Part
10:
„Bereust
du es nicht langsam, dass du dich nicht doch neben Luitbert gesetzt hast?“
fragte Joséphine mit einem hämischen Grinsen im Gesicht und sah dabei ihrer
Freundin eindringlich in die Augen. Diese senkte zuerst verlegen den Kopf um
wenige Augenblicke später trotzig aufzusehen: „Pah... ich wüsste nicht, was
man da bereuen könnte... Sieh’ ihn dir doch nur einmal an...“ Die Blicke
der beiden Mädchen wanderten zu der abgelegnen Tischreihe, um den Herren mit
dem rotblonden Haar genau zu begutachten. Sie schmunzelten, als sich automatisch
auch die Köpfe der anderen Freundinnen Joséphines in eben dieselbe Richtung
drehten. Unter Freundinnen gab es eben keine Geheimnisse. Entweder man teilte
seine Anliegen mit allen, oder man behielt sie lieber für sich, wenn man
Streitigkeiten vermeiden wollte.
„Nun
ja... für mich wäre er kein Mann, aber ich dachte durchaus, dass du Gefallen
an ihm findest, Amélie!“ Doch das Mädchen winkte nur mit einer knappen
Handbewegung ab. Als ihr klar wurde, was ihre Freundin da soeben über Luitbert
geäußert hatte, entgegnete sie wirsch: „Natürlich! Der Mann, der für dich
in Frage kommt, Joséphine, muss wohl erst noch geboren werden!“ Daraufhin
grinste sie voller Genugtuung, als sie ihre Freundin zustimmend seufzen hörte.
„Es
ist eben doch nicht so einfach, den Richtigen zu finden, obwohl...“ Joséphines
Worte gingen in einem lauten Geräusch zu ihrer Linken unter. Bernard stand vor
ihr und hatte seinen Stuhl quietschend zurückgezogen um schließlich Platz zu
nehmen.
„Da
bist du ja endlich, oniisan! Ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr
erscheinen!“ Doch anstatt eines freundlichen Lächelns, blickte ihr Bernard
nur stumm und mit boshaftem Funkeln in den Augen in ihr liebreizendes Gesicht.
Die
Dienstmädchen begannen sodann, die Speisen aufzutragen.
„Mhmmm...
das duftet lecker! Ich habe ja solchen Hunger!“ murmelte Amélie vor sich hin
und alle anderen Mädchen, die mit ihr am selben Tisch saßen, stimmten ihr mit
heftigem Kopfnicken zu. Bernard jedoch starrte sie kalt, fast misstrauisch an,
bevor er sich an seine Schwester wendete, die bereits damit beschäftigt war,
das saftige Stück Fleisch, welches vor ihr auf dem Teller lag, zu zerlegen und
es in kleinen Häppchen nacheinander auf ihre silberne Gabel zu spießen.
„Wo
ist Kim, Joséphine?“ Das Mädchen sah ihren Bruder zögerlich, doch dann mit
Standhaftigkeit an.
„Er
sitzt an einem anderen Tisch. Wenn du dich herumdrehst und deinen Blick etwas
weiter rechts hältst, kannst du ihn sehen!“ Doch Bernard bewegte sich nicht.
Für einen Moment kehrte Schweigen zwischen den beiden Geschwistern ein.
„Und
weshalb, geliebtes Schwesterchen, sitzt er bitte an einem anderen Tisch?!“ Als
er dies sagte, verlieh er seiner Stimme immer mehr Druck.
Joséphine
warf Bernard daraufhin nur einen scheuen Blick zu und beschäftigte sich
anschließend wieder mit ihrem Essen, als habe sie die eindringliche Frage gar
nicht gehört. Als sie jedoch bemerkte, wie die Atemzüge ihres Bruders immer
lauter wurden, flüsterte sie kurz:
„Ich
wüsste nicht, weshalb du dich darüber aufregen solltest. Benimm’ dich
bitte!“
„Ich
soll mich also benehmen, ja?“ Amélie beobachtete alles, doch mischte sich
nicht ein.
„O
ja, das sagte ich!“
Bernard
kochte innerlich bereits vor Wut, doch versuchte, sich unter Kontrolle zu halten
und sich nach außen hin nichts anmerken zu lassen.
