Part
23:
"Da seid ihr ja endlich! Mir fallen vor Kälte fast die Füße ab, so
lange warte ich hier draußen schon auf euch beide. Von der schnellsten Sorte
seid ihr ja nicht gerade!" schmunzelte Heinrich, als von Kalau und Kim das
Tor Hornbachs öffneten. Dabei rieb er sich kurz die Nase, nieste dann zweimal
herzhaft. Er hatte versucht, so fröhlich wie sonst zu klingen, so unbeschwert
wie immer (immer?), wollte beiden Männern den Abschied erleichtern, ihnen somit
vielleicht sogar neuen Mut zusprechen, doch seine Bemühungen blieben
unfruchtbar, riefen bei ihnen nicht einmal ein leichtes Lächeln hervor, nicht
einmal ein Stirnrunzeln.
Stattdessen nahm der Graf stumm die Zügel seines Pferdes entgegen als
Heinrich sie ihm reichte.
Ihre Blicke trafen sich.
/Nacht umhüllt das satte Grün deiner Augen, mein Bruder. Deine Stille ist
trügerisch. Ich wünschte, ich könnte sagen, was du gerade denkst, doch die
Wahrheit bleibt mir ein ewiges Rätsel...
Sieh mich nicht so an... Trauer steht deiner Blässe nicht...
Es ist nicht das Ende der Welt...
Niemand sagte je, dass eure Liebe ewig wäre.../
Schließlich senkte Eduard die Augen, schwang sich kraftvoll auf seinen
schwarzen Hengst, der kurz wieherte und weiße Atemstöße in die klirrende Kälte
schnaubte.
Heinrich strich dem Tier über den geschmeidigen Hals, fuhr mit der Hand
durch die volle Mähne, flüsterte ihm etwas zu, was nur als Nuscheln an die
Ohren der anderen Anwesenden drang. Dann sah er zu seinem Bruder auf, grinste
breit und kniff dabei seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
"Ich nehme an, ich brauche nicht auf eine Postkarte zu warten?"
Dann verdunkelte Traurigkeit seine Gesichtszüge und er trat leise einen Schritt
zurück.
"Seid vorsichtig und..."
"Heaaahhhhh!" durchhallte ein lauter Ruf die nächtliche Stille,
schnitt ihm das Wort ab. Von Kalau ritt los, Kim dicht hinter ihm, mit eiserner
Miene.
Heinrich sah ihnen hinterher, verfolgte ihre schlanken Silhouetten bis sie
irgendwann der herabfallende Schnee ganz und gar verschleierte und sie in der
Ungewissheit des frühen Morgens verschwanden.
/Ein Abschied... so ganz ohne Worte, Eduard? Soll das... dein Ernst sein?!/
Er fuhr sich bitter durch die feuchten Haare, schmunzelte versteckt in sich
hinein.
/Herzloser Mistkerl!/
Ein entferntes Wiehern erklang ein letztes Mal und er wendete sich dem Geräusch
zu, biss die Zähne fest aufeinander, so dass seine Kieferknochen deutlich
hervortraten.
"Eduard von Kalau!"
Er sackte auf die Knie, krampfte die Hände in den eisigen Schnee.
"Hörst du mich? Hörst du mich? Wie kannst du... Wie kannst du
nur..."
Die Worte schwanden, verstummten ungehört, als ein ruckartiges Beben seinen
Körper durchfuhr, begleitet von heißen Tränen, die erbarmungslos in die Tiefe
stürzten.
"Wie kannst du... mir das antun?!"
...
"Ich... liebe dich doch. Wie ..."
Mit der rechten Hand fasste er sich an die Stirn, wollte sein eigenes
Gesicht dahinter verbergen.
/Wie konntest du je daran zweifeln, dass ich dich... liebe.../
Plötzlich spürte er eine sanfte Berührung an seinem Arm und als er neben
sich blickte stand da ein zierliches Mädchen, das ihm freundlich, wenn auch mit
einem besorgten Stirnrunzeln zunickte und ihm das kleine Händchen
entgegenstreckte.
