Meeting
Ein weißer Schleier zog sich durch die Straßen. Der Nebel verzog sich langsam, dafür setzte Regen ein, der kurz darauf so stark war, daß kaum ein Mensch auf den Straßen zu finden war.
"Verflucht, wo ist er hin?" ein schwarzer Schatten schoß durch die schmalen Gassen und versuchte so gut es ging den Pfützen auszuweichen.
"Keine Ahnung...was für ein Mistwetter!" Eine zweite Gestalt verfolgte die erste in kurzer Distanz. Die beiden Männer hielten an und sahen sich suchend um.
"Ist uns dieser Scheißkerl etwa doch entwischt!" Koji hob seine Waffe vors Gesicht und sah sich prüfend in den dunklen Gassen um.
"Mist... der Polizeichef wird sauer sein, wenn der erfährt, daß er uns schon wieder entwischt ist!" Kojis Begleiter ließ mutlos seine Arme sinken.
"Er muß hier irgendwo sein... so weit kann er nicht gerannt sein...wir teilen uns auf!"
"Immer der gleiche, wie...Du gibst nie auf!" Ein Lächeln umspielte die nassen Lippen des Mannes. Der junge Mann war von kräftiger Statur, vielleicht 1,90 groß und hatte schwarze lange Haare. Seine blaugrauen Augen funkelten aus dem sonst weiß-blassen Gesicht. Die Regentropfen perlten von seinem Gesicht und die schwarzen Haare hingen ihm zerzaust ins Gesicht hinein. Gerade als sie sich trennen wollten hörten sie einen Schrei, gefolgt von zwei Schüssen.
"Verflucht!" Koji raste los, und sein Partner brauchte etwas länger, ehe er sich ebenfalls in die Richtung begab, aus der die Schüsse gekommen waren. Koji konnte er nicht mehr einholen, der war viel zu schnell und zu flink. Kurz darauf ertönte ein weiterer Schuß und verhallte im Regen. Dann hörte man nur den Regen prasseln und die klatschenden Geräusche von Kojis Schuhen. Er bog rasch um eine Ecke um und sah eine lange Blutspur, die im Regen auseinanderlief.
"Scheiße!" murmelte er und wandte seinen Blick auf eine schwarze Gestalt, die zwischen zwei leblosen Körpern kniete. Koji hob die Kanone vor sein Gesicht und ging dann langsam auf die Person zu. Er kniete sich neben sie und tastete bei einem der Toten den Puls. Koji hoffte so sehr, daß die beiden noch am Leben waren, doch sowohl bei dem Mann, als auch bei der Frau spürte er keinen Herzschlag. Die beiden waren tot, ohne Zweifel. In dem Moment kam Kojis Partner um die Ecke. Er keuchte und stockte dann.
"Ach du Scheiße!" rief er laut auf und ging hastig atmend zu Koji. Waren sie schon tot, als du ankamst?" Er kniete sich neben Koji und seine Augen glitten über die männliche Gestalt, die inmitten der Leichen saß. Koji nickte.
"Ruf 'nen Krankenwagen...ich will auf Nummer sicher gehen."
"Und was ist mit ihm!" Er hob das Kinn zu dem Jungen, dessen Augen ausdruckslos ins Leere starrten.
"Ich kümmer‘ mich darum!" Koji stand auf und sah den jungen Mann musternd an. Trotz des schwachen Lichtes konnte er erkennen, daß er rote Haare hatte, doch von dem Gesicht konnte er nichts sehen. Koji atmete hörbar aus.
"Ich beeile mich!" Mit diesen Worten war Kojis Partner wieder verschwunden. Eine Zeit lang überlegte Koji, was er jetzt tun sollte. Zunächst mußte er den Jungen hier weg bringen. Der Regen war unterdessen sehr stark geworden und Koji spürte wie sich das Wasser bis auf seine Haut den Weg bahnte. Er ging auf den Jungen zu und packte ihn am Arm.
"Komm mit!" Er wollte eigentlich nicht so barsch reden, doch irgendwie konnte er nicht anders. Als sein Gegenüber nicht reagierte, zog er ihn mit einem Ruck auf die Beine. Doch dies dauerte nicht lang, denn kurz darauf saß der Junge wieder.
