Part 19

Part 19: Withering...

Kim kauerte vor dem Kamin, eingehüllt in eine große schwere Decke, deren weinroter Samt im flackernden Schein des Feuers glänzte. Er hatte seine Knie zur Brust gezogen und starrte wie hypnotisiert in die Flamme.

Leere Augen und eine einzelne Träne, die sich ihren Weg über sein blasses Gesicht bahnt.

/Ihr... seid nicht gekommen. Ihr hattet versprochen, es würde dieses Mal nicht so lange dauern, aber ich bin aufgewacht... und Ihr wart nicht da.../ Müde legte er seinen Kopf auf seine Knie, den Blick noch immer in das Feuer gerichtet. Er hob die rechte Hand und betrachtete den schmalen Ring an seinem Finger. /Wieso... habt Ihr ihn mir geschenkt? Wolltet Ihr damit ausdrücken, dass... dass (nein!)... dass ich Euch gehöre? Ist es nur wieder eines Euerer Spielchen, die Ihr in letzter Zeit mit mir treibt? Ihr habt mich fallengelassen und ich treibe in einem Meer an Ungewissheit... Ich.../ Mit einem hörbaren Seufzer wischte er sich die Tränen aus den Augen, stand auf und bewegte sich mit graziler Langsamkeit auf das große Fenster zu. /Schon wieder Regen... immer nur grau und trostlos.../ Ein bitteres Lächeln machte sich auf seinen Lippen breit.

Die Stille im Raum wurde plötzlich durch einen lauten Knall durchbrochen und Kim drehte sich erschrocken zur Tür um. Zuerst fiel sein Blick auf Heinrich, der mit einem gequälten Gesichtsausdruck erschien und dann wanderten seine Augen auf den leblosen Körper, den Heinrich und ein Bediensteter von beiden Seiten stützten. Kim riss seine Augen weit auf, seine Hand hatte er unbemerkt vor den Mund gelegt.

/E...Eduard.../

Er wollte auf sie zugehen, aber seine Beine schienen aus Blei zu sein. "Eduard... Edua..." Heinrich schien ihn gar nicht zu beachten, sondern lief direkt an ihm vorbei und legte von Kalau auf das Sofa in der Nähe des Kamins.

"Kim schnell, wir brauchen etwas, womit wir ihn wärmen können! Mach’ schon!"

Ohne lange zu überlegen griff Kim nach der weinroten Samtdecke, in die er gehüllt war und reichte sie Heinrich.

Noch immer standen seine Augen weit offen, noch immer zitterte er am ganzen Körper, noch immer hoffte er, dass das alles ein schlimmer Traum war...

"Ganz ruhig! Es wird alles wieder gut! Wir sind zu Hause..."

"Heinrich...?" Eduards Bruder drehte sich zu dem Jungen um, der noch immer ungläubig dastand und auf von Kalau blickte.

"Heinr... was ist mit... was ist mit Eduard?"

Kim bemerkte, wie sich Heinrichs Gesichtsausdruck verfinsterte und er sorgenvoll auf von Kalau blickte.

Er strich seinem Bruder eine Strähne seines Haselnussbraunen Haares aus der Stirn.

Schweigen.

"Eduard hat Tuberkulose, Kim!"

Kim starrte Heinrich ungläubig an, sein Herz schien aufgehört haben zu schlagen.

/T- ub- er- kulose... /

"Du... Ihr beide wollt mich doch bloß wieder reinlegen, nicht wahr?" Seine Stimme zitterte als er sprach. Er versuchte zu lächeln. "Das... ist doch wieder nur eines euerer unsinnigen Spielchen, hab’ ich nicht recht? Ist es nicht so?!"

Noch immer starrte er Heinrich ins Gesicht, doch Heinrich reagierte nicht.

"Es ist ein dummes Spiel! Sag’ schon!"

Heinrich spürte sich plötzlich am Kragen gepackt. "Verdammt, sag’ mir endlich, dass es ein Spiel ist! Ihr sollt damit aufhören! Aufhören!" Er schluchzte und begriff in dem Moment, dass es kein Spiel war, als Heinrich seine Hände umfasste und ihn zu sich auf das Sofa zog. "Ich wünschte, es wäre so..." flüsterte er Kim leise zu. Dann hielt er seine Hand vor den Jungen. "Ich wünschte, Kim, es wäre wirklich nur ein Spiel. Aber..."

/Blut... seine Hand voller Blut!/

Kim schüttelte ungläubig den Kopf. "Es kann nicht Tuberkulose sein. Es kann... nicht... Eduard sein, der..."

