Part 5

Part 10:

 

„Bereust du es nicht langsam, dass du dich nicht doch neben Luitbert gesetzt hast?“ fragte Joséphine mit einem hämischen Grinsen im Gesicht und sah dabei ihrer Freundin eindringlich in die Augen. Diese senkte zuerst verlegen den Kopf um wenige Augenblicke später trotzig aufzusehen: „Pah... ich wüsste nicht, was man da bereuen könnte... Sieh’ ihn dir doch nur einmal an...“ Die Blicke der beiden Mädchen wanderten zu der abgelegnen Tischreihe, um den Herren mit dem rotblonden Haar genau zu begutachten. Sie schmunzelten, als sich automatisch auch die Köpfe der anderen Freundinnen Joséphines in eben dieselbe Richtung drehten. Unter Freundinnen gab es eben keine Geheimnisse. Entweder man teilte seine Anliegen mit allen, oder man behielt sie lieber für sich, wenn man Streitigkeiten vermeiden wollte.

„Nun ja... für mich wäre er kein Mann, aber ich dachte durchaus, dass du Gefallen an ihm findest, Amélie!“ Doch das Mädchen winkte nur mit einer knappen Handbewegung ab. Als ihr klar wurde, was ihre Freundin da soeben über Luitbert geäußert hatte, entgegnete sie wirsch: „Natürlich! Der Mann, der für dich in Frage kommt, Joséphine, muss wohl erst noch geboren werden!“ Daraufhin grinste sie voller Genugtuung, als sie ihre Freundin zustimmend seufzen hörte.

„Es ist eben doch nicht so einfach, den Richtigen zu finden, obwohl...“ Joséphines Worte gingen in einem lauten Geräusch zu ihrer Linken unter. Bernard stand vor ihr und hatte seinen Stuhl quietschend zurückgezogen um schließlich Platz zu nehmen.

„Da bist du ja endlich, oniisan! Ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr erscheinen!“ Doch anstatt eines freundlichen Lächelns, blickte ihr Bernard nur stumm und mit boshaftem Funkeln in den Augen in ihr liebreizendes Gesicht.

Die Dienstmädchen begannen sodann, die Speisen aufzutragen.

„Mhmmm... das duftet lecker! Ich habe ja solchen Hunger!“ murmelte Amélie vor sich hin und alle anderen Mädchen, die mit ihr am selben Tisch saßen, stimmten ihr mit heftigem Kopfnicken zu. Bernard jedoch starrte sie kalt, fast misstrauisch an, bevor er sich an seine Schwester wendete, die bereits damit beschäftigt war, das saftige Stück Fleisch, welches vor ihr auf dem Teller lag, zu zerlegen und es in kleinen Häppchen nacheinander auf ihre silberne Gabel zu spießen.

„Wo ist Kim, Joséphine?“ Das Mädchen sah ihren Bruder zögerlich, doch dann mit Standhaftigkeit an.

„Er sitzt an einem anderen Tisch. Wenn du dich herumdrehst und deinen Blick etwas weiter rechts hältst, kannst du ihn sehen!“ Doch Bernard bewegte sich nicht. Für einen Moment kehrte Schweigen zwischen den beiden Geschwistern ein.

„Und weshalb, geliebtes Schwesterchen, sitzt er bitte an einem anderen Tisch?!“ Als er dies sagte, verlieh er seiner Stimme immer mehr Druck.

Joséphine warf Bernard daraufhin nur einen scheuen Blick zu und beschäftigte sich anschließend wieder mit ihrem Essen, als habe sie die eindringliche Frage gar nicht gehört. Als sie jedoch bemerkte, wie die Atemzüge ihres Bruders immer lauter wurden, flüsterte sie kurz:

„Ich wüsste nicht, weshalb du dich darüber aufregen solltest. Benimm’ dich bitte!“

„Ich soll mich also benehmen, ja?“ Amélie beobachtete alles, doch mischte sich nicht ein.

„O ja, das sagte ich!“

Bernard kochte innerlich bereits vor Wut, doch versuchte, sich unter Kontrolle zu halten und sich nach außen hin nichts anmerken zu lassen.

