Hier ist der zweite Teil von:
Darf es so sein?
2. Kapitel: In die Ferne
Masaru wachte früh auf, halb sieben. Seine Eltern schliefen sicher noch. Leise schlich er sich mit einer Tasche durch sein Zimmer und stopfte die wichtigsten Sachen hinein, Klamotten, ein Foto seiner verschwundenen Schwester und sein Stoffkrokodil. Mehr brauchte er nicht.
Leisen Fußen lief er durch die Diele, zog Jacke und Schuhe an und schlüpfte aus der Tür. Draußen regnete es in Strömen, seine Uhr zeigte kurz vor sieben an. Bibbernd blieb er stehen wo er war.
Ein großes blaues Auto bog um die Ecke und hielt vor ihm, die hintere Tür ging auf, Masaru stieg ohne zu Zögern ein. "Guten Morgen, Masaru!", eine tiefe, sanfte Stimme sprach zu ihm, aber er verstand nicht was sie sagte.
Fragend sah er den Mann vor sich an, dieser musste lächeln.
"Das heißt Guten Morgen auf Deutsch. Du wirst die Sprache schnell lernen, du bist ja noch jung."
Masaru nickte vorsichtig, die deutsche Sprache klang irgendwie rau und fremd, trotzdem rief er sich die ersten Worte des Fremden in den Kopf und sagte etwas gebrochen:"Guten Morgen."
"Du lernst wirklich schnell, das ist gut! Das wird meinen Jan freuen. Du könntest ihm doch vielleicht etwas Japanisch beibringen?"
Masaru nickte wieder, er musste tun, was dieser Mann wollte, so nett er auch zu ihm war, er hatte ihn gekauft und somit gehörte Masaru diesem Mann.
"Jan, ist das ihr Sohn, Herr?"
"Ja, das ist er, er ist genauso alt wie du. Aber nenn mich nicht "Herr"! Sag ruhig Roland zu mir, ich duze dich doch schließlich auch."
Verwirrt sah Masaru den Mann an, dann sagte er leise:" Ja, Roland."
Den Rest der Fahrt schwiegen beide vor sich hin, als der Wagen hielt deutete Roland ihm an, ihm zu folgen. Beide stiegen aus dem Auto und gingen in den Flughafen.
Masaru war noch nie geflogen, er hatte unglaubliche Höhenangst. Er wurde kreidebleich. Trotzdem ging er todesmutig, die Hände um den Griff seiner Tasche verkrampft hinter Roland her.
Zehn Minuten später saß der kleine Junge neben Roland in der Maschine, er hatte Angst, große Angst sogar. Auf seiner Stirn bildeten sich jede Menge Schweißperlen, bis plötzlich ein Taschentuch zum Vorschein kam und diese wegwischte. Erschrocken sah Masaru auf und blickte in das väterlich lächelnde Gesicht von Roland.
"Keine Sorge, da passiert schon nichts. In einer Stunde sind wir wieder auf dem Boden. Wir landen in Hannover, wenn dir das etwas sagt."
"H..A..N..N..O..V..E..R..", nachdenklich wiederholte Masaru den fremden Namen, dann schüttelte er den Kopf.
Roland erklärte ihm, wo Hannover lag, wo er selbst sein Anwesen hatte, wie es dort aussah und vieles, vieles mehr. Das alles sog der Kleine wissbegierig auf und irgendwie bekam er es sogar hin sich die ganzen fremden Namen zu merken.
"Wir sind gleich da, Masaru! Du hast es überstanden."
Masaru war enttäuscht, er hätte gerne noch mehr über seine neue Heimat gehört, aber leider war der Flug vorbei.
Leider? So was dachte er? Vielleicht war fliegen doch nicht so schlimm, so lange man nicht aus dem Fenster sah.
Sie wurden abgeholt und nach einer halben Stunde stand Masaru vor einer riesigen Villa.
"Glaubst du, dir kann es hier gefallen?", Roland trat hinter ihn, " du wirst mit Jan ein Zimmer teilen, wenn es dich nicht stört."
"Roland, wie sagt man auf Deutsch ja und nein?"
Roland sagte ihm die Worte.
"Dann lautet meine Antwort auf die erste Frage "ja" und auf die zweite Frage "nein"."
Er grinste frech vor sich hin, Roland nickte lachend:"Gut dann ist ja alles klar! Komm mit, ich bringe dich zu Jan."
Sie gingen durch eine große Halle, über eine Treppe in den ersten Stock und kamen schließlich vor einer Tür an, an die Roland anklopfte:"Jan, darf ich reinkommen?"
Es blieb still.
Schulterzucken öffnete Roland die Tür und ging einfach hinein.
Masaru folgte ihm langsam, das Zimmer das er betrat, war so groß wie das Haus seiner Eltern, und einen Balkon hatte es auch, von dem aus, man auf ein nahegelegenes Waldstück blicken konnte, dort stand ganz allein ein Junge und starrte in die Ferne. Er schien beide gar nicht zu beachten, Roland deutete auf eins der beiden Betten und Masaru legte seine Tasche darauf ab. Der Junge hatte sie anscheinend doch bemerkt, denn er kam wütend auf seinen Vater zu, seine Augen glitzerten böse.
Doch Roland verließ fast im gleichen Moment das Zimmer, man konnte nur noch hören, wie er etwas auf Deutsch sagte und dann die Treppe hinunterging.
Wütend starrte der blonde Junge die Tür an, als wolle er sie gleich zertreten. Dann drehte er sich zu Masaru um, der ihn fragend anblickte:"Was starrst du mich so an!"