„Er
sollte aber hier sitzen, Joséphine! Das war so ausgemacht! Wieso hast du dich
nicht daran gehalten?“
Als
seine Schwester darauf nichts antwortete, entwich dem Jungen ein lautes Fluchen
und er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass das Geschirr klirrte und
die vollen Gläser beinahe überschwappten. Ärgerlich blickte Joséphine ihm
ins Gesicht, konnte sie Bernards Aufgewühltheit doch wirklich nicht verstehen.
Zumindest nicht in einem solchen Ausmaß. Na und? Kim hatte sich nun einmal
woanders hingesetzt. Was sollte daran so schlimm sein?!
Die
Gäste an den umstehenden Tischen richteten bereits ihre verschmitzen Augen auf
Bernard und Joséphine, was dem Mädchen sichtlich unangenehm war, da sie
versuchte, weiter zu essen, als sei nichts vorgefallen.
„Verdammt!
Ich wollte Kim sehen! Er sollte mir gegenüber sitzen! Doch stattdessen sitzt
nun dieses hässliche Furunkel auf seinem Platz!“
Amélie
glaubte, ihr Herz hörte auf zu schlagen!
„Mäßige
deinen Ton, Bernard de Balvenne! Wir sind hier nicht alleine im Speisesaal!“
Doch Bernard lachte nur höhnisch, während Joséphine ihrer Freundin einen
entschuldigenden Blick zuwarf. Sie konnte das Verhalten ihres Bruders nicht mehr
länger ertragen, nicht das höhnische Lachen noch länger hören. Ruckartig
erhob sie sich deshalb von ihrem Stuhl.
„Willst
du mich vor all den Leuten blamieren, du undankbarer Kerl? Sei endlich still und
setz dich wieder hin oder ich...“
„Oder
du...was?“ forderte Bernard seine Schwester heraus, was ihm jedoch mit einer
schmerzenden Ohrfeige vergolten wurde. Er fasste ungläubig an seine Wange und
blickte dann auf Joséphine, der Tränen in den Augen standen, so als tue ihr
ihre Handlung bereits wieder leid. Trotzig setze sie sich wieder.
„Ich
lasse es nicht zu, dass du meine Freunde derart beleidigst. Es tut mir leid,
dass ich es dir nicht recht machen konnte, aber ich begreife nicht, was du dich
so aufregst, nur weil Kim dir nicht gegenüber sitzt. Ihr könnt heute noch
genug Zeit miteinander verbringen. Du tust ja gerade so, als wärst du eifersüchtig,
auf jeden, der auch nur mit deinem Freund in Berührung kommt!“
In
Bernards Augen blitzte ein unheimliches Feuer auf und er beugte seinen Oberkörper
vertraulich zu Joséphine. Ihr ins Gesicht starrend, entgegnete er leise, so
dass es keiner sonst hören konnte:
„Vielleicht
bin ich es auch, Joséphine! Eifersucht ertragen zu müssen ist eine schwere Bürde.
Und das weißt du!“ Joséphine blickte beschämt zur Seite.
Bernard
jedoch sah sich im Raum um. Fast alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Er
setzte ein gemeines Grinsen auf. „Was ist denn... habt Ihr etwa noch nie einem
Streit unter Geschwistern beigewohnt? Es ist vorbei! Esst weiter! Esst weiter
und sucht euch eine andere Unterhaltung! Musik! Bitte, weshalb spielt ihr denn
keine Musik mehr?!“ Das Ensemble begann sogleich, die Geigen wieder zu
streichen.
Kim
hatte den ganzen Aufruhr mit geröteten Wangen angesehen. Zwar konnte er nicht
viel von dem, was geschimpft wurde, verstehen, doch er hatte seinen Namen gehört
und schloss daraus, dass es wohl um ihn gehen musste. Die Blicke der Gäste, die
auf seinen Schultern ruhten, schienen diese Vermutung zu bestätigen. Zwar wünschte
er Bernard und Joséphine keinen Zwist, schon gar nicht, wenn er der Auslöser
gewesen sein sollte, aber in gewisser Weise war er auch froh über diese kurze
Unterbrechung, denn das eisige Schweigen, das zwischen ihm und von Sinnt
herrschte, schien ihm schier unerträglich zu werden. Solche Feste waren schließlich
eigentlich dazu gedacht, sich mit anderen Menschen zu unterhalten, mit ihnen zu
lachen oder nur Gerüchte zu nuscheln, was Kim an sich zwar verabscheute, aber
einfach wortlos dort zu sitzen, war ihm fast noch unangenehmer.
