Part 16:
Während des Mittagessens hatte Kim den Vorschlag gemacht,
ein wenig auszureiten. Das Wetter war ideal dafür und etwas anderes hatten sie
an diesem Tag sowieso nicht geplant. Von Kalau hatte zugestimmt und eine halbe
Stunde später saßen beide auch schon auf den Pferden und ritten nebeneinander
durch die Landschaft, deren beginnende Kargheit, hervorgerufen durch die
Jahreszeit, überdeckt wurde von dem warmen Licht der Sonne, das die Umgebung in
schillernden Glanz tauchte.
Für eine Weile ritt Kim dem Grafen hinterher, als die
Wegstelle für beide Pferde zu eng wurde, doch er nutzte hierbei die
Gelegenheit, um von Kalau heimlich von hinten zu betrachten. Selten hatte er die
Möglichkeit, den schönen Mann so eindringlich anzusehen, denn er wusste ganz
genau, dass es ihm unangenehm war und umso mehr genoss er es nun, im Heimlichen.
/Er weiß, dass er schön ist. Eigentlich zu schön für
einen Mann... und dennoch scheint er sich manchmal für seinen eigenen Körper
zu hassen. Warum? Wie gerne sehe ich den zahlreichen Lichtspielen in seinen
haselnussbraunen Haaren zu, die sich mit jeder seiner Bewegungen verändern.../
Kim hielt plötzlich die Zügel seines Pferdes etwas
lockerer, denn der Weg hatte sich nun verbreitert und er gesellte sich wieder
neben von Kalau, der ihm einen lieb lächelnden Blick zuwarf, der Kim das Blut
in die Wangen steigen ließ.
Irgendwann ritten sie unter einer dichten Baumreihe
hindurch, dann querfeldein, bis zu einem kleinen See, auf dessen Oberfläche
sich die Umgebung schwarz widerspiegelte. Nur die Sonne reflektierte wie ein weißer
großer Ball zurück.
Sie zügelten die Pferde und saßen ab, knoteten die
Lederriemen des Zaumzeugs an einem alten Baum fest, unter dem sich die Tiere
niederließen und begannen, zu grasen.
/Alles geschieht wie in einem wunderschönen Traum. Er hält
meine Hand und geleitet mich sanft zu der kleinen Bank, die eher nach einem
umgefallenen Baumstamm aussieht. Wie friedlich still doch alles scheint,
vergessen der Aufruhr des gestrigen Tages, verschluckt von der Ruhe des Sees.
Wie hätte ich jemals ohne Eduard weiter leben sollen?/
Von Kalaus Augen glitten über die hohen Ufergräser, deren
Köpfe sich geschmeidig dem gleichmäßigen Wehen des kühlen Herbstwindes
beugten, doch dann immer wieder zurückwippten, als würden sie jedes Mal neue
Kraft schöpfen. Die Oberfläche des dunklen Sees kräuselte sich leicht,
versetzte die abgeblühte Seerose am anderen Ende in Schwingungen, so dass das
Nass über die fast herzförmigen Blätter schwappte und drohte, sie mit sich in
die Tiefe zu ziehen.
Kim und Eduard standen einfach nur da, alleine, am Rande der
Welt, wie es ihnen schien, auch wenn die nächste Stadt oder das nächste
Schloss sehr nahe waren.
Behutsam und sehr vorsichtig legte von Kalau seinen linken
Arm über Kims Schultern und der Junge griff gleich nach der Hand des Grafen, um
zu zeigen, dass ihm die Berührung willkommen war und er am liebsten für immer
so verharren würde.
/Ob er sich in diesem Augenblick genauso glücklich fühlt,
wie ich?/
Kim hätte zu gerne gewusst, an was Eduard gerade dachte,
denn aus den funkelnden grünen Augen konnte er nichts ablesen. Er hätte glücklich
sein können, aber ebenso gut traurig, vielleicht besorgt, er wusste es nicht,
doch er wollte auch nicht nachfragen. Vielleicht hätte der Graf es für
Aufdringlichkeit gehalten und ihn nur kühl angeblickt, ohne auch nur ein Wort
zu sagen.
„Wir hätten schon viel früher hier sein können... hier
sein sollen...“
Ein erstaunter Blick traf das Gesicht von Kalaus, was dieser
jedoch nicht weiter beachtete.
„Wenn ich nicht krank geworden wäre... dann... hätte es
auch niemals diese Lüge geben können, die uns so viele Jahre der Einsamkeit
bescherte...“
In sich gekehrt senkte er den Kopf, richtete sich dann
allerdings gleich wieder auf und lächelte, als er Kims Gesichtsausdruck
bemerkte, der so voller Trauer stand.