"Hey, du holst dir 'ne Erkältung! Komm mit, du mußt hier weg!" Er kniete sich neben ihn und versuchte in seine Augen zu sehen. Er hat bis jetzt nicht die kleinste Gefühlsregung feststellen können. Eine ganze Weile sagte Koji nichts mehr, dann packte er den Jungen an den Schultern und schüttelte ihn kurz.
Grün...ein funkelndes grün. Koji lies ihn erschrocken wieder los und starrte in die grünen Augen des Jungen, die ihn haßerfüllt anstarrten. Er hatte noch nie so einen Blick erlebt und Koji brachten diese Augen völlig aus dem Konzept. Der Junge senkte den Kopf und starrte erneut auf die Toten. Es dauerte etwas bis Koji sich wieder aufgerappelt hatte. In der Entfernung hörte man schon die Sirenen und kurz darauf wimmelte es am Ort des Geschehens von Polizisten und Sanitätern.
"Keine Familie...!" Dee schlug die Akte zu und knallte sie auf den Tisch. Koji starrte ihn an.
"Er hat nicht mal irgendwelche Verwandte?"
"Nein, er ist Waise...das war eine der vielen Adoptivfamilien, die er durchlaufen hat. Mist...!" Dee lehnte sich in den Sessel zurück und beobachtete aus einem Augenwinkel die zusammengekauerte Person auf einer Bank im Nachbarzimmer. Man hatte ihm zwar etwas zu trinken gegeben, doch dies rührte er nicht an.
"Der ist so stur...wir haben seid Stunden versucht etwas von ihm herauszubekommen...aber er sagt kein Wort. Er könnte uns helfen diesen Mistkerl endlich zu fassen!" Dee goß sich Kaffee nach und warf einen Blick auf die Uhr. "Schon nach Mitternacht...!"
"Was wird jetzt mit ihm?" Koji warf einen Blick auf den Jungen und musterte ihn.
"Zurück ins Waisenhaus, nehme ich mal an...Es sei denn, er hat ne eigene Wohnung, oder jemand der ihn aufnimmt!" Er warf einen Blick auf seinen Partner, der diese Tatsache sehr mißmutig auffaßte. Koji griff nach der Akte und schlug die erste Seite auf. Yuki Kanzaki, geboren am 11.01.1982. Koji blickte erschrocken auf.
"Was ist?" Dee war diese ruckartige Bewegung nicht entgangen.
"Er ist 19?!" Koji warf erneut einen Blick auf Yuki, der ins leere starrte.
"Auch so überrascht, wie ich...er wirkt eher wie 16..naja, so kann man sich irren." Dee grinste und fügte hinzu. "Hm... da habt ihr ja was gemeinsam...er sieht jünger aus, als er ist und du älter. Man würde nie auf die Idee kommen, daß du grad erst bei uns angefangen hast und 23 bist!"
"Das reicht jetzt...deine Witze kannst du dir sparen!" Koji funkelte wütend und schwieg dann. Er schien zu überlegen. Dee schüttelte den Kopf und nippte an seinem Kaffee.
"Ich finde es nicht in Ordnung, wenn er ins Waisenhaus zurückmuß!" begann Koji halb in Gedanken.
"Und was willst du dagegen machen?" fragte Dee, ohne sich weiter ablenken zu lassen.
"Ich denke, ich nehme ihn mit zu mir!" platze Koji heraus. Dee verschluckte sich daraufhin so sehr an seinem Kaffe, daß er kaum reden konnte. Erst als er sich etwas beruhigt hatte, fuhr er Koji an:
"Spinnst du...du willst ihn zu dir nehmen... das ist ja lächerlich, wo du nicht mal mit dir selbst klarkommst!" Dee hustete kurz auf.
"Außerdem, wie willst du das dem Chef klarmachen?" Er deutete auf eine dickere Gestalt, die auf Yuki zuging und sich vor ihm postierte. Yuki beachtete ihn genauso wenig, wie die anderen.
"Ich sage einfach, ich behalte ihn im Auge, falls unser Flüchtiger wieder auftaucht. Ich wette Yuki hat sein Gesicht gesehen, und das bedeutet er ist Kronzeuge, wenn er gegen ihn aussagt. Ich passe nur auf ihn auf und vielleicht redet er ja und sagt mir genau, wie dieser Dreckskerl aussieht."