/Vielleicht
ist es ganz gut, dass er mich nicht anspricht. Bestimmt müsste ich stottern und
er würde insgeheim über meine Unsicherheit lachen. Außerdem ist ihm wohl eine
Unterhaltung mit seiner Gemahlin wesentlich lieber.../
Kim
verspürte keinen Hunger mehr, als er darüber nachdachte. Bis jetzt hatte er
nur wenige Bissen getan, doch die Nervosität, die sich in sein Innerstes
geschlichen hatte, ließ das Knurren seines Bauches verstummen.
Plötzlich
wurde er an seinem rechten Arm unsanft angestoßen.
„Na,
Bursche... schmeckt’s dir etwa nicht?“ Kim blickte in das speckig glänzende
Gesicht des Mannes mit den rotblonden Harren, der neben ihm saß und seinem
Geruch nach zu urteilen schon vor dem Essen zu viele Weingläser geleert hatte.
Kim blinzelte kurz und setzte dann ein leichtes Lächeln auf.
„Doch
doch, es ist sehr gut... ich...“
„Und
warum schnippelst du dann schon seit einer halben Stunde an dem selben Stückchen
Fleisch herum?“
Kim
wurde rot.
„Meine
Frage ist dir doch nicht etwa peinlich?“
„Nun,
ich...“
„Also
sehr gesprächig bist du ja nicht... Wie heißt du überhaupt?“
Kim
nannte leise seinen Namen.
„Kim
also. Mhm, ein ungewöhnlicher Name, muss ich schon sagen! Aber wie findest du
Joséphine?“ Kim sah ihn perplex an. Was faselte dieser Mann nur?!
„Den
Namen meinte ich natürlich. Was ist mit Joséphine?“ Luitberts Augen glänzten
verträumt.
„Joséphine...
welch ein Klang. Schoooooseeeeefiiiiiiinnnnn!“ sprach er langsam und deutlich
und Kim verdrehte die Augen bei dem „sch“, welches Luitbert einfach viel zu
hart aussprach, wodurch der Name fast ins Lächerliche gezogen wurde. Kim
bedauerte plötzlich Amélie, die sich bei diesem Mann wohl falsche Hoffnungen
machte, wenn er vom Namen einer anderen schwärmte. Und diese andere war niemand
anderes als Amélies beste Freundin. Wenn das mal nicht in Problemen endete...
„Na,
Kim, amüsierst du dich denn wenigstens jetzt gut?“ Kim zuckte zusammen, denn
an seinem linken Ohr vernahm er plötzlich Bernards aufgewühlte Stimme und als
er sich in diese Richtung wendete, sahen ihm zwei blaue Augen entgegen.
Kim
lächelte und wollte aufstehen, doch Bernard drückte ihn an seiner Schulter mit
einem energischen Kopfschütteln hinunter. „Nein, nein, nein! Du wirst dir
diesen Genuss doch nicht entgehen lassen...“
Ein
fragender Blick.
Bernard
zuckte deutlich mit seinen Schultern und grinste breit.
„Du
wirst doch wohl bemerkt haben, wer zu deiner Linken sitzt, oder nicht?“
Kims
Augen wurden immer größer und er sah flüchtig zum Grafen, der diese Bemerkung
nicht überhört haben konnte. Vielleicht hatte er diese auch einfach nur
ignoriert, denn zum Glück zeigte er keine Reaktion.
„Wie
ich schon sagte, Kim! Ein wirklich sehr schöner Mann! Sieh dir doch nur seine
breiten Schultern an... dann diese geschwungenen Lippen und der helle Teint.“
Kim
wurde nervös und errötete. Der Graf unterhielt sich mit seiner Gattin.
