Part 5

Part 16:

 

Während des Mittagessens hatte Kim den Vorschlag gemacht, ein wenig auszureiten. Das Wetter war ideal dafür und etwas anderes hatten sie an diesem Tag sowieso nicht geplant. Von Kalau hatte zugestimmt und eine halbe Stunde später saßen beide auch schon auf den Pferden und ritten nebeneinander durch die Landschaft, deren beginnende Kargheit, hervorgerufen durch die Jahreszeit, überdeckt wurde von dem warmen Licht der Sonne, das die Umgebung in schillernden Glanz tauchte.

Für eine Weile ritt Kim dem Grafen hinterher, als die Wegstelle für beide Pferde zu eng wurde, doch er nutzte hierbei die Gelegenheit, um von Kalau heimlich von hinten zu betrachten. Selten hatte er die Möglichkeit, den schönen Mann so eindringlich anzusehen, denn er wusste ganz genau, dass es ihm unangenehm war und umso mehr genoss er es nun, im Heimlichen.

/Er weiß, dass er schön ist. Eigentlich zu schön für einen Mann... und dennoch scheint er sich manchmal für seinen eigenen Körper zu hassen. Warum? Wie gerne sehe ich den zahlreichen Lichtspielen in seinen haselnussbraunen Haaren zu, die sich mit jeder seiner Bewegungen verändern.../

Kim hielt plötzlich die Zügel seines Pferdes etwas lockerer, denn der Weg hatte sich nun verbreitert und er gesellte sich wieder neben von Kalau, der ihm einen lieb lächelnden Blick zuwarf, der Kim das Blut in die Wangen steigen ließ.

Irgendwann ritten sie unter einer dichten Baumreihe hindurch, dann querfeldein, bis zu einem kleinen See, auf dessen Oberfläche sich die Umgebung schwarz widerspiegelte. Nur die Sonne reflektierte wie ein weißer großer Ball zurück.

Sie zügelten die Pferde und saßen ab, knoteten die Lederriemen des Zaumzeugs an einem alten Baum fest, unter dem sich die Tiere niederließen und begannen, zu grasen.

/Alles geschieht wie in einem wunderschönen Traum. Er hält meine Hand und geleitet mich sanft zu der kleinen Bank, die eher nach einem umgefallenen Baumstamm aussieht. Wie friedlich still doch alles scheint, vergessen der Aufruhr des gestrigen Tages, verschluckt von der Ruhe des Sees. Wie hätte ich jemals ohne Eduard weiter leben sollen?/

Von Kalaus Augen glitten über die hohen Ufergräser, deren Köpfe sich geschmeidig dem gleichmäßigen Wehen des kühlen Herbstwindes beugten, doch dann immer wieder zurückwippten, als würden sie jedes Mal neue Kraft schöpfen. Die Oberfläche des dunklen Sees kräuselte sich leicht, versetzte die abgeblühte Seerose am anderen Ende in Schwingungen, so dass das Nass über die fast herzförmigen Blätter schwappte und drohte, sie mit sich in die Tiefe zu ziehen.

 

Kim und Eduard standen einfach nur da, alleine, am Rande der Welt, wie es ihnen schien, auch wenn die nächste Stadt oder das nächste Schloss sehr nahe waren.

Behutsam und sehr vorsichtig legte von Kalau seinen linken Arm über Kims Schultern und der Junge griff gleich nach der Hand des Grafen, um zu zeigen, dass ihm die Berührung willkommen war und er am liebsten für immer so verharren würde.

/Ob er sich in diesem Augenblick genauso glücklich fühlt, wie ich?/

Kim hätte zu gerne gewusst, an was Eduard gerade dachte, denn aus den funkelnden grünen Augen konnte er nichts ablesen. Er hätte glücklich sein können, aber ebenso gut traurig, vielleicht besorgt, er wusste es nicht, doch er wollte auch nicht nachfragen. Vielleicht hätte der Graf es für Aufdringlichkeit gehalten und ihn nur kühl angeblickt, ohne auch nur ein Wort zu sagen.

„Wir hätten schon viel früher hier sein können... hier sein sollen...“

Ein erstaunter Blick traf das Gesicht von Kalaus, was dieser jedoch nicht weiter beachtete.

„Wenn ich nicht krank geworden wäre... dann... hätte es auch niemals diese Lüge geben können, die uns so viele Jahre der Einsamkeit bescherte...“

In sich gekehrt senkte er den Kopf, richtete sich dann allerdings gleich wieder auf und lächelte, als er Kims Gesichtsausdruck bemerkte, der so voller Trauer stand.