Koji nahm sich die Akte und stand auf.
"Warte, der Junge hat noch nicht ein Wort gesagt und es war schwer genug ihn hierher zu bringen! Er hat sich mit Händen und Füßen geweigert mit hierher zu kommen, wie willst du ihn dann zu deiner Wohnung bringen?" Dee sah ihn an und fügte hinzu: "Hm...aber du nennst ihn schon bei seinem Namen....!" Koji wurde leicht rot und wandte sich hektisch in eine andere Richtung. Dee schwieg eine Weile. Dann stand er abrupt auf und schnappte sich seine Jacke.
"Ach, mach doch was du willst. Ich bin zu müde, um mich mit deinen Schnappsideen zu befassen. Aber ich weiß, daß du das garantiert nicht hinbekommst!" Er grinste und zündete sich eine Zigarette an.
"Also bis morgen, in alter Frische!" Dann verließ Dee kopfschüttelnd den Raum. Koji sah ihm hinterher. Er war wie ein offenes Buch für Dee und das störte ihn. Er seufzte und ging zu seinem Chef, um ihm den Vorschlag zu unterbreiten. Zu seiner Überraschung überzeugte er ihn sogar. Allerdings sollte Koji selber zusehen, wie er den störrischen Jungen zu sich nach Hause brächte.
"Ich darf doch?" Koji deutete auf den freien Platz neben Yuki, und bevor dieser hätte antworten können, hatte sich Koji gesetzt und die Beine übereinandergeschlagen.
"Weißt du...ich habe mir gedacht, daß du mit zu mir kommst! Das ist besser als die nächsten Nächte hier zu verbringen, in irgendeiner Zelle." Er machte eine Pause und wartete auf eine Reaktion, doch nichts geschah. Yuki starrte Löcher in die Luft und ignorierte jeden, der sich mit ihm unterhalten wollte. Das lief schon Stunden so ab. Irgendwie hatte es keiner geschafft an ihn heranzukommen.
"Was ist... kommst du mit? Ich will dich nicht zwingen, also werde ich nichts machen, um dich zu mir zu schleifen, aber...!" er beugte sich nach vorne und sah ihm schräg ins Gesicht. Er merkte, daß er Yukis Aufmerksamkeit hatte, da ihn seine grünen Augen, wie Smaragde anfunkelten. "...ich schlafe nicht gern hier! Nun wenn du nicht mitkommst, werde ich wohl die ganze Nacht mit dir hier sitzen bleiben und darauf warten, das du endlich mal deinen Hintern bewegst!" Er lächelte frech und wartete etwas. Und tatsächlich schienen seine Worte Früchte zu tragen, denn Yuki stand auf und ließ die lange Decke, die er bis jetzt um sich geschlungen hatte, zu Boden fallen und ging langsam auf die Tür zu.
"Super!" Koji sprang auf. "Dann sind wir uns ja einig!" Er schloß rasch mit Yuki auf und sie verließen gemeinsam das Revier, nachdem Koji sich noch seine Sachen geholt hatte.
Es war unterdessen weit nach Mitternacht, vielleicht zwei oder drei Uhr morgens. Es regnete immer noch in Strömen. Yuki schien das nichts auszumachen. Er ging schweigend neben Koji her, der sich irgendwie nicht traute, das Gespräch fortzusetzen. Sie erreichten kurz darauf Kojis Wohnung. Diese befand sich im dritten Stock eines Mietshauses etwas abgelegen von der Innenstadt. Koji lief vielleicht 20 Minuten bis zum Revier und er hatte noch ein Motorrad, für den Notfall.
Mit einem Ruck schloß er die Tür auf und knipste das Licht an.
"Oh man, du bist ja vollkommen durchnäßt...ich hol dir ein Handtuch!" Er schmiß die Akte auf den Tisch und den Mantel an die Garderobe. Nach kurzer Zeit kam er zurück und ließ das Handtuch auf Yuki fallen. Koji war immerhin mehr als eine Kopf größer als Yuki. Außerdem war dieser sehr schmächtig und klein für sein Alter. Er war sehr dünn, fast schon abgemagert und wirkte wirklich nicht wie 19. Als dieser keine weiteren Anstalten machte, schloß Koji seufzend die Tür und begann selbst Yukis nasse Haare abzutrocknen.
