Part2: EMERALD EYES
Als er am nächsten Morgen erwachte, wusste er zuerst gar nicht wo er war. Es dauerte eine ganze Weile, bis es ihm wieder einfiel. Es war noch sehr früh und er blieb noch eine Zeit lang im Bett liegen, in das er sechsmal gepasst hätte, so groß war es. Er legte einen Arm über seine Stirn und starrte an die Decke des hohen Raumes. Ob seine Schwester auch so ein großes Zimmer hatte wie er?! Er war von zu Hause Luxus ja schon gewohnt gewesen, aber das hier überstieg alles bei weitem. Der Graf musste verdammt reich sein. Der Graf... heute würden sie ihn kennenlernen.
Es interessierte ihn im Grunde gar nicht, wer dieser Mensch war oder wie er aussah und wie er lebte... er war nur neugierig darauf, wie seine Schwester auf ihn reagieren würde. "Oniichan! Darf ich reinkommen?" Sophies piepsiges Stimmchen war vor der Tür zu hören und holte Kim aus seinen Gedanken. Sie klopfte leise als sie keine Antwort bekam. "Oniiiiichaaaaaan!" Seine Schwester war wirklich ungeduldig. Er hatte ihr zwar schon geantwortet, aber vermutlich ist das in dem riesigen Raum untergegangen und sie hatte es nicht gehört. Also stand er auf, zog sich
schnell seine schwarze Hose über, schnappte sich sein weißes Hemd mit den weiten Ärmeln und dem Stehkragen und stand kurz darauf halb angezogen vor Sophie. "Hast du mich erschreckt, oniichan!" Sophie sprang ihm sichtlich erleichtert um den Hals. "Mama und Papa waren auch schon weg. Als ich heute früh an ihr Zimmer klopfte hat nur ihr Dienstmädchen geöffnet und gemeint, dass sie spazieren seien. Das war mir schrecklich peinlich!" Das Mädchen wurde rot und grinste dann ihrem Bruder breit ins Gesicht. "Ich hatte nämlich nur mein Nachthemd an musst du wissen... Und deshalb
bin ich dann erst einmal wieder auf mein Zimmer gegangen und hab' mich angezogen. Nicht, dass ich so noch Graf Hornb... uhhhmmm... Graf von Kalau begegnet wäre! Bin ich froh, dass du noch da bist! Allein hätte ich mich nämlich nicht getraut runter in den Speisesaal zu gehen!" Kim hörte geduldig zu. Es war fast immer so, dass seine Schwester in Monologen redete. Aber es genügte ihr, wenn nur jemand da war, der ihr zuhörte.
Sophie saß nun auf seinem Bett und betrachtete ihren Bruder mit zusammengekniffenen Augen und einem Lächeln im Gesicht, als er sein Hemd anzog. "Oniichan... du bist hübsch! Und ganz schön groß geworden. Bis vor einem Jahr hätte dich jeder noch für ein Mädchen gehalten, mit deinem hübschen Gesichtchen, aber jetzt hast du sogar richtig was von einem Mann!" Kim wurde rot, als er das hörte und drehte sich erstaunt zu seiner Schwester um. "Nur ein bisschen mehr essen musst du,
oniichan! Deine Hüfte ist so dünn!"