Unerwartet strich er dem Jungen durch die Haare und kaum
hatte er seine Hand von Kims Kopf genommen, tat es ihm der Jüngere nach und
fuhr ihm ebenfalls durch die sorgfältige Frisur, grinste dabei breit, als er
sich einen kritischen Blick des Grafen einfing.
„Kim...“ knirschte Eduard drohend mit den Zähnen,
woraufhin der Junge ein paar Schrittchen zurückwich, jedoch das Lachen auf
seinem Gesicht nicht verlor. Er kniff fröhlich die Augen zusammen und faltete
seine Hände hinter seinem Rücken, steckte dem Grafen dann kurz die Zunge
heraus.
„Macht Euch keine Sorgen um Euer Haar. Es sah vorher auch
nicht viel ordentlicher aus, hahaha!“ spottete er dann und rannte los, dicht
gefolgt von Eduard, der durchaus gerne auf das kleine Spielchen einging und
hinter ihm herjagte.
Kim wusste, dass er keine Chance gegen den großen Mann
hatte, im Nu konnte er ihn einholen, doch anscheinend blieb Eduard absichtlich
etwas zurück, genoss er vielleicht diese Herumtollerei ebenso sehr wie er?
Lautes Lachen hallte durch die Luft, gemischt mit dem
angestrengten Keuchen der beiden Männer, die sich wie zwei Kinder quer über
die große Grasfläche jagten.
Kim sah nicht nach hinten, das würde ihn nur den kleinen
Vorsprung kosten, den er hatte.
„Wo bleibt Ihr denn, von Kalau?“ lachte er deshalb nach
vorne, ohne sich umzudrehen.
„Habt Ihr etwa schon aufgegeben?“ Doch genau in diesem
Moment spürte er einen mächtigen Ruck von hinten, konnte bald darauf die Arme
Eduards sehen, die sich schnell um seinen Körper schlangen und ihn gefangen
hielten. Die Wucht, mit der die beiden aufeinandergestoßen waren, ließ sie das
Gleichgewicht verlieren und zu Boden fallen. Doch es war ihnen in diesem
Augenblick ganz egal. Herzhaft kicherten sie und ihre Oberkörper hoben und
senkten sich mit schnellen Atemzügen.
„Von wegen aufgegeben, Kleiner!“ hauchte der Graf Kim
ins Ohr und nippte mit seinen Zähnen leicht am Ohrläppchen des Jungen, so dass
dieser schmunzelnd die Augen zusammenkniff.
Dann trafen sich ihre Blicke, tief sahen sie sich in die
Augen, ließen nicht voneinander ab und konnten die Leidenschaft aufschimmern
sehen.
Kim drückte Eduard unerwartet einen feuchten Kuss auf die
Lippen, stieß den Mann über sich dann etwas nach hinten und richtete sich auf,
wobei er sich abklopfte und so seine Kleider von den anhaftenden Grashalmen
befreite. Auch der Graf war aufgestanden und stellte sich hinter ihn. Sein heißer
Atem kitzelte den Jüngeren im Genick, doch bevor er leise kichern konnte, ertönte
erneut die sanfte tiefe Stimme von Kalaus an seinem Ohr.
„Du hast mir Lust auf mehr gemacht!“
Kims Augen öffneten sich weit, als er fühlte, wie Eduard zärtlich
über seinen Bauch strich, dann immer weiter hinab glitt.
Kim legte plötzlich seine Hand auf die des großen Mannes,
der bereits wieder begann, seinen Zauber auf ihn auszuüben und seinen Verstand
auszulöschen, und erwiderte leise:
„Ihr könnt doch nicht schon wieder Lust... haben
auf...“
„Ich bin ein Mann...“
„Ich zufällig auch!“ konterte Kim trotzig, puffte von
Kalau dann leicht in die Seite und rannte zu der kleinen Bank am Ufer. Dort ließ
er sich erschöpft nieder und schloss entspannt seine Augen, sog mit tiefen
Atemzügen die frische, wenn auch kühle Luft in seine Lungen.
Es dauerte nicht lange, bis sich auch Eduard neben ihn
setzte, ohne etwas zu sagen, was Kim erst verunsicherte, doch als er den
zufriedenen Gesichtsausdruck auf seinem Gesicht sah, stillschweigend hinnahm.
Sie achteten nicht auf die Zeit. Nur der sich ständig verändernde
Stand der Sonne zeigte an, dass der Nachmittag langsam spät wurde.
Plötzlich hörten sie das Wiehern eines Pferdes nahe hinter
sich und beide drehten sich erschrocken um.
„Ich war gerade auf dem Weg zu euch...“ erklang
Heinrichs Stimme leise, fast schüchtern und ein liebevolles, aber breites
Grinsen legte sich in seine Mundwinkel.
