Part 11:
Eine zornige Blässe hatte Bernards Gesichtszüge befallen
und seine Augen reflektierten wie Spiegel seinen Unmut. Doch kein Wort entfloh
seinen Lippen, auch dann nicht, als er Kim grob am Arm packte und ihm tief in
die Augen sah.
Schützend hielt sich sein Gegenüber die Hände vor den Körper,
als würden die giftigen Blicke jeden Moment sein Herz durchtränken und es zu
Asche zerfallen lassen.
„Bitte... ich war genauso überrascht wie du! Ich weiß ja
selbst nicht, was der Graf...“ Kim stockte mitten im Satz, da er sich selbst
fragte, weshalb er sich eigentlich entschuldigte. Vielleicht um Bernard zu besänftigen,
weil er diese Spannungen zwischen ihm und sich selbst nicht mehr länger ertrug
oder...
„Schon in Ordnung, Kim!“ Die Worte waren unerwartet
gewesen und rissen Kim aus seinen Gedanken. Bernard schlug ihm freundschaftlich
kurz auf die Schultern und grinste dabei.
„Du dachtest doch nicht ernsthaft, dass ich dich deshalb
anklage, oder? Hast du dich nun satt gesehen an seinem makellosen Körper, wo er
dir doch so nahe stand? Mhm, noch immer hast du diesen unzufriedenen Ausdruck im
Gesicht. Uns bleibt noch etwas Zeit, weshalb sehen wir den Paaren nicht ein
wenig beim Tanzen zu?“
Als Antwort bekam Joséphines Bruder ein kurzes Kopfnicken.
Sie gesellten sich zu den anderen Menschen, die rings um die
Ballsaalmitte standen und ließen ihre Augen umherschweifen. Schließlich
streckte nach einiger Zeit Bernard seinen linken Arm nach vorne. „Da! Sieh’
mal, wer sich da unter die Tanzenden gemischt hat. Wenn das nicht dein Freund
der Graf ist! Hat er immer diesen lethargisch abwesenden Gesichtsausdruck? Ich
an seiner Stelle...“
Kim nahm die Stimme des Jungen immer undeutlicher wahr, denn
aufmerksam verfolgte er jede Bewegung von Sinnts. Zärtlich hielt dieser seine
Gemahlin in den Armen, umfasste ihre schmale Hüfte und die Augen der Frau
verrieten, dass sie in diesem Moment sehr glücklich sein musste. Ihre
schillernden Ohrringe wippten mit jeder Drehung und Bewegung hin und her und der
ausfallende Rock bauschte sich luftig auf.
/Auch Eduard führte mich einst auf diese Weise. Ich weiß
noch, wie angenehm es war, seine Wärme zu spüren, wie friedlich seine Umarmung
wirkte.../
Plötzlich durchzog ein lautes Raunen den Saal und die Musik
verstummte. Verwirrt blickte sich Kim um, was war denn geschehen? Als er seine
Aufmerksamkeit jedoch wieder auf von Sinnt richtete, zuckte gleißende Angst
durch sein Herz.
„Verdammt... was ist denn...?“ Er versuchte sich durch
die Mengen zu drängen, die sich begannen bereits zu einem Kreis um den Grafen
herum zu formieren.
Von Sinnt war während des Tanzens ganz plötzlich stehen
geblieben, mitten in der Bewegung. Seine Gemahlin hatte ihm besorgt in das
blasse Gesicht geblickt, auf dessen Stirn sich kleine Schweißperlen gebildet
hatten. Müde waren von Sinnts Augen zu Schlitzen geworden und sein ganzer Körper
zitterte, so dass er Halt bei seiner Frau suchen musste und sich vorsichtig auf
sie stützte.
Kim konnte nicht hören, was seine Gemahlin zu ihm sagte,
sondern sah nur die Bewegungen ihres Mundes, die von Angst zeugten.