Sophie spürte plötzlich, wie ihr eine Hand in den Haaren herumwuselte. Kim stand neben ihr und verstruppelte ihre sorgsam gelegte Frisur. "Was geht dich meine Hüfte an, Sophie?!" Das Mädchen wurde plötzlich rot, stand dann ruckartig auf und warf sich auf ihren Bruder. Kim verlor das Gleichgewicht und beide landeten auf dem Bett. Jetzt war Sophie an der Reihe und verstrubbelte Kims Haare. "Oniichan! Das zahl' ich dir heim! Einer Frau ruiniert man nicht die Frisur!!! Hahahahaha!" Kim spielte ein Weilchen das kleine Spielchen mit und tat so, als wäre sein Schwesterlein unsagbar stark, so dass er sich nicht von ihrem Griff lösen konnte. Dann aber sprang er auf, ebenso Sophie und eine wilde Jagd durch das Zimmer begann. Sophies Gelächter
war vermutlich bis auf den Hofplatz zu hören. Vielleicht standen auch schon sämtliche
Bedienstete des Schlosses vor der Zimmertür und malten sich die unsäglichsten Dinge aus, was hier wohl vor sich ging. Kim war jetzt ganz dicht bei Sophie. Er hatte sie in der Falle. Da riss seine Schwester ganz plötzlich die Tür zum Flur auf, streckte Kim die Zunge heraus und landete dann beinahe unsanft auf dem Fußboden, wenn.... wenn da nicht zwei starke Arme gewesen wären, die sie auffingen. Im ersten Moment wusste sie gar nicht, was geschehen war. Außer Atem, mit buschigen Haaren und unordentlichem Kleid blickte sie ganz stumm in wunderschöne dunkelgrüne Augen, deren Farbe schon fast ins Schwarz ging. "Da... Danke sehr!" stotterte sie, doch an Stelle einer Antwort erhielt sie nur einen finsteren Blick.
Sophie stand jetzt stumm vor ihm, mit gesenktem Kopf. Wie klein sie neben ihm wirkte. Er war bestimmt 1,95 m groß... Moment mal! Ja! Das war der Mann, den er am gestrigen Abend bei ihrer Ankunft gesehen hatte. Kim erschrak innerlich als er bemerkte, dass der Fremde ihm direkt in die Augen sah. Ganz ohne jegliche Gefühlsregung. Ohne Wut, ohne Misstrauen, einfach nur mit Gleichgültigkeit. Kim merkte es kaum, als seine Schwester sich plötzlich an seinem Hemd festklammerte. Er konnte nicht anders. Musste dem Blick des Mannes, der ihm in zwei drei Metern Entfernung gegenüberstand einfach entgegenhalten. Erst als Sophie ihren Griff um Kims Arm festigte, wachte er aus dieser Art Trance auf und blickte möglichst
schnell zur Seite. "Sei das nächste Mal ein bisschen vorsichtiger, Mädchen!" Entgegnete er den beiden und kniff dabei seine Augen zusammen, lies jedoch den Blick nicht von Kim ab. "Uhm" nickte Sophie um ihm zu verstehen zu geben, dass sie verstanden hatte, was er meinte. Dann drehte sich der Fremde ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen um und ließ die zwei Geschwister verwirrt zurück. "Oniichan... weißt du, wer das war? Oniichan???" Sophie blickte an ihrem Bruder hoch, dessen Hemd sie noch immer fest umklammert hielt. Kim schien sie gar nicht zu hören. Er blickte noch immer in die Richtung, wohin der Fremde verschwunden war, sich im Schwarz des langen Ganges aufgelöst hatte. Er war plötzlich da gewesen und genauso plötzlich war er nun verschwunden. "Oniichan! Ist... ist alles in Ordnung mit dir?" Kim nickte, sah dann seiner Schwester mit einem zärtlichen Lächeln ins Gesicht und begann auf einmal furchtbar laut zu kichern. Sophie wusste ganz genau worüber er sich amüsierte. - Über ihren Kopf, der rot war wie eine Tomate, über ihre zerzauste Frisur und über ihre zittrigen Hände, mit denen sie nun versuchte, ihren Bruder zurück in sein Zimmer zu schieben. Sophie hörte noch immer den Klang seiner Worte "Sei das nächste Mal ein bisschen vorsichtiger!" im Gedächtnis . Seine tiefe, männliche Stimme, mit der er diese Worte ausgesprochen hatte. Wer war dieser Mann? /Wie seine Augen tiefgrün, fast schwarz geglänzt haben, als er mich angesehen hat./ Sie konnte nicht anders, als einfach nur zu denken, dass er wunderschön war. Wunderschön!
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