Part 17

Part 17: Crimson

 

Er hörte Eduards Schritte in der Vorhalle, dann verstummten sie allmählich. Kim konnte sich nicht bewegen, vielleicht wollte er es auch gar nicht, vielleicht hielt ihn irgend etwas fest und sagte ihm, dass er ihm nicht hinterhergehen sollte. /Aber... ich muss... Ich halte es nicht länger aus... ich muss mit ihm reden.../

Sein Herz schlug ihm bis an den Hals als er an die Tür von von Kalaus Schlafzimmer klopfte. Es öffnete niemand. /Schläft er schon? Aber... er ist doch erst vor fünf Minuten heraufgegangen.../ Er klopfte erneut, leise, in der Hoffnung es war nicht laut genug, um Eduard aufzuwecken, aber dennoch laut genug, dass er es hören würde, wenn er noch wach wäre. Doch die Tür blieb verschlossen, kein Laut drang aus dem Zimmer. Kim seufzte laut.

"Kim...?"

/Eduard...?/

"Suchst du mich?"

Kim drehte sich in die Richtung, aus der die tiefe Stimme kam. Eduard stand hinter ihm in einiger Entfernung.

"Von Kalau... ich... ich wollte... /Wieso fällt es mir so schwer zu sprechen, wenn er mich mit diesen grünen Augen ansieht?! Vielleicht, weil ich mir wünsche, es wäre alles so wie früher?/... Ich wollte gerne mit Euch reden...

Der Graf sagte kein einziges Wort.

"Ich meine... ich weiß ja... dass Ihr... dass Ihr müde seid, aber..."

Kim stockte, als er bemerkte, dass der Graf auf ihn zugelaufen kam und ihn dabei fixierte. Dann fühlte er Eduards Berührung an seiner Hand /Wieso trägt er immer Handschuhe, wenn er zu Hause ist?/.

"Eduard?"

Er sah dem Grafen ins Gesicht. Dann blickte er auf seine Hand. /Ein... Ring?/

Von Kalau lächelte müde.

"Ich wusste, er würde dir passen..."

"Der... ist... für mich?"

"Ich möchte, dass du ihn trägst, Kim..."

"Eduard..." Kims Augen funkelten als er den gleichen Ring an der Hand des Grafen bemerkte, nachdem von Kalau seinen Handschuh ausgezogen hatte.

"Bedeutet das..."

Eduard nickte nur. /Ja, Kim... wir beide... gehören für immer zusammen...

Nein! Ich... keine... Umarmung, Kim! Komm’ nicht näher.../ Eduard machte einen Schritt zurück. /Ich hasse mich dafür. Ich hasse mich, wenn ich dich traurig mache. Du fühlst dich zurückgestoßen, verlassen, allein. So wie ich, Kim. Ich fühle mich auch so... Wir... wir sind zu zweit und doch... ist jeder von uns allein. Und... und ich weiß nicht, wie lange es noch so sein wird... Vergib mir bitte.../

Kim stand mit gesenktem Kopf vor dem Grafen. Zwei leise Tränen rollten seinen Wangen hinunter.

"Ich... muss jetzt leider gehen, Kim. Bitte entschuldige mich..."

Der Junge blickte verstört auf. "Aber... Ihr müsst schon wieder gehen? Eben sagtet Ihr doch noch, dass Ihr zu Bett gehen wolltet..."

"... ich hatte vergessen, dass ich noch einmal in die Stadt muss..." /Frage nicht weiter, Kim... Bitte.../

"Um diese Zeit? Kein Geschäft hat jetzt mehr geöffnet!"

"Da hast du recht, aber das bedeutet nicht, dass für mich alle Türen verschlossen sind..."

"Aber..."

"Kein Aber, Kim! Ich bleibe dieses Mal auch nicht lange weg..."

Es herrschte eine Weile Schweigen.

"Versprecht Ihr es?"

Doch Eduard war verschwunden.

Kim lehnte sich an die Wand und glitt mit seinem Körper hinunter. Ein lautes Schluchzen durchdrang den Raum. Seine Augen standen ihm so voller Tränen, dass er den Ring an seiner Hand nur sehr verschwommen wahrnehmen konnte. Er hielt ihn sich an die Wange und schloss die Augen. /Ihr seid mir fremd geworden... Eduard. So fremd... Kommt zurück! Sonst sterbe ich!/

"Monsieur... kann ich Euch irgendwie helfen? Fühlt Ihr Euch nicht wohl?" Kim schüttelte nur den Kopf. "Nein nein... vielen Dank! Es... es geht mir gut. Bitte... ich möchte jetzt gerne alleine sein." Das Dienstmädchen verbeugte sich tief und stieg anschließend wieder die Treppen nach unten, wobei sie sich jedoch noch mehrere Male nach Kim umsah.

 

 

"Nein... sieh sich das einer an! Ich glaube, ich hatte recht, als ich sagte, dass wir beide uns magisch anziehen, Edu!" Heinrich setzte sich neben von Kalau an den Tisch. "Was machst du hier? Sonst bist du dir doch normalerweise auch zu fein, um hierher zu kommen..."

/Kein einziges Wort?/ Eduard hatte seinen Kopf etwas nach unten gesenkt, seine Haare fielen ihm vereinzelt über die Augen und er nippte lustlos an seinem Glas.

"..."

"Du bist blass, Bruderherz! Geht’s dir nicht gut?"

"..."

"Hey... hast du..." Doch Heinrich sprach nicht weiter. Er starrte nur auf Eduard, denn er konnte nicht glauben, was er da sah. /Er... weint.../

Von Kalau stand auf, ohne Heinrich auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen, legte das Geld auf den Tisch und verließ danach sofort das Gasthaus.