„Was hat der Mann denn?“
„Ist ihm nicht gut?“
„Er sieht sehr blass aus...“
„Blasser als sonst!“
„Vielleicht hat er Schmerzen...“
„Er wird nur zuviel getrunken haben...“
Kim versuchte, die laut geäußerten Gedanken der Gäste um
sich herum zu überhören. Keinem würde er aufrichtige Anteilnahme abnehmen,
alle waren doch nur an ihrer eigenen Person interessiert und das sinnlose
Herumraten, was denn mit dem Grafen passiert sein könnte, diente ihnen bloß
zur Belustigung.
Kim zerriss es fast das Herz, als er sah, wie von Sinnt
hilflos am Boden kniete und sich an die Schultern seiner Frau klammerte, die schützend
ihre rechte Hand um seinen Körper gelegt hatte und mit der anderen an dem
Hemdkragen des Grafen herumzupfte.
Kim kam immer näher, hatte die Menschenmauern fast
durchbrochen.
„Lasst mich doch durch! Lasst mich durch!“
„Ich brauche einen Arzt! So schickt doch einen Arzt!
Worauf wartet ihr noch? Beeilt euch, dieses Mal schaffe ich es nicht alleine!“
Doch von Sinnt bemühte sich angestrengt, wieder aufzustehen
und legte seiner Gemahlin seine Hand über die ihre. „Kein Arzt, Alexandra! Es
geht mir schon wieder gut!“
Heinrich war hinzugetreten.
„Natürlich geht es dir gut, deshalb kannst du dich ja
auch kaum auf den Beinen halten!“
„Wenn ich sage, dass ich mich besser fühle, dann meine
ich das auch so und kann auf deine Diagnosen verzichten!“ Ein mürrischer
Blick streifte Eduards Bruder und er zog es vor, keine Bemerkung mehr dazu zu
machen, sondern half dem Grafen zu einem nahestehenden Stuhl, auf den er sich
zitternd niederließ.
Heinrich bemerkte mit misstrauischen Blicken, wie unregelmäßig
von Sinnt atmete und griff ihm deshalb geradewegs an den zugeschnürten Kragen
seines Hemdes um ihn mit wenigen erfahrenen Handgriffen zu lockern.
Kim unterdessen bekam von alledem nichts mit, denn Bernard
hatte ihn abgefangen, als er sich mühevoll durch die Massen einen Weg bahnte.
„Komm’ jetzt, Kim, es ist höchste Zeit!“
/Von Sinnt, ich.../
Bernard umfasste sein Handgelenk.
/Ich muss doch.../
„Hörst du mir nicht zu? Ich sagte, es wird höchste
Zeit!“
/Zeit wozu?/
„Mach’ dir keine Sorgen um den Grafen! Er ist in guten Händen!
Sie werden sich schon um ihn kümmern!“
/Ich... kann doch nicht.../
Kim wurde mit einem Mal schwindlig und er schwankte in
Bernards Arme.
„O, Junge. Du bist sogar schon überfällig! Das muss die
Aufregung gemacht haben!“
Kim verstand kein Wort von dem, was Joséphines Bruder da
faselte und war noch immer nicht bereit, ihm zu folgen.
Da Bernard keinen anderen Weg sah, um Kim zu ernüchtern,
fasste er ihn grob am Kinn und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen.
„Hör’ mir doch einmal zu! Willst du dich tatsächlich
mit zu den Schaulustigen gesellen? Glaubst du, es gefällt dem Grafen, von so
vielen Menschen umstellt und ihren Blicken ausgesetzt zu sein? Denkst du, du
kannst seine Zuneigung gewinnen, wenn er auch dich unter ihnen sieht? Geh’ mit
mir auf mein Zimmer! Es wird hier bestens für ihn gesorgt!“
/Mir ist so übel... Vielleicht hat Bernard recht. Ich
kann... von Sinnt auf diese Weise nicht helfen... Ich.../
Die zwei Jungs stiegen eine lange Treppe nach oben, die in
Dunkelheit mündete. Kim fühlte sich noch immer nicht wohl und stützte sich
auf Bernard.
