Part 5

 

Part 11:

 

Eine zornige Blässe hatte Bernards Gesichtszüge befallen und seine Augen reflektierten wie Spiegel seinen Unmut. Doch kein Wort entfloh seinen Lippen, auch dann nicht, als er Kim grob am Arm packte und ihm tief in die Augen sah.

Schützend hielt sich sein Gegenüber die Hände vor den Körper, als würden die giftigen Blicke jeden Moment sein Herz durchtränken und es zu Asche zerfallen lassen.

„Bitte... ich war genauso überrascht wie du! Ich weiß ja selbst nicht, was der Graf...“ Kim stockte mitten im Satz, da er sich selbst fragte, weshalb er sich eigentlich entschuldigte. Vielleicht um Bernard zu besänftigen, weil er diese Spannungen zwischen ihm und sich selbst nicht mehr länger ertrug oder...

„Schon in Ordnung, Kim!“ Die Worte waren unerwartet gewesen und rissen Kim aus seinen Gedanken. Bernard schlug ihm freundschaftlich kurz auf die Schultern und grinste dabei.

„Du dachtest doch nicht ernsthaft, dass ich dich deshalb anklage, oder? Hast du dich nun satt gesehen an seinem makellosen Körper, wo er dir doch so nahe stand? Mhm, noch immer hast du diesen unzufriedenen Ausdruck im Gesicht. Uns bleibt noch etwas Zeit, weshalb sehen wir den Paaren nicht ein wenig beim Tanzen zu?“

Als Antwort bekam Joséphines Bruder ein kurzes Kopfnicken.

Sie gesellten sich zu den anderen Menschen, die rings um die Ballsaalmitte standen und ließen ihre Augen umherschweifen. Schließlich streckte nach einiger Zeit Bernard seinen linken Arm nach vorne. „Da! Sieh’ mal, wer sich da unter die Tanzenden gemischt hat. Wenn das nicht dein Freund der Graf ist! Hat er immer diesen lethargisch abwesenden Gesichtsausdruck? Ich an seiner Stelle...“

Kim nahm die Stimme des Jungen immer undeutlicher wahr, denn aufmerksam verfolgte er jede Bewegung von Sinnts. Zärtlich hielt dieser seine Gemahlin in den Armen, umfasste ihre schmale Hüfte und die Augen der Frau verrieten, dass sie in diesem Moment sehr glücklich sein musste. Ihre schillernden Ohrringe wippten mit jeder Drehung und Bewegung hin und her und der ausfallende Rock bauschte sich luftig auf.

 

/Auch Eduard führte mich einst auf diese Weise. Ich weiß noch, wie angenehm es war, seine Wärme zu spüren, wie friedlich seine Umarmung wirkte.../

 

Plötzlich durchzog ein lautes Raunen den Saal und die Musik verstummte. Verwirrt blickte sich Kim um, was war denn geschehen? Als er seine Aufmerksamkeit jedoch wieder auf von Sinnt richtete, zuckte gleißende Angst durch sein Herz.

„Verdammt... was ist denn...?“ Er versuchte sich durch die Mengen zu drängen, die sich begannen bereits zu einem Kreis um den Grafen herum zu formieren.

Von Sinnt war während des Tanzens ganz plötzlich stehen geblieben, mitten in der Bewegung. Seine Gemahlin hatte ihm besorgt in das blasse Gesicht geblickt, auf dessen Stirn sich kleine Schweißperlen gebildet hatten. Müde waren von Sinnts Augen zu Schlitzen geworden und sein ganzer Körper zitterte, so dass er Halt bei seiner Frau suchen musste und sich vorsichtig auf sie stützte.

Kim konnte nicht hören, was seine Gemahlin zu ihm sagte, sondern sah nur die Bewegungen ihres Mundes, die von Angst zeugten.