"Wie wär‘s, wenn Du mir ein bissel hilfst. Ich glaube, daß kannst du ganz gut alleine!" Er schob den Jungen sacht in ein Zimmer und machte das Licht an.
"Du kannst hier schlafen... Falls du was brauchst ruf mich. Dort drüben findest du einen Pyjama. Ruh dich aus, ich hab erst morgen nachmittag Dienst, bis dahin bin ich daheim."
Er lächelte und ließ Yuki los, der ihn leicht verwirrt anstarrte.
"Schlaf gut!" sagte Koji und verließ dann das Zimmer.
Koji setzte sich auf die Couch und lehnte sich müde zurück. Er hörte, wie Yuki leise ins Bett ging. Dann erst nahm er die Akte und begann zu diese durchzublättern. Das gleiche wie immer. Formalitäten, wie Name, Stand und so weiter, und so weiter.
"Hm...warum gibt es eigentlich eine Akte von ihm?" kam es Koji plötzlich in den Sinn und er stoppte, als er ein paar Photos sah.
Sie zeigten einen sechs- bis siebenjährigen Jungen. Sein Gesicht war blutig geschlagen und der Körper war übersät von Flecken und Blutergüssen. Besonders der Rücken war aufgeschlagen worden. Koji war erschrocken und blätterte zurück.
"Polizeibericht: Zusammenfassung" Er stoppte bei dieser Seite und begann zu lesen. Vater: Alkoholiker. Koji stutze und las weiter. Der Junge wurde sehr oft von seinem Vater geschlagen, ebenso die Mutter...als Koji die Seiten gelesen hatte lehnte er sich mit bleichem Gesicht zurück. Der Junge war, als er klein war, schwer von seinem Vater mißhandelt worden. Dieser hatte seine Suchtprobleme nicht unter Kontrolle und schien seine Aggressionen an Frau und Kind auszulassen. Hierbei hatte er Yuki nahezu jeden Tag zusammengeschlagen, seiner Mutter erging es auch nicht besser. Koji schluckte und sah sich die Krankenhausberichte an. "Schwere Verletzungen an Armen und Beinen, Knochenbrüche, schwere Kopfverletzungen und sehr schwere Verletzungen des Rückens". Die Serie schien kein Ende zu nehmen. Koji blätterte weiter.
"Wurde mit 8 Jahren ins städtische Waisenhaus gebracht, nachdem seine Mutter im Affekt den Vater erschlug. Diese Tat brachte sie ins Gefängnis, da man ihr vorsätzliche Tötung nachwies. Sie hatte sich im Gefängnis erhängt. Bekannte Verwandte: keine.."
Koji schluckte kurz und blätterte zum Ende, wo erneut Photos waren. "Weitere Pflegefamilien, Maeda, eine recht wohlhabende Familie nahm ihn nach 2 Jahren auf, doch Yuki wurde von Herrn Maeda sexuell schwer mißhandelt und nach 1 Jahr wieder ins Waisenhaus gesteckt. Danach erneut Kontakt mit einer Familie, die ebenfalls sehr gewalttätig ihm gegenüber war, danach endlich eine Familie, in der er offen aufgenommen wurde..." Koji richtete seine Aufmerksam auf die Besonderheiten zu Yuki. "Sehr ruhig und still, gewalttätig und aggressiv anderen Menschen gegenüber, mißtrauisch..."
Koji schloß seufzend die Akte und warf einen Blick zu der verschlossenen Tür.
"Verfluchter Mist!" knurrte er und stand auf. Er überlegte kurz und beschloß dann ins Bett zu gehen. Er würde Dee morgen um Rat fragen.
Der Peeper riß Koji unsanft aus dem Schlaf. Er stand wankend auf und warf schlaftrunken einen Blick auf die Uhr,...10 Uhr morgens. Er streckte sich kurz und warf einen Blick auf den Peeper.
"Steh vor deiner Tür...!" Koji war plötzlich hellwach und ging zum Fenster. Er öffnete das Fenster und lugte nach draußen. Unten stand Dee der ihm zuwinkte.
"Morgen...hast du noch geschlafen...!" Koji antwortete ihm nicht.
