Kapitel 3 - Im Nest des Blutengels
Der Blutengel legte den Jungen sanft ab. Dieser kauerte sich sofort auf dem staubigen Boden zusammen und machte die Augen ganz fest zu um nichts zu sehen. Der Blutengel hob den Jungen wieder hoch und legte ihn in eine kleine Hängematte, die an der Decke mit Hacken befestigt war, dann legte er sich auf einen Felsvorsprung, der mit Decken, Kissen und nachtschwarzen, großen Federn bedeckt war. Er legte elegant die großen, nachtschwarzen Flügel um sich und verzog sich wie ein Vogel darunter. Der Junge wartete eine Weile und stand dann auf. Er blickte sich staunend um. Die Wände waren mit Fellen bedeckt und der Boden ebenfalls. In jeder Ecke des Raums schwebte eine Kristallkugel frei in der Luft und verbreitete heimeliges, gelbes Licht. Ein Tisch stand auch im Raum. Er war mit Büchern und Schriftrollen überladen, aber da der Junge nicht lesen konnte interessierte ihn das wenig. Er schlängelte sich durch den Spalt der als Eingang diente, schob die Plane beiseite die den Wind fernhielt und sah hinaus. Wind peitschte ihm ins Gesicht. Er fuhr zurück und robbte dann auf dem Bauch vorsichtig wieder an den Eingang heran. Die Höhle war in eine steile, rauhe Felsklippe, die mindestens 2000 Meter in die Tiefe ging, gebaut. Am Fuße der Klippe donnerte das dunkelblaue Meer an die Klippen. Man musste schon fliegen können um von der Höhle wegzukommen. ,,Wo willst du denn hin, Kleiner?" ertönte eine leise spöttische Stimme. Der Junge zuckte heftig zusammen. Der Blutengel nahm den Jungen auf die Arme und trug ihn zurück in die geräumige Höhle, nahm ihn in die Arme und streckte sich mit ihm genüsslich auf dem gepolsterten Felsvorsprung aus. Er legte seine großen Flügel um sich und den Jungen. Von der Wärme eingelullt schlief der Junge bald ein und legte im Halbschlaf seine Arme um den Blutengel, an den er sich anschmiegte. Der Blutengel lächelte geheimnisvoll und zog noch eine Decke über sie beide...
Als der Junge am nächsten Morgen erwachte wusste er erst nicht wo er sich befand. Er richtete sich auf und stieß mit dem Kopf gegen einen Kokon aus zwei schwarzen weichen Flügeln, in die er eingehüllt war, über die eine Decke gebreitet war, er spürte einen warmen Körper an seinem Rücken. Er schlug die Decke zurück und sah sich um. Der Besitzer besagter Flügel legte von hinten die Arme um ihn und der Junge quitschte angstvoll auf. Der Blutengel sah ihn erstaunt an. ,,Sag mal siehst du gut, Kleiner?" Dem Jungen wurde bei dieser gefährlich klingenden, trügerisch sanften, leisen Stimme ganz flau im Magen. ,,I...I...Ich... Seh gut..." Der Blutengel hob einen hübschen, verzierten Handspiegel vom Boden auf und hielt ihm den vors Gesicht. Der Junge schrie auf und starrte sein Spiegelbild an. ,,Was ist das?!" Die Augen des Jungen hatten keine Pupillen mehr und seine Augen waren blutrot, er hatte die Augen eines Zombie. Der Blutengel legte den Kopf schräg. ,,Du verwandelst dich in einen Zombie..." sagte er kühl, als müsste das jedem klar sein. Der Junge wurde kreidebleich und geriet langsam in Panik. ,,Bitte, bitte hilf mir! Bitte, bitte.... Tu doch was!" Der Junge fing an zu zittern. ,,Wie konnte das geschehen...?" ,,Einer der Zombies muss dich wohl mit seinen Klauen verletzt haben." ,,Hilf mir, bitte!" Der Junge bebte. ,,Es gibt kein Heilmittel." sagte der Blutengel langsam und uninteressiert. Der Junge betastete sein Gesicht. ,,Wie lange hab ich noch zu leben?" ,,Ein Zombie ist unsterblich." ,,Ich will kein Monster sein, eher