Unerwartet strich er dem Jungen durch die Haare und kaum hatte er seine Hand von Kims Kopf genommen, tat es ihm der Jüngere nach und fuhr ihm ebenfalls durch die sorgfältige Frisur, grinste dabei breit, als er sich einen kritischen Blick des Grafen einfing.

„Kim...“ knirschte Eduard drohend mit den Zähnen, woraufhin der Junge ein paar Schrittchen zurückwich, jedoch das Lachen auf seinem Gesicht nicht verlor. Er kniff fröhlich die Augen zusammen und faltete seine Hände hinter seinem Rücken, steckte dem Grafen dann kurz die Zunge heraus.

„Macht Euch keine Sorgen um Euer Haar. Es sah vorher auch nicht viel ordentlicher aus, hahaha!“ spottete er dann und rannte los, dicht gefolgt von Eduard, der durchaus gerne auf das kleine Spielchen einging und hinter ihm herjagte.

Kim wusste, dass er keine Chance gegen den großen Mann hatte, im Nu konnte er ihn einholen, doch anscheinend blieb Eduard absichtlich etwas zurück, genoss er vielleicht diese Herumtollerei ebenso sehr wie er?

Lautes Lachen hallte durch die Luft, gemischt mit dem angestrengten Keuchen der beiden Männer, die sich wie zwei Kinder quer über die große Grasfläche jagten.

Kim sah nicht nach hinten, das würde ihn nur den kleinen Vorsprung kosten, den er hatte.

„Wo bleibt Ihr denn, von Kalau?“ lachte er deshalb nach vorne, ohne sich umzudrehen.

„Habt Ihr etwa schon aufgegeben?“ Doch genau in diesem Moment spürte er einen mächtigen Ruck von hinten, konnte bald darauf die Arme Eduards sehen, die sich schnell um seinen Körper schlangen und ihn gefangen hielten. Die Wucht, mit der die beiden aufeinandergestoßen waren, ließ sie das Gleichgewicht verlieren und zu Boden fallen. Doch es war ihnen in diesem Augenblick ganz egal. Herzhaft kicherten sie und ihre Oberkörper hoben und senkten sich mit schnellen Atemzügen.

„Von wegen aufgegeben, Kleiner!“ hauchte der Graf Kim ins Ohr und nippte mit seinen Zähnen leicht am Ohrläppchen des Jungen, so dass dieser schmunzelnd die Augen zusammenkniff.

Dann trafen sich ihre Blicke, tief sahen sie sich in die Augen, ließen nicht voneinander ab und konnten die Leidenschaft aufschimmern sehen.

Kim drückte Eduard unerwartet einen feuchten Kuss auf die Lippen, stieß den Mann über sich dann etwas nach hinten und richtete sich auf, wobei er sich abklopfte und so seine Kleider von den anhaftenden Grashalmen befreite. Auch der Graf war aufgestanden und stellte sich hinter ihn. Sein heißer Atem kitzelte den Jüngeren im Genick, doch bevor er leise kichern konnte, ertönte erneut die sanfte tiefe Stimme von Kalaus an seinem Ohr.

 

„Du hast mir Lust auf mehr gemacht!“

 

Kims Augen öffneten sich weit, als er fühlte, wie Eduard zärtlich über seinen Bauch strich, dann immer weiter hinab glitt.

Kim legte plötzlich seine Hand auf die des großen Mannes, der bereits wieder begann, seinen Zauber auf ihn auszuüben und seinen Verstand auszulöschen, und erwiderte leise:

„Ihr könnt doch nicht schon wieder Lust... haben auf...“

 

„Ich bin ein Mann...“

 

„Ich zufällig auch!“ konterte Kim trotzig, puffte von Kalau dann leicht in die Seite und rannte zu der kleinen Bank am Ufer. Dort ließ er sich erschöpft nieder und schloss entspannt seine Augen, sog mit tiefen Atemzügen die frische, wenn auch kühle Luft in seine Lungen.

Es dauerte nicht lange, bis sich auch Eduard neben ihn setzte, ohne etwas zu sagen, was Kim erst verunsicherte, doch als er den zufriedenen Gesichtsausdruck auf seinem Gesicht sah, stillschweigend hinnahm.

Sie achteten nicht auf die Zeit. Nur der sich ständig verändernde Stand der Sonne zeigte an, dass der Nachmittag langsam spät wurde.

 

Plötzlich hörten sie das Wiehern eines Pferdes nahe hinter sich und beide drehten sich erschrocken um.

„Ich war gerade auf dem Weg zu euch...“ erklang Heinrichs Stimme leise, fast schüchtern und ein liebevolles, aber breites Grinsen legte sich in seine Mundwinkel.