„Wohin gehen wir?“
„Es ist Zeit, es ist Zeit! Haha... ja, es ist endlich an
der Zeit!“
„Wovon redest du? Ich verstehe kein Wort!“
„Kim, ich glaube, der Alkohol ist dir wohl nicht gut
bekommen...“
„...“
Sie kamen an einer moosgrün verkleideten Tür an, deren
Knauf golden in der Dunkelheit schimmerte.
Bernard öffnete leise und nachdem sie eingetreten waren,
half er Kim auf das große Bett, das weit hinten in dem Raum stand und um das
von oben herab zarte Seidenvorhänge fielen.
„So, wir sind da! Warte noch kurz, ich will schnell die Tür
schließen!“
„Bernard... mir ist übel... vielleicht sollte ich...“
Doch Joséphines Bruder saß bereits wieder neben Kim auf
dem Bett und legte ihm fürsorglich seine warme Hand auf die Stirn.
„Keine Angst, das vergeht wieder! Fieber hast du
jedenfalls keines. Leg dich doch etwas hin und ruhe dich aus!“
Ein weiches Lächeln huschte über Bernards Gesicht und Kim
spürte, wie sein Arm sanft nach oben gedrückt wurde.
„Das Mittelchen hat schneller gewirkt, als ich
dachte...“ nuschelte Bernard vor sich hin und fing sich einen fragenden Blick
von Kim ein.
„O... nichts weiter, Junge! Ich habe deinen Champagner nur
ein klein wenig versüßt...“
„Wozu das ganze?!“
Ein Lautes Lachen durchdröhnte das Zimmer und brach sich an
den dunklen Wänden.
„So naiv kannst aber auch nur du sein!“
Kim wollte sich aufrichten als er bemerkte, dass es Bernard
irgendwie gelungen war, seine Handgelenke an den oberen Bettrand zu fesseln.
„Uhuh... du bleibst schön da, wo du bist!“
„Das ist nicht lustig! Binde mich sofort wieder los! Auf
solch makabere Scherze kann ich gerne verzichten!“
Ein gefährliches Funkeln bäumte sich in Bernards Augen auf
und loderte. Mit einer ruckartigen Bewegung fasste er sich an den Kopf und
raufte sich kurz die Haare, seine Augen zu großen Löchern erstarrt.
„Hahahaaa... du hältst also noch immer alles für ein
dummes Kinderspiel?“ Mit einem kräftigen Ruck fasste er nach Kims rechtem
Bein, um auch diesem ein Seil umzulegen und es ans Bett zu binden.
„Hör’ auf wie wild herumzustrammen! Du verletzt mich
nur und das möchtest du doch sicher nicht! Einem guten Freund tut man nicht
weh!“
/Ich will nicht. Es soll mich nicht mehr berühren. Ist er
denn wahnsinnig geworden? Ja, er muss es sein.../
„Hast du Angst?“ Unsanft packte er Kims Hals und drückte
etwas zu.
„Du brauchst dich vor mir nicht zu fürchten! Ich liebe
dich doch! Und wenn du schön artig bist, Kim, dann... wird alles wunderschön
sein! Nicht doch... wenn du dich wehrst, muss ich nur fester zudrücken... So,
siehst du!“
Die Luft wurde knapp und Kim keuchte leise, dann ließ
Bernard los, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Der weiße leichte Bettüberhang
war zurückgezogen und Kim konnte die Bewegungen des Jüngeren genau verfolgen.
„Wieso tust du das, verdammt?!“ platzte es plötzlich
aus ihm heraus, doch wenig später wünschte er sich bereits, er hätte diese
Frage niemals gestellt, denn sie sorgte für neue Nahrung in dem Feuer, das in
Bernards Augen brannte.
„Weshalb ich das alles mache? Du bist so dreist, mir diese
Frage zu stellen! Aber wenn du, mein ach so unschuldiger Kim, wenn du es
wirklich wissen willst, nun gut!
