Part 5

Part 19:

 

„Ihr wart aber lange unterwegs, Schatz! Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt?“ Jelena rannte mit schnellen Schritten auf ihre Mutter zu, die die Arme weit ausgebreitet hatte und empfangend nach ihr ausstreckte. Nach einer liebevollen Umarmung setzte sich das Kind auf einen der zahlreichen Stühle, die um einen ovalen Tisch im Speisesaal standen und wenige Augenblicke später goss ihr auch schon ein Bediensteter das Glas voll, aus dem sie beinahe gierig einige Schlücke nahm.

Kim stand unbeholfen in der Tür, wusste nicht genau, was man nun erwartete. Er hatte sich den ganzen Tag um Jelena gekümmert, ihr all die bohrenden Fragen beantwortet, die sie unablässig gestellt hatte und nun... da das Mädchen wieder bei ihren Eltern war, schien sie ihn nicht einmal mehr zu sehen. Aufgeregt, dennoch zurückhaltend, berichtete sie ihrem Vater, was sie erlebt hatte, wie beeindruckend doch Wielnach sei und dass sie hoffte, möglichst lange hier bleiben zu können.

Kims Atem ging leise, als er bitter in sich hineinlächelte und dachte, dass er im Gegensatz zu ihr, so schnell wie möglich wieder von hier verschwinden wollte, weil von Kalau ... auf ihn wartete. Es war bereits Abend, sicher war der Graf von seinem Besuch bei Alexandra wieder zurück. Ob sie eingesehen hatte, dass er...?

Ein misstrauischer Blick von Madame von Burgstett riss ihn aus seinen Gedanken. Er konnte nicht genau erkennen, ob sie wirklich ihn anstarrte, oder ob sich ihre Augen einfach nur auf die Wand neben oder die Tür hinter ihm hefteten. Ihre Blicke konnte er nicht erwidern, weshalb er seinen Kopf senkte.

/Vielleicht sollte ich gehen... aber wenn ich unaufgefordert verschwinde, dann.../

Plötzlich rempelte ihn jemand von hinten an der Schulter. Er zuckte erschrocken zusammen, drehte sich um und empfing ein freundliches Lächeln Bernards, der sich die Weste glatt strich.

„Schön, dich hier zu treffen! Du bist vorhin so schnell gegangen... Das war nicht nett!“

Er musterte den Jungen vor sich aufmerksam, doch erhielt keine Antwort, was er jedoch nur mit einem gleichgültigen Schulterzucken abtat.

Bernard schritt zu dem Tisch, setzte sich neben seinen Onkel und rief den Diener zu sich, der ihm Wein einschenken sollte. Kim bemerkte die Blicke, die sich Theobald und sein Neffe zuwarfen, dann flüsterten sie etwas miteinander, was bei Bernard ein liebreizendes, wenn auch verstohlenes Lächeln, auf die Gesichtszüge zauberte.

/O nein... ich kann nicht... darf nicht zu ihnen sehen. Bernard gibt sich glücklich, wenn er die Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich ziehen kann, aber... ist er es auch? Ist er glücklich oder gibt er es nur vor, zu sein... Schlafen sie miteinander oder... zwingt der Herzog ihn auf irgend eine Weise? Ich darf nicht über sie urteilen, aber bevor ich nicht die Wahrheit kenne, habe ich keine Ruhe und die Ungewissheit treibt mir die Übelkeit in den Körper.../

„Kim... Kim!“ ertönte plötzlich die Stimme des Herzogs und Kim schreckte zusammen, hoffte insgeheim, dass es niemand gesehen hatte.

„Wo bist du mit deinen Gedanken, Junge? Komm herüber zu uns!“

Mit langsamen Schritten, doch ohne zu Zögern, näherte er sich dem ovalen Tisch, alle Augen waren auf ihn gerichtet. Wie hasste er dieses betäubende Gefühl des Beobachtetseins. Seine Augen heftete er auf Bernard. Er war der einzige, den er gut kannte und so musste er wenigstens die bohrenden Mienen der anderen Anwesenden nicht erwidern.

„Du kommst gut mit Jelena zurecht und sie scheint zufrieden mit ihrer neuen Gouvernante zu sein!“ fuhr der Herzog schließlich laut fort und Kim meinte, sich die Ohren zuhalten zu müssen, als er dem Wort „Gouvernante“ so viel Nachdruck verlieh, dass es fast lächerlich klang. Ein hämisches Grinsen legte sich über die Mundwinkel der umstehenden Bediensteten, doch Kim versuchte, es nicht zu beachten, wünschte sich, er hätte es nie bemerkt.

