt habe. Hoffentlich hat er keine Probleme damit!“ Ken machte sich scheinbar Gedanken darüber.

„Quatsch... lernt euch erst mal besser kennen, dann klappt der Rest von alleine“ Er lächelte und fuhr Ken sanft über die Haare. Um ehrlich zu sein, war Tetsuya mehr als erstaunt über Kens Veränderung, wenn er trauerte, so zeigte er dies nicht offen heraus, aber er schien sich endlich wieder aufzurappeln. Zum einen weil er mit Komiko geredet hatte, das war sicher, und vielleicht auch, weil er ab sofort nicht mehr alleine war. „Hehe.. und vielleicht kommt ihr ja zusammen!“ scherzte Tetsuya und fing sich einen Hieb mit dem Ellenbogen ein. „Aua, das tut doch weh!“ Ken funkelte ihn wütend an.

„Soll es ja auch... ich hab nicht vor so schnell eine neue Beziehung einzugehen. Immerhin ist Shingo nicht mal sechs Wochen weg...“

//Das geht manchmal schneller als es dir lieb ist// dachte Tetsuya bei sich. Sie schwiegen lange, bis Alex zurückkam. Er hatte sich umgezogen und trug nun ein blaues T-Shirt, eine helle Jeans und eine weiße dünne Jacke. Im Gegensatz zu Ken, der wieder nur schwarz trug, wirkte er schon richtig bunt. „Gehen wir...“ sagte Tetsuya.

 

Die Straßen waren voll, es war gerade Mittagszeit und mit am wärmsten. Die meisten Leute schlenderten in ihrer Mittagspause durch die großen Einkaufspassagen oder saßen in Cafés um die Sonne zu genießen. Es war nicht so warm, da gerade der Juni begonnen hatte, es war eine angenehme Wärme. Ein leichter Wind wehte und es war ebenso schön, wie gestern. Wie immer um diese Zeit waren die Straßen weitestgehend verstopft und so ließ Tetsuya die beiden am Rand eines Parks heraus. Er wünschte ihnen noch viel Spaß, ehe er um eine Ecke verschwand.

„Was nun? Gehen wir in den Park,... der hier ist sehr schön!“ Alex nickte und schweigend gingen sie durch eine große reichlich verschnörkelte Eisentür. Der Park war riesig und wunderschön angelegt, in der Mitte befand sich eine riesige Standuhr, ein beliebter Treffpunkt für Pärchen und Freunde. Ken erinnerte sich, dass es an dieser Uhr war, wo er Shingo seine Liebe gestand. Seine Stimmung änderte sich wieder, und er wurde melancholisch und traurig. Alex musterte ihn unschlüssig. Sollte er vielleicht mit ihm reden, er hasste diese Stille, immerhin konnte er nie lange den Mund halten. Bisher hatten sie noch nie viel geredet, das meiste, was er über Ken wusste, hatte er von Tetsuya erfahren.

Plötzlich blieb Ken stehen und setzte sich auf eine weiße Bank. Sie waren direkt an der Uhr angekommen. Der Schwarzhaarige kramte eine Packung Zigaretten aus und nahm sich eine. Danach, bot er Alex eine an, doch dieser lehnte ab.

„Nein, danke... ich rauche nicht mehr!“ Er setzte sich zu Ken und schweigend zündete sich Ken seine an und zog daran.

„Du hast mal geraucht?“

„Ja.. eine ganze Weile...“ Wieder Schweigen.

„Du hast gestern so geschockt ausgesehen, als ich gesagt habe, dass ich schwul bin.“ Begann Ken und sah Alex schräg von der Seite an. „Ist es... schlimm für dich?“ Alex schwieg, er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. „Oder... hast du was dagegen?“

„Nein!“ herrschte ihn Alex energisch an und fuhr sich mit der Hand über den Mund. Er war erschrocken über diese plötzliche Äußerung, ebenso war es Ken. „Nein...“ sagte er ruhiger. „Es ist nicht so, dass es mir etwas ausmacht... ich hab nur mal eine schlechte Erfahrung gemacht, das ist alles.“ //Ich kann es ihm nicht sagen... nicht jetzt schon// Ken nickte, obwohl er ihn nicht richtig verstand. „Ich habe nichts dagegen...“

„Hm...“ antwortete Ken nur und starrte wieder auf die Uhr. Er hatte bemerkt, dass Alex sich verkrampft hatte, anscheinend wollte er nicht darüber reden. Sie saßen noch gut fünf Minuten da, bis Alex schließlich etwas sagte:

„Warum guckst du so traurig... vorhin warst du doch noch so gut gelaunt.“

„Ich habe nachgedacht... mir ist eingefallen, dass ich Shingo hier... nun ja, vielleicht interessiert dich das ja nicht!“

„Nein...“ wehrte Alex ab und sah den anderen beleidigt an. „Ich würde gerne mehr über dich und den Jungen erfahren, den du geliebt hast... warum erzählst du mir nicht ein wenig davon?“ Ken sah ihn überrascht an, er hatte nicht erwartet, dass Alex sich dafür interessieren würde. Schließlich nickte er.