Ich tue es, weil ich Lust dazu habe, weil es mir Spaß
macht, dich wie einen Fisch in meinem Netz zappeln zu sehen, weil es mich
erregt, wenn ich mir vorstelle, dass ich gleich deine Nacktheit vor mir haben
werde, weil... o es gibt so viele Gründe! Du hast mich immer zurückgewiesen
und statt mich zu beachten schenktest du deine Aufmerksamkeit stets diesem
Hurensohn von Sinnt, der überhaupt nicht zu dir passt. Er könnte dir gegenüber
niemals zärtlich sein, so wie ich! Er würde dich nie so berühren... wie...
und ich bin mir sicher, dass du in Agonie aufschreien würdest, wenn ihr euch
liebt. Und deshalb, da du es einfach nicht begreifen willst, wie sehr ich mich
nach dir sehne, nachts, wenn ich alleine im Bett liege... ich kann an nichts
anderes denken, als an deine Nähe, dein Lächeln und ich frage mich oft... was
verbirgt sich wohl unter deiner Kleidung...“ Er verstummte und setzte seinen
Gang durch das Zimmer fort.
„Denke ja nicht, dass ich mich durch die Tränen, mit
denen du mein Bett befleckst erweichen lasse! Heute nacht nehme ich mir, was mir
gehört und du kannst es nicht verhindern. Niemand kann es verhindern! Auch dein
verteufelt geliebter von Sinnt weiß nicht, dass du hier wimmernd liegst und
hoffst, dass alles nur ein schlechter Traum ist. Aber weißt du was? Gleich wird
es dir dämmern, dass alles wahr ist und du niemals aufwachen wirst, da du nicht
schläfst!“
Mit langsamen Schritten näherte sich Bernard dem Bett, mit
seinen lüsternen Blicken Kims Körper streifend. Er setzte sich neben den
Jungen, der ihm mit glasigen Augen entgegenstarrte.
„Ist dir noch immer schlecht? Oder lässt die Wirkung
schon nach?“
„...“
„Du zitterst ja, ist dir etwa kalt? Aber ich weiß, wie
dir wärmer werden kann, wie uns beide eine unvorstellbare Hitze durchströmen
kann!“ Während er diesen Satz Wort für Wort immer sanfter betonte, strich er
mit der Handfläche über Kims Brust, die sich unter heftigen Atemstößen
bewegte.
Zuerst knöpfte Bernard vorsichtig die Weste auf, dann das
Hemd Stück für Stück, immer wieder kurz zögernd um Kim in die Augen zu
sehen.
„Bernard... Bernard... hör’ mir zu!“
„Sprich... ich werde dir meine Aufmerksamkeit
schenken...“
„Hör’ auf damit! Ich möchte mit dir reden...“
„O... ich halte dich doch von nichts ab. Oder ist es meine
Berührung, die dir zu schaffen macht und dich nicht mehr klar denken lässt?!“
„Bernard, ich bitte dich! Das willst du doch nicht.
Du...“
Kim spürte einen bohrenden Schmerz auf seiner Wange!
„Zweifle nie wieder an meinen Absichten, oder meine Hand
wird noch einmal ausrutschen. Dann weiß ich allerdings nicht, wo sie dich
treffen wird!“
Kim schloss seine Augen und einzelne Tränen bahnten sich
einen Weg über seine Wangen, flossen seitlich hinab und tropften dann auf das
weiche Bettlaken.
Joséphines Bruder glitt nun langsam mit der Hand unter Kims
Hemd und schob es beiseite um sich an blasser Haut zu laben. Sogleich senkte er
seine Lippen zu Kims Bauchnabel und glitt mit der Zunge in die kleine
Vertiefung. Von dort fuhr er weiter nach unten und wenig später öffneten seine
Hände Kims Hose vorsichtig.
„Du wirst ja ganz rot. Genier’ dich nicht! Ich will dich
in deiner Männlichkeit sehen und andere Gefühle als Lust mindern die Heißblütigkeit
deiner Lenden...“
„Gut so... die Droge hilft dir dabei, still zu bleiben.
Gib’ dich mir hin!“
Kim wollte sich dagegen wehren, wollte ankämpfen gegen die
Liebkosungen Bernards, doch sein Körper war zu kraftlos.
Sanft zog Bernard schließlich die Hose nach unten.