/Heinrich? Wie kommt er hierher?!/

Kim bemerkte die Spannung, die zwischen von Kalau und seinem Bruder aufflammte, noch dadurch genährt wurde, dass sich Eduard mit einem genervten und enttäuschten Gesichtsausdruck wieder von Heinrich abwendete, etwas vor sich hin sprechend, was man jedoch nicht verstehen konnte. Auch Kim senkte den Kopf, war sich nicht sicher, wie er hätte reagieren sollen, einem Lügner gegenüber, einem Freund, der... keiner mehr war. Nie mehr einer sein konnte? Wieso war alles nur so kompliziert.

Der Graf erhob sich schließlich von der Bank und lächelte Kim an, versuchte es zumindest, auch wenn seine Augen verrieten, dass ihn der Kummer und der Zorn innerlich fast zerfraßen.

 

„Lass’ uns jetzt zurück reiten.“

 

Kim zögerte einen Augenblick, folgte dann jedoch Eduard, der sich mit langsamen Schritten von ihm entfernte. Er streifte mit seinen Blicken kurz Heinrich, dessen Gesicht von einer unheimlichen Blässe heimgesucht worden war. Doch dieser beachtete ihn nicht weiter, sondern richtete seine Augen starr auf den Rücken seines Bruders. Sein Mund stand halb offen, wollte er etwas sagen? Wieso schwieg er dann... und weshalb...

„Eduard... bitte warte doch!“ rief Heinrich schließlich, doch von Kalau reagierte nicht, weshalb sich sein Bruder augenblicklich in Bewegung setzte und zu ihm rannte, sein Pferd zog er an den Zügeln mit sich.

Vorsichtig legte er von Kalau eine Hand auf die Schulter, vermutlich wusste er sich nicht anders zu helfen, denn Eduard blieb eisern und wollte nichts von dem Verräter wissen.

Kim zuckte zusammen, als sich der Graf auf die Berührung hin abrupt umdrehte und allein durch seine Blicke Heinrich dazu brachte, einen Schritt zurückzuweichen.

„Ich sagte dir, du sollst mich nie wieder anfassen! Besudle meinen Körper nicht mit deiner Lüge!“ erklang scharf Eduards Stimme und Kim fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, als er sich den Brüdern immer weiter näherte.

„Dein Körper ist bereits besudelt... doch nur von deiner eigenen Sünde, die ich nicht verhindern konnte!“ erwiderte Heinrich trocken, verfluchte sich dann aber innerlich für seine Worte, die ihm so hilflos aus dem Mund gesprudelt waren, obwohl er sie selbst nicht für richtig hielt.

„Ich wollte mit dir sprechen!“

„Ich wüsste nicht, weshalb ich dir auch nur eine Sekunde meiner Zeit widmen sollte...“

„Weil ich dein verdammter Bruder bin!“

Eduard musterte ihn lange, lächelte dann geringschätzig.

„Mein Bruder also, ja? Wärst du das wirklich, hättest du nicht...“

„Du weißt nicht, weshalb ich es tat!“

Kim lauschte stumm dem brüderlichen Streit, traute sich nicht einmal, sich zu bewegen. Er beobachtete beide genau und obwohl Heinrich verzweifelt wirkte, schien er dennoch froh zu sein, Eduard endlich zum Sprechen bewegt zu haben.

„Ich will es nicht wissen. Glaubst du, es gibt irgendeinen Grund, der dein Verhalten entschuldigen kann?“

Schweigen kehrte ein und Heinrich kniff seine Hände fest zu Fäusten zusammen. Die blonden Haare verdeckten halb sein Gesicht, glänzten kurz, als ein Sonnenstrahl auf seinen Kopf fiel, bevor sich wenige Sekunden später die Wolke am Himmel wieder schloss und das Licht verschluckte.

„Ich... ich weiß...“ begann er zu stottern. „Ich weiß, dass ich einen Fehler begangen habe... aber ich sagte bereits, dass es niemals meine Absicht war, dich und... ihn... zu trennen!“

„Natürlich nicht!“ antwortete sein Bruder, woraufhin der Jüngere seine schmalen Lippen zusammenkniff, als er die Ironie mitschwingen hörte.

Von Kalau schluckte, auch ihn schien der Streit an den Nerven zu zehren.

