Part 14: We are alone II
"Schatz? Schatz? Ich möchte lieber nach Hause gehen, ich fühle mich nicht wohl..."
/Er tut es nicht. ... denn er weiß, dass es ihrer beider Untergang wäre... Er wird es nicht tun.../
"Heinrich, bitte... hörst du nicht? Ich fühle mich unwohl und möchte lieber nach Hause gehen."
"Madlene... was ist denn mit dir?"
"Ich weiß nicht, es geht mir einfach nicht gut. Vielleicht wegen der Schwangerschaft. Lass’ und zurück fahren, ja?"
"Ich werde sofort die Kutsche vorfahren lassen. Komm’..." Er fasste sie an der Hand. Kurz bevor er aus dem Ballsaal trat, blickte er noch einmal besorgt zurück, doch den Grafen konnte er nicht sehen.
/Es wäre ihr Untergang.../
Eduard ging auf die Mädchen und Frauen zu, die Kim umringten. Die dunkelhaarige Schönheit, die direkt vor dem Jungen stand, visierte er an und sie ihn ebenfalls. Alle Frauen wurden schwach bei Eduards Anblick. So war es schon immer gewesen. Seine romantischen tiefgrünen Augen konnten alle Herzen bewegen. Als er ihr ganz nahe war, streckte sie schon ihre Hand aus, erwartete, von ihm zum Tanzen aufgefordert zu werden.
Der Graf jedoch blieb einen Moment lang stehen, strich sich dann die Haarsträhne zurück, die ihm in die Stirn gefallen war und lächelte. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Sie wusste nicht, weshalb sie von Kalau plötzlich vorsichtig zur Seite drückte, verstand nicht ganz...
Von Kalau beugte sich hinab und fasste mit seiner Hand nach einer ihm vertrauten.
"Würdest du... mir diesen Tanz erweisen...
...Kim...?"
/Ist das ein Traum? Eine bittersüße Illusion? Bilde ich mir nur ein, dass er meine Hand hält, dass er mir die Verzweiflung aus den Augen abliest, dass er.../
Kim erhob sich von seinem Platz. Er nahm nichts mehr wahr. Eine angenehme Schwere durchzog seinen ganzen Körper und er ließ sich vom Grafen auf die Tanzfläche führen.
/Wir leben nur einmal. Wir leben jetzt. Diese Welt verstößt uns und wir sind allein.../
"Du... Mama... sieh’ mal! Das Mädchen da hat ja eine Hose an!"
"Was redest du wieder für einen Unsinn, Josephine?!"
"Aber das Mädchen hat wirklich eine Hose an!"
"Hosen tragen nur Männer. Und jetzt sei still, ich unterhalte mich gerade..."
"Oh... das ist aber komisch. Ich hab’ noch nie gesehen, wie zwei Männer miteinander tanzen..."
Bei dieser Bemerkung drehte sich die Mutter des Kindes abrupt um und blickte entsetzt auf die Tanzfläche. Schnell legte sie ihre Hand über die Augen des Mädchens und drehte sie in eine andere Richtung.
Ein Raunen mischte sich in der Luft. Doch Kim und Eduard waren verloren, in ihrer eigenen Welt.
Niemand tanzte mehr, bis auf sie, die Musik hörte auf zu spielen, Stille durchdrang das Schloss. Doch sie tanzten weiter, noch lange. Und alle Menschen starrten.
Eduard hob seine Hand an Kims Gesicht, strich über seinen Nacken.
"Ich liebe dich... Kim Prokter..."
Ein leidenschaftlicher Kuss.
"Das geht zu weit, Eduard! Das geht entschieden zu weit, hörst du?!"
Der Graf blickte auf, suchte die Massen, die einen großen Kreis um sie gebildet hatten, ab, um herauszufinden, wo er stand... Fürst Minsk.
"Ah, sieh’ an, da hat jemand etwas einzuwenden..."
Minsk ging mit festen Schritten auf sie zu, zwei Welten prallten aufeinander.
"Das geht zu weit, Eduard. Du gehörst mir. Was fällt dir..."
/Du gehörst mir? Von Kalau gehört dem Fürsten?/
"Ich habe Euch nie gehört." Der Graf ignorierte Minsk und wandte sich zu Kim. "Komm’, lass’ uns gehen. Hier ist... kein Platz mehr für uns..."
"Das werdet ihr nicht tun. Versucht von hier wegzukommen, aber es gibt kein Entrinnen, denn du bist mein, mein lieber Eduard! Du bist mein!"
Der Fürst deutete mit seinem dicken Zeigefinger auf den Grafen.