Masaru verstand kein Wort von dem was der andere sagte, aber er hörte eindeutig den bösen Ton in dessen Stimme. Sein Blick blieb weiter auf Jan gerichtet, doch dieser ging einfach wieder auf den Balkon hinaus, dabei wollte Masaru doch nur wissen, was Roland ihnen gesagt hatte, aber wahrscheinlich konnte Jan kein Wort Japanisch. Er kam sich verloren vor, der andere Junge starrte immer noch auf den Wald hinunter.
Masaru entschloss sich erstmal seine Sachen auszuräumen, warum war Jan nur böse auf ihn? Er legte die Kleider in den nächsten freien Schrank, stellte das Foto neben dem Bett auf und schmiss sein Stoffkrokodil auf das Bett.
Er stopfte die Tasche noch in den Schrank, als er merkte das Jan auf ihn zukam und ehe er etwas machen konnte, hatte Jan ihm eine runtergehauen. Wut flackerte in seinem Blick, dann ging er einfach aus dem Raum, verwirrt sah Masaru ihm nach, vorsichtig befühlte er seine Wange, es schien noch alles heil zu sein. Zögernd stand er auf und folgte dem anderen Jungen. Er landetete in einem großen Raum, ein riesiger Tisch mit einer Unmenge von Essen stand da und Roland war da, Jan saß neben seinem Vater und musterte Masaru kalt und abwertend.
Roland deutete Masaru sich zu setzen. Man begann mit dem Essen, doch Masaru wollte wissen was Roland ihnen vorhin zugerufen hatte: "Roland, was hast du uns vorhin zugerufen? Ich verstehe doch kein Deutsch."
Roland sah erst besorgt zu Jan, der aber ganz mit seinem Essen beschäftigt zu sein schien, bevor er antwortete:"Ich hatte euch zugerufen, dass ihr bitte gleich zum Essen kommen solltet, tut mir leid, ich hatte total vergessen, das du es nicht verstehst. Ich möchte nach dem Essen eh noch mit dir reden."
Als die Bediensteten das Geschirr abräumten, folgte Masaru Roland in ein warmes Wohnzimmer, wo er sich in einen großen Sessel fallen ließ.
"Was ist mit deiner Wange geschehen, Masaru?", Roland sah ihn nicht an, als er fragte, "hat Jan dich geschlagen?"
Masaru nickte vorsichtig:"Warum ist Jan so abweisend?"
"Ich hätte dir während des Fluges glaube ich mehr über ihn erzählen sollen, er hat keine Mutter mehr und macht mich schuldig für ihren Tod. Ich weiß nicht wieso. Er erhält hier Privatunterricht, weil er in der Schule immer Prügeleien anzettelte, er ist zwar erst sieben, aber schon sehr stark. Ich möchte aber nicht, dass er hier ganz alleine aufwächst, seit dem Tod seiner Mutter vor einem Jahr, hat er kaum noch geredet. Und außerhalb des Hauses war er auch nicht mehr. Ich bitte dich Masaru, versuche sein Freund zu werden, egal wie schwer es für dich wird, er darf nicht einfach so verkümmern. Verstehst du annähernd was ich meine?"
"Ja, ich glaube ich verstehe."
"Was dein Deutsch angeht, mach dir keine Sorgen, in spätestens einem Monat wirst du es können, ich werde dir ein Lexikon geben, mit dem du deutsche Wörter ins Japanische übersetzen kannst, vorher muss ich dir nur noch unser Alphabeth erklären, dann lernst du es mit der Zeit schon."
Den ganzen Nachmittag übten Roland und Masaru zusammen. Doch beim all dem Spaß, den sie dabei hatten, vergaß Masaru nie, das er Rolands Besitz war, er war nicht mehr frei.
Nach dem Abendessen fragte Masaru auf Deutsch, wobei er das Lexikon als Hilfe nahm:"Roland, ich darf nochmal raus?"
"Das heißt darf ich nochmal raus. Verstanden? Und ja du darfst, aber nicht zu lange, es wird früh dunkel zu dieser Jahreszeit", Roland sprach alles sehr langsam aus, und Masaru schlug jedes ihm unbekannte Wort nach, bis er nickte und ging.
Jan sah ihm abfällig hinterher, er wollte gerade den Raum verlassen, als sein Vater ihn ansprach:"Jan, behandle ihn nicht so schlecht!"
Dann ging er hoch in sein Zimmer und stellte sich wieder auf den Balkon, unter sich im Garten sah er Masaru am Teich sitzen.
"Wie soll ich diesen Jungen denn behandeln? Wie einen Freund? Ich kenne ihn doch gar nicht. Mama was soll ich tun?"
Mit mehr Neugier, als er sich eingestehen wollte, beobachtete er Masaru, der vergeblich versuchte einen Stein über das Wasser zu flippen, als Masaru sich enttäuscht auf den Boden fallen ließ, musste er lächeln, ganz gegen seinen Willen. Masaru sah zu ihm hoch und im nächsten Moment war er schon vom Balkon verschwunden, er schloss die großen Glastüren und zog die Gardinen zu. Dann setzte er sich vor den Fernseher.
Kurz darauf kam Masaru in den Raum, er ging auf ihn zu und fragte:"Darf ich mit sehen?" Ein abwesendes Nicken.
Gegen acht gingen beide ins Bett, alles war still. Masaru kuschelte sich ganz fest an sein Stoffkrokodil.
Beide schliefen sehr schnell ein.
Zweiten Teil überlebt? Spitze! Ich wusste es doch, meine Fanfics
bringen mehr als jedes Survival-Training! *gg*
Bis zum nächsten Teil!