„Es macht mich rasend, dich so zu sehen!“
/ Die göttlichen Glocken eines anderen Landes...
Hörst du sie schlagen?
Schlagen im Takt deines Herzens,
welches
schon lange tot
unter den kalten Mauern deines Selbst vergeht.
Nein, ich höre sie nicht.../
„Öffne deine Augen, Kim... willst du nicht zusehen, wie
ich...“
Bernards Stimme verstummte und Kim fühlte eine intensive Wärme
zwischen seinen Beinen. Er spürte Lippen, die ihn aufnahmen und fast zum
Wahnsinn trieben.
/ Siehst du die weißen Federn eines anderen Landes...
Siehst du sie schweben?
Schweben so leicht wie deine Seele
In einem dunklen Meer,
das einst Hoffnung genannt.
Wo sind sie?/
„Uhhh... hör damit auf...“
Nur verschleiert sah Kim Bernard über sich knien, den Kopf
in langsamen Bewegungen auf und abgleitend, dann verschnellerte er sein Tempo
und Kim bewegte sein Becken ungewollt im Takt.
/ Tag ein, Tag aus
Zerbricht das Licht
In einem ewigen Lächeln./
/Es gefällt dir also doch!/
„Uh... nicht mehr... Bernard! Bitte...“ nur gebrochen
konnte der Junge die Worte formulieren.
/Du bist gleich soweit. Ich weiß es.../
Bernard löste sich plötzlich von Kims Männlichkeit und
ließ ihn keuchend unter sich erzittern.
„So gefällst du mir schon viel besser!“
Mit gequältem Gesichtsausdruck und zusammengekniffenen
Augen schüttelte Kim kaum merklich seinen Kopf.
„Uh... uh... lass’ ab von diesem grausamen Spiel... ich
bitte dich. Nimm’ doch Vernunft an!“
Doch Bernard gab vor, diese Worte überhört zu haben und
begann nun, sich selbst zu entkleiden.
Verzweifelt zerrte Kim an seinen Fesseln, doch sie zogen
sich nur fester um seine Handgelenke und schnitten tiefer in die Haut.
„Shhht... ist deine Vorfreude so groß, dass du nicht
stillhalten kannst?!“
Bernard kletterte langsam über sein Opfer, Haut auf Haut,
Hitze auf Hitze.
Kim schloss bitter seine Augen.
„Ja... so kannst du dich besser auf die Gefühle
konzentrieren, die gleich deinen wie auch meinen Körper durchströmen
werden...“
Als Bernard den älteren Jungen sanft umfasste und ihn in
sich einführen wollte, schreckte Kim plötzlich hoch.
„Tu das nicht, verdammt! Tu das nicht, du hast ja keine
Ahnung...!“
Doch Bernard drückte ihm nur leicht seine flache Hand auf
die Brust, um ihn still zu halten.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich bedarf hierfür
keiner Vorbereitung. Was denkst du eigentlich von mir, Kim? Denkst du, ich habe
es noch nie getan? Da irrst du, bestimmt kam ich schon öfter in den Genuss als
du.“ Dabei flackerte ein unheimliches Grinsen über seine Lippen. Kim spürte
schon die Nähe des anderen und kniff erneut die Augen zusammen.
Er fühlte Ekel in sich aufkeimen und erwartete angsterfüllt
den Moment, in dem er von Bernard aufgenommen und verschluckt werden würde.
Doch die Berührung blieb aus, denn der Jüngere hielt plötzlich in seiner
Bewegung inne.
Mit halb geöffneten Augen starrte er vorwurfsvoll auf Kim,
dann wendete er seinen Blick auf das Bettlaken und seine Miene erstarrte.
„Mein... Kristall...“ Mit einer schnellen ruckartigen
Bewegung ergriff er das Schmuckstück, welches Kim aus der aufgeknöpften Weste
gefallen sein musste.
Bernard liebkoste den Stein, als wäre dieser mehr als ein
kleines Spielzeug und wieder huschte Trauer über das Gesicht des Jungen.
Mit einer abfälligen Handgeste erhob er sich schließlich,
ließ ab von Kim und setzte sich auf den Bettrand.