/Ich habe ihn... noch nie.../

"Hey... Leute! Bitte entschuldigt mich mal für einen Moment, ja? Bin gleich wieder da!" Die Meute, die in der anderen Ecke des Wirtshauses saß, grölte Heinrich zustimmend zu.

Draußen war es stockdunkel. Die Straßenlaternen waren schon gelöscht worden und Heinrich musste eine Zeit lang warten, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. /Wo... ist er hin?/

*husthust* Er hörte plötzlich ein unterdrücktes Husten aus einer der Seitengassen und als er um die Ecke bog, sah er seinen Bruder, wie er an die Hauswand gelehnt dastand und sich eine Hand vor den Mund hielt.

"Hey... Kleiner, bist du krank?... Das hört sich aber gar nicht gut an..." Wieder ein Husten.

"Lass mich in Ruhe, Heinrich! Wieso musst du mich immer belästigen?!" Die Worte waren hart, dass wusste Eduard, aber irgendwie musste er seinen Bruder doch loswerden. Und eine andere Wahl blieb ihm nicht.

"Geh’ Heinrich!"

Heinrich machte einige Schritte auf von Kalau zu.

"Was ist in letzter Zeit nur los mit dir, Eduard?"

"Nichts... gar nichts..."

Heinrich schüttelte verständnislos den Kopf.

"Du meinst, ich merke es nicht, wenn du mich belügst, was?"

/O nein, von Kalau... ich lass’ dich nicht so einfach gehen... Ich bin dein Bruder und ich will wissen, was mit dir los ist...!/

"Geh’ mir endlich aus dem Weg!" Eduard drückte seinen Bruder unsanft beiseite, doch nur, um sich wenig später gegen die Hauswand gepresst vorzufinden, mit einem wutschnaubenden Heinrich vor sich, der ihn am Kragen gepackt hatte.

"Mistkerl! Hör’ verdammt noch mal endlich damit auf!"

Stille.

Eduard lachte plötzlich.

"Womit denn, Heinrich?"

"Hör’ auf, dein Leben kaputt zu machen. Und denk’ gefälligst nicht immer nur an dich! Du denkst, es merkt niemand, wenn irgendetwas mit dir nicht stimmt, was? Hast du mal an Kim gedacht? Hast du mal daran gedacht, wie er sich fühlt, wenn du ständig unterwegs bist und ihm nicht einmal sagt, wo du hingehst? Oder wann du wieder zurückkommst?"

Eduard starrte Heinrich mit leeren Augen an.

"Ja... ich weiß von deinen langen Geschäftsreisen. Wo warst du die ganze Zeit, huh? Wo hast du dich herumgetrieben? Hast du etwa Abwechslung gesucht?"

"Was willst du damit sagen?"

"Ich sage gar nichts! Aber es ist doch offensichtlich! Fast jede Nacht bist du weg, treibst dich wer weiß wo herum und Kim sitzt alleine zu Hause. Er macht sich Sorgen, Eduard! Sorgen um dich! Sorgen um... um Euch..."

"Ich hatte... wichtige Dinge zu erledigen..."

Wieder spürte er einen starken Druck an seiner Brust. Heinrich hielt ihn fest.

"Wichtige Dinge, dass ich nicht lache! Was ist wichtiger als Kim? Etwa irgendein anderer Kerl? Oder eine Frau? Oder lässt du dich seit neuestem etwa von Minsk flachlegen? Ist es das, was du brauchst?"

Heinrich spürte plötzlich Eduards Faust in seinem Gesicht und er taumelte etwas benommen zurück.

"Sag’ so etwas nie wieder, hörst du? Nie wieder!"

Heinrich rieb sich die Wange.

"Ich weiß es... Eduard! Ich weiß, dass du nichts geschäftliches zu tun hattest. Zumindest nicht die ganze Zeit! Ich wollte dir nicht nachspionieren, aber du hast mir keine andere Wahl gelassen, als sämtliche Geschäftspartner von dir aufzusuchen. Und du warst nicht dort. Du warst bei keinem dieser verfluchten Menschen! Und du denkst immer noch, dass ich dir abnehme, dass du wichtige Dinge zu erledigen hattest?"

Eduard blickte stumm auf seinen Bruder.

"Du verstehst nicht..."

"Nein... ich verstehe dich wirklich nicht!"

"Du... du weißt, dass ich Kim nicht betrügen würde..."

"Ich weiß es... Doch weiß er es auch?"

"Ich muss geh..."

Heinrich fiel erst jetzt auf, dass Eduard sich beim Gehen ständig mit seiner linken Hand etwas an der Wand abstützte. Überhaupt wirkte seine ganze Gangart sehr gebückt.

*husthusthust*

/Da stimmt doch was nicht.../

Eduard spürte, wie ihn plötzlich seine Kräfte verließen und er sackte auf seine Knie. Wieder ein Husten.

Heinrich rannte zu ihm. "Hey, Kleiner... was...?" Doch wieder wurde er vom Grafen unsanft abgewiesen. Er half ihm dennoch, wieder aufzustehen. Eduard wollte gehen und wandte Heinrich den Rücken zu, dann lief er einige Schritte, unsicher, aber bis zu seiner Kutsche wäre es nicht mehr weit.

"Wie lange schon... Eduard?!"

Eduard drehte sich halb zu Heinrich um.

"Wie lange schon!!!!!!?"

"Ich weiß nicht... was du meinst, Heinrich!"

Heinrich lachte laut.

"Hahaha... er weiß nicht, von was ich rede...!" Dann wurde seine Mine plötzlich todernst.

"Wie lange... spuckst du schon Blut, Eduard?"

Eduard drehte sich halb zu Heinrich um, nur so weit, dass er sehen konnte, wie sein Bruder da in der Dunkelheit stand und wie gelähmt auf seine Hand starrte.

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