Part 14:
So schnell wie möglich hatte er das Schloss des Herzogs
verlassen, war die Treppen hinabgerannt, die nur den Bediensteten zugänglich
waren, um sich vor vorwurfsvollen Blicken der Gäste zu schützen. Er hatte
nicht hinter sich gesehen, immer nur geradeaus und erst, als er allein in einer
Kutsche saß, konnte er aufatmen. Die Fahrt kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor,
das Schaukeln des Gefährtes drohte ihn sanft in den Schlaf zu wiegen. Nur die lähmenden
Gedanken an die vergangenen Stunden hielten ihn wach und irgendwann kam die
Kutsche zum Stehen.
Mit zitternden Knien stand Kim vor Schloss Hornbach, allein,
in der Dunkelheit. Alles schien so friedlich still, nur das gleichmäßige
Rauschen des Windes, der über die großen Grasflächen strich, störte die
Ruhe.
Mit tiefen Atemzügen sog er die frische Luft in seine
Lungen, die ihm das Gefühl von etwas Freiheit
gab.
/... dir wachsen keine Flügel.../
Kim wollte gerade seine Hand auf den kalten Knauf der
Eingangstür legen, als auch schon von innen geöffnet wurde und Anna mit einem
kupfer- schimmernden Kerzenlicht in der Hand erschien. Müde blinzelte sie ihren
Herren durch die dichten Wimpern an und setzte dann ein Lächeln auf.
„Ich wusste doch, dass Ihr es seid.“
Kim trat ein und fragte verwundert mit monotoner Stimme,
weshalb das Mädchen zu dieser Uhrzeit überhaupt noch auf den Beinen sei. Dann
lief er, ohne auf eine Antwort zu warten, auf die große Treppe zu, die in sein
Schlafgemach führte.
„Uhm... Herr?“ erklang das leise Flüstern Annas und Kim
hielt in seiner Bewegung inne, um ihr einen eindringlichen, fast ärgerlichen
Blick zuzuwerfen.
„Ihr seht müde aus und bitte verzeiht, wenn ich Euch
unaufgefordert um diese Zeit noch anspreche, aber...“ Ihre Augen begannen zu
funkeln, als sie stockte. Zuerst sah sie auf die kleine Kerze, die sie vor ihrem
Körper in einem goldenen Ständer trug, beobachtete genau, wie sich die Flamme
mit jedem klitzekleinen Luftzug veränderte. Dann erwiderte sie Kims Blick,
wobei sie etwas errötete, aber standhaft blieb.
„Jemand erwartet Euch...“
Ihr Herz schlug schneller als sie die Veränderung in den
Gesichtszügen ihres Herren erkannte, wie sich ein hoffnungsvoller Schimmer in
seine Augen schlich, auch wenn dieser wenig später bereits wieder erlosch.
Kim bewegte seinen Mund, doch Worte drangen nicht hervor, so
als habe er seine Stimme verloren. Erst schien er unschlüssig zu überlegen,
aber dann drehte er sich auf der Treppe in die entgegengesetzte Richtung und
stieg wieder hinab in die Vorhalle.
„Er ist also gekommen, ja?“ flüsterte er dann leise und
Anna schlug sich die Hände verträumt vor den Mund, blinzelte Kim mit
zusammengekniffenen Augen liebevoll an und nickte schließlich.
Stumm folgte er dem Mädchen zu einem kleinen Zimmer, durch
dessen Tür bereits die Wärme eines angeschürten Kamins drang und aus dem
leises Knistern verbrennenden Holzes zu hören war.
Kurz bevor Kim den Türgriff in die Hand nahm, lächelte er seinem Dienstmädchen freundlich zu.
„Ich danke dir, Anna. Du kannst jetzt wirklich schlafen
gehen. Ich werde nichts weiter benötigen... heute Nacht.“ Kaum hatte er den
Satz beendet, eilte die Magd auch schon davon, ohne sich noch einmal nach ihm
umzusehen.
/Er ist also gekommen. Und er... erwartet mich... wartet
schon lange?/
Als er seine linke Hand auf den Türknauf legte, zitterten
leicht seine Beine und er atmete tief durch, um sich etwas zu beruhigen.
Leise öffnete er die Tür, sein Blick glitt an den goldenen
Ornamenten hinab, die sich spielerisch in der Tiefe vereinten und dann wieder
auseinander liefen, wie eine feinstrahlige Pfauenfeder. Die Augen hielt er
gesenkt, als er den Raum betrat, er sah sich nicht um, sondern schloss hinter
sich die Tür, bevor er erschöpft seinen Kopf an das dunkle Holz lehnte.