„Er sollte aber hier sitzen, Joséphine! Das war so ausgemacht! Wieso hast du dich nicht daran gehalten?“

Als seine Schwester darauf nichts antwortete, entwich dem Jungen ein lautes Fluchen und er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass das Geschirr klirrte und die vollen Gläser beinahe überschwappten. Ärgerlich blickte Joséphine ihm ins Gesicht, konnte sie Bernards Aufgewühltheit doch wirklich nicht verstehen. Zumindest nicht in einem solchen Ausmaß. Na und? Kim hatte sich nun einmal woanders hingesetzt. Was sollte daran so schlimm sein?!

Die Gäste an den umstehenden Tischen richteten bereits ihre verschmitzen Augen auf Bernard und Joséphine, was dem Mädchen sichtlich unangenehm war, da sie versuchte, weiter zu essen, als sei nichts vorgefallen.

„Verdammt! Ich wollte Kim sehen! Er sollte mir gegenüber sitzen! Doch stattdessen sitzt nun dieses hässliche Furunkel auf seinem Platz!“

Amélie glaubte, ihr Herz hörte auf zu schlagen!

„Mäßige deinen Ton, Bernard de Balvenne! Wir sind hier nicht alleine im Speisesaal!“ Doch Bernard lachte nur höhnisch, während Joséphine ihrer Freundin einen entschuldigenden Blick zuwarf. Sie konnte das Verhalten ihres Bruders nicht mehr länger ertragen, nicht das höhnische Lachen noch länger hören. Ruckartig erhob sie sich deshalb von ihrem Stuhl.

„Willst du mich vor all den Leuten blamieren, du undankbarer Kerl? Sei endlich still und setz dich wieder hin oder ich...“

„Oder du...was?“ forderte Bernard seine Schwester heraus, was ihm jedoch mit einer schmerzenden Ohrfeige vergolten wurde. Er fasste ungläubig an seine Wange und blickte dann auf Joséphine, der Tränen in den Augen standen, so als tue ihr ihre Handlung bereits wieder leid. Trotzig setze sie sich wieder.

„Ich lasse es nicht zu, dass du meine Freunde derart beleidigst. Es tut mir leid, dass ich es dir nicht recht machen konnte, aber ich begreife nicht, was du dich so aufregst, nur weil Kim dir nicht gegenüber sitzt. Ihr könnt heute noch genug Zeit miteinander verbringen. Du tust ja gerade so, als wärst du eifersüchtig, auf jeden, der auch nur mit deinem Freund in Berührung kommt!“

In Bernards Augen blitzte ein unheimliches Feuer auf und er beugte seinen Oberkörper vertraulich zu Joséphine. Ihr ins Gesicht starrend, entgegnete er leise, so dass es keiner sonst hören konnte:

„Vielleicht bin ich es auch, Joséphine! Eifersucht ertragen zu müssen ist eine schwere Bürde. Und das weißt du!“ Joséphine blickte beschämt zur Seite.

Bernard jedoch sah sich im Raum um. Fast alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Er setzte ein gemeines Grinsen auf. „Was ist denn... habt Ihr etwa noch nie einem Streit unter Geschwistern beigewohnt? Es ist vorbei! Esst weiter! Esst weiter und sucht euch eine andere Unterhaltung! Musik! Bitte, weshalb spielt ihr denn keine Musik mehr?!“ Das Ensemble begann sogleich, die Geigen wieder zu streichen.

 

Kim hatte den ganzen Aufruhr mit geröteten Wangen angesehen. Zwar konnte er nicht viel von dem, was geschimpft wurde, verstehen, doch er hatte seinen Namen gehört und schloss daraus, dass es wohl um ihn gehen musste. Die Blicke der Gäste, die auf seinen Schultern ruhten, schienen diese Vermutung zu bestätigen. Zwar wünschte er Bernard und Joséphine keinen Zwist, schon gar nicht, wenn er der Auslöser gewesen sein sollte, aber in gewisser Weise war er auch froh über diese kurze Unterbrechung, denn das eisige Schweigen, das zwischen ihm und von Sinnt herrschte, schien ihm schier unerträglich zu werden. Solche Feste waren schließlich eigentlich dazu gedacht, sich mit anderen Menschen zu unterhalten, mit ihnen zu lachen oder nur Gerüchte zu nuscheln, was Kim an sich zwar verabscheute, aber einfach wortlos dort zu sitzen, war ihm fast noch unangenehmer.