/Bitte
nicht... Ihr dürft Bernards Worte nicht hören!/
„O
wie schade... er scheint mich nicht zu hören.“ Vertraulich beugte sich
Bernard zu Kim.
„Was
ist, rast dein Herz, bist du vielleicht sogar ein bisschen erregt, bei dem
Anblick von Sinnts? Na was ist... lässt du mich mal fühlen...?“ Bernard
wollte Kim zwischen die Beine fassen, doch dieser stand erschrocken auf und
entfernte sich wenige Schritte von Joséphines Bruder.
Bernard
stellte sich zu ihm und fuhr dem Jungen mit der Hand über den Nacken.
„Ah...
der edle Herr erhebt sich ebenfalls. Siehst du, wie gut, dass du diese letzten
Minuten noch genossen hast, Kim. Lange hätte er sowieso nicht mehr neben dir
gesessen. Blickst du diesem Geschöpf nicht etwas zu fasziniert hinterher? Er
ist eindeutig zu groß für dich! Willst du dich immer auf Zehenspitzen stellen
müssen, wenn du ihn küsst? Denkst du, ihr würdet überhaupt zusammen passen?
Ich meine... vielleicht ist er ja viel zu üppig für dich im Bett und würde
dir beim ... Eindringen nur
Schmerzen bereiten?“
Kim
schluckte und richtete seine Blicke auf den Boden.
„Was
ist nur los mit dir, Bernard?“
„Beschwer’
dich nicht, Kim! Keiner hat von dem, was ich gesagt habe, etwas gehört!“
„Darum
geht es nicht!“ entrüstet sah Kim seinem Gegenüber in die Augen.
„Ach
nein, worum geht es dann? Du schweigst? Gut, dann behalt’ es für dich. Ich
hatte jedenfalls meinen Spaß! Du siehst furchtbar niedlich aus, wenn du errötest.
Ich mag das!“
Unbeschwert
kicherte der Junge vor sich hin und legte seinen rechten Arm um Kims Schultern.
„Lass
uns jetzt besser nach unten gehen. Ich höre schon, wie man im Ballsaal Musik
spielt!“
Kim wusste nicht, wohin die Zeit geflohen war, denn als er aus einem der vergitterten Seitenfenster des Schlosses sah und sein Blick den Horizont streifte, hüllte die Sonne die vereinzelten Wolken bereits in einen abendlichen roten Glanz.
Bernard
lief noch immer neben ihm her und schien in seinen eigenen Gedanken versunken zu
sein. Sie mussten nur den anderen Menschen nachfolgen, dann gelangten sie mit
Sicherheit in den großen prächtigen Ballsaal, denn jeder der Gäste sehnte
sich nun nach etwas Tanz und Vergnügungen anderer Art.
Die
heitere Musik war bereits zu hören und sie wurde immer lauter, je näher die
zwei Jungen dem Saal kamen. Kim hatte diesen noch nie betreten, dies fiel nicht
in seinen Aufgabenbereich als Bediensteter dieses Schlosses und er war fast betrübt
darüber, denn dieser Raum strahlte eine Art Wärme aus. Die hohen Wände waren
weiß gestrichen und zwischen den zahlreichen Spiegeln, die optisch für enorme
Vergrößerung sorgten, rankten sich goldene Blumen. Die Decke wölbte sich
leicht nach oben und war bemalt mit sagenhaften Gestalten, die Kim jedoch keiner
Legende hätte zuordnen können. Der braune Parkettboden ächzte leise unter der
menschlichen Last und ein betörender Geruch von Parfum und Wein füllte die
Luft.
„Komm...
mischen wir uns etwas unter die aufgeblasenen Leute, Kim!“ schlug Bernard vor,
doch da Kim nur sehr widerwillig folgte, zog er ihn einfach hinter sich her.
„Weißt
du, auf solchen Festen wird mir eigentlich nur selten langweilig. Doch du
scheinst mir überhaupt keine Freude an solchen Anlässen zu haben.“
„Wenn
es so erscheint, als würde ich mich langweilen, dann tut es mir aufrichtig
leid. Aber ich kann dich beruhigen, ich amüsiere mich recht gut!“ Bernard
wusste, dass dies eine Lüge war, doch wollte er darauf nichts entgegnen.