Heinrich sah Kim fest an und packte ihn an den Schultern. "Sieh’ mich an! Du wirst dich jetzt wieder beruhigen, hörst du? Du wirst auf der Stelle tief ein und ausatmen und dich verflucht noch mal wieder beruhigen! Wir müssen jegliche Art von Stress für Eduard vermeiden, verstanden? Das ist das einzige, was wir momentan für ihn tun können, bis der Arzt da ist."

Kim nickte abwesend und Tränen rollten ihm unaufhörlich über die geröteten Wangen. Er ließ sich verzweifelt neben Eduard sinken und strich ihm sanft über die Stirn.

"Wieso... hat er mir nicht... gesagt, dass..."

/Ich weiß nicht, wieso er es verheimlicht hat Kim. Vielleicht um dir gegenüber keine Schwäche zu zeigen, vielleicht weil man von ihm erwartet, dass er immer stark ist.../

 

"Der Doktor ist angekommen, Herr!"

Ein großer schlanker Mann mit weißem Vollbart betrat den Raum und verbeugte sich beim Eintreten, während er seinen Hut abnahm.

"Wo ist der Patient?"

Heinrich lief auf den Arzt zu und führte ihm zum Sofa, auf dem sein Bruder lag. Kim kniete noch immer neben ihm, er hatte vermutlich nicht einmal bemerkt, dass der Doktor bereits hier war. Heinrich beugte sich zu ihm hinunter und packte ihn sanft an den Schultern.

"Lass... mich nicht allein Eduard!"

Heinrichs Brust schmerzte innerlich. Er hatte nicht gehört, wie Kim diese Worte ausgesprochen hatte, er hatte sie an seinen Lippen abgelesen. Lippen, die voller Verzweiflung schrieen und doch schwiegen.

"Komm’ jetzt, Kim! Lass den Doktor Eduard untersuchen."

*husthusthust* *husthusthust* *husthust*

Heinrich spürte, wie Kim plötzlich versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, wie er versuchte, zu Eduard zu gelangen. Doch Heinrich hielt ihn fest.

"Nein... *husthust*!" Von Kalau hatte seine Augen geöffnet und versuchte, sich zu setzten. Seine fiebrigen Augen glänzten und er starrte den Doktor an, der gerade dabei war, sein Stethoskop auf Eduards Brust zu setzen.

"Nein... *hust*!" Mit einer schwachen Handbewegung stieß von Kalau den Arzt leicht von sich.

"Es ist alles in Ordnung, Graf von Kalau! Ich bin hier um Euch zu helfen..." Der Doktor hatte seine Hände an Eduards Brust gelegt und versuchte ihn sanft wieder auf das Sofa zu drücken. "Bitte legt Euch wieder hin. Ich muss einige Untersuchungen durchführen..."

"*husthust*... Unsinn! Was für Untersuchungen?! Ich... ich habe doch gesagt, dass ich keinen Arzt brauche. Was wollt Ihr noch untersuchen? Es ist doch offensichtlich, dass ich Blut spucke, oder?"

Der Doktor wusste nicht, wie er darauf antworten sollte und aus Verlegenheit rutschte er nur seine kleine runde Brille zurecht, die ihm auf die Nasenspitze gerutscht war.

"Ich bin Arzt und ich entscheide, was ich tue und was nicht! Und ich bitte Euch noch einmal, Euch wieder hinzulegen..."

Von Kalau grinste breit und stützte sich mit seinen beiden Armen auf die Lehnen des Sofas, so dass er sich setzen konnte. Dabei fiel ihm die Decke vom Oberkörper und offenbarte dem Arzt einen Blick zwischen seine Beine.

"Was ist denn? Habt Ihr noch nie einen nackten Mann gesehen?"

/Dieser Mann ist schön!/

Nur diese Gedanke schwirrte dem Doktor in diesem Augenblick durch den Kopf. Er räusperte sich und zog dann die Decke über von Kalau. "Lasst Euere Kindereien, Graf! Ich habe schon andere Männer nackt gesehen,... nur keiner war von dieser Perfektion, wie Ihr es... seid."

Ein Funkeln sprühte in Eduards Augen auf als er das hörte und er packte den Doktor am Kragen.

"Ich will nichts mehr davon hören! Von wegen Perfektion!" Dann schrie er plötzlich. "Wenn mein Körper so perfekt ist, wieso verdammt tut er mir dann so weh?!" Einen Augenblick herrschte Schweigen und von Kalau senkte seinen Kopf. Er sprach leise. "... und wieso... tut er anderen weh, wieso tut er Kim weh..."