"Nehmt sie fest!" Sofort regten sich einige uniformierte Männer und kamen auf Kim und von Kalau zu. Eduard überlegte nicht lange und versuchte mit Kim zu fliehen. Er fasste ihn bei der Hand und sie rannten, versuchten, zum Ausgang zu gelangen. Durch den langen dunklen Gang, dann rechts, dann geradeaus, die Türen waren alle zugestellt. "Verdammt... er hat alles geplant! Keine Sorge Kim, ich lass’ nicht zu, dass dir was passiert..." Sie rannten weiter, immer weiter, dicht gefolgt von einem Duzend an Männern, die sie festnehmen sollten. Ihre Herzen rasten, sie atmeten schwer, es war... ausweglos. Man kreiste sie ein, wollte sie fesseln. Sie wehrten sich und schlugen sämtliche Männer nieder.
"Eduard... ich an deiner Stelle würde damit lieber aufhören... Du willst doch sicher nicht, dass ich deinem Jungen hier die Kehle durchschneide?" Von Kalau drehte sich um. Fürst Minsk hatte Kim in seiner Gewalt und hielt ihm ein Messer an den Hals.
"Jetzt sei’ ein artiger Junge und lass’ dich festnehmen. Musst du mir denn immer solche Umstände bereiten...?"Sie banden ihm die Hände hinter dem Rücken fest zusammen und hielten ihm anschließend ein Messer an die Brust.
"Seid ihr alle Idioten, oder was? Weg mit dem Messer! Ihr verletzt ihn noch, ich will ihn ohne Makel! Hier!" Er stieß Kim zu einem seiner Männer und näherte sich anschließend Eduard.
"Wie habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt!" Er strich dem Grafen gierig über den Hals. "Ich kann es kaum erwarten. - Dich zu sehen. Nach so langer Zeit. Ich bin auf deinen Körper gespannt..." Minsk öffnete ihm erst die Jacke, dann langsam die Weste.
"Ihr widert mich an! Nehmt Eure Finger von mir!"
"Zwischen mir und deiner Brust liegt jetzt nur noch das bisschen Stoff deines Hemdes. Ich kann dich jetzt schon sehen... und spüren, deinen muskulösen Körper." Er fuhr ihm mit den Händen über den Oberkörper. "Wer hätte gedacht, dass sich aus dem schmalen Eduard von damals ein so schöner Mann entwickeln würde. ... Hahaha... nun, ich gebe zu, wir wussten es wohl alle!
Bringt sie auf das vorbereitete Zimmer!"
Der Graf und Kim sagten nichts, als man sie die vielen Treppen hinaufführte, die nicht zu enden schienen. Endlich angekommen, standen sie in einem schmalen Flur. Man stieß beide in ein kleines Zimmer. Die Fesseln des Grafen wurden ersetzt durch Ketten, in die man ihn legte. Eduard hatte versucht es zu verhindern, aber gegen die Kraft von drei Männern konnte er nicht ankommen. Er wand sich unter ihren Griffen, wollte sich irgendwie befreien, aber vergebens. /Weine nicht, Kim! Sieh’ mich nicht, Kim!/
Minsk trat nach einer Weile in den Raum. Als er durch die Tür kam zog er sich sorgfältig die Handschuhe aus und legte sie anschließend auf den runden Tisch, der im hinteren Viertel des Raumes stand. Er stellte sich vor Kim und wischte ihm die Tränen unsanft von den geröteten Wangen.
"Hast du etwa Angst? ... Angst um dich... oder... um ihn...?" Er trat einen Schritt zur Seite, so dass Kims Blick direkt auf von Kalau fiel, der an die Wand gekettet, dakniete und mit misstrauischen Augen genau beobachtete, was vor sich ging. Minsk hörte, wie die Kette rasselte, als er erneut Kim anfasste. "Ah, gefällt es dir nicht Eduard, wenn ich den Jungen berühre?"
"Lasst.... lasst ihn gehen, Minsk!"
Minsk grinste und seine Augen glitten an Kims Körper hinab. "Keine Sorge, ich will ihn nicht! Ich will dich, Eduard!" Mit diesen Worten entfernte er sich von dem Jungen und kniete sich hinunter zu Eduard, der ihm feindselig in die Augen sah. Von Kalau knirschte die Zähne. "Lasst... lasst ihn gehen. Er hat mit der Sache nichts zu tun..."
Der Fürst tat so, als müsste er angestrengt nachdenken. "Ich... will nicht, dass er geht. Ich will... dass er zusieht."
"Verdammt, Ihr sollt ihn endlich gehen lassen!"