Die
beiden Jungen verschwanden in einer abgelegnen Ecke hinter einem Samtvorhang,
der nur halb zurückgezogen war. Dahinter lagen drei kleinere Zimmerchen, in
denen jeweils Stühle und Sofas standen. Auf dem äußersten Sofa hatte es sich
eine ältere Dame mit faltiger Haut und grauen hochgesteckten Haaren bequem
gemacht. Sie lächelte die beiden an.
„Ihr
seid mir willkommen! Wollt ihr euch nicht zu mir setzen? Ein wenig Unterhaltung
würde mir gut tun!“
Kim
ging auf sie zu und lächelte, doch Bernard hielt ihn mit einem starken
Handgriff am Arm zurück.
„Nein,
nein, Kim! Lass’ dich nicht blenden! Diese Frau ist berüchtigt dafür, dass
sie junge Knaben zu jeder Gelegenheit vernascht. Man müsste meinen, das Alter lässt
die Gier mit der Zeit erlöschen, doch bei ihr trifft das wohl nie zu!“
Die
Frau hob arrogant ihre rechte Augenbraue etwas an und sah dann in eine andere
Richtung, wobei sie sich mit ihrem Fächer stets frische Luft zuwedelte, der die
Federn in ihren Haaren unter dem Luftzug sich bewegen ließ.
„Wieso
halten sich Dirnen auf diesem Fest auf?“
„Sie
ist keine Dirne, sondern eine über Ecken und Kanten Verwandte von mir! Sie
greift bei Frischfleisch zwar kräftig zu, doch zu weit geht sie nie und das
macht den Unterschied. Vielleicht hättest du sie ja gerne mal Hand anlegen
lassen, Kim?“ Ein hämisches Grinsen flackerte über Bernards Gesicht, doch
erlosch gleich wieder.
„So,
du wartest hier, während ich uns etwas zu Trinken besorge, verstanden?“
Bernard drückte Kim unsanft in eines der umstehenden Sofas und verschwand
anschließend gleich. Lange blieb er jedoch nicht weg, denn bereits nach wenigen
Minuten stand er schon wieder vor Kim, mit einem Lachen in den Augen und zwei Gläsern
Champagner in den Händen. Davon reichte er Kim eines.
„Nun
trink’, das wird dich vielleicht etwas aufmuntern!“
Mit
einem lauten Seufzen ließ Bernard sich neben Kim in das Sofa fallen und legte
seinen Arm auf die Schultern des Jungen.
„Du
nippst ja nur an deinem Glas! So wird es nie leer werden! Nimm’ doch einmal
einen kräftigen Schluck!“
Kim
fühlte ein tiefes Unbehagen aufkommen, als er so neben Bernard saß und ständig
dessen Launen über sich ergehen lassen musste. Andererseits schien es ihm unhöflich,
den Jungen stehen zu lassen.
/Im
Grunde ist er ein lieber Kerl, nur leider viel zu temperamentvoll und unbedacht
in seinen Äußerungen!/
„Gefällt
es dir?“
Kims
Blicke trafen auf Bernards blaue Augen und dieser lächelte selbstgefällig zurück,
das Champagnerglas in der Hand leicht schwenkend.
„Ist
es für dich schön, so mit mir hier zu sitzen? Du wirst schon wieder rot! Also
doch! Ich wusste es ja!“ Flüchtig und unerwartet berührte Bernard sanft Kims
Lippen mit seinem Mund. Dieser streckte ihm eine abwehrende Hand gegen die
Brust.
„Lass
das nicht zur Gewohnheit werden, ja Bernard?“ Doch sein Gegenüber schmunzelte
nur und zog Kim näher zu sich heran.
„Bernard?“
Ein gut gekleideter junger Mann schob sich durch den Vorhang und grüßte Joséphines
Bruder mit einer lockeren Handbewegung.
„Hast
du vergessen, dass wir noch über eine wichtige Angelegenheit reden müssen? Ich
suche dich schon seit einer halben Ewigkeit!“ Bernard verzog sein Gesicht zu
einer gelangweilten Grimasse.