"Was machst du hier...?" rief er nach unten.
"Na ich will schauen, wie's aussieht! Bin eben neugierig, ob du mit ihm fertig geworden bist! Mach schon auf...!" Kojis Kopf verschwand vom Fenster und kurz darauf erschien er und öffnete die Tür.
"Na, wie sieht‘s aus!?" Dee sah ihn neugierig an, doch Koji antwortete nicht.
"Was soll schon sein!" Sie erreichten Kojis Wohnung und Koji ging in die kleine Küche um Kaffee zu machen.
"Willst du auch nen Kaffee?"
"Klar...man hier sieht‘s aus? Schon mal was von ‘nem Staubtuch oder so gehört? Und ich dachte meine Wohnung sein schlimm...aber da bin ich ja beruhigt!" Er hörte das Klappern von Tassen und sah wie Koji recht wütend aus der Küche kam.
"Du mußt ja nicht herkommen... ich hab dich nicht eingeladen!" Er stellte den Kaffee mißgelaunt vor Dee, der sich in den Sessel setzte.
"Schon gut, ich will nicht streiten...es geht um den Jungen! Wie sieht‘s aus?" Er nippte an seinem Kaffee und schielte Koji von der Seite her an, der sich auf die Couch fallen ließ.
"Er schläft noch. Aber gesprochen hat er kein Wort...!" Koji seufzte hörbar aus.
"Wir brauchen Informationen von ihm, also solltest du ihn bald zum sprechen bringen."
"Hast du dir seine Akte mal genauer angesehen?"
"Nein, eigentlich nicht. Aber ich hab mich gestern auf dem Heimweg gefragt, warum es eine Akte von ihm gibt. Hat er irgendwann mal was ausgefressen?" Koji schüttelte betrübt den Kopf.
"Nein, das nicht, aber vielleicht schaust du dir das mal an!" Er warf ihm die Akte zu. "Es sind Photos mit drinne...!" Er schwieg und beobachtete, wie Dee die Akte
durchblätterte. Sein Gesicht verdunkelte sich und er schien einige Sätze zu überfliegen. Als er fertig war, schloß er die Akte und legte sie auf den Tisch.
"Scheiße! Solche Arschlöcher müßte man...!" Er sprach nicht weiter, doch man sah Wut in seinen Augen. "Kein Wunder, daß der Kleine nicht spricht und so abweisend ist!"
Sie schwiegen sich einige Zeit an, dann begann Dee.
"Als gut, ich kenne dich ja! Du willst es versuchen, oder?" Koji nickte und faltete die Hände.
"Ich verlaß mich auf dich.. nicht das der Chief auf falsche Gedanken kommt! Sag ihm einfach ich arbeite auf meine Art an dem Fall" Dee lächelte und schüttelte den Kopf.
"Ich mach schon, aber ganz bestimmt nicht so, wie du gesagt hast!" Er stand auf und wandte sich zum gehen.
"Also dann, ich mach mich vom Acker, es ist spät! Viel Erfolg!" Dee ging leise zur Tür und verließ die Wohnung. Koji atmete hörbar aus, und sein Blick wanderte erst zu dem Zimmer und dann zu seiner Uhr. Es war schon fast Mittag und er schlief immer noch. Er entschloß sich zumindest mal anzuklopfen und nach dem Rechten zu sehen.
"Hey, bist du wach?" Er klopfte vorsichtig an die Tür und versuchte dann die Türklinke herunterzudrücken. Zu seiner Überraschung war abgeschlossen.
"Ah,... ich Idiot, ich hab die Schlüssel stecken lassen!" entfuhr es ihm und er hastete zu dem kleinen Schrank an der Wand. Er kramte den Zweitschlüssel hervor und war froh, als er die Tür aufschloß.
Koji stockte und betrat leise das Zimmer. Er sah sich suchend um, als er Yuki nicht im Bett vorfand.
"Hey, wo bist du, Kleiner?" Er lief um das Bett herum und war erleichtert, als er Yuki auf dem Boden knien sah. Auf der anderen Seite erschreckte ihn der Anblick auch, aber wenigstens hatte er nichts Dummes getan. Yuki saß schweigend da und lehnte sich an das Bett. Er hatte die Beine angezogen und fest umklammert.