„Du kannst dich nun für eine Weile zurückziehen...“

„Willst du ihn nicht bei uns am Tisch haben, Onkel?“ warf Bernard ein und alle starrten ihn ungläubig an, was den Jungen allerdings nicht zu kümmern schien.

„Seine neue Aufgabe berechtigt ihn durchaus, uns stillschweigend Gesellschaft zu leisten!“

 

/Bernard... in was für eine unangenehme Situation willst du mich wieder führen?! Denkst du wirklich, ich möchte bei dieser Runde dabei sein? Lächeln, wenn ich innerlich beinahe weine und unauffällig sein, so dass mich keiner wahrnimmt? Ich möchte nicht... das weißt du.../

 

Theobald schwieg einen Moment, wie die Gäste auch, heftete dann seine starren Augen auf Kim und befahl ihm, mit einer kurzen, aber deutlichen Kopfbewegung, Platz zu nehmen. Doch anstelle der Aufforderung gleich nachzukommen, wich Kim ungewollt einen kleinen Schritt nach hinten, schluckte dann, als er es bemerkte und wollte sich entschuldigen.

„Bitte verzeiht, aber... ich möchte gerne...“

„Du möchtest gerne was?!“ warf der Herzog erbost mit kratziger Stimme ein.

/Ich.../

„Bist du dir etwa zu fein, dich mit uns an den selben Tisch zu setzen?“ erklang die Stimme von Jelenas Mutter hart. Sie mochte die neue Gouvernante ihrer Tochter nicht, das hatte sie bereits deutlich gemacht, unterstrich es aber erneut durch ihren Tonfall.

„Ihr versteht mich falsch, was ich sagen wollte war...“

„Hahaha!“ schrilles Gelächter und Madame von Burgstett legte ihren Hand vor den weit geöffneten Mund.

„So eine Frechheit ist mir seitens eines Bediensteten ja noch nie untergekommen. Jetzt sind wir also schon zu dumm, um zu verstehen, was du sagen willst...“ Böse funkelte sie Kim an, der die Hände zu Fäusten ballte und die Zähne aufeinander biss, um nicht die Beherrschung zu verlieren.

Wieso versuchte sie nur, ihm immer wieder die Worte im Mund herumzudrehen? Wieso ließ sie ihn nicht einfach ausreden?! Doch wenn sie es täte, was sollte er ihr dann sagen? Dass er sich zurückziehen möchte um... Das wäre doch lächerlich, doch die einzige Wahrheit.

„Komm’ schon, Kim! Zögere nicht länger! Setze dich neben mich, ich hätte dich gerne an meiner Seite!“ verschmitzt blinzelte ihm Bernard entgegen, winkte ihn zu sich. Kim seufzte leise, tat jedoch dann, was man ihm befohlen hatte und zog vorsichtig den Stuhl nach hinten, nahm Platz, spürte die schweren Blicke auf seinem Körper. Er sah nicht auf, hatte die Augen stets gesenkt, nur einmal streifte er kurz das Gesicht Jelenas, in deren Augen Mitleid stand.

/Ich bin... ein Niemand. Merkt sie es und sieht mich deshalb so an?/

Wenig später servierten die Bediensteten die Speisen und jeder langte kräftig zu, bis auf Kim, der meinte, an jedem Bissen erwürgen zu müssen. Neben sich konnte er die Wärme spüren, die Bernards Körper ausstrahlte, dennoch fröstelte ihn.

Er konnte an nichts denken, das Stimmenwirrwarr der Menschen um ihn herum flog verschwommen an ihm vorbei, er blieb teilnahmslos. Was sie alle redeten, war ihm völlig egal. Er wollte nur weg von dieser Gesellschaft.

„Monsieur?“ ein zartes Stimmchen, das er sehr gut kannte, drang an seine Ohren. Er blickte auf und zwei lachende blaue Augen strahlten ihm entgegen. Fast erinnerten sie an seine Schwester, nur größer waren sie, aber genauso fragend und liebevoll.

„Weshalb esst Ihr so wenig? Habt Ihr keinen Hunger?“ wollte sie wissen, was bei Kim ein leichtes, wenn auch unsicheres Schmunzeln hervorrief.