/Heinrich? Wie kommt er hierher?!/
Kim bemerkte die Spannung, die zwischen von Kalau und seinem
Bruder aufflammte, noch dadurch genährt wurde, dass sich Eduard mit einem
genervten und enttäuschten Gesichtsausdruck wieder von Heinrich abwendete,
etwas vor sich hin sprechend, was man jedoch nicht verstehen konnte. Auch Kim
senkte den Kopf, war sich nicht sicher, wie er hätte reagieren sollen, einem Lügner
gegenüber, einem Freund, der... keiner mehr war. Nie mehr einer sein konnte?
Wieso war alles nur so kompliziert.
Der Graf erhob sich schließlich von der Bank und lächelte
Kim an, versuchte es zumindest, auch wenn seine Augen verrieten, dass ihn der
Kummer und der Zorn innerlich fast zerfraßen.
„Lass’ uns jetzt zurück reiten.“
Kim zögerte einen Augenblick, folgte dann jedoch Eduard,
der sich mit langsamen Schritten von ihm entfernte. Er streifte mit seinen
Blicken kurz Heinrich, dessen Gesicht von einer unheimlichen Blässe heimgesucht
worden war. Doch dieser beachtete ihn nicht weiter, sondern richtete seine Augen
starr auf den Rücken seines Bruders. Sein Mund stand halb offen, wollte er
etwas sagen? Wieso schwieg er dann... und weshalb...
„Eduard... bitte warte doch!“ rief Heinrich schließlich,
doch von Kalau reagierte nicht, weshalb sich sein Bruder augenblicklich in
Bewegung setzte und zu ihm rannte, sein Pferd zog er an den Zügeln mit sich.
Vorsichtig legte er von Kalau eine Hand auf die Schulter,
vermutlich wusste er sich nicht anders zu helfen, denn Eduard blieb eisern und
wollte nichts von dem Verräter wissen.
Kim zuckte zusammen, als sich der Graf auf die Berührung
hin abrupt umdrehte und allein durch seine Blicke Heinrich dazu brachte, einen
Schritt zurückzuweichen.
„Ich sagte dir, du sollst mich nie wieder anfassen!
Besudle meinen Körper nicht mit deiner Lüge!“ erklang scharf Eduards Stimme
und Kim fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, als er sich den Brüdern
immer weiter näherte.
„Dein Körper ist bereits besudelt... doch nur von deiner
eigenen Sünde, die ich nicht verhindern konnte!“ erwiderte Heinrich trocken,
verfluchte sich dann aber innerlich für seine Worte, die ihm so hilflos aus dem
Mund gesprudelt waren, obwohl er sie selbst nicht für richtig hielt.
„Ich wollte mit dir sprechen!“
„Ich wüsste nicht, weshalb ich dir auch nur eine Sekunde
meiner Zeit widmen sollte...“
„Weil ich dein verdammter Bruder bin!“
Eduard musterte ihn lange, lächelte dann geringschätzig.
„Mein Bruder also, ja? Wärst du das wirklich, hättest du
nicht...“
„Du weißt nicht, weshalb ich es tat!“
Kim lauschte stumm dem brüderlichen Streit, traute sich
nicht einmal, sich zu bewegen. Er beobachtete beide genau und obwohl Heinrich
verzweifelt wirkte, schien er dennoch froh zu sein, Eduard endlich zum Sprechen
bewegt zu haben.
„Ich will es nicht wissen. Glaubst du, es gibt irgendeinen
Grund, der dein Verhalten entschuldigen kann?“
Schweigen kehrte ein und Heinrich kniff seine Hände fest zu
Fäusten zusammen. Die blonden Haare verdeckten halb sein Gesicht, glänzten
kurz, als ein Sonnenstrahl auf seinen Kopf fiel, bevor sich wenige Sekunden später
die Wolke am Himmel wieder schloss und das Licht verschluckte.
„Ich... ich weiß...“ begann er zu stottern. „Ich weiß,
dass ich einen Fehler begangen habe... aber ich sagte bereits, dass es niemals
meine Absicht war, dich und... ihn... zu trennen!“
„Natürlich nicht!“ antwortete sein Bruder, woraufhin
der Jüngere seine schmalen Lippen zusammenkniff, als er die Ironie mitschwingen
hörte.
Von Kalau schluckte, auch ihn schien der Streit an den
Nerven zu zehren.
„Hätte ich gewusst, dass auch du gegen mich bist ... Hätte
ich gewusst, dass du mich in Wirklichkeit für ebenso abstoßend und krank hältst
wie all die anderen Menschen um mich herum... ich hätte dir niemals von meinen
Vorlieben erzählt...“
„Du hättest sie nicht verbergen können... weil du mit
Minsk... das wusste ich...“
„Minsk...“ entwich dem Grafen ein leises tiefes Fluchen.