/Vielleicht ist es ganz gut, dass er mich nicht anspricht. Bestimmt müsste ich stottern und er würde insgeheim über meine Unsicherheit lachen. Außerdem ist ihm wohl eine Unterhaltung mit seiner Gemahlin wesentlich lieber.../

Kim verspürte keinen Hunger mehr, als er darüber nachdachte. Bis jetzt hatte er nur wenige Bissen getan, doch die Nervosität, die sich in sein Innerstes geschlichen hatte, ließ das Knurren seines Bauches verstummen.

Plötzlich wurde er an seinem rechten Arm unsanft angestoßen.

„Na, Bursche... schmeckt’s dir etwa nicht?“ Kim blickte in das speckig glänzende Gesicht des Mannes mit den rotblonden Harren, der neben ihm saß und seinem Geruch nach zu urteilen schon vor dem Essen zu viele Weingläser geleert hatte. Kim blinzelte kurz und setzte dann ein leichtes Lächeln auf.

„Doch doch, es ist sehr gut... ich...“

„Und warum schnippelst du dann schon seit einer halben Stunde an dem selben Stückchen Fleisch herum?“

Kim wurde rot.

„Meine Frage ist dir doch nicht etwa peinlich?“

„Nun, ich...“

„Also sehr gesprächig bist du ja nicht... Wie heißt du überhaupt?“

Kim nannte leise seinen Namen.

„Kim also. Mhm, ein ungewöhnlicher Name, muss ich schon sagen! Aber wie findest du Joséphine?“ Kim sah ihn perplex an. Was faselte dieser Mann nur?!

„Den Namen meinte ich natürlich. Was ist mit Joséphine?“ Luitberts Augen glänzten verträumt.

„Joséphine... welch ein Klang. Schoooooseeeeefiiiiiiinnnnn!“ sprach er langsam und deutlich und Kim verdrehte die Augen bei dem „sch“, welches Luitbert einfach viel zu hart aussprach, wodurch der Name fast ins Lächerliche gezogen wurde. Kim bedauerte plötzlich Amélie, die sich bei diesem Mann wohl falsche Hoffnungen machte, wenn er vom Namen einer anderen schwärmte. Und diese andere war niemand anderes als Amélies beste Freundin. Wenn das mal nicht in Problemen endete...

 

 

 

„Na, Kim, amüsierst du dich denn wenigstens jetzt gut?“ Kim zuckte zusammen, denn an seinem linken Ohr vernahm er plötzlich Bernards aufgewühlte Stimme und als er sich in diese Richtung wendete, sahen ihm zwei blaue Augen entgegen.

Kim lächelte und wollte aufstehen, doch Bernard drückte ihn an seiner Schulter mit einem energischen Kopfschütteln hinunter. „Nein, nein, nein! Du wirst dir diesen Genuss doch nicht entgehen lassen...“

Ein fragender Blick.

Bernard zuckte deutlich mit seinen Schultern und grinste breit.

„Du wirst doch wohl bemerkt haben, wer zu deiner Linken sitzt, oder nicht?“

Kims Augen wurden immer größer und er sah flüchtig zum Grafen, der diese Bemerkung nicht überhört haben konnte. Vielleicht hatte er diese auch einfach nur ignoriert, denn zum Glück zeigte er keine Reaktion.

„Wie ich schon sagte, Kim! Ein wirklich sehr schöner Mann! Sieh dir doch nur seine breiten Schultern an... dann diese geschwungenen Lippen und der helle Teint.“

Kim wurde nervös und errötete. Der Graf unterhielt sich mit seiner Gattin.