„Hätte ich gewusst, dass auch du gegen mich bist ... Hätte ich gewusst, dass du mich in Wirklichkeit für ebenso abstoßend und krank hältst wie all die anderen Menschen um mich herum... ich hätte dir niemals von meinen Vorlieben erzählt...“

„Du hättest sie nicht verbergen können... weil du mit Minsk... das wusste ich...“

„Minsk...“ entwich dem Grafen ein leises tiefes Fluchen. „Ja, du wusstest es. Und hast mir verdammt noch mal nicht geholfen!“

„Wirfst du mir vor, dass mir die Hände gebunden waren?“

„Du sahst stillschweigend zu, wie er seine Lust an mir...“ Der Graf schüttelte kaum merklich den Kopf und schien sich in seinen eigenen Gedanken zu verfangen. Das Glänzen seiner Augen erlosch, wurde stumpf, als hätte sich ein undurchdringbarer Schleier vor sie gelegt, durch den kein Funken Licht brechen konnte.

„Ich war hilflos! Was hätte ich denn tun sollen? Denkst du wirklich, Vater und Mutter hätten mir geglaubt, wenn ich ihnen erzählt hätte, dass sich der Fürst an einem ihrer Söhne vergreift?“

„Du hast es nicht einmal versucht, es ihnen zu sagen... Vielleicht hätten sie dann bestätigt gefunden, was sie doch ohnehin schon längst wussten, doch stillschweigend übergingen, da es nur für Aufruhr gesorgt hätte...“

„Dass sich Minsk sexuell an dir vergriff, war mir lange nicht... Ich wusste es erst, als ich dich mit ihm im Garten sah...“

„Du hast mir nicht geholfen, dachtest damals schon ich sei krank. Glaubtest du, es hat mir gefallen, wenn sich dieser schmierige Kerl über meinen Körper beugte und seinen...“ von Kalau stockte „... in mich ...?!“

„Nein...“

„Du ließest mich alleine und ich verzieh’ es dir! So viele Male! Erst jetzt wird mir klar, dass du... mich gerne hast leiden sehen. Strafe muss eben sein, auch wenn die Sünde mit einer Sünde vergolten wird, habe ich recht?“

„Was redest du nur, Eduard von Kalau! Wenn ich einen Ausweg gesehen hätte... ich hätte ihn dir geboten..., aber auch ich war nur ein Kind! Ein verflucht hilfloses kleines Kind!

Was meinst du, weshalb ich dir Hornbach überließ, obwohl es eigentlich mir zustand? Was denkst du?“

„...“

„Ich gab’ es dir als Zufluchtsort. Ein Schloss für dich allein, von welchem aus du jedem Ankömmling den Zutritt verweigern konntest... Ich verzichtete auf Hornbach! Für dich!“

Eduard wendete sich von Heinrich ab, seine Brust bewegte sich nun ruhiger, vielleicht weil die Erinnerungen begannen, ihm die Luft abzuschnüren. Kim stellte sich neben ihn und legte ihm den Arm um die Taille. Der Junge wusste, wie schmerzhaft die Vergangenheit war. Nie hatte von Kalau offen darüber gesprochen, hatte es als unwichtig abgetan, es verdrängt, alles belächelt.

„Du gabst mir das Schloss... weil du es nicht unterhalten wolltest. Du sagtest es damals selbst zu mir. Und jetzt soll ich es als ein wohltätiges Geschenk von dir für deinen kleinen, ach so armen geschändeten Bruder ansehen, ja? Geh’ mir aus den Augen! Ich will dich nicht mehr sehen!“

Inzwischen hatte er die Pferde losgebunden und saß auf,  bevor er mit seinem tiefen Bass das Pferd zum davongaloppieren brachte. Kim folgte ihm nach.

 

 

Heinrich blieb stumm zurück, starrte vor sich auf den Boden, dann den zwei Männern hinterher, die sich weiter und weiter von ihm entfernten.

/Wieso lässt du mich nicht erklären, Eduard? Wieso verstehst du nicht, dass es mir selbst das Herz zerreist und die Brust bluten lässt. Ich konnte doch nicht anders. Mein Gott... er hätte sie... mir weggenommen. Was hätte ich tun sollen? Sag’ es mir! Was hätte ich tun sollen?!/

 

Er schluckte, stieg dann zurück auf sein Pferd und ritt in die entgegengesetzte Richtung, ohne sich noch einmal umzusehen.

 

/Könnt ihr mir jemals vergeben? Euere Liebe verurteilte ich nie. Ihr wisst das und... verschließt dennoch die Augen vor der Wahrheit. Es ist leichter, sich hinter einer Lüge zu verstecken, als durch sie hindurchzublicken... Vergebt mir weil ich... nicht wissen wollte, was ich tat!/

Als er davon ritt, strich ihm der kühle Wind durch die langen Haare, verfing sich in ihnen. Die Tränen, die seine Wangen hinabstürzten glitzerten wie Morgentau in den hellen Strahlen der Sonne.

 

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