 

„Was hat der Mann denn?“

„Ist ihm nicht gut?“

„Er sieht sehr blass aus...“

„Blasser als sonst!“

„Vielleicht hat er Schmerzen...“

„Er wird nur zuviel getrunken haben...“

 

Kim versuchte, die laut geäußerten Gedanken der Gäste um sich herum zu überhören. Keinem würde er aufrichtige Anteilnahme abnehmen, alle waren doch nur an ihrer eigenen Person interessiert und das sinnlose Herumraten, was denn mit dem Grafen passiert sein könnte, diente ihnen bloß zur Belustigung.

Kim zerriss es fast das Herz, als er sah, wie von Sinnt hilflos am Boden kniete und sich an die Schultern seiner Frau klammerte, die schützend ihre rechte Hand um seinen Körper gelegt hatte und mit der anderen an dem Hemdkragen des Grafen herumzupfte.

Kim kam immer näher, hatte die Menschenmauern fast durchbrochen.

„Lasst mich doch durch! Lasst mich durch!“

 

„Ich brauche einen Arzt! So schickt doch einen Arzt! Worauf wartet ihr noch? Beeilt euch, dieses Mal schaffe ich es nicht alleine!“

Doch von Sinnt bemühte sich angestrengt, wieder aufzustehen und legte seiner Gemahlin seine Hand über die ihre. „Kein Arzt, Alexandra! Es geht mir schon wieder gut!“

 

Heinrich war hinzugetreten.

„Natürlich geht es dir gut, deshalb kannst du dich ja auch kaum auf den Beinen halten!“

„Wenn ich sage, dass ich mich besser fühle, dann meine ich das auch so und kann auf deine Diagnosen verzichten!“ Ein mürrischer Blick streifte Eduards Bruder und er zog es vor, keine Bemerkung mehr dazu zu machen, sondern half dem Grafen zu einem nahestehenden Stuhl, auf den er sich zitternd niederließ.

Heinrich bemerkte mit misstrauischen Blicken, wie unregelmäßig von Sinnt atmete und griff ihm deshalb geradewegs an den zugeschnürten Kragen seines Hemdes um ihn mit wenigen erfahrenen Handgriffen zu lockern.

 

Kim unterdessen bekam von alledem nichts mit, denn Bernard hatte ihn abgefangen, als er sich mühevoll durch die Massen einen Weg bahnte.

„Komm’ jetzt, Kim, es ist höchste Zeit!“

/Von Sinnt, ich.../

Bernard umfasste sein Handgelenk.

/Ich muss doch.../

„Hörst du mir nicht zu? Ich sagte, es wird höchste Zeit!“

/Zeit wozu?/

„Mach’ dir keine Sorgen um den Grafen! Er ist in guten Händen! Sie werden sich schon um ihn kümmern!“

/Ich... kann doch nicht.../

Kim wurde mit einem Mal schwindlig und er schwankte in Bernards Arme.

„O, Junge. Du bist sogar schon überfällig! Das muss die Aufregung gemacht haben!“

Kim verstand kein Wort von dem, was Joséphines Bruder da faselte und war noch immer nicht bereit, ihm zu folgen.

Da Bernard keinen anderen Weg sah, um Kim zu ernüchtern, fasste er ihn grob am Kinn und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen.

„Hör’ mir doch einmal zu! Willst du dich tatsächlich mit zu den Schaulustigen gesellen? Glaubst du, es gefällt dem Grafen, von so vielen Menschen umstellt und ihren Blicken ausgesetzt zu sein? Denkst du, du kannst seine Zuneigung gewinnen, wenn er auch dich unter ihnen sieht? Geh’ mit mir auf mein Zimmer! Es wird hier bestens für ihn gesorgt!“

/Mir ist so übel... Vielleicht hat Bernard recht. Ich kann... von Sinnt auf diese Weise nicht helfen... Ich.../

Die zwei Jungs stiegen eine lange Treppe nach oben, die in Dunkelheit mündete. Kim fühlte sich noch immer nicht wohl und stützte sich auf Bernard.