/Bitte nicht... Ihr dürft Bernards Worte nicht hören!/

„O wie schade... er scheint mich nicht zu hören.“ Vertraulich beugte sich Bernard zu Kim.

 

„Was ist, rast dein Herz, bist du vielleicht sogar ein bisschen erregt, bei dem Anblick von Sinnts? Na was ist... lässt du mich mal fühlen...?“ Bernard wollte Kim zwischen die Beine fassen, doch dieser stand erschrocken auf und entfernte sich wenige Schritte von Joséphines Bruder.

Bernard stellte sich zu ihm und fuhr dem Jungen mit der Hand über den Nacken.

 

„Ah... der edle Herr erhebt sich ebenfalls. Siehst du, wie gut, dass du diese letzten Minuten noch genossen hast, Kim. Lange hätte er sowieso nicht mehr neben dir gesessen. Blickst du diesem Geschöpf nicht etwas zu fasziniert hinterher? Er ist eindeutig zu groß für dich! Willst du dich immer auf Zehenspitzen stellen müssen, wenn du ihn küsst? Denkst du, ihr würdet überhaupt zusammen passen? Ich meine... vielleicht ist er ja viel zu üppig für dich im Bett und würde dir beim ...  Eindringen nur Schmerzen bereiten?“

 

Kim schluckte und richtete seine Blicke auf den Boden.

„Was ist nur los mit dir, Bernard?“

„Beschwer’ dich nicht, Kim! Keiner hat von dem, was ich gesagt habe, etwas gehört!“

„Darum geht es nicht!“ entrüstet sah Kim seinem Gegenüber in die Augen.

„Ach nein, worum geht es dann? Du schweigst? Gut, dann behalt’ es für dich. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß! Du siehst furchtbar niedlich aus, wenn du errötest. Ich mag das!“

Unbeschwert kicherte der Junge vor sich hin und legte seinen rechten Arm um Kims Schultern.

„Lass uns jetzt besser nach unten gehen. Ich höre schon, wie man im Ballsaal Musik spielt!“

 

Kim wusste nicht, wohin die Zeit geflohen war, denn als er aus einem der vergitterten Seitenfenster des Schlosses sah und sein Blick den Horizont streifte, hüllte die Sonne die vereinzelten Wolken bereits in einen abendlichen roten Glanz.

Bernard lief noch immer neben ihm her und schien in seinen eigenen Gedanken versunken zu sein. Sie mussten nur den anderen Menschen nachfolgen, dann gelangten sie mit Sicherheit in den großen prächtigen Ballsaal, denn jeder der Gäste sehnte sich nun nach etwas Tanz und Vergnügungen anderer Art.

Die heitere Musik war bereits zu hören und sie wurde immer lauter, je näher die zwei Jungen dem Saal kamen. Kim hatte diesen noch nie betreten, dies fiel nicht in seinen Aufgabenbereich als Bediensteter dieses Schlosses und er war fast betrübt darüber, denn dieser Raum strahlte eine Art Wärme aus. Die hohen Wände waren weiß gestrichen und zwischen den zahlreichen Spiegeln, die optisch für enorme Vergrößerung sorgten, rankten sich goldene Blumen. Die Decke wölbte sich leicht nach oben und war bemalt mit sagenhaften Gestalten, die Kim jedoch keiner Legende hätte zuordnen können. Der braune Parkettboden ächzte leise unter der menschlichen Last und ein betörender Geruch von Parfum und Wein füllte die Luft.

„Komm... mischen wir uns etwas unter die aufgeblasenen Leute, Kim!“ schlug Bernard vor, doch da Kim nur sehr widerwillig folgte, zog er ihn einfach hinter sich her.

„Weißt du, auf solchen Festen wird mir eigentlich nur selten langweilig. Doch du scheinst mir überhaupt keine Freude an solchen Anlässen zu haben.“

„Wenn es so erscheint, als würde ich mich langweilen, dann tut es mir aufrichtig leid. Aber ich kann dich beruhigen, ich amüsiere mich recht gut!“ Bernard wusste, dass dies eine Lüge war, doch wollte er darauf nichts entgegnen.