"Hey, alles okay?" Koji beugte sich zu ihm runter und schüttelte ihn kurz. "Was mache ich nur mit dir?" Der Polizist atmete hörbar aus und setzte sich neben ihn. Sie schwiegen einige Zeit, ehe Koji erneut das Wort ergriff.
"Sag mal, wie lange willst du mich noch anschweigen?" Ich bin ausdauernd weißt du, und solange du nichts sagst, bleibst du erst einmal hier! Findest du es nicht besser wenigstens ein bissel was zu sagen!" Er musterte ihn von der Seite, doch der leere Blick verriet hm, daß Yuki immer noch nichts sagen würde. "Na gut, ich bin sehr gesprächig, ich kann genauso gut anfangen zu erzählen." Und Koji behielt Recht. Er erzählte fast 2 Stunden nur über sich. Doch er sagte nie, warum er zur Polizei gegangen war. Irgendwie schien das Absicht zu sei, denn gerade dieser Punkt erweckte Yukis Neugierde.
"Da fällt mir ein, hast du Hunger?" Yuki nickte fast automatisch und Koji grinste. "Na wenigstens reagierst du jetzt auf Fragen." Er stand auf und half Yuki beim Aufstehen. Er hatte immer noch dieselben Sachen an, wie gestern.
"Zieh dir nachher mal was anderes an... am besten gehst du baden oder so...!" bemerkte Koji und zog den Jungen hinter sich her ins Wohnzimmer. Yuki sah sich fassungslos in dem heillosen Durcheinander um.
"Ah... tut mir leid, aber ich bin nicht so der Typ, der öfters aufräumt! Such dir einfach nen freien Platz!" Er verschwand in der kleinen Küche, während Yuki sich suchend umsah. Wo sollte er hier einen Sitzplatz finden. Er schob einige Zeitungen auf dem Sofa zur Seite und setzte sich vorsichtig.
"Trinkst du Kaffee?" Koji rief ihm aus der Küche zu, doch Yuki gab keine Antwort. "Man, wenigstens jetzt kannst du mal den Mund aufmachen..." Koji sah mißmutig hinter dem Vorhang hervor. "Also trinkst du Kaffee?" Der Junge nickte kurz und Koji verschwand wieder.
Nach einiger Zeit kam er mit belegten Broten und 2 Tassen Kaffee zurück und ließ sich in den Sessel fallen.
"Hier!" Er reichte ihm einen Teller und beobachtete ihn lange.
"Hm,... wo war ich vorhin stehengeblieben?" Koji überlegte kurz und schien dann den roten Faden wiedergefunden zu haben, als Yuki plötzlich die Lippen bewegte.
"Warum?" Er hatte eine ungewöhnlich hohe Stimme, doch sie paßte irgendwie zu ihm. Koji sah ihn teils überrascht, teils erleichtert an.
"Warum bist du zur Polizei gegangen?" Yuki sah ihn an. Er wußte, daß es keinen Sinn hatte zu schweigen, dazu war Koji zu hartnäckig und er hätte ihn noch mit zig Geschichten zugetextet. Also stellte er lieber eine so sinnlose Frage, als ihn zu fragen, warum er ihn mit hierher genommen hatte, obwohl auch das ihn interessierte.
"Man, du kannst ja doch reden... und so ne süße Stimme!" scherzte Koji und Yuki errötete kurz. Das Eis war gebrochen.
"Hm... warum ich zur Polizei bin... laß mich nachdenken. Das war vor 4 Jahren. Ich hatte einen kleinen Bruder und wir waren zur Neujahrsversanstaltung in der Stadt. Vielleicht erinnerst du dich, was da passierte. Irgendein Verrückter begann wild um sich zu schießen. Es starben viele Menschen, unter ihnen mein kleiner Bruder. Er war damals in deinem Alter, 15. Ich konnte ihn nicht beschützen. Die Polizei nahm den Mann später fest. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Doch seitdem wollte ich zur Polizei..." Koji senkte den Kopf und beobachtete die Reaktion auf Yukis Gesicht. Es war nicht viel zu erkennen, aber er schien sich doch das ganze zu Herzen zu nehmen.
"Woher weißt du, wie alt ich bin?" Yuki war nicht entgangen, daß Koji sein Alter mit ins Spiel gebracht hatte.