„Wohin gehen wir?“

„Es ist Zeit, es ist Zeit! Haha... ja, es ist endlich an der Zeit!“

„Wovon redest du? Ich verstehe kein Wort!“

„Kim, ich glaube, der Alkohol ist dir wohl nicht gut bekommen...“

„...“

 

Sie kamen an einer moosgrün verkleideten Tür an, deren Knauf golden in der Dunkelheit schimmerte.

Bernard öffnete leise und nachdem sie eingetreten waren, half er Kim auf das große Bett, das weit hinten in dem Raum stand und um das von oben herab zarte Seidenvorhänge fielen.

„So, wir sind da! Warte noch kurz, ich will schnell die Tür schließen!“

„Bernard... mir ist übel... vielleicht sollte ich...“

Doch Joséphines Bruder saß bereits wieder neben Kim auf dem Bett und legte ihm fürsorglich seine warme Hand auf die Stirn.

„Keine Angst, das vergeht wieder! Fieber hast du jedenfalls keines. Leg dich doch etwas hin und ruhe dich aus!“

Ein weiches Lächeln huschte über Bernards Gesicht und Kim spürte, wie sein Arm sanft nach oben gedrückt wurde.

„Das Mittelchen hat schneller gewirkt, als ich dachte...“ nuschelte Bernard vor sich hin und fing sich einen fragenden Blick von Kim ein.

„O... nichts weiter, Junge! Ich habe deinen Champagner nur ein klein wenig versüßt...“

„Wozu das ganze?!“

Ein Lautes Lachen durchdröhnte das Zimmer und brach sich an den dunklen Wänden.

„So naiv kannst aber auch nur du sein!“

Kim wollte sich aufrichten als er bemerkte, dass es Bernard irgendwie gelungen war, seine Handgelenke an den oberen Bettrand zu fesseln.

„Uhuh... du bleibst schön da, wo du bist!“

„Das ist nicht lustig! Binde mich sofort wieder los! Auf solch makabere Scherze kann ich gerne verzichten!“

Ein gefährliches Funkeln bäumte sich in Bernards Augen auf und loderte. Mit einer ruckartigen Bewegung fasste er sich an den Kopf und raufte sich kurz die Haare, seine Augen zu großen Löchern erstarrt.

„Hahahaaa... du hältst also noch immer alles für ein dummes Kinderspiel?“ Mit einem kräftigen Ruck fasste er nach Kims rechtem Bein, um auch diesem ein Seil umzulegen und es ans Bett zu binden.

„Hör’ auf wie wild herumzustrammen! Du verletzt mich nur und das möchtest du doch sicher nicht! Einem guten Freund tut man nicht weh!“

 

/Ich will nicht. Es soll mich nicht mehr berühren. Ist er denn wahnsinnig geworden? Ja, er muss es sein.../

 

„Hast du Angst?“ Unsanft packte er Kims Hals und drückte etwas zu.

„Du brauchst dich vor mir nicht zu fürchten! Ich liebe dich doch! Und wenn du schön artig bist, Kim, dann... wird alles wunderschön sein! Nicht doch... wenn du dich wehrst, muss ich nur fester zudrücken... So, siehst du!“

Die Luft wurde knapp und Kim keuchte leise, dann ließ Bernard los, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Der weiße leichte Bettüberhang war zurückgezogen und Kim konnte die Bewegungen des Jüngeren genau verfolgen.

„Wieso tust du das, verdammt?!“ platzte es plötzlich aus ihm heraus, doch wenig später wünschte er sich bereits, er hätte diese Frage niemals gestellt, denn sie sorgte für neue Nahrung in dem Feuer, das in Bernards Augen brannte.

„Weshalb ich das alles mache? Du bist so dreist, mir diese Frage zu stellen! Aber wenn du, mein ach so unschuldiger Kim, wenn du es wirklich wissen willst, nun gut!

