Part10:
BLACK BIRD FLYING IN RED SKY"Was er wohl an dem Jungen findet?"
"Der Graf hätte doch jede haben können..."
"Vielleicht hatte er schon zu viele Frauen und ist sie satt..."
"Ich habe mich schon immer gefragt, ob mit ihm irgend etwas nicht simmt. Er hat mich nie angesehen..."
Eduard konnte über all die Tuschelein nur seine Augenbraue heben. Er saß mit Heinrich an einem abgelegenen Tisch und fühlte sich dennoch so, als wäre er der ständige Mittelpunkt der gesamten Gesellschaft. Und vermutlich war er es auch und ein Ende war nicht in Sicht.
/Wären wir... wäre ich nicht so unvorsichtig gewesen, hätte ich ihm das alles ersparen können./ Er schüttelte kaum merkbar den Kopf, so dass ihm eine Strähne seines haselnussbraunen Haares in die Stirn fiel, die er daraufhin wieder sorgsam nach hinten strich. Er blickte müde auf sein Champagnerglas, welches vor ihm stand und in dem er sein Spiegelbild betrachtete. Wenig später hob er das Glas an und kreiste es abwesend in der Hand, so dass sich der Inhalt kräuselte. Er nahm einen Schluck und stellte es wieder hin.
Seine Pupillen bewegten sich auf seinen Bruder, der, den Kopf auf den Arm gestützt, gelangweilt am Tisch saß und von Kalau beobachtete. Heinrich bemerkte diesen Blick und zwinkerte künstlich mit den Augen. Eduard sah wieder auf sein Glas.
"Arrrrgggghhhh... Eduard!!! Wie lange willst du hier noch Trübsal blasen?! Wollen wir das kleine Spielchen von eben noch einmal durchgehen? Du spielst mit deinem Glas, siehst mich dann an und spielst weiter. Mein Gott, das machst du jetzt schon seit einer halben Stunde..." Er stöhnte hörbar und stand auf, wobei er seine Arme in die Luft streckte und sich dehnte.
"Vielleicht sollten wir mal kurz nach Kim sehen. Nach allem was passiert ist, getraut er sich bestimmt nicht mehr hierher zu kommen. Na, was ist?"
Doch der Graf zeigte keine Reaktion.
"Eeeeduuuuard!!!"
Von Kalau zuckte sichtbar zusammen, hatte vermutlich erst jetzt mitbekommen, dass Heinrich die ganze Zeit mit ihm sprach. Er stand mit einem Ruck auf.
"Ich werde... nach Kim sehen. Entschuldige mich bitte..."
Heinrichs rechter Mundwinkel zuckte und er stellte amüsiert fest, dass er den gleichen Vorschlag gemacht hatte.
/Wo bist du nur mit deinen Gedanken, kleiner Bruder? Du hörst und siehst nichts um dich herum. Du leidest, nicht wahr? Aber nicht, weil es dir etwas ausmacht, wenn die Leute schlecht über dich reden. Nein, das hat dich nie gekümmert. Du leidest, weil... weil ER leidert.../
Hastig stolperte er hinter von Kalau her. Er wollte ihn in seinem Zustand unter keinen Umständen alleine lassen. Auch wenn Eduard das lästig fallen würde, er wollte ihm nicht von der Seite weichen. Noch nicht...
"Wieso folgst du mir Heinrich?"
"Wieso nicht?"
"Antworte endlich!"
"Nun... weil ich glaube, dass du mich brauchst. Und... weil ich dein Bruder bin und dir helfen will!"
"Ich denke, du solltest lieber in nächster Zeit etwas Abstand von mir nehmen. Du weißt, wie die Leute sind. Bald heißt es, du wärst auch homosexuell..."
"Wer weiß, vielleicht bin ich's ja..."
Der Graf sah Heinrich mit einem fragenden Blick an. Dann lächelte er.
"Danke!"
"Graf von Kalau, Graf von Kalau!" Eduard und Heinrich drehten sich beide in die Richtung, aus der gerufen wurde. Anna rannte auf sie zu, ihr Gesich glänzend und rot, ihre Haare unordentlich auf dem Kopf und ganz außer Atem. Sie musste erst einmal verschnaufen, als sie vor ihnen stand, doch dann richtete sie sich mit einer plötzlichen Bewegung auf und fasste Heinrich an den Ärmeln um sich irgendwie festzuhalten und um die Aufmerksamkeit der beiden Männer zu gewinnen.
"Bitte, Ihr müsst mir zuhören... Ich muss Euch etwas erzählen. Es ist..." Sie keuchte wieder. "... Es ist wirklich von größter Bedeutung, Graf! Es geht um..."
Eduard riss die großen grünen Augen weit auf, als er den Namen hörte. Jeden einzelnen Buchstaben formte er mit seinen Lippen nach.
K-I-M.
Er fasste das Dienstmädchen grob an den Schultern . "Was ist mit ihm? Geht es ihm nicht gut?!"
Doch Anna schüttelte hastig den Kopf und wedelte mit ihrer Hand. "Graf... es tut mir leid, aber ich... ich weiß leider nicht, wie es ihm im Moment geht. Ich hab' nur gesehen, wie man ihn fortgebracht hat. Dort, aus der Tür geschleppt!" Ihr Fingerchen zitterte als sie in Richtung Ausgang des Schlosses zeigte.
"Wer hat ihn weggebracht?"
"So ein paar Männer. Die haben ihn da raus getragen! Ich glaube er hat geschlafen..."