"Hm... stand in deiner Akte. Sieht man dir gar nicht an. Du ähnelst ihm..." Koji wollte ein wenig vom Thema ablenken, doch Yuki sah ihn entsetzt an. Dann versteinerte sich sein Blick wieder.
"Meine Akte also?" flüsterte er. "Dann hast du mich aus Mitleid mitgenommen?"
"Nein, nicht nur aus Mitleid. Du hast mich sehr an mich selber erinnert, als mein Bruder starb." Yuki schwieg. "Aber selbst wenn ich deine Akte kenne und weiß was dir passiert ist, ich hätte dich auch so mit hierher genommen."
"Ja, weil ich Zeuge bin, nicht wahr?" Koji fühlte sich ertappt. Klar, das war ein Grund, aber bei weitem nicht der einzige, weshalb er den Jungen mitgenommen hatte.
"Das stimmt irgendwie sogar... du hast sein Gesicht gesehen, und deswegen bist du in Gefahr. Solang‘ wir den Typen nicht geschnappt haben, bleibst du erst einmal hier. Wenn du uns hilfst, erwischen wir ihn schneller." Koji wollte eigentlich nicht sofort mit der Wahrheit herausrücken, aber irgendwie konnte er sie auch nicht ganz verbergen. Yuki stand schweigend auf und sah ihn lange mit einem stechenden Blick an.
"Ich gehe!" beschloß er und Koji war vor Überraschung fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen.
"Wie war das jetzt?" Er stand auf und sah Yuki an.
"Ich gehe... ich habe keine Lust euch bei euren Ermittlungen zu helfen." Er schnappte sich seine Jacke und wollte zur Tür, als Koji sich davor stellte und ihm den Ausgang versperrte. Er erkannte den Jungen kaum wieder. Er war jetzt vollkommen anders. Dickköpfig, aufbrausend und temperamentvoll.
"Du gehst nirgendwohin... wo willst du denn hin?"
"Ist doch egal... Hauptsache weg hier!" Er griff nach der Türklinke, doch Koji ergriff seine Hand. Sie sahen sich lange an.
"Von wegen! Du bleibst schön hier!" Koji wurde langsam wütend.
"Was willst du machen, mich her festbinden? Du kannst ja nicht ewig auf mich aufpassen!" Der Rotschopf sah ihn ernst an und Koji lief ein Schauer über den Rücken. Was war er? Eine gespaltene Persönlichkeit? Oder aber, er versuchte sein innerstes zu verbergen, indem er abweisend und launisch war.
Koji packte ihn an den Schultern und drängte ihn zurück. Sein Blick war todernst geworden, und Yuki sah ihn verwirrt an.
"Okay, Schluß jetzt! Findest du es nicht anstrengend den Starken hier rauszukehren? Was willst du damit erreichen? Das dir keiner weh tut?" Koji war selbst über die Worte überrascht, aber er schien ins schwarze getroffen zu haben, denn Yuki riß sich von ihm los und sah ihn überrascht an.
"Was weißt du denn schon? Du hast doch überhaupt keine Ahnung!" Yuki schrie ihn an und rannte dann zurück in das Zimmer, in dem er die Nacht verbracht hatte. Die Tür fiel ins Schloß und ehe Koji reagieren konnte, hatte Yuki den Schlüssel umgedreht.
"Shit!" fluchte der Polizist und rüttelte an der Tür. Diesmal steckte der Schlüssel von innen, also konnte er nicht aufmachen. Er machte sich jetzt schon Vorwürfe, ihn so verletzt zu haben. Wieso hatte er ihm auf einmal diese Worte ins Gesicht geknallt? Er glaubte sogar Tränen gesehen zu haben.
"Hey, mach auf! Es tut mir leid... ich wollte das nicht sagen!" Er erhielt keine Antwort. Koji gab es auf, an der Tür zu rütteln, der Junge würde jetzt eh nicht aufmachen. Ausgerechnet jetzt, wo er ihn zum Reden gebracht hatte passierte soetwas! Warum war er nur so furchtbar direkt?
Koji setzte sich wieder und in dem Moment klingelte sein Handy. Es dauerte etwas, ehe er es unter einem Stapel Zeitungen gefunden hatte.