Ich tue es, weil ich Lust dazu habe, weil es mir Spaß macht, dich wie einen Fisch in meinem Netz zappeln zu sehen, weil es mich erregt, wenn ich mir vorstelle, dass ich gleich deine Nacktheit vor mir haben werde, weil... o es gibt so viele Gründe! Du hast mich immer zurückgewiesen und statt mich zu beachten schenktest du deine Aufmerksamkeit stets diesem Hurensohn von Sinnt, der überhaupt nicht zu dir passt. Er könnte dir gegenüber niemals zärtlich sein, so wie ich! Er würde dich nie so berühren... wie... und ich bin mir sicher, dass du in Agonie aufschreien würdest, wenn ihr euch liebt. Und deshalb, da du es einfach nicht begreifen willst, wie sehr ich mich nach dir sehne, nachts, wenn ich alleine im Bett liege... ich kann an nichts anderes denken, als an deine Nähe, dein Lächeln und ich frage mich oft... was verbirgt sich wohl unter deiner Kleidung...“ Er verstummte und setzte seinen Gang durch das Zimmer fort.

„Denke ja nicht, dass ich mich durch die Tränen, mit denen du mein Bett befleckst erweichen lasse! Heute nacht nehme ich mir, was mir gehört und du kannst es nicht verhindern. Niemand kann es verhindern! Auch dein verteufelt geliebter von Sinnt weiß nicht, dass du hier wimmernd liegst und hoffst, dass alles nur ein schlechter Traum ist. Aber weißt du was? Gleich wird es dir dämmern, dass alles wahr ist und du niemals aufwachen wirst, da du nicht schläfst!“

Mit langsamen Schritten näherte sich Bernard dem Bett, mit seinen lüsternen Blicken Kims Körper streifend. Er setzte sich neben den Jungen, der ihm mit glasigen Augen entgegenstarrte.

„Ist dir noch immer schlecht? Oder lässt die Wirkung schon nach?“

„...“

„Du zitterst ja, ist dir etwa kalt? Aber ich weiß, wie dir wärmer werden kann, wie uns beide eine unvorstellbare Hitze durchströmen kann!“ Während er diesen Satz Wort für Wort immer sanfter betonte, strich er mit der Handfläche über Kims Brust, die sich unter heftigen Atemstößen bewegte.

Zuerst knöpfte Bernard vorsichtig die Weste auf, dann das Hemd Stück für Stück, immer wieder kurz zögernd um Kim in die Augen zu sehen.

„Bernard... Bernard... hör’ mir zu!“

„Sprich... ich werde dir meine Aufmerksamkeit schenken...“

„Hör’ auf damit! Ich möchte mit dir reden...“

„O... ich halte dich doch von nichts ab. Oder ist es meine Berührung, die dir zu schaffen macht und dich nicht mehr klar denken lässt?!“

„Bernard, ich bitte dich! Das willst du doch nicht. Du...“

Kim spürte einen bohrenden Schmerz auf seiner Wange!

„Zweifle nie wieder an meinen Absichten, oder meine Hand wird noch einmal ausrutschen. Dann weiß ich allerdings nicht, wo sie dich treffen wird!“

Kim schloss seine Augen und einzelne Tränen bahnten sich einen Weg über seine Wangen, flossen seitlich hinab und tropften dann auf das weiche Bettlaken.

Joséphines Bruder glitt nun langsam mit der Hand unter Kims Hemd und schob es beiseite um sich an blasser Haut zu laben. Sogleich senkte er seine Lippen zu Kims Bauchnabel und glitt mit der Zunge in die kleine Vertiefung. Von dort fuhr er weiter nach unten und wenig später öffneten seine Hände Kims Hose vorsichtig.

„Du wirst ja ganz rot. Genier’ dich nicht! Ich will dich in deiner Männlichkeit sehen und andere Gefühle als Lust mindern die Heißblütigkeit deiner Lenden...“

„Gut so... die Droge hilft dir dabei, still zu bleiben. Gib’ dich mir hin!“

Kim wollte sich dagegen wehren, wollte ankämpfen gegen die Liebkosungen Bernards, doch sein Körper war zu kraftlos.

Sanft zog Bernard schließlich die Hose nach unten.