"Ihr solltet nicht hier im Schnee sitzen!" Ihre Stimme klang
erwachsener, als man erwartet hätte, beinahe sanft.
"Bitte... so kommt doch zurück in das Schloss, Ihr werdet Euch sonst
noch den Tod holen..."
Heinrich kniff die Augen zusammen, stand auf und klopfte sich den Schnee von
der Hose, der auf seiner warmen Haut teilweise schon geschmolzen war und seine
Kleider durchnässte. Dann sah er der Magd offen in das gerötete Gesicht.
"Weißt du denn nicht, dass es mir verboten ist, das Schloss deines
Herren zu betreten?"
Für einen Augenblick musterte sie ihn neugierig, beinahe so, als könne sie
den Inhalt seiner Worte nicht recht begreifen.
"Aber nein..." flüsterte sie schließlich, lächelte dabei.
"Mein Herr trug mir auf, mich um Euch zu kümmern. Es hat alles seine
Richtigkeit. Bitte folgt mir nun. Anna hat für Euch bereits einen Tee bereitet.
Er dürfte schon auf dem Tisch stehen..."
Heinrich sprach kein Wort, lief dem Mädchen stumm hinterher, hörte auf das
Knarren seiner Schuhe im frischen Schnee.
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"Meint Ihr nicht, Ihr hättet ihm wenigstens Lebewohl sagen
sollen?"
Kim ritt dicht neben dem Grafen, auf einer kleinen Landstraße, direkt unter
einer Baumallee.
"Ich hatte ehrlich gesagt vor, ihn wieder zu sehen. Irgendwann. Ein
Lebewohl klingt endgültig und... abgesehen davon..."
Doch er sprach nicht weiter und der Junge senkte die Augen, heftete sie
starr auf seine Hände, die sich fest an die Zügel seines Pferdes klammerten.
/Ihr habt... es nicht über das Herz gebracht... Ist es das? Ein Lebewohl
klingt endgültig... doch... woher wollt Ihr wissen, dass wir wiederkehren?
Niemand weiß das... /
"Ich trug Jennifer auf, sich um ihn zu kümmern. Sicher hätte der Tölpel
sonst den Rest der Nacht im Schnee verbracht. Manchmal ist er unwahrscheinlich
unvernünftig..."
/Ihr sprecht von ihm, wie Ihr es früher tatet. Habt Ihr ihm denn endlich
verziehen?/
"Nein!" warf von Kalau ein, seine dunkelgrünen Pupillen wanderten
langsam zu Kims Augen, sie sahen sich lange an.
"Ich habe ihm nicht verziehen, Kim!"
Beschämt senkte der Junge den Kopf, flüsterte leise: "Woher wisst Ihr
nur immer, was ich gerade denke?"
"Ich habe Heinrich nicht verziehen, aber ich will ihm auch keinen Hass
entgegen bringen..."
"Stattdessen ignoriert Ihr ihn. Ist das nicht grausamer als...
Hass?"
Von Kalau lächelte.
"Hältst du mich etwa für ein Ungeheuer?"
Kim errötete, schüttelte vorsichtig den Kopf.
"Ist dir kalt? Du zitterst ja!"
"Ihr wisst doch, wie leicht ich friere, von Kalau! Vielleicht steckt
mir auch nur noch der Schock in den Gliedern. Es kam alles so plötzlich. Von
einem Moment auf den nächsten dachte ich, die Welt würde zusammenbrechen. Ich
kann mein Herz jetzt noch rasen spüren..." Bei diesen Worten schob er
vorsichtig seine Hand unter den dicken Mantel, legte sie auf seine Brust.
"Die Sonne geht auf Eduard... Ob sie uns jetzt schon suchen? Woher
wusste Heinrich von... Ich las nirgends etwas von einem Gesetz gegen...
gegen..."