"Ja?"
"Hey, nicht so barsch!" Dees Stimme klang herausfordernd.
"Dee? Was willst du denn?"
"Ich dachte ich informiere dich! Der Chief hat zugestimmt... bis du den Jungen zum reden gebracht hast, brauchst du nicht herzukommen!"
"Sehr gut... und weiter?"
"Hey, geht das nicht freundlicher... Erstens habe ich den Chief grad so überzeugt, zweitens sitze ich jetzt hier mit einem Haufen Papierkram rum und drittens, darf ich deine Arbeit auch noch übernehmen! Wie wär’s denn mal mit einem kleinen Dankeschön...? Du kriegst Sonderurlaub dank mir!"
"Sonderurlaub?" Koji lächelte.
"Hm... hast wohl Probleme, wie? Tja, aber du mußtest ja unbedingt den Kleinen aufnehmen! Da kommt übrigens noch Arbeit auf dich zu. Ins Waisenhaus kann er nicht mehr zurück, er ist schon über 18... daß heißt wir müssen für ihn ne Wohnung finden! Wie läuft‘s eigentlich?"
"Frag lieber nicht! Ich hatte ihn vorhin zum reden gebracht, aber..."
"Echt? Alle Achtung, nur, was bedeutet dieses aber?"
"Das er sich jetzt in nem Zimmer verschanzt hat und kein Wort mehr sagt."
"Du bist einfach zu grob! Wann lernst du mal ein bissel feinfühliger zu sein? Du mußt das langsam angehen... du weißt doch, daß er nicht grade leicht zu handhaben ist!"
"Hör sich den einer an!" Koji klang wütend.
"Siehst du, da ist es schon wieder. Du hast keine Geduld! Gib ihm mehr Zeit, und der Rest pendelt sich von alleine ein. Ich glaub ich mach dann mal Schluß! Hier wartet ein Stapel Akten auf mich... gib‘s zu das war Absicht von dir! Du hast seit mindestens 2 Wochen keinen Papierkram mehr gemacht, damit du mich jetzt ärgern kannst!"
"Haha... erwischt!" scherzte Koji.
"Ich komm heute abend mal vorbei, bis dann!"
"Wie?" Aber Dee hatte schon aufgelegt. Vorbeikommen... na fabelhaft, noch ein Problem mehr. Koji ging langsam zu der verschlossenen Zimmertür und klopfte vorsichtig an. "Ne... Yuki! Hör mir einfach nur zu. Es stimmt schon... meine Worte waren etwas hart, aber im Prinzip waren sie doch irgendwo wahr, oder?" Er lehnte sich an die Tür und lauschte. "Du hast mich vorhin nur überrascht.. jetzt wo du mit mir geredet hast, hast du dich ganz anders benommen, als zuvor... das hat mir vielleicht Angst gemacht und mich verunsichert!" Stille. "Komm schon, mach auf... es tut mir leid!"
"Wirklich?" Yukis Stimme klang wieder ruhig und verängstigt, das genaue Gegenteil von der Stimme eben.
"Ja, es tut mir leid!" Koji überlegte etwas. "Erzähl doch einfach ein bissel von dir.. du weißt nun über mich Bescheid, ich will dich auch kennenlernen." Koji rutschte an der Tür zu Boden und schloß die Augen. "Du mußt uns nicht helfen, wenn du nicht willst, aber bleib wenigstens solange, bis ich eine Wohnung für dich gefunden habe! Du bist über 18, daß heißt, du kannst nicht mehr ins Waisenhaus zurück."
"Warum sollte ich?" Wieder klang die Dickköpfigkeit durch.
"Weil ich nicht will, daß du auf der Straße rumlungerst, okay? Ich mache mir wirklich Sorgen um dich!" Koji atmete hörbar aus und stieß dann einen überraschten Schrei aus, als die Tür abrupt geöffnet wurde. Yuki sah schweigend auf ihn herab. Der Polizist rappelte sich auf und grinste. "Was ist? Versuchen wir’s?" Yuki nickte kurz. "Super, dann wohnst du ab jetzt hier, bis wir was gefunden haben!" Koji legte ihm die Hände auf die Schultern und lächelte. Von heute an wohnen wir zusammen...
-to be continued-