/Wovor habe ich Angst... /
Zögerlich wendete er seinen Körper in Richtung Kamin. Das
warme Licht, welches durch den Raum floss und viele Schatten an den umstehenden
Schränken, Stühlen und Tischen warf, tauchte sein Gesicht in einen bronzenen
Glanz.
Sein Blick heftete sich an die breiten Schultern des Grafen,
der still auf dem kleinen Sofa saß, welches direkt vor dem Kamin stand. Er
bewegte sich nicht, hatte vermutlich nicht gehört, dass Kim den Raum betreten
hatte.
Mit langsamen Schritten näherte sich ihm der Junge, sprach
jedoch kein Wort, sondern setzte sich einfach neben den großen Mann, dessen
Lippen sich bei Kims Anblick leicht öffneten.
Viele Minuten verstrichen, in denen sie nichts sagten. Sie
saßen einfach nur so da, nebeneinander und von Kalau hatte sanft seinen Arm um
Kims Schultern gelegt, zog ihn näher an sich.
Wie gebannt starrten sie ins Feuer, beobachteten aufmerksam
das knisternde Züngeln der gelben Flammen, bis Kim das Schweigen nicht mehr
aushielt.
„Ich sagte Euch, Ihr solltet nicht auf mich warten...“
„...“
„Weshalb habt Ihr es dennoch getan?“
Kim wendete seine Augen auf das Gesicht des Grafen, der
seinen Blick erwiderte, aber dennoch nichts sagte. Stattdessen zog er den Jungen
näher zu sich, seine rechte Hand spielte mit dem obersten Knopf seines Hemdes.
Leicht glitten von Kalaus Finger über Kims warme Haut, ertasteten die kleine
Vertiefung, die zwischen seinen sich abzeichnenden Schlüsselbeinen lag. Kim
schluckte, als er die sinnliche Berührung an seiner Brust spürte. Er fühlte
seine Vernunft dahinschmelzen, ein warmes Feuer begann sich durch all seine
Glieder auszubreiten und hüllte ihn in blindes Verlangen.
Dann schmeckte er Eduard auf seinen Lippen, ihre Zungen
spielten miteinander, bis sich der Graf schließlich durchsetzte und den Jungen
willenlos unter sich hatte. Immer weiter öffnete er Kims Hemd, mit jedem neuen
Knopf schneller atmend. Kim legte seine Hände um von Kalaus Kopf, strich durch
seine weichen haselnussbraunen Haare, die ihm daraufhin ungebändigt und wild in
die blasse Stirn fielen, ihn noch verführerischer erscheinen ließen.
/So lange habe ich mich nach seinen Händen gesehnt, die mir
Halt geben und mich dennoch mit ihren Zärtlichkeiten in den Wahnsinn treiben.
Ich lasse mich fallen, will ich die Wahrheit nicht sehen? Nicht jetzt.../
Auf Eduards Miene zeichnete sich Verlangen ab, gemischt mit
der Verzweiflung des Glücks, als er Kims Hals küsste. Wehrlos lag der Junge
unter ihm, ließ es geschehen, als der Graf ihm das Hemd von Körper streifte
und es auf den Boden warf. Ein siegreiches Lächeln schlich sich in von Kalaus
Mundwinkel, als Kim ein leises Stöhnen entwich, dessen er sich vermutlich nicht
bewusst war. Doch dann kniff der Junge plötzlich die Augen zu, seine
Augenbrauen legten sich in Falten. Eduard hielt inne und sah ihn eindringlich
an, strich ihm mit den Fingern zärtlich über die geröteten Wangen, bis Kim
seinen Arm hob und ihn sich über die Augen legte.
„Was hast du?“ flüsterte der Graf leise und schluckte,
als er das Zittern unter sich fühlte.
„Möchtest du, dass ich aufhöre?“
/Ich will die Wahrheit nicht sehen, doch sie drängt sich
mir unerbittlich auf.../
Kim zögerte einen Moment, bevor er seine Faust an Eduards
Brust stemmte und ihn so dazu brachte, zurück zu weichen, so dass er sich
aufrichten konnte. Bebend stützte er sich nach oben, senkte den Kopf auf seine
Brust und schämte sich für seine Nacktheit, weshalb er gleich nach seinem Hemd
griff und es sich über den Oberkörper legte.
Von Kalau schloss seine Augen, durchdrang Kim mit seinem
Schweigen.