Doch noch bevor er antworten konnte, richtete Frau von Burgstett ihre Worte an Jelena: „Dass er sich in unserer Gesellschaft befindet hat ihm wahrscheinlich den Appetit verdorben!“

Plötzlich wurde alles still, so ruhig, dass man das Pendel der Wanduhr hin- und herschwingen hören konnte.

/Seht nicht auf mich... erwartet keine Antwort... ich kann sie Euch nicht geben, ohne.../

„Euere Gesellschaft verdirbt mir keineswegs den Appetit, Madame!“ erwiderte er dann, fast schüchtern, dennoch herausfordernd hart.

Er hoffte, damit nun endlich von der Frau in Ruhe gelassen zu werden, nicht weiter mit Fragen gequält zu werden, auf die er doch keine Antwort geben konnte, vielmehr nicht geben durfte, wollte er Empörung vermeiden...

„Nun... möchtest du uns dann nicht sagen, weshalb du dich nicht zu uns setzen wolltest?“

Er schwieg zuerst, konnte Bernards neugierige Blicke neben sich regelrecht fühlen.

„Ich...“ würgte er hervor. „Ich wollte nur...“

„Soweit waren wir auch vorhin schon...“

„Ich wollte einen Brief schreiben!“ Starr hielt er seine Augen auf den Teller vor sich geheftet, konnte die Blicke der Anwesenden nicht erwidern, zu sehr fürchtete er sich davor, sie könnten ihn durchbohren, in sein Inneres sehen und es zerstören wollen.

Mit dieser Antwort schienen sich die meisten zu begnügen, aßen weiter und Kim war froh, die Stille erfüllt von dem Klappern und Klirren des Bestecks zu hören. Tief atmete er durch, schloss kurz erleichtert seine Augen, bis er eine unsanfte Berührung an der Schulter spürte.

/Bernard!/

„Willst du uns nicht verraten, an wen dieser Brief gerichtet sein sollte?“

„...“

„An wen, Kim?“

Kims Augen irrten umher, konnten sich nirgendwo festsetzen.

„Ich... denke, das ist meine Sache!“ Kaum hatte er den Satz ausgesprochen hallte ein dumpfer Schlag durch den Raum, rötete sich augenblicklich seine Wange und begann, verteufelt zu brennen. Wie von selbst wanderte seine Hand in sein Gesicht, tastete nach der Stelle, wohin Bernard ihn geschlagen hatte. Er wollte es nicht. Er wollte es verdammt noch mal nicht! Dass sich seine Augen mit Tränen füllten, aber der dumpfe Schmerz trieb schillernde Perlen hervor. Der Schlag war unerwartet gewesen, hinterließ in seinem Inneren ein Gefühl von... Enttäuschung? Immer wieder fragte er sich, weshalb Jpséphines Bruder so unberechenbar war, ihm gegenüber oft so grob, auch wenn in Wirklichkeit kein Anlass dazu bestand. Widerwillig wischte er sich die Tränen von der Wange, die unablässig über seine gerötete Haut liefen. Er hoffte, es heimlich tun zu können, bemerkte aber schon bald, wie ihn bissige Blicke trafen.

„Ich... wollte dir nicht weh tun!“

/Eine Entschuldigung?/

„Widerworte missfallen mir nun einmal. Inzwischen solltest du mich gut genug kennen!“

Sanft rieb Bernard ihm über das Gesicht, nahm die Tränen hinfort und lächelte dabei, fast tröstend.

„Und nun sag’, an wen der Brief gerichtet sein sollte!“

/Weißt du es nicht? Du kannst es dir denken und zwingst mich dennoch, es laut vor allen auszusprechen. Erfüllt dies dein Herz mit solcher Genugtuung?/

„... er war an ... den Grafen. An Graf von Kalau...“ antwortete er leise und zaghaft, biss dabei die Zähne fest aufeinander.

„Verstehe!“ Abrupt wendete sich Bernard von ihm ab, richtete stattdessen seine Aufmerksamkeit auf den Herzog, der seine Blicke emotionslos erwiderte, fast so, als wolle er seinen Neffen dazu bringen, die Augen beschämt zu senken.

„Da! Nun ist es raus! Ein Brief an einen Grafen! Ich hoffe sehr, Euere Neugier damit gestillt zu wissen, Madame von Burgstett!“

Dass Jelenas Mutter nicht ganz zufrieden war, verriet deutlich ihr angespannter Gesichtsausdruck, doch sie wollte nichts mehr erwidern, auf eine Unwichtigkeit hin, als was sie es später abtat.