springe ich von den Klippen." ,,Ein Monster? Bin ich für dich auch ein Monster?" Der Junge fing an zu weinen und zu schluchzen. ,,Zombies sind so grauenvoll! ... Ihr?" Der Junge sah den Blutengel an und fing an zu weinen. ,,Ihr seid so schön... das ich weinen muss... Ihr seid ein Engel..." Der Blutengel blickte nachdenklich. Seine roten Katzenaugen funkelten, seine leichten, tintenschwarzen Haare legten sich wie ein Schleier um sein Gesicht und bildeten einen wunderschönen Kontrast zu der schneeweissen Haut und den dunkelroten Lippen, die seidig schimmerten, wie dunkler rubinfarbener Wein. ,,Findest du?" Der Junge schlug die Hände verzweifelt vors Gesicht. ,,Meine Augen sind so gräßlich, seht mich bitte nicht an." Der Blutengel nahm ihn in die Arme und streichelte ihm über das hüftlange, silbern schimmernde Haar. ,,Weisst du warum die Zombies, die Blutengel so hassen?" Der Junge schüttelte den Kopf und bedeckte weiter sein Gesicht. ,,Die Blutengel sind die mächtigsten Wesen in dieser Welt... Ich bin schon so lange hier... Was schätzt du wie alt ich bin?" Der Junge zog die Schultern hoch. ,,Blutengel sind wohl unsterblich... Ich weiss nicht... 100 Jahre?" Der Blutengel lachte. Ein herrlicher, klarer Ton. ,,Ich bin schon 500 Jahre alt. So alt kannst du auch werden. Wie alt bist du eigentlich?" ,,Ich bin ungefähr 18 Jahre alt. Aber 500 Jahre als verfauelte Leiche ohne Willen?" sagte der Junge bitter. ,,Ja." antwortete der Blutengel in einem Ton als fände er das gar nicht so schlimm. Der Junge stand auf und trat einige Schritte von dem Blutengel weg. Dieser betrachtete den schönen Jungen ausgiebig mit lüsternen Blicken. Der Junge nahm die Hände vom Gesicht und sah den Blutengel verzweifelt an. Der Blutengel saß füßeschlenkernd auf dem Vorsprung und sah ihn belustigt an. Der Junge wandte sich ab. Er ging zum luftigen Eingang der Höhle und schlug die Plane zurück. Der Blutengel war von dem Jungen fasziniert. Er war so wunderschön, sein Gesicht wirkte nur ein bisschen androgyn, aber das ließ ihn nur noch faszinierender aussehen und als er im Schlaf die Arme um ihn gelegt hatte und sich vertrauensvoll an ihn schmiegt hatte der einsame, wilde Blutengel sich verantwortlich für den schönen Jungen gefühlt. Der Blutengel stand auf und ging auf den Jungen zu. Der Junge schluchzte auf und warf sich aus dem Eingang heraus, den Klippen unter ihm entgegen. Der Blutengel stürzte zum Eingang und sah den Jungen ohne jeden Laut auf den Lippen springen. Der Junge fiel im Licht der Morgensonne mit ausgebreiteten Armen den Klippen entgegen. Der Blutengel traf seine Entscheidung in sekundenschnelle und stürzte sich ihm hinterher und legte die Flügel an um wie ein Stein zu fallen. Der Blutengel holte den Jungen bald ein und schloss ihn in die Arme während sie wie schwerelos kopfüber in die Tiefe fielen. In einem Sekundenbruchteil erfasste er die ganze verzweifelte Schönheit des Jungen, die riesigen roten Augen, die langen silbernen Haare, die weisse Haut und dieser perfekte, edle Leib und diese roten, feuchten Lippen die nur darauf zu warten schienen das man ihnen genüßlich Küsse raubte. Die silbernen Haare des Jungen und die nachtschwarzen des Blutengels vermischten sich und bildeten eine schwebende Wolke aus Silber und Schwarz. ,,Sage, soll ich mit dir fallen oder kommst du mit mir nach oben in den Himmel?" Junge weinte, was seine Schönheit unwiederstehlich machte. ,,Fliege fort! Ich muss sowieso sterben. Rette dich und fliege fort. Du gehörst in den Himmel."