 

Die beiden Jungen verschwanden in einer abgelegnen Ecke hinter einem Samtvorhang, der nur halb zurückgezogen war. Dahinter lagen drei kleinere Zimmerchen, in denen jeweils Stühle und Sofas standen. Auf dem äußersten Sofa hatte es sich eine ältere Dame mit faltiger Haut und grauen hochgesteckten Haaren bequem gemacht. Sie lächelte die beiden an.

„Ihr seid mir willkommen! Wollt ihr euch nicht zu mir setzen? Ein wenig Unterhaltung würde mir gut tun!“

Kim ging auf sie zu und lächelte, doch Bernard hielt ihn mit einem starken Handgriff am Arm zurück.

„Nein, nein, Kim! Lass’ dich nicht blenden! Diese Frau ist berüchtigt dafür, dass sie junge Knaben zu jeder Gelegenheit vernascht. Man müsste meinen, das Alter lässt die Gier mit der Zeit erlöschen, doch bei ihr trifft das wohl nie zu!“

Die Frau hob arrogant ihre rechte Augenbraue etwas an und sah dann in eine andere Richtung, wobei sie sich mit ihrem Fächer stets frische Luft zuwedelte, der die Federn in ihren Haaren unter dem Luftzug sich bewegen ließ.

„Wieso halten sich Dirnen auf diesem Fest auf?“

„Sie ist keine Dirne, sondern eine über Ecken und Kanten Verwandte von mir! Sie greift bei Frischfleisch zwar kräftig zu, doch zu weit geht sie nie und das macht den Unterschied. Vielleicht hättest du sie ja gerne mal Hand anlegen lassen, Kim?“ Ein hämisches Grinsen flackerte über Bernards Gesicht, doch erlosch gleich wieder.

 

„So, du wartest hier, während ich uns etwas zu Trinken besorge, verstanden?“ Bernard drückte Kim unsanft in eines der umstehenden Sofas und verschwand anschließend gleich. Lange blieb er jedoch nicht weg, denn bereits nach wenigen Minuten stand er schon wieder vor Kim, mit einem Lachen in den Augen und zwei Gläsern Champagner in den Händen. Davon reichte er Kim eines.

„Nun trink’, das wird dich vielleicht etwas aufmuntern!“

Mit einem lauten Seufzen ließ Bernard sich neben Kim in das Sofa fallen und legte seinen Arm auf die Schultern des Jungen.

„Du nippst ja nur an deinem Glas! So wird es nie leer werden! Nimm’ doch einmal einen kräftigen Schluck!“

Kim fühlte ein tiefes Unbehagen aufkommen, als er so neben Bernard saß und ständig dessen Launen über sich ergehen lassen musste. Andererseits schien es ihm unhöflich, den Jungen stehen zu lassen.

/Im Grunde ist er ein lieber Kerl, nur leider viel zu temperamentvoll und unbedacht in seinen Äußerungen!/

„Gefällt es dir?“

Kims Blicke trafen auf Bernards blaue Augen und dieser lächelte selbstgefällig zurück, das Champagnerglas in der Hand leicht schwenkend.

„Ist es für dich schön, so mit mir hier zu sitzen? Du wirst schon wieder rot! Also doch! Ich wusste es ja!“ Flüchtig und unerwartet berührte Bernard sanft Kims Lippen mit seinem Mund. Dieser streckte ihm eine abwehrende Hand gegen die Brust.

„Lass das nicht zur Gewohnheit werden, ja Bernard?“ Doch sein Gegenüber schmunzelte nur und zog Kim näher zu sich heran.

 

 

 

 

„Bernard?“ Ein gut gekleideter junger Mann schob sich durch den Vorhang und grüßte Joséphines Bruder mit einer lockeren Handbewegung.

„Hast du vergessen, dass wir noch über eine wichtige Angelegenheit reden müssen? Ich suche dich schon seit einer halben Ewigkeit!“ Bernard verzog sein Gesicht zu einer gelangweilten Grimasse.