/Wo ist der Vorwurf in euerem Gesicht, den ich immer sah,
wenn Ihr nicht bekommen habt, was Ihr wolltet?/
Aber stattdessen hörte er nur ein stilles Seufzen, das sich
über die sinnlichen Lippen des Grafen schlich.
„Du fürchtest dich vor mir... Ich kann verstehen, wenn
du...“
„Ihr versteht mich überhaupt nicht!“ brach es grob aus
Kim hervor, dann lächelte er verzweifelt über seine eigenen Worte.
„Wie solltet Ihr auch... Ihr folgt blind Eurer Lust.
Aber... Ihr überseht dabei, dass Ihr andere damit verletzt...“
„Niemals würde ich dich verletzten wollen...“
Sie sahen sich tief in die Augen, keiner wich den Blicken
und Gefühlen des anderen.
„Ich rede ... nicht von mir, Eduard!“
„...“
„Euer Schweigen halte ich für Verleugnung. Wenn Euere
Gemahlin davon wüsste, ich glaube, es würde sie in tiefe Trauer stürzen...“
„Wovon redest du, Kim?“
„Spielt nicht den Unwissenden! Ihr habt Schloss Wielnach
einfach so verlassen, hab’ ich nicht recht?! Ohne ihr zu sagen, wohin Ihr
gehen oder wann Ihr wieder kommen würdet... Habt Ihr mich auch auf diese Weise
verleugnet, als Ihr Eure Affären mit zahlreichen Frauen auslebtet? Wieso sagtet
Ihr nie, dass Ihr nur den Beischlaf von mir wolltet? Ihr hättet uns so viel
ersparen können...“
Eduards Augen schimmerten feucht, als er in das Gesicht des
Jungen blickte.
/Er senkt den Kopf... Sieht er es endlich ein? Fühlt er
sich schuldig?/
„Ich weiß nicht... wie du darauf kommst, dass ich dir
untreu war ,Kim! Und von welcher Gemahlin sprichst du? Ich kann deinen Worten
nicht... folgen.“
Die Stimme des Grafen war schwach, fast unwirklich leise und
tief.
Kim erschrak innerlich, als er von Kalau in sich
zusammensinken sah, wie er seine Hand an die Stirn legte und mit glasigen Augen
auf den Jungen starrte.
/Die Wirklichkeit hat noch niemanden glücklich gemacht.../
„Mein Gott, Kim...“ begann er schließlich mit unregelmäßigen
Atemzügen zwischen den Worten.
„Ich weiß nicht, was man dir für Lügen über mich
aufgetischt hat... in den drei
Jahren. Ich weiß nur, dass... ich dir niemals das Herz brechen wollte!“
Er fasste sich äußerlich wieder etwas und richtete sich
auf, die Augen nicht von Kim abwendend, der angsterfüllt seiner Stimme zuhörte.
„Vertraust du mir so wenig, dass du anderen mehr glaubst,
als mir?“
„Sie wusste von Eurer Narbe! Sie wusste, dass Ihr befleckt
seid!“
„Die Narbe...“ Eduard schob seine Hand vorsichtig unter
sein Hemd und strich mit den Fingerspitzen leicht über die Erinnerung an Minsk.
„Ja, sie ... verunstaltet mich. Aber... ich verbarg sie
stets vor den Augen anderer, wann immer es mir möglich war...“
„Aber woher kannte dann sie...“
„Ich weiß es nicht.“
„Ihr wollt es nicht wissen!“
„...“
/Du irrst. Ich weiß es wirklich nicht.../
In diesem Augenblick knarrte die Tür und beide wendeten
ihre Blicke in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Zuerst konnte man nicht
viel erkennen, nur die schwarze Silhouette einer zierlichen Person, die sich
langsam näherte. Fast schien sie zu schweben, auch wenn man deutlich das
Klicken der Absätze ihrer Schuhe auf dem Marmorboden vernehmen konnte.
Erst, als das goldene Licht des Feuers ihre Züge bestrahlte, konnte man
erkennen, wer es war.
„Alexandra...“ Die Stimme des Grafen klang fast
erschrocken als er in das Gesicht der jungen Frau sah, dann jedoch seine
Aufmerksamkeit wieder auf Kim richtete und zu lächeln versuchte.
/Ich kann das Entsetzen in deinen Augen sehen, Kim! Und nun
begreife ich auch, weshalb du vor mir zurückweichst.../
Als Alexandra an die beiden herantrat und sie neugierig,
aber auch ärgerlich musterte, wich Kim von Eduard und wollte aufstehen, was
jedoch durch einen festen Handgriff an seinem Arm verhindert wurde.