„Ja, du wusstest es. Und hast mir verdammt noch mal nicht geholfen!“
„Wirfst du mir vor, dass mir die Hände gebunden waren?“
„Du sahst stillschweigend zu, wie er seine Lust an
mir...“ Der Graf schüttelte kaum merklich den Kopf und schien sich in seinen
eigenen Gedanken zu verfangen. Das Glänzen seiner Augen erlosch, wurde stumpf,
als hätte sich ein undurchdringbarer Schleier vor sie gelegt, durch den kein
Funken Licht brechen konnte.
„Ich war hilflos! Was hätte ich denn tun sollen? Denkst
du wirklich, Vater und Mutter hätten mir geglaubt, wenn ich ihnen erzählt hätte,
dass sich der Fürst an einem ihrer Söhne vergreift?“
„Du hast es nicht einmal versucht, es ihnen zu sagen...
Vielleicht hätten sie dann bestätigt gefunden, was sie doch ohnehin schon längst
wussten, doch stillschweigend übergingen, da es nur für Aufruhr gesorgt hätte...“
„Dass sich Minsk sexuell an dir vergriff, war mir lange
nicht... Ich wusste es erst, als ich dich mit ihm im Garten sah...“
„Du hast mir nicht geholfen, dachtest damals schon ich sei
krank. Glaubtest du, es hat mir gefallen, wenn sich dieser schmierige Kerl über
meinen Körper beugte und seinen...“ von Kalau stockte „... in mich ...?!“
„Nein...“
„Du ließest mich alleine und ich verzieh’ es dir! So
viele Male! Erst jetzt wird mir klar, dass du... mich gerne hast leiden sehen.
Strafe muss eben sein, auch wenn die Sünde mit einer Sünde vergolten wird,
habe ich recht?“
„Was redest du nur, Eduard von Kalau! Wenn ich einen
Ausweg gesehen hätte... ich hätte ihn dir geboten..., aber auch ich war nur
ein Kind! Ein verflucht hilfloses kleines Kind!
Was meinst du, weshalb ich dir Hornbach überließ, obwohl
es eigentlich mir zustand? Was denkst du?“
„...“
„Ich gab’ es dir als Zufluchtsort. Ein Schloss für dich
allein, von welchem aus du jedem Ankömmling den Zutritt verweigern konntest...
Ich verzichtete auf Hornbach! Für dich!“
Eduard wendete sich von Heinrich ab, seine Brust bewegte
sich nun ruhiger, vielleicht weil die Erinnerungen begannen, ihm die Luft
abzuschnüren. Kim stellte sich neben ihn und legte ihm den Arm um die Taille.
Der Junge wusste, wie schmerzhaft die Vergangenheit war. Nie hatte von Kalau
offen darüber gesprochen, hatte es als unwichtig abgetan, es verdrängt, alles
belächelt.
„Du gabst mir das Schloss... weil du es nicht unterhalten
wolltest. Du sagtest es damals selbst zu mir. Und jetzt soll ich es als ein
wohltätiges Geschenk von dir für deinen kleinen, ach so armen geschändeten
Bruder ansehen, ja? Geh’ mir aus den Augen! Ich will dich nicht mehr sehen!“
Inzwischen hatte er die Pferde losgebunden und saß auf,
bevor er mit seinem tiefen Bass das Pferd zum davongaloppieren brachte.
Kim folgte ihm nach.
Heinrich blieb stumm zurück, starrte vor sich auf den
Boden, dann den zwei Männern hinterher, die sich weiter und weiter von ihm
entfernten.
/Wieso lässt du mich nicht erklären, Eduard? Wieso
verstehst du nicht, dass es mir selbst das Herz zerreist und die Brust bluten lässt.
Ich konnte doch nicht anders. Mein Gott... er hätte sie... mir weggenommen. Was
hätte ich tun sollen? Sag’ es mir! Was hätte ich tun sollen?!/
Er schluckte, stieg dann zurück auf sein Pferd und ritt in
die entgegengesetzte Richtung, ohne sich noch einmal umzusehen.
/Könnt ihr mir jemals vergeben? Euere Liebe verurteilte ich
nie. Ihr wisst das und... verschließt dennoch die Augen vor der Wahrheit. Es
ist leichter, sich hinter einer Lüge zu verstecken, als durch sie
hindurchzublicken... Vergebt mir weil ich... nicht wissen wollte, was ich tat!/
Als er davon ritt, strich ihm der kühle Wind durch die
langen Haare, verfing sich in ihnen. Die Tränen, die seine Wangen hinabstürzten
glitzerten wie Morgentau in den hellen Strahlen der Sonne.
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