„Es macht mich rasend, dich so zu sehen!“

 

/ Die göttlichen Glocken eines anderen Landes...

Hörst du sie schlagen?

Schlagen im Takt deines Herzens,

welches

schon lange tot

unter den kalten Mauern deines Selbst vergeht.

Nein, ich höre sie nicht.../

 

„Öffne deine Augen, Kim... willst du nicht zusehen, wie ich...“

Bernards Stimme verstummte und Kim fühlte eine intensive Wärme zwischen seinen Beinen. Er spürte Lippen, die ihn aufnahmen und fast zum Wahnsinn trieben.

 

/ Siehst du die weißen Federn eines anderen Landes...

Siehst du sie schweben?

Schweben so leicht wie deine Seele

In einem dunklen Meer,

das einst Hoffnung genannt.

Wo sind sie?/

 

„Uhhh... hör damit auf...“

Nur verschleiert sah Kim Bernard über sich knien, den Kopf in langsamen Bewegungen auf und abgleitend, dann verschnellerte er sein Tempo und Kim bewegte sein Becken ungewollt im Takt.

 

/ Tag ein, Tag aus

Zerbricht das Licht

In einem ewigen Lächeln./

 

/Es gefällt dir also doch!/

„Uh... nicht mehr... Bernard! Bitte...“ nur gebrochen konnte der Junge die Worte formulieren.

/Du bist gleich soweit. Ich weiß es.../

Bernard löste sich plötzlich von Kims Männlichkeit und ließ ihn keuchend unter sich erzittern.

„So gefällst du mir schon viel besser!“

Mit gequältem Gesichtsausdruck und zusammengekniffenen Augen schüttelte Kim kaum merklich seinen Kopf.

„Uh... uh... lass’ ab von diesem grausamen Spiel... ich bitte dich. Nimm’ doch Vernunft an!“

Doch Bernard gab vor, diese Worte überhört zu haben und begann nun, sich selbst zu entkleiden.

Verzweifelt zerrte Kim an seinen Fesseln, doch sie zogen sich nur fester um seine Handgelenke und schnitten tiefer in die Haut.

„Shhht... ist deine Vorfreude so groß, dass du nicht stillhalten kannst?!“

Bernard kletterte langsam über sein Opfer, Haut auf Haut, Hitze auf Hitze.

Kim schloss bitter seine Augen.

„Ja... so kannst du dich besser auf die Gefühle konzentrieren, die gleich deinen wie auch meinen Körper durchströmen werden...“

Als Bernard den älteren Jungen sanft umfasste und ihn in sich einführen wollte, schreckte Kim plötzlich hoch.

„Tu das nicht, verdammt! Tu das nicht, du hast ja keine Ahnung...!“

Doch Bernard drückte ihm nur leicht seine flache Hand auf die Brust, um ihn still zu halten.

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich bedarf hierfür keiner Vorbereitung. Was denkst du eigentlich von mir, Kim? Denkst du, ich habe es noch nie getan? Da irrst du, bestimmt kam ich schon öfter in den Genuss als du.“ Dabei flackerte ein unheimliches Grinsen über seine Lippen. Kim spürte schon die Nähe des anderen und kniff erneut die Augen zusammen.

Er fühlte Ekel in sich aufkeimen und erwartete angsterfüllt den Moment, in dem er von Bernard aufgenommen und verschluckt werden würde. Doch die Berührung blieb aus, denn der Jüngere hielt plötzlich in seiner Bewegung inne.

Mit halb geöffneten Augen starrte er vorwurfsvoll auf Kim, dann wendete er seinen Blick auf das Bettlaken und seine Miene erstarrte.

„Mein... Kristall...“ Mit einer schnellen ruckartigen Bewegung ergriff er das Schmuckstück, welches Kim aus der aufgeknöpften Weste gefallen sein musste.

Bernard liebkoste den Stein, als wäre dieser mehr als ein kleines Spielzeug und wieder huschte Trauer über das Gesicht des Jungen.