"Aufbrausend wie immer..." Minsk erhob sich und ging erneut zum Tisch. "Dein kleiner Geliebter wird dich jetzt leiden sehen. Hast du das schon einmal? Deinen starken Eduard ganz hilflos, so klein und... ausgeliefert. Du kannst ihm nicht helfen und er dir nicht. Was für eine Tragödie! Ich liebe es! Ich liebe es, andere zu quälen. Das hat so etwas... aufregendes an sich."
"Ihr seid krank! Lasst... uns gehen... bitte..." Kim spürte einen stechenden Schmerz in seinem Herzen. Was konnte er denn nur tun? (Nichts...)
"Das... was Ihr hier tut ist krank! Uns verfolgt man, verstößt man... und Euer abartiges Handeln billigt man?! Wieso? Wieso denn nur?" Verzweifelte Tränen.
"Minsk... lasst ihn endlich gehen. Ich ... werde tun, was Ihr verlangt!" Der Fürst zögerte nicht lange und machte mit einer Kopfbewegung klar, dass man Kim wegführen sollte. Wohin, das wusste Eduard nicht. Er hoffte, man würde ihn laufen lassen. Aber selbst wenn er in ein anderes Zimmer gebracht werden würde, so war er doch wenigstens sicher vor... vor diesem Scheusal Minsk.
"Lasst uns alleine!"
/Lasst uns alleine. Lasst uns alleine. Lasst uns alleine. O Gott, die Hölle meiner Vergangenheit hat mich wieder eingeholt.../
Minsk ging auf von Kalau zu, ein lüsternes Funkeln in den sonst so stumpfen grauen Augen.
"Endlich allein!" Seine Hände glitten Eduards Oberkörper entlang, seinen Oberarmen, seinem Hals bis hin zu dem markanten Schlüsselbein. Seine Lippen näherten sich Eduards Mund. Dem Grafen wurde schlecht. Doch egal, in welche Richtung er seinen Kopf drehte, er war Minsk ausgeliefert und konnte nicht verhindern, dessen Zunge in sich zu spüren. Ein Biss, er schmeckte Blut. Unerwartet schnell fasste Minsk nach seiner Jackentasche und zog einen spitzen Gegenstand heraus. "Tu das noch einmal Eduard... du kannst dir vermutlich nicht vorstellen, was man mit so einem Ding hier alles tun kann." Und dabei drehte er das glänzende Messer vor den Augen des Grafen. Das Metall war kühl an seiner Kehle. Minsk setzte die Spitze genau in die Mitte zwischen den beiden Schlüsselbeinen des Grafen an. Dann zog er es langsam und unter leichtem Druck immer weiter nach unten, schnitt das Hemd auf und hinterließ auch gleichzeitig eine schmale Blutspur auf Eduards Brust, die er jedoch wenig später begann, gierig abzulecken. Von Kalau erduldete es. Er sah die ganze Zeit wegwärts, als dieser kleine dicke Mann auf ihm saß und seine Gier an ihm stillte. Er würde einfach nicht hinsehen... und vergessen.
Sein Hemd zerrissen, seine Augen leer. Sein Körper geschändet, doch er weint nicht. /Es ist egal. Egal. Ganz egal. Er nahm meinen Körper, meine Seele hielt ich vor ihm verborgen. Nur meinen Körper. Ich gehöre mir! Es ist... nichts passiert.../
/Er lächelte, als er plötzlich vor mir stand. Ich hatte so lange auf ihn gewartet. So viele Minuten voller Angst. Er holte mich aus diesem dunklen Raum, öffnete die Tür und stand in vollem Licht. Wie ein Engel, der gekommen ist um mir meine Sünden zu vergeben. Doch auch er ist ein Sünder. Er war es seit dem Tag, an dem er mich wollte. Wir beide gehören zusammen, wir wissen es.
Ich weiß nicht genau, was sich zwischen ihm und Minsk abgespielt hatte. Ich weiß nur, dass er ihm sehr weh getan haben muss. Sein Hemd ist nicht mehr weiß, die Unschuld ist verflossen, hat sich gemischt mit dem Rot des Blutes. Sein Haar ist wirr, aber noch immer lächelt er. Er nimmt mich in den Arm, ich spüre dass er zittert. Jetzt wird alles gut. Jetzt wird alles gut. Es wird alles gut. Er sagt es dreimal . Meint er es so?
Es wird alles gut, doch als wir zu Hause ankommen, merke ich, dass er versucht, seinen innersten Schmerz im Alkohol zu ertränken./
/Es wird alles gut.../
/Meint er es so?/