Kim atmete tief durch, war froh, nicht mehr im Mittelpunkt der Runde zu stehen.

Nach dem Abendessen brachte er Jelena auf ihr Zimmer, bettete sie in die weichen Kissen, wofür ihm das Mädchen für einen kurzen Augenblick die Arme um den Hals schlang.

„Ich mag Euch... auch wenn... Ihr ein Mann seid... und...“ flüsterte sie ihm leise mit süßer kindlicher Stimme ins Ohr und löste dabei die Umarmung. Kim verstand nicht ganz, was sie ihm damit versuchte zu sagen, fragte jedoch nicht nach, da das Kind bereits die Augen geschlossen hatte. Sanft strich er ihr eine leicht gelockte blonde Strähne aus der Stirn, blies dann die Kerzen aus, mit deren Licht auch die Helligkeit und Wärme aus dem Zimmer wichen, bevor er schließlich das Schlafgemach verließ und vorsichtig die Tür hinter sich schloss.

Wie spät war es jetzt wohl? Die Dunkelheit vor den Fenstern des Schlosses verschluckte selbst das Mondlicht, welches zur Erde fiel.

/Ihr... sitzt nun sicher zu Hause und wartet auf mich... Ich kann nicht kommen.../

Er beschloss, sich nun schnell auf sein Zimmer zu begeben, wollte von Kalau nun endlich einen kurzen Brief schreiben, ihm mitteilen, sie könnten sich erst am Sonntag wieder sehen.

Erneut kam er am Speisesaal vorbei, aus dem lautes Gelächter tönte, welches dann immer leiser wurde, je weiter er sich davon entfernte, bis es endlich ganz und gar verebbte. Nur noch die Treppen müsste er hinabsteigen, den langen finsteren Gang hindurchgehen, dann wäre er bereits bei seinem Zimmer angelangt und...

„Kim?“ eine bekannte Stimme erklang hinter seinem Rücken, ließ ihn erschrocken herumwirbeln.

„Du begibst dich schon wieder auf dein Zimmer?“

„Es ist spät, Bernard! Der Tag war anstrengend!“

„Wäre der Abend auch schon beendet, wenn du zu IHM zurückgekehrt wärst?“

Ein rötliches Schimmern überdeckte Kims Wangen, als er die Anspielung verstand, welche sich hinter den Worten verbarg. Er war froh, dass die Dunkelheit sein Gesicht beschattete, ihn vor den Blicken seines Gegenübers versteckte.

„Wieso... erwähnst du immer wieder solche Sachen?“

„Solche Sachen?“ amte Bernard seinen Wortlaut nach. „Ist es dir unangenehm?“

„...“

„Ich bin dir die ganze Zeit gefolgt, Kim! Vom Speisesaal bis hierher, doch du hast mich nicht bemerkt. Ich kenne auch den Grund dafür!“

/Tust du das? Wo ich ihn doch selbst nicht weiß.../

„Dein ganzer Körper zehrt nach dem Grafen. Wie gerne würdest du jetzt in seinen Armen liegen... wie gerne, seine Lippen auf den deinen spüren...“

„Bernard?“ warf Kim ernst ein, nur ein leichtes Funkeln in der Schwärze verriet, dass er mit großen Augen auf sein Gegenüber sah.

„... spüren, wie er sich über dich beugt, wie er...“ Bernard jedoch ließ sich nicht unterbrechen.

„Liebst du den Herzog?“ Eine direkte Frage, daraufhin verstummte Joséphines Bruder augenblicklich, wollte sich nach einigem Zögern wegdrehen, in die andere Richtung gehen, nur weg von Kim. Doch der Junge hielt ihn an der Schulter fest.

„Renn’ nicht weg! Du redest immer von Eduard und mir... wieso hast du Angst, dich meinen Fragen zu stellen? Weil sie dich betreffen? Weil sie... eine Liebe betreffen, die gar nicht existiert? Sag...“ Stille kehrte ein, nur die Atemzüge der beiden Jungen waren zu hören.

„Sag’ mir, Bernard... liebst du deinen Onkel wirklich... oder benutzt er dich? Zwingt er dich, mit ihm...?“

„Sie ist einseitig!“ bemerkte Bernard kühl und Kim verstand nicht ganz.