Mit einer abfälligen Handgeste erhob er sich schließlich, ließ ab von Kim und setzte sich auf den Bettrand.

„Er lässt mich wohl niemals zur Ruhe kommen. Niemals. Und du bist Schuld! Wieso konntest du ihn nicht besser verbergen?! Denkst du etwa, ich hab’ dir das Ding ohne Hintergedanken geschenkt? Ich wollte es doch... nur loswerden!“

Müde erwiderte Kim seine Blicke, doch er verstand nichts von dem, was Joséphines Bruder von sich gab.

„Ich werde dich losbinden. Die Tür ist verschlossen, also denke nicht daran, fortzulaufen. Und greif’ mich nicht an, sonst...“

Wieder ließ er den Kristall durch seine Hände gleiten, bevor er leise fortfuhr:

„Sonst widerfährt dir das gleiche Schicksal wie meinem kleinen Bruders. Weißt du...“

Während er sprach, entfesselte er Kim, der sich aufrichtete und sich die Handgelenke rieb, an denen die Spuren der Seile noch zu erkennen waren.

„... eigentlich war Thorgund ein lieber Kerl, aber ich... Ich mochte es nicht, wenn er sich in meine Angelegenheiten mischte. Immer kam er auf mich zu... mit diesem barmherzigen Lächeln in den großen Augen und immer wies ich ihn ab, da ich seine Nähe einfach nicht ertragen konnte. Er beging eines Tages einen großen Fehler...“

Kurz schwieg der Junge und musterte Kim, beobachtete ihn dabei, wie er sich wieder anzog.

„Wie hätte ich mich denn sonst gegen ihn wehren sollen?! Es gab nur diese eine Möglichkeit... Er wusste doch, wie lieb mir dieses Spielzeug hier war, er wusste, dass ich es niemanden anfassen lassen wollte, aber irgendwann hat er mein Versteck gefunden und entwendete ihn. Ich wollte ihm eigentlich nicht weh tun, wollte doch nur... mein liebstes Spielzeug zurück, da...

... Da habe ich ihn hinabgestoßen!“

Kim wurde bleich.

„Er fiel und ich lachte... lachte so lange, bis ich sah, wie sich die Pflastersteine unter ihm rot färbten. Sieh mich nicht so erschüttert an, Kim! Ich war jung und zornig, da kann so etwas doch schon einmal passieren...“ Er lächelte abwesend.

„Den Stein hab’ ich dir gegeben, weil er mich immer wieder an diesen Tag erinnert. Natürlich fühle ich mich schuldig, doch keiner weiß, dass ich es war, weil ich... fortrannte. Ich rannte und sperrte mich in mein Zimmer ein. Alle glaubten, Thorgund sei gestolpert und gefallen, niemand verdächtigte mich...“

Bernard zog verdrießlich seine Oberlippe etwas nach oben und knirschte mit den Zähnen.

Dann durchzog ein Seufzen die Stille, die zwischen den beiden Jungen eingezogen war.

Kim hatte alles mit angehört, die Wahrheit verschlug ihm die Worte.

„Hier! Das ist der Schlüssel zur Tür. Nimm ihn und geh’. Erzähle herum, was du vernommen hast, du bist der erste, der es weiß. Meinst du, sie sperren mich ein? Gewiss...“

„Ich... werde nichts sagen. Was du mir erzählt hast, wird nicht über meine Lippen gehen, denn ich bin nicht dazu da, dich zu richten, Bernard!“

„...“

 

 

Kim blickte sich noch einmal um und überließ den Jungen dann der Finsternis des kalten Raumes. Er hatte Mitleid mit ihm, doch es wäre unklug gewesen, ihn nun in die Arme zu nehmen. Vielleicht hätte er erneut die Beherrschung verloren und dann hätte...

Kim lehnte sich an die dunkelgrüne Tür und seufzte leise. Dann wischte er sich die Tränen mit dem Hemdärmel aus den Augen und stieg die lange Treppe hinunter, zurück zum geschäftigen Treiben des Geburtstagsfestes.

 

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