„Aber du erzählst nachher auch was von dir, okay?“ Alex lächelte und stimmte dann zu. „Nun... ich hab hier Shingo gesagt, dass ich ihn liebe... ich hab mehr als 3 Stunden hier auf ihn gewartet!“

„Wow...“ entfuhr es Alex. „So lange...“ Ken nickte und fuhr fort. Mit der Zeit entwickelte sich ein reges Gespräch zwischen den beiden und Ken berichtete ihm alles von Shingo, wie sie sich getroffen hatten, wann sie ein Paar wurden und was er an ihm gemocht hatte. Irgendwie merkte man jetzt schon, dass er viel freier und lockerer über seinen Freund sprach, als noch vor ein paar Tagen. Ken konnte sogar schon wieder über einige Sachen lachen, obwohl es ihm immer noch wehtat. Nachdem er fertig war, schwiegen sie etwas. Alex hatte nun erfahren, wie Shingo gestorben war und konnte nun auch die übermäßige Trauer von Ken verstehen.

„Hast du... ein Bild von ihm?“ fragte Alex nach einiger Zeit, „Ich bin nur neugierig... du hast ihn mir ja vorhin beschrieben.“

„Sicher.“ Ken kramte in seiner Jackentasche und zog zwei Photos hervor. „Die sind auch hier aufgenommen, im Winter... ich hab daheim ne ganze Menge...“ Er reichte sie Alex und dieser betrachtete sie mit derselben Neugierde, wie Komiko den Tag zuvor. Alex musste sich eingestehen, dass Shingo wirklich niedlich war... sehr feine Gesichtszüge hatte und schöne Augen. Zudem war sein Lächeln wirklich schön. Schließlich gab er Ken das Bild zurück. „Er ist wirklich niedlich...“ murmelte er und Ken nickte.

„Jetzt bist du dran!“ Er grinste und kramte eine Zigarette hervor. Alex sah ihn fragend an. „Na, ich hab dir von Shingo erzählt, jetzt erzählst du mir was von dir.“ Er streckte sich etwas und räkelte sich in der Sonne, bevor er sich die Zigarette ansteckte.

„Nun, so viel gibt es da nicht zu erzählen...“ begann Alex. „Ich komme aus Deutschland, bin 17 und... na ja, ich weiß nicht, was du wissen willst!“

„Warum bist du hierher gekommen?“ fragte Ken direkt.

„Nun,... weil... weil ich das Land mag und gerne sehen wollte, wie hier die Schule ist.“ Ken musterte ihn von der Seite. Zu einem gewissen Teil stimmte das auch, er wollte schon immer mal nach Japan. Doch es gab noch einen anderen Grund. Diesen Ken nun auf die Nase zu binden wäre schwachsinnig, und so ließ er das.

„Hm...“ murmelte Ken und zog an seiner Zigarette.

Die beiden blieben den ganzen Tag im Park sitzen. Sie unterhielten sich einfach und entdeckten so, dass sie ähnliche Interessen hatten. Beide waren in Mathematik gut, in anderen Fächern weniger, Sport war auch kein Problem für sie. Zudem mochte Alex auch Motorräder, zwar nicht so sehr wie Ken, doch sie hatten eine weitere Gemeinsamkeit. Doch Alex konnte, wie Shingo sehr gut kochen, was Ken gar nicht konnte. Zudem war der Rotschopf gut im Haushalt, er hatte es lernen müssen.

„Du hast Angst im Dunkeln?“ fragte Ken amüsiert und musterte Alex, der knallrot neben ihm saß und vorsichtig nickte. „Ist doch nicht schlimm... weißt du ich hasse Spinnen.“ Er grinste und Alex sah ihn an.

„Naja... ich mag einfach keine kleinen, engen, dunklen Räume.“ Fügte er schüchtern hinzu und Ken lächelte.

„Ist doch nicht schlimm... wenn du Angst hast, kannst du ja gerne bei mir schlafen!“ Er sagte dies ohne nachzudenken, und dachte sich eigentlich nichts dabei, doch Alex reagierte ein wenig erschrocken. Er wurde noch eine Spur röter und wandte sich schließlich ab. „Hey, krieg das nicht in den falschen Hals!“ sagte Ken und fuchtelte mit den Armen. „So war das nicht gemeint!“ Ken errötete etwas und beide schwiegen. Schließlich stand Ken auf. Es war kühl geworden und die Sonne verschwand langsam hinter den Hochhäusern der Stadt und färbte diese in eine rötliches Licht. „Gehen wir... es ist spät!“ Alex nickte und gemeinsam gingen sie Richtung Haus.

Sie sprachen den ganzen Heimweg über kein Wort miteinander, da keiner wusste, was er sagen sollte.

 

 

 

 

 

 

You must set the /tmp/ad_network_ads.txt file to be writable (check file name as well).