"Geschlafen?"
Anna nickte nur.
"Wohin sind sie gegangen?"
Plötzlich kreischte das Dienstmädchen laut auf und deutete mit ihrem Finger auf einen großen dicken Mann, der in der Eingangshalle stand und zu ihnen herübersah.
"Ahhhh!!!! Da, das ist einer von denen!" Eduard zögerte nicht lange und ging gleich auf den Mann los.
"Bist du dir ganz sicher, Anna?" Heinrich wollte Gewissheit. Wenn Eduard einen unschuldigen Mann angriff, könnte er noch mehr Probleme bekommen, als er ohnehin schon hatte.
Als Heinrich sich zu seinem Bruder umdrehte sah er, wie Eduard ihn an die Wand gedrückt hatte, ihn am Kragen packte und in das nächste Zimmer zog, in dem sich keine Menschen aufhielten.
Er spürte einen Schmerz in seiner Magengrube, doch die Wut milderte ihn und er griff nach einem Brieföffner, der auf einem kleinen Tisch neben ihnen lag. Sein Gegenüber bekam weiche Knie und zitterte am ganzen Körper, als er das kalte Metall an seiner Kehle spürte.
"Schon gut, beruhigt euch doch. Ich habe nur Spaß gemacht!" stotterte der Fremde.
"Du wirst nur reden, wenn ich dich etwas frage, verstanden?" Der Fremde nickte heftig.
"Wo habt ihr den Jungen hingebracht?"
"Aber bitte... ich weiß gar nicht, wovon ihr redet!"
"O, ich denke schon..." Eduard drückte den Brieföffner stärker an den Hals des Mannes.
"Ach so... Ihr meint DEN Jungen..."
Der Graf verschmälerte seine grünen Augen, was dem Dicken noch mehr Angst einjagte.
"Wo ist er? Rede schon... !"
"Er...ist... Ich... weiß es nicht..."
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"Eduard... ich weiß nicht, wie lange sie mich hier jetzt schon gefangen halten. Vielleicht Wochen, vielleicht Monate, aber vielleicht sind bisher auch nur einige wenige Tage vergangen, die mir wie die Ewigkeit vorkommen. In dem dunklen Zimmer verliere ich manchmal das Zeitgefühl und ich weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist, wenn ein schmaler heller Streifen, der durch das kleine Dachfenster fällt die Düsterkeit durchbricht. Bitte... holt mich hier raus, Eduard, ich bitte Euch. Oft träume ich, dass Ihr plötzlich vor mir steht, mich anlächelt und mich dabei mit Euren wunderschönen grünen Augen anseht, die mich wieder leben und lieben lassen. Doch dann wache ich auf und Ihr seid verschwunden. Sie haben mich verraten. Meine Familie. Wenn es doch wenigstens diese Männer von damals wären, die mich hier festhalten, aber es ist... es ist meine eigene Familie. Sophie denkt, ich sei krank. Zumindest haben sie ihr das erzählt und ich weiß nicht,... vielleicht glauben sie das ja tatsächlich. Ich will nicht mehr... nicht mehr hier sein, nicht mehr hinabgeführt werden, nur damit sie mich unten anbinden und wieder diesen... diesen kleinen dicken Mann, der sich Arzt schimpft, ins Zimmer schicken. Das erste Mal war es besonders schlimm. Er hat von mir verlangt, dass ich mich ausziehe. Ich meine... er wollte, dass ich mich ganz... aber ich wollte nicht. Aber sagt mir Graf, welche Chance hatte ich schon? Ich war gefesselt und konnte nicht wegrennen und mich nicht einfach in Luft auflösen, wie ich es mir wünschte, als er mich gewaltsam entkleidete. Ich hab' mich so... so... ich hab' mich gefühlt wie...
Wenn er mich doch einfach in Ruhe gelassen hätte. Ich hab' ihm gesagt, dass ich nicht krank sei, aber er hat mir nicht geglaubt und nur mit dem Kopf geschüttelt.
Die dachten, wir zwei, Eduard... ich meine, du und ich... wir hätten miteinander geschlafen. Ja, dieser... Arzt hat mir weh getan, aber danach waren meine Eltern anders zu mir. Ich hörte meinen Vater aufatmen und sagen, dass nun doch noch Hoffnung bestand, mich zu "heilen". Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen hatten vor der Tür, ich vermute er hat es ihnen gesagt. Ich meine, dass ich noch ... Jungfrau bin...
Irgendwie ist es lächerlich, dass ich soetwas schreibe. Was ist denn nur los mit mir? Vielleicht muss ich es einfach nur los werden. Vielleicht geht es mir ja dann besser. Diesen Brief werdet Ihr nie erhalten, Eduard, aber ich schreibe ihn und wenn ich mir vorstelle, wie Eure sanften Augen über jedes einzelne Wort gleiten, nehmt Ihr mir damit diese Leere in meinem Herzen! Ich werde warten, denn ich weiß, dass Ihr kommen werdet. Irgendwann. Und dann werdet Ihr mich wieder in den Arm nehmen und wir zwei werden glücklich sein. Ich kann nicht geheilt werden, will es auch nicht, denn ich liebe Euch! Ich liebe Euch, Eduard von Kalau und ich werde auf Euch warten. Vergesst mich nicht... sonst bin ich verloren!
Da kommen sie wieder. Mein Vater und sein Bediensteter und die Hölle beginnt von vorne. Ich falle... warum... fängt mich niemand auf?"
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