„Die Liebe. Sie ist einseitig!“

„Also willst du gar nicht, dass er dich...?

Kim konnte es in der Dunkelheit nicht erkennen, vermeinte aber, verachtende und geringschätzige Blicke auf sich gerichtet zu sehen.

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht!“ fauchte Bernard plötzlich, die Laute jedoch gemischt mit einem verzweifelten Zittern der Stimme.

„Ich will nur, dass...“

„Dass es mir gut geht, ja? Ist es das? Du heuchelst deine Anteilnahme doch nur! In Wirklichkeit bin ich dir egal! Völlig egal! Ich versuchte, mich an dir zu vergehen... ich erzählte dir, was ich meinem Bruder... meiner ganzen Familie angetan habe... und du willst mir weis machen, es interessiert dich, ob mich mein Onkel fickt und ich es nicht will?“ brach es laut aus ihm hervor und er packte Kim grob am Kragen, zog ihn ganz nahe zu seinem Körper.

„Du kleiner Hurensohn verstehst einen Dreck von alledem!“

„Wieso kehrst du immer wieder zu ihm zurück, wenn...?“ Kim spürte die unregelmäßigen Atemzüge Bernards an seinem Gesicht, wie sie bald etwas gleichmäßiger wurden.

„Es ist eine einseitige Liebe... die... von mir ausgeht! Er... missbraucht mich nicht, er... spielt nur mit meinen Gefühlen, weil er weiß, dass ich alles für ihn tun würde!“

„...“

„Du bleibst stumm? Was ist? Erschreckt dich dieser Gedanke so? Ich weiß, es ist Sodomie, noch dazu gepaart mit Inzucht, aber ich liebe ihn... Und ich bin glücklich, wenn er mit mir schläft, auch wenn er es nur tut, um seine Lust zu befriedigen, die ihn manchmal überkommt. Dann ist ihm jeder recht und diese Chance... nutze ich!“

„Ich wusste ... nicht...“

„Ha, natürlich wusstest du nicht! Manchmal verstehe ich selbst nicht, wie ich mich in so einen... Egoisten... Er liebt mich nicht. Und es macht mich verrückt, jedes Mal daran erinnert zu werden! Es treibt mich in den Wahnsinn!“

Bernard raufte sich die Haare, schlug dann an die Wand, erst wild, dann immer verzweifelter, bis er schließlich auf die Knie sackte und laut schluchzte.

Kim berührte ihn sanft an der Schulter, wurde aber augenblicklich weggestoßen.

„Ich bin nicht so glücklich, wie du es bist, Kim! Mein Leben ist verflucht noch mal nicht so leicht!“

 

/Mit Boshaftigkeit schleudert er mir seine Worte entgegen. Er rennt davon und ich? Ich bleibe stehen, spüre eine Starrheit in meinen Gliedern, sie löst sich nicht und ich sehe ihm stumm hinterher. Ich bin glücklich... Er hat es gesagt.../

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„Herr?“ zögerlich, mit einer kleinen Kerze in der Hand steckte Anna ihr Köpfchen durch einen Türspalt, traf dabei auf schwarze Dunkelheit.

„Herr? Ich klopfte an... Ihr...“

Nichts als Stille. Sprach sie mit der Finsternis? Wären nicht langsame, gleichmäßige Atemzüge zu hören gewesen, die an ihr Ohr drangen, hätte sie das Zimmer für verlassen gehalten. Wieso antwortete er nicht? Schlief er?

„Herr?“ flüsterte sie erneut, hauchte es fast, als sich die Unsicherheit in ihre Stimme mischte.

„Es ist so dunkel hier... soll ich nicht?“

„Nein...“ Tief. So tief war die Stimme des Grafen, die sich an den Wänden brach, ein paar mal widerhallte.

„Nein. Kein Licht. Kein Licht,... Anna...“ Die Dienstmagd zuckte zusammen, als er zögerlich ihren Namen anfügte.

Schweigen.

„Ist er... noch immer nicht...?“

/Die selbe Frage. Wie oft will er sie noch stellen? Die selbe Frage, auf die er von mir immer die gleiche Antwort erhält.../

„Nein... Monsieur Prokter ist noch nicht zurückgekehrt.“

Ein unterdrücktes Seufzen erklang, zerriss dem Mädchen beinahe das Herz, als sie das Leid zu spüren meinte, welches darin lag.