„Hältst du etwa diese Frau für meine Gattin?“
Kim antwortete daraufhin nicht, sondern entriss sich dem
Grafen und lief zu einem breiten Fenster um hinaus zu blicken.
/Sieh in die Dunkelheit der Nacht.
Wenn ich eine Seele hätte...
Sie wäre genauso schwarz.
Meinst du nicht auch?
Wieso fühle ich mich so schrecklich hilflos in diesem
Augenblick? Alles zerbricht.../
„Pah... lieber würde ich mein Leben lang alleine bleiben,
als mit so einem Grießgram wie Ihr es seid zusammen zu leben. Wie kommt Ihr
dazu, mich als Euere Frau zu bezeichnen?!“
Die junge Frau stemmte entrüstet ihre Hände, an denen sie
Samthandschuhe trug, in die schmalen Hüften. Ihr zorniger Gesichtsausdruck
jedoch erlosch bald wieder, als sie bemerkte, dass all ihr Zetern fruchtlos
blieb, weil der Graf seine grünen Augen auf den Jungen gerichtet hatte, der mit
dem Gesicht zum Fenster etwas abseits stand. Sie stieß ein deutlich hörbares,
fast genervtes Seufzen aus und hob dann ihren rechten Zeigefinger.
„Tut so etwas nie wieder, Eduard von Sinnt! Hört Ihr? Nie
wieder! Ich bin vor Sorge fast umgekommen... Was meint Ihr denn was...“ Sie
stockte und starrte ungläubig auf den großen Mann vor sich, der langsam von
der Couch aufstand und mit sicheren, aber leisen Schritten auf den Jungen
zuging, ihm anschließend die starken Arme um den zierlichen Körper schlang.
/Was tun die beiden da eigentlich?/
War sie denn Luft? Jedenfalls benahmen sich beide so, als wäre
sie gar nicht anwesend. Sie verschmälerte ihre Augen zu kleinen Schlitzen, so
dass sie alles nur sehr verschwommen sah. Mit laut schlagendem Herzen
beobachtete sie, wie von Kalau seinen Kopf in den Nacken des Jungen legte, fast
liebkosend, dabei die Arme immer fester schlingend.
/So kenne ich diesen Mann gar nicht. Er erscheint mir wie
ausgewechselt.../
Erst jetzt wurde ihr durch die leisen Töne, die das Zimmer
durchdrangen und fast wie ein verzweifeltes Weinen klangen, klar, dass der Jüngere
Tränen vergoss.
/Ich sollte sie alleine lassen. Zwar weiß ich nicht, was
das zu bedeuten hat, aber... Ich bin überflüssig und störend.../
Gerade, als sie sich in Richtung Tür drehen wollte und
schon die Augen von den beiden gewendet hatte, fühlte sie eine leichte Berührung
an ihrer Schulter und ohne, dass sie es gehört hatte, war der Junge auf sie
zugetreten, der Graf stand hinter ihm.
„Geht nicht... Ich... möchte die Frau gerne kennen
lernen, an die Eduard sein Herz verschenkte...“ sprach Kim leise und setzte
dabei ein Lächeln auf, das von Alexandra warm erwidert wurde, auch wenn sie
nicht verstand, von was der junge Herr vor ihr sprach.
„Sie ist nicht meine Gemahlin, Kim. Weshalb glaubst du mir
nur nicht...?“
/So tief... Die Stimme so unendlich tief und sinnlich. Jedes
Mal durchströmt sie mich wie ein warmer Windhauch.../
„Bitte setzt Euch!“ Kim deutete mit einer ruhigen
Handbewegung auf einen Stuhl, der gegenüber des Sofas stand. Alexandra bedankte
sich mit einem kleinen Knicks und nahm dann Platz, legte ihren Rock zurecht,
nachdem sie sich hingesetzt hatte und faltete anschließend wartend ihre Hände
in ihrem Schoß.
„Uhm... ich hoffe, Ihr nehmt mir mein unangemeldetes
Eindringen nicht übel... Eure Magd öffnete mir und ich ließ sie aus Wut nicht
zu Wort kommen...“
Von Kim bekam sie keine Antwort, er schien mit seinen
Gedanken ganz woanders zu sein und nur oberflächlich zuzuhören. Vielleicht
auch gar nicht, doch im Grunde kümmerte sie das nicht, denn sie war wegen des
Grafen nach Schloss Hornbach gekommen. Und genau diesen musterte sie nun
eindringlich, bis er ihre Blicke genervt erwiderte.
