Endless Rain
by Neko
Disclaimer: Alle hier auftretenden Charakter gehören Minami Ozaki und
Shueisha.
Die vorliegende, ziemlich kurze Geschichte hat keine genaue zeitliche
Einordnung, aber sie könnte am Ende von Zetsuai oder am Anfang von Bronze
spielen. Den Titel "Endless Rain" habe ich mir von dem wundervollen Song
von X-Japan geliehen, den ich während des Schreibens hörte; er paßt genau
zu der Stimmung. Das Motiv des beschriebenen Plakates findet Ihr im Artbook
"God" oder auf dem Laserdisc-Cover des OVAs "Zetsuai 1989". Und noch etwas:
Dies ist meine erste Zetsuai- Fanfiction, also urteilt nicht zu hart!
Ein leichter Regen fiel auf die verlassenen Straßen, die sich im trüben
Schein der Morgendämmerung scheinbar endlos zwischen den großen, grauen
Häuserblöcken erstreckten. Papierfetzen und Herbstblätter tanzten über den
Asphalt, fielen nieder, wurden erneut hochgewirbelt. Ab und zu raste ein
einzelnes Auto vorbei und spritzte schmutziges Wasser auf den Bürgersteig.
Ein Junge, scheinbar der einzige Mensch, der um diese frühe Morgenstunde
bereits zu Fuß unterwegs war, machte sich nicht die Mühe, den Pfützen
auszuweichen. Er setzte langsam, aber stetig einen Schritt vor den anderen,
den Blick starr geradeaus. Erneut fuhr ein Auto vorbei und spritzte dabei
einen Schwall Schmutzwasser auf den Gehweg, durchtränkte die Jeansjacke des
Jungen. Auch das beachtete er nicht. Nur ab und an hob er die Hand, um ein
paar nasse Ponysträhnen aus seinen Augen zu vertreiben. Seine kurzen Haare
waren vom Regen völlig durchnäßt, und dennoch schimmerten sie im fahlen
Morgenlicht wie schönstes Mahagonieholz. Einem aufmerksamen Betrachter wäre
ebenfalls aufgefallen, wie fein gezeichnet die Züge des Jungen waren; die
Haut ein sanfter Bronzeton, die Augen dunkel und von einem geheimnisvollen
Feuer beseelt. Seine Kleidung hingegen, die tropfnaß an seinem schlanken,
leicht muskulösen, für seine sechzehn Jahre gut bebauten Körper klebte,
verliehen seinem Anblick etwas trostloses. Doch niemand war zugegen, der es
sah, denn noch immer war die Straße menschenleer.
Plötzlich blieb der Junge stehen, und richtete seinen Blick auf die
Häuserwand links neben ihm. Die ganze Wand war mit einem quadratischen
Plakat verkleidet, dessen Höhe zwei ganze Stockwerke einnahm. Der Junge
ging einige Schritte rückwärts und blickte nach oben, um das Motiv ganz
erkennen zu können. Von dem Plakat herunter sah ein attraktiver junger Mann
mit langen silbernen Haaren. Er trug eine Jacke, die er sich mit seiner
behandschuhten rechten Hand langsam von der Schulter zu ziehen schien. Das
Rot von Jacke und Handschuh bildete einen beunruhigenden Kontrast zu der
Blässe seiner Haut. In seinem Gesicht, besonders den blausilbernen Augen,
lag ein Ausdruck von kalter Arroganz, Überlegenheit und Amüsiertheit.