„Hat
das nicht noch etwas Zeit, Gustav? Du siehst doch, dass ich gerade beschäftigt
bin!“
„So
leid es mir tut, aber noch länger hinausschieben kann ich es nicht. Ich werde
auch bald aufbrechen!“
„Du
willst schon gehen?“
„Von
Wollen kann nicht die Rede sein, die Pflicht zwingt mich dazu!“
Unter
einem Stöhnen erhob sich Bernard mühsam.
„Entschuldige
mich kurz! Es wird nicht lange dauern!“ Dann wendete er Kim den Rücken zu und
folgte Gustav, der bereits durch den Vorhang verschwunden war.
Kim
war froh, einen Moment alleine zu sein. Nervös fuhr er sich durch die Haare und
lehnte seinen Kopf etwas nach hinten. Dann stand er auf um sich das Bild an der
Wand genauer anzusehen, welches direkt neben dem Sofa hing und in sanften Farben
gezeichnet war. Es zeigte einen Schwan, dessen weiß-lila gefiederte Schwingen
sich zum Himmel streckten, so als wolle er zum Flug ansetzen und würde doch
durch irgendeine magische Kraft am Boden festgehalten werden. Als Kim sich
umdrehte, wäre ihm beinahe ein Schrei entwichen, so erschreckt war er, als er
plötzlich von Sinnt erblickte. Dieser schob mit seiner linken Hand, den
Samtvorhang etwas nach oben, um unter ihm durchgehen zu können.
Ein
fester Blick traf Kim und der Graf näherte sich langsam, doch mit bestimmten
Schritten.
Regungslos
stand der Junge da und wartete ab. Vielleicht wollte sich der Graf einfach nur
auf einen Stuhl setzen... oder er suchte jemanden. War er an dem Bild an der
Wand interessiert?
/Mir
wird... so plötzlich schlecht und fiebrig heiß. Weshalb...?/
Von
Sinnt stand vor dem Jungen in voller Größe und sah ihm tief in die Augen. Kim
starrte zurück, unfähig seinen Blick aus dem tiefen Grün zu entfesseln, das
ihn unwahrscheinlich anzog und nie mehr freizugeben drohte.
Kim
wollte einen Schritt zurück weichen, doch er stieß mit seinem Fuß an die
Wand.
Er
schluckte, seine Augen nicht vom Grafen abwendend.
/Sein
Blick ist so erfüllt von Trauer. Will er mir etwas sagen?/
Von
Sinnt hob langsam seine Arme und stemmte sie über Kims Schultern an die Wand,
so dass es für den Jungen keine Ausweichmöglichkeit mehr gab.
Die
ganze Zeit über hatte der Graf ihm fest in die hellen Augen gesehen, doch plötzlich
senkte er nun seinen Kopf und vereinzelte Strähnen seines Haselnussbraunen
Haares fielen ihm in die Stirn.
Kim
stockte der Atem und er fühlte, wie von Sinnt ihm auf die Brust starrte und
deutlich sehen konnte, wie sie sich mit seinem kurzen Atemzügen schnell hob und
dann wieder senkte.
/Er
ringt um Worte... wieso sagt er nichts? Was will er von mir und weshalb... steht
er so geknickt vor mir...?/
Er
erschrak innerlich erneut, als von Sinnt seinen Blick wieder in sein Gesicht
richtete. Lange standen sich beide Männer gegenüber.
Die
Umgebung nahmen sie nicht mehr war. Stille, nur absolute Stille um sie herum.
Kim
konnte sehen, wie sich die sinnlichen Lippen des Grafen leicht öffneten, wie
sie bebten und...
„Kim...
wieso hast du ....
...
Wieso denn nur?“
...
und Worte sprachen, die er nicht begreifen konnte.
Schweigen.
„Ich
bin wieder...“ Bernards Stimme holte die beiden jäh in die Wirklichkeit zurück.
Von
Sinnt löste sich mit gesenktem Blick von Kim, einen verzweifelten Ausdruck in
den schönen Gesichtszügen. Der Junge sah dem Grafen verstört hinterher und
wendete sich anschließend zu Bernard, dessen Mundwinkel vor Wut zuckten.
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