„Hat das nicht noch etwas Zeit, Gustav? Du siehst doch, dass ich gerade beschäftigt bin!“

„So leid es mir tut, aber noch länger hinausschieben kann ich es nicht. Ich werde auch bald aufbrechen!“

„Du willst schon gehen?“

„Von Wollen kann nicht die Rede sein, die Pflicht zwingt mich dazu!“

Unter einem Stöhnen erhob sich Bernard mühsam.

„Entschuldige mich kurz! Es wird nicht lange dauern!“ Dann wendete er Kim den Rücken zu und folgte Gustav, der bereits durch den Vorhang verschwunden war.

 

 

Kim war froh, einen Moment alleine zu sein. Nervös fuhr er sich durch die Haare und lehnte seinen Kopf etwas nach hinten. Dann stand er auf um sich das Bild an der Wand genauer anzusehen, welches direkt neben dem Sofa hing und in sanften Farben gezeichnet war. Es zeigte einen Schwan, dessen weiß-lila gefiederte Schwingen sich zum Himmel streckten, so als wolle er zum Flug ansetzen und würde doch durch irgendeine magische Kraft am Boden festgehalten werden. Als Kim sich umdrehte, wäre ihm beinahe ein Schrei entwichen, so erschreckt war er, als er plötzlich von Sinnt erblickte. Dieser schob mit seiner linken Hand, den Samtvorhang etwas nach oben, um unter ihm durchgehen zu können.

 

 

Ein fester Blick traf Kim und der Graf näherte sich langsam, doch mit bestimmten Schritten.

Regungslos stand der Junge da und wartete ab. Vielleicht wollte sich der Graf einfach nur auf einen Stuhl setzen... oder er suchte jemanden. War er an dem Bild an der Wand interessiert?

/Mir wird... so plötzlich schlecht und fiebrig heiß. Weshalb...?/

Von Sinnt stand vor dem Jungen in voller Größe und sah ihm tief in die Augen. Kim starrte zurück, unfähig seinen Blick aus dem tiefen Grün zu entfesseln, das ihn unwahrscheinlich anzog und nie mehr freizugeben drohte.

Kim wollte einen Schritt zurück weichen, doch er stieß mit seinem Fuß an die Wand.

Er schluckte, seine Augen nicht vom Grafen abwendend.

 

/Sein Blick ist so erfüllt von Trauer. Will er mir etwas sagen?/

 

Von Sinnt hob langsam seine Arme und stemmte sie über Kims Schultern an die Wand, so dass es für den Jungen keine Ausweichmöglichkeit mehr gab.

Die ganze Zeit über hatte der Graf ihm fest in die hellen Augen gesehen, doch plötzlich senkte er nun seinen Kopf und vereinzelte Strähnen seines Haselnussbraunen Haares fielen ihm in die Stirn.

Kim stockte der Atem und er fühlte, wie von Sinnt ihm auf die Brust starrte und deutlich sehen konnte, wie sie sich mit seinem kurzen Atemzügen schnell hob und dann wieder senkte.

/Er ringt um Worte... wieso sagt er nichts? Was will er von mir und weshalb... steht er so geknickt vor mir...?/

Er erschrak innerlich erneut, als von Sinnt seinen Blick wieder in sein Gesicht richtete. Lange standen sich beide Männer gegenüber.

Die Umgebung nahmen sie nicht mehr war. Stille, nur absolute Stille um sie herum.

 

Kim konnte sehen, wie sich die sinnlichen Lippen des Grafen leicht öffneten, wie sie bebten und...

 

„Kim... wieso hast du ....

... Wieso denn nur?“

 

... und Worte sprachen, die er nicht begreifen konnte.

Schweigen.

 

 

„Ich bin wieder...“ Bernards Stimme holte die beiden jäh in die Wirklichkeit zurück.

Von Sinnt löste sich mit gesenktem Blick von Kim, einen verzweifelten Ausdruck in den schönen Gesichtszügen. Der Junge sah dem Grafen verstört hinterher und wendete sich anschließend zu Bernard, dessen Mundwinkel vor Wut zuckten.

 

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