„Ihr sagtet, Ihr würdet nicht lange bleiben. Inzwischen
sind drei Stunden vergangen und... da soll ich mir keine Gedanken machen?“
„Was sind drei Stunden schon... ich wartete 3 Jahre!“
Alexandra räusperte sich und spielte einen Augenblick nervös
an ihrem Samthandschuh, den sie sich von den Fingern zog und dann wieder
anlegte, da sie diese Bemerkung nicht ganz verstand.
„Hättet Ihr mir gesagt, ich solle ohne Euch zurückreisen,
wäre ich Euch nicht hierher gefolgt...“
„Ich bin kein kleines Kind...“
Kim bemerkte, wie die junge Frau mit den Worten rang.
„Manchmal kommt Ihr mir aber so vor! Es ist spät, Eduard!
Ich möchte nicht mit Euch diskutieren. Versteht endlich, dass Ihr es Euch nicht
leisten könnt, Euch von mir längere Zeit zu entfernen!“
Auf von Kalaus Miene spiegelte sich Bitterkeit wider und er
hob seine Hand an seine Stirn.
„Habt Ihr wieder Kopfschmerzen?“
„Nein...“
„Ihr seid übermüdet. Lasst uns fahren!“
Kim hatte nicht bemerkt, wie er bei den Worten Alexandras
seine Hand immer fester in das weitärmlige Hemd des Grafen verkrampft hatte.
Erst als Eduard ihn von der Seite ansah und sanft seine Wange berührte, wurde
es ihm bewusst. Aber es war ihm inzwischen egal. Vielleicht hatte sein Vater ja
recht gehabt, als er sagte, dass der Graf seinen Verstand vergiftete.
/So egal. So egal. Ich weiß nur, dass... ich ihn nicht...
wieder... Bitte nicht.../
Er schloss seine Augen und lehnte sich an von Kalaus
Schultern. Wenig später legte der Graf seinen Arm um ihn.
„Ich werde heute nacht hier bleiben. Ich bleibe nun... für
immer hier. Denn das ist... mein Schloss... und dieser Junge hier...“
Mit liebevoller Zärtlichkeit strich er Kim eine braune Strähne
seines Haares aus der Stirn.
Er erwiderte mit vielsagenden Blicken Alexandras
erschrockenen blassen Gesichtsausdruck.
Verwirrt stand sie mit einem Ruck auf und wich einen kleinen
Schritt zurück.
„Ihr wollt damit also sagen, dass...“
„Dass ich bei ihm bleiben werde.“
/Für immer? Ich wünschte, für immer.../
„Ihr braucht mich...“
„Ich komme auch ohne Euch zurecht...“
„Nein... Ihr braucht mich!“
„Denjenigen, den ich brauche... halte ich in meinen
Armen...“
„Aber das kann nicht Euer Ernst sein!“
„Nennt mir einen Grund, weshalb ich scherzen sollte!“
„Aber ich...“ /Ich kann Euch nicht so einfach gehen
lassen.../
„Niemals könntet Ihr mit einem Mann wie mir zusammen
leben. Ihr habt es selbst gesagt...“
„Ich meinte es nicht...“
„Ich gab ihm ein Versprechen...“
„...?“
„Ich versprach ihm, nicht zu sterben!“
Alexandra schlug sich die Hände vor die Augen, in denen
dicke Tränen standen.
„Ja... ich versprach es ihm und hielt... daran fest!“
„Nein... Ich war es, die Euch den Lebensmut zurückgab,
als sie... als ER Euch allein gelassen hat!“
„Die Trennung von ihm war eine einzige Lüge... für die
weder ich, noch er etwas kann!“
Eduard sprach ruhig, was die junge Frau fast wütend machte,
wäre nicht die Traurigkeit größer gewesen, die ihr das Herz abschnürte.
„Ich dachte... Ihr...“ Sie stotterte unter den zittrigen
Atemzügen.
„Ihr dachtet, dass ich Euch liebe?“
„...“ /Ich war mir sicher!/
„Ich habe Euch nie Hoffnungen gemacht!“
„Aber dass es ein Junge... sein...“
„Verurteilt mich. Hasst mich.“
„Das tue ich bereits. Ihr macht Euch schuldig!“
/Schuldig. Für immer./
Alexandra sah dem Grafen noch einmal fest in das Gesicht,
konnte jedoch keine Gefühlsregung in der kalten Miene erkennen. Die heißen Tränen
verschleierten ihr die Sicht und mit einem lauten stoßartigen Seufzer wendete
sie sich ab, bevor sie hastig aus dem Zimmer stürmte.
/Ihr scheint nicht zu verstehen... Ihr habt Euch falsch
entschieden.../
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