"Sodomie" ergänzte der Graf hart, zügelte sein Pferd und saß
ab.
"Heinrich hatte schon immer... Beziehungen, doch ich habe ihn nicht...
danach gefragt. Vielleicht hat er auch mich mit der Nachricht zu schnell überrannt..."
"Und dennoch... habt Ihr Ruhe bewahrt, wenn er es mir gesagt hätte...
so unerwartet, ich weiß nicht, was ich..."
"Steig ab, Kim! Lass uns ein Stück zu Fuß gehen, dann wird dir nicht
mehr so kalt sein..."
Zögerlich zügelte der Junge sein Pferd, sah dem Grafen direkt ins Gesicht.
Seine Lippen begannen bei seinem Anblick zu beben.
"Ihr... sollt keine Rücksicht auf mich nehmen... Ich will uns kein
Hindernis sein..."
Von Kalau lächelte daraufhin nur sanft, kniff leicht die Augen zusammen.
"Andere Worte erwartete ich auch nicht von dir... Nun steig' schon
ab..."
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"Was soll ich jetzt tun?"
Heinrich bemerkte nicht, dass er sich selbst schon eine ganze Weile diese
Frage stellte, wusste nicht einmal, dass er sie ständig vor sich hin nuschelte
und somit die Aufmerksamkeit der vorbeieilenden Bediensteten auf sich zog.
Noch immer hielt er das kleine Päckchen in der Hand, das Kim ihm anvertraut
hatte. Mit seinen Fingerspitzen strich er über das glatte Papier, hob es dann
an sein Ohr und schüttelte es vorsichtig.
/Das erinnert mich an mein eigenes Weihnachten. An unser Weihnachten,
Eduard. Ich sehe es vor mir, als wäre es erst gestern gewesen. Erinnerst du
dich auch?/
Er lachte leise.
/Nein, sicher nicht, denn... Weihnachten hat dir nie wirklich viel bedeutet.
Nicht einmal die Geschenke, die doch jedes Kinderherz höher schlagen lassen.
Ich zerriss das Papier der Päckchen, du hast deine unbeachtet stehen lassen,
bis ich sie dir irgendwann ins Zimmer brachte und dich zwang, sie auszupacken,
weil ich es selbst nicht mehr aushielt und unbedingt sehen wollte, was sich
darin befand.
Waren die Feste stets eine so große Bürde für dich? Du hast selten
gelacht, hast dich immer in eine stille Ecke des Festsaales verkrochen (dass du
nicht mit den penetranten Freundlichkeiten unserer Gäste konfrontiert würdest?)
Dabei hätten sie dich so gerne um sich gehabt. Aber vielleicht wusstest du das
und vielleicht... haben sie dich auch auf eine Art angesehen, die dir zuwider
war und die dir irgendwann die Freude an Feierlichkeiten verdarb...
Ich habe mich oft gefragt, weshalb du so bist, wie du bist und obwohl wir
uns nicht unähnlicher sein könnten, habe ich dennoch nie daran gezweifelt,
dass du mein Bruder bist./
Abwesend spielte er mit Zeige- und Mittelfinger an dem Schleifchen des
Pakets, so dass es sich beinahe löste.
Erst als ein gleichmäßiges Klopfen an der großen Tür zu hören war,
blickte er auf und seine leeren Augen füllten sich wieder mit Leben.
"Herein!" befahl er mit fester Stimme, der leblose Widerhall der
Worte an den kalten Wänden ließ ihn erschaudern.
Es dauerte einen Augenblick, bevor sich an der Tür etwas regte, aber schließlich
erschien eine kleine Person, das Fellmützchen in der zarten Hand drehend.
"Guten Morgen, Heinrich!" sprach sie und schon an der Stimme
erkannte Eduards Bruder, dass es Sophie war, die auf ihn zukam, wie immer ein
strahlendes Lächeln auf den heiteren Lippen.
Er erwiderte den Gruß mit einem langen Handkuss