Heinrich spürte plötzlich, wie sich Kims Hände in sein Hemd verkrampften.

"Ich glaube er fantasiert, er sollte jetzt so schnell wie möglich in ein Bett gebrach werden..."

Noch während der Doktor dies sagte, hatte er Eduards linken Arm ergriffen und legte ihn sich über die Schulter.

"Helft mir mal!"

Heinrich eilte sofort zu ihm und ergriff von Kalaus rechten Arm. "Hier, wickelt die Decke um ihn herum, wir müssen ihn warm halten."

Kim schluckte. /Eduard... kann ich denn gar nichts für Euch tun? Kann ich denn wirklich nur herumstehen und zusehen, wie Ihr leidet? Eduard.../

Er wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, als er seinen Namen hörte.

"K... Kim... ich... Kim..."

Heiße Tränen verschleierten ihm die Sicht.

"Ich bin bei Euch, Eduard! Ich werde immer bei Euch sein. Und Ihr bei mir. Ihr habt es doch versprochen..."

Eduard nickte leicht und lächelte dabei.

"Ja... Kim... ich werde... immer... bei dir... sein."

Kim sah, wie Heinrich und der Doktor Eduard in die obere Etage auf sein Zimmer brachten. Er lief ihnen nicht hinterher. /Ich... will so gerne bei Euch sein, aber... Ihr wollt es nicht... Ihr habt versucht, mich von Euch fernzuhalten... Hattet Ihr Angst, ich könnte ebenfalls krank werden? Das ist es doch gewesen, nicht wahr, Eduard? Euere Distanz zu mir, keine Berührungen mehr, keine Nacht mehr... zusammen...!/

"Kim?" Heinrich betrat erneut den Raum. Kim stand mit dem Rücken zu ihm und starrte aus dem Fenster. Er spürte die Kälte, die durch das Glas hindurchstrahlte auf seiner Haut.

"Wird er ... sterben, Heinrich?"

Eduards Bruder stutzte. Die Frage war direkt.

/...wird er sterben und mich... alleine lassen?/

Heinrich lief mit langsamen Schritten auf Kim zu. Er schloss seine Augen und legte eine Hand auf die Schulter des Jungen.

"Es... geht ihm schlecht... der Arzt sagt... dass er vielleicht..."

"Nein!" Kim hielt sich die Ohren zu. "Nein... ich will es nicht hören, Heinrich! Ich will... nicht..."

Plötzlich rannte er los, riss die Tür auf, stürmte den langen Flur entlang, die Treppen hinauf und stand dann ganz außer Atem vor Eduards Zimmer. /Es ist... so still.../

Vorsichtig öffnete er die Tür. Der Doktor war nicht mehr da und von Kalau lag schlafend in seinem Bett.

Kim lief mit zitternden Beinen auf Eduard zu und ließ sich schließlich verzweifelt an sein Bett fallen. Er weinte.

"Bitte..." Seine Hände verkrampften sich in die Bettdecke. "Bitte, Eduard!" Er fühlte eine warme Berührung an seinem Kopf und blickte auf.

"Kim..."

"Eduard...?"

"Wieso *husthust*... wieso weinst du, Kim?"

"Ich..."

"Du solltest nicht hier sein... Ich... *hust*, ich... will nicht, dass du... *husthust* dich ansteckst, verstehst du?"

Kim sagte nichts, sondern sah ihm nur in das blasse Gesicht.

"Es tut mir so leid! Ich habe... ich... *husthusthust*... ich habe dir so viele Sorgen bereitet. Dachtest... *hust*, dachtest du allen ernstes, ich würde dich nicht mehr wollen?" Er lächelte müde.

Kim senkte seinen Blick zu Boden.

"Ihr... wart so abweisend zu mir..."

*husthusthust*

"Aber ich wollte dich, Kim! Und ich will dich noch immer! Ich bin fast wahnsinnig geworden *husthust*, dich in meiner Nähe zu wissen, dich nicht berühren zu dürfen, dich nicht... küssen zu dürfen... Deshalb habe ich versucht, mich irgendwie... abzulenken. Ich bin weggefahren, irgendwohin..."

Kim griff nach Eduards Hand, doch von Kalau zog sie schnell zurück.

"Verzeih’ mir... ich kann nicht. Ich kann es nicht zulassen!"

"Aber..."

"Kein Aber, Kim Prokter!"

Schweigen.

"Wieso weinst du noch immer? Hat man dir etwa gesagt, ich würde bald... sterben ?"

"Ich... Heinrich... er..."

"Ich sterbe nicht, Kim... Ich...*husthust*... sterbe nicht."

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