„Er lässt mich wohl niemals zur Ruhe kommen. Niemals. Und
du bist Schuld! Wieso konntest du ihn nicht besser verbergen?! Denkst du etwa,
ich hab’ dir das Ding ohne Hintergedanken geschenkt? Ich wollte es doch... nur
loswerden!“
Müde erwiderte Kim seine Blicke, doch er verstand nichts
von dem, was Joséphines Bruder von sich gab.
„Ich werde dich losbinden. Die Tür ist verschlossen, also
denke nicht daran, fortzulaufen. Und greif’ mich nicht an, sonst...“
Wieder ließ er den Kristall durch seine Hände gleiten,
bevor er leise fortfuhr:
„Sonst widerfährt dir das gleiche Schicksal wie meinem
kleinen Bruders. Weißt du...“
Während er sprach, entfesselte er Kim, der sich aufrichtete
und sich die Handgelenke rieb, an denen die Spuren der Seile noch zu erkennen
waren.
„... eigentlich war Thorgund ein lieber Kerl, aber ich...
Ich mochte es nicht, wenn er sich in meine Angelegenheiten mischte. Immer kam er
auf mich zu... mit diesem barmherzigen Lächeln in den großen Augen und immer
wies ich ihn ab, da ich seine Nähe einfach nicht ertragen konnte. Er beging
eines Tages einen großen Fehler...“
Kurz schwieg der Junge und musterte Kim, beobachtete ihn
dabei, wie er sich wieder anzog.
„Wie hätte ich mich denn sonst gegen ihn wehren sollen?!
Es gab nur diese eine Möglichkeit... Er wusste doch, wie lieb mir dieses
Spielzeug hier war, er wusste, dass ich es niemanden anfassen lassen wollte,
aber irgendwann hat er mein Versteck gefunden und entwendete ihn. Ich wollte ihm
eigentlich nicht weh tun, wollte doch nur... mein liebstes Spielzeug zurück,
da...
... Da habe ich ihn hinabgestoßen!“
Kim wurde bleich.
„Er fiel und ich lachte... lachte so lange, bis ich sah,
wie sich die Pflastersteine unter ihm rot färbten. Sieh mich nicht so erschüttert
an, Kim! Ich war jung und zornig, da kann so etwas doch schon einmal
passieren...“ Er lächelte abwesend.
„Den Stein hab’ ich dir gegeben, weil er mich immer
wieder an diesen Tag erinnert. Natürlich fühle ich mich schuldig, doch keiner
weiß, dass ich es war, weil ich... fortrannte. Ich rannte und sperrte mich in
mein Zimmer ein. Alle glaubten, Thorgund sei gestolpert und gefallen, niemand
verdächtigte mich...“
Bernard zog verdrießlich seine Oberlippe etwas nach oben
und knirschte mit den Zähnen.
Dann durchzog ein Seufzen die Stille, die zwischen den
beiden Jungen eingezogen war.
Kim hatte alles mit angehört, die Wahrheit verschlug ihm
die Worte.
„Hier! Das ist der Schlüssel zur Tür. Nimm ihn und
geh’. Erzähle herum, was du vernommen hast, du bist der erste, der es weiß.
Meinst du, sie sperren mich ein? Gewiss...“
„Ich... werde nichts sagen. Was du mir erzählt hast, wird
nicht über meine Lippen gehen, denn ich bin nicht dazu da, dich zu richten,
Bernard!“
„...“
Kim blickte sich noch einmal um und überließ den Jungen
dann der Finsternis des kalten Raumes. Er hatte Mitleid mit ihm, doch es wäre
unklug gewesen, ihn nun in die Arme zu nehmen. Vielleicht hätte er erneut die
Beherrschung verloren und dann hätte...
Kim lehnte sich an die dunkelgrüne Tür und seufzte leise.
Dann wischte er sich die Tränen mit dem Hemdärmel aus den Augen und stieg die
lange Treppe hinunter, zurück zum geschäftigen Treiben des Geburtstagsfestes.
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