Der Junge musterte das riesige Plakat einige Momente lang mit kühlem
Interesse, dann verzerrte sich sein Gesicht vor Wut. Seine haßerfüllten
Augen starrten auf das Bild, als wollten sie es mit tödlichen Blicken
durchbohren. Doch der junge Mann auf dem Plakat blieb natürlich völlig
unbeeindruckt. Schließlich riß sich der Junge von dem Anblick los und
senkte den Kopf, erst fast unmerklich, dann immer stärker zitternd. Seine
Hände ballten sich zu Fäusten, und mit einer blitzschnellen Bewegung schlug
er gegen das Plakat. Als seine Fingerknöchel mit der Betonwand dahinter in
Berührung kamen, vibrierte sekundenlang der ganze Körper des Jungen. Doch
das hielt ihn nicht davon ab, noch einmal zu zuschlagen. Noch einmal. Und
noch einmal. Erst als auf dem Plakat einige Blutspuren zu erkennen waren,
hielt er inne. Seine aufgeschürften Fingerknöchel betrachtend, straffte der
Junge seine Gestalt und blickte erneut hoch zu dem Bild des jungen Mannes,
als erwarte er irgend eine Veränderung in dessen Gesichtsausdruck. Sich der
Absurdität dieser Erwartung urplötzlich bewußt werdend, fing der Junge an
zu lachen. Doch dieses Lachen klang eher wie ein Schluchzen. Er wußte
vielleicht selber nicht, ob er lachte oder weinte. Völlig hilflos war er
auf die Knie gesunken und lehnte sich gegen die Mauer, die verletzten Hände
in das Kunststoffmaterial des Plakates gekrallt. Es regnete noch immer,
lautlos und stetig.
Nach einer Ewigkeit, wie es schien, fühlte der Junge einer leichte
Berührung an seiner Schulter und hob den Kopf, die Augen noch immer
geschlossen. Dann wurde er unvermittelt auf die Füße gezogen und von zwei
starken Armen davon angehalten, wieder in sich zusammen zu sinken. Der
Junge öffnete nun seine Augen und blickte etwas ungläubig in ein schönes
blasses Gesicht mit blauen Augen, umrahmt von langen silbernen Haaren. Der
junge Mann, dessen Gesicht er die letzten Minuten auf dem Plakat angestarrt
hatte, schüttelte mit einer Mischung aus Sorge und Verärgerung den Kopf.
"Und dann behaupten du und Katsumi immer, ich sei leichtsinnig! Aber jetzt
bist du derjenige, der sich im Regen und bei dieser Kälte draußen
herumtreibt..."
Er brach ab, als er die unterdrückte Wut und den Schmerz in den Augen des
Jungen sah.
"Verdammt, was geht dich das an?"
Der junge Mann ließ sich durch den haßerfüllten Ton nicht beeindrucken,
sondern lächelte leicht.
"Ich habe mir Sorgen um dich gemacht."
Dies schien den Jungen nur noch wütender zu machen und er versuchte sich
aus dem Griff des jungen Mannes zu lösen.
"Habe ich dich darum gebeten? Warum kannst du mich nicht endlich in Ruhe
lassen?"
Der junge Mann hielt ihn unbeirrt fest und zog ihn noch näher zu sich
heran.
"Es tut mir leid, Izumi."
"Lüg' nicht! Nichts tut dir leid! Solange du nur bekommst, was du willst,
ist dir doch alles andere egal!"
Die Stimme des Jungen schwankte in dem immer stärker werdenden Bedürfnis,
sein Gesicht an der Schulter des Anderen zu vergraben und in Tränen
auszubrechen.
Der junge Mann strich sanft über die nassen, zerzausten Haare des Jungen.
"Ich wollte dich nicht verletzen. Aber meine Gefühle für dich sind nun
einmal stärker."
Der Junge antwortete nicht. Sich fest auf die Lippen beißend schloß er die
Augen, um die Tränen zurückzuhalten.
Die behandschuhte Hand des jungen Mannes schloß sich um das Kinn des Jungen
und hob es an. Ein paar Tropfen Blut quollen aus den zerbissenen Lippen des
Jungen, und der junge Mann beugte sich vor, um sie sanft wegzuküssen.
"Gehen wir besser nach Hause."
Ohne zu protestieren nickte der Junge.
Noch immer hatte der Regen nicht aufgehört, noch immer war die Straße
völlig verlassen. Aber von den Blutspuren auf dem riesigen Plakat war nun
nichts mehr zu sehen.
Neko
21.01.2001