/Er wird sicher noch erscheinen. Bald, bald. Seid nicht so verzweifelt! Ich würde Euch so gerne in die Arme nehmen, doch Ihr würdet vor mir nur angewidert zurückweichen. Es ziemt sich nun einmal nicht.../

„Ihr solltet schlafen gehen...“ fügte sie vorsichtig an und hätte sich dafür normalerweise einen finsteren Blick eingefangen, doch in der Dunkelheit der Nacht fühlte sie sich sicher. Ein kühler Wind strich ihr über die Arme, hatte von Kalau ein Fenster geöffnet?

 

 

/Wo bist du, Kim? Verdammt... wo b-i-s-t du? Wie lange ich auch warte... du wirst nicht kommen. Ich fühle es. Ist dir kalt, Kim? Genauso kalt wie mir?/

Müde verschmälerte Eduard seine grünen Augen, griff sich mit der Hand an die heiße feuchte Stirn.

/Wenn ich... Bist du unterwegs gestürzt? Liegst du in der Schwärze der Nacht und rufst nach mir? Hält dich der Herzog auf Wielnach fest? Was ist nur los? Bitte...

Wenn ich könnte...

Ich muss nach Wielnach, hoffen, dich dort zu finden, aber... der Verstand droht mir zu entgleiten. So verschwommen. Alles um mich herum, diese Übelkeit und ich...

Es ist Mitternacht...

Hörst du den dunklen Schlag der Kirchturmglocken?/

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/Zwölf mal... zwölfmal vibriert die Luft und trägt den Klagesang des Kirchturms an mein Ohr...

Ich kann nicht einschlafen, nicht ohne Euch an meiner Seite zu wissen. Wir waren so lange getrennt und... sind es wieder, wenn Ihr auch nicht so fern seid wie zuvor./

Kim schloss seine Augen, drehte sich zu der dunklen Wand, deren alten Geruch er nur zu gut kannte. Unter ihm ächzte das Bett und wie jede Nacht, die er hier auf Wielnach verbracht hatte, drückte ihm eine zersprungene Feder an die Hüfte, von der er schon des öfteren unschöne Flecken weggetragen hatte.

/Jetzt ist alles totenstill. Nicht einmal der Wind rauscht.../

Kims Körper wurde von einem kurzen Frösteln gepackt, als er dies dachte. Er verabscheute das Schweigen, erinnerte es ihn doch jedes Mal an die Einsamkeit, unter der er drei Jahre lang gelitten hatte. Hornbach war stets genauso stumm gewesen, doch nicht nur nachts über, auch am Tag. Selbst das Auf und Absteigen der Bediensteten des Schlosses vermochte nicht, es mit Leben zu füllen. Zu Hornbach gehörte nun einmal einfach Eduard. Seine stille Lebendigkeit, seine Wärme, der tiefe Bass in seiner Stimme, der durch die Wände zu dringen schien und ihnen das hässliche Grau nahm, sie vielmehr in ein warmes Rot zu tauchen schien.

Er lächelte über seine Gedanken, schimpfte sich selbst einen Dummkopf, denn je mehr er über von Kalau nachdachte, desto stärker wurde die Sehnsucht nach dem großen Mann, desto schneller schlug sein Herz, bis es ihm laut in den Ohren klang. Unruhig drehte er seinen Körper nun zur anderen Seite, öffnete langsam die Augen.

Und blickte in ein starrendes blasses Gesicht.

Er musste vor Schreck aufschreien, doch eine Hand über seinem Mund verschlug ihm die Stimme. Eine Kerze flammte auf, getragen von einem hager aussehenden großen Mann, den er als einen der Bediensteten erkannte. Neben ihm lungerten zwei andere Personen, mit einem grässlichen Grinsen auf dem Gesicht, die nun näher an Kim herantraten, fast gierig ihre Hände nach ihm ausstreckten, so dass sich der Junge mit angsterfüllten erschrockenen Augen im Bett aufsetzte und versuchte, einige Zentimeter nach hinten zu rutschen, nur um etwas Abstand zu ihnen zu gewinnen. Doch die Männer waren schnell. Zu schnell und packten ihn an seinem weiten Hemd, welches locker über seinen Oberkörper fiel.

„Was ... habt Ihr... was habt ihr in meinem Zimmer zu suchen?!“

Kim hieb um sich, fühlte sich in die Enge getrieben, als man seine Handgelenke auf das Bettlaken drückte, ihn festhielt und ihm die Bewegungsfreiheit raubte.

/Nein... nicht./

Stoff zerriss, entblößte seine Brust, die sich unter heftigen Atemzügen unruhig auf und abbewegte.

/Ist es... ein Traum? Wie konnten sie eintreten, ohne, dass ich es hörte?/

„Los jetzt! Gießt es über ihn!“

„Uhhh...ngn!“ Mit schmerzerfüllten Augen riss er den Kopf nach hinten, presste seine Fäuste gegen den Oberkörper eines Mannes, der sich bedrohlich über ihn gebeugt hatte.

/Uh... kein Traum... Es tut... so w.../

„Schrei’ nur, hier wird dich keiner hören. Und selbst wenn... wer denkst du, würde dir zur Hilfe eilen?! Einem abartigen Schwein wie dir! Geh’ zurück zu deinem „schönen“ Grafen! Besudle nicht länger dieses Schloss, oder wir werden nicht mehr so nett zu dir sein!“

Kim spürte, wie sich der Druck von seinem Körper löste, fühle gierige Blicke über seine Haut gleiten, hörte dann die Tür ins Schloss fallen und war alleine, in der Stille.

„Ung...“ keuchte er noch immer, glitt mit seinen Fingern langsam an seine Brust, die ihm so schmerzte. Alles war so plötzlich geschehen. Sie hatten vor ihm gestanden, Schatten, die sich aus der Finsternis zu lösen schienen, hatten ihn festgehalten, ihm das Hemd vom Leib gerissen... und...

Plötzlich wurde erneut die Tür aufgestoßen und Kim wich furchtsam einige Schritte zurück, ballte die Hände zu Fäusten, biss die Zähne aufeinander.

„Lasst mich in Ruhe! Geht endlich! Geht! Habt ihr noch nicht genug? Ich habe schon verstanden... ich habe... lasst mich verda...“

„Shhhht Kim... ich bin es doch nur! Beruhige dich! So beruhige dich doch endlich!“

/Bernard?/

Der Junge zündete eine Kerze an, starrte dann mit großen Augen auf das Bett vor sich, dann auf Kim, der noch immer zitternd an der gleichen Stelle stand, das Hemd klaffte an seinem Körper, war völlig zerrissen.

„Was ist passiert, Junge? Ich sah einige Bedienstete auf dem Gang, wunderte mich, was sie um diese Zeit noch taten... sie waren doch nicht...“

Kims fiebrig glänzende Augen waren Antwort genug. Vorsichtig, beinahe schleichend näherte er sich Kim, der verstört vor sich hin in die Leere des Raumes blickte, griff mit der Hand nach seinem Arm, führte ihn zärtlich zurück zu seinem Bett und drängte ihn, sich auf das Bett niederzulassen. Der Junge reagierte nicht, ließ alles mit sich geschehen.

„Oi, Kim... das sollte ich mir mal ansehen. Die haben dich ja übel zugerichtet...“

Sie tauschten Blicke, wenn auch nur kurz.

Mit seinen Fingerspitzen betastete er die rote Haut und Kim wich nach hinten, als der Schmerz einsetzte.

„... heißes Wachs. Sie übergossen dich mit heißem Wachs... Das ganze Bett ist voll davon. Hier kannst du unmöglich schlafen!“

„...“

Bernard fuhr Kim liebevoll kurz durch das Haar, griff nach der Zudecke, die zurückgeschlagen und sauber in einer Ecke des Bettes lag und schlang sie dem Jungen um den Körper. Dann stand er auf, zog Kim stumm mit sich nach oben und geleitete ihn aus dem kleinen Raum, hinaus in den dunklen Gang.

Als Kim fragende Blicke auf ihn richtete, lächelte er nur zaghaft zurück, lief einfach, mit ihm in den Armen, weiter, sprach kein Wort, bis sie eine kleine Tür erreichten, die in ein luftiges Zimmer führte.

„Du wirst heute nacht bei mir schlafen, Kim! Zittere nicht... ich habe nicht vor... Da! Leg’ dich hin! Ich bin gleich wieder zurück. Warte einen Augenblick!“

 

/Wenn wir nach dem Leben greifen... wird es uns immer entrinnen.

Man verzeiht uns nicht, denn...

Unsere Gefühle sind in dieser verdammten Welt verboten! Sie zerreißen uns und wir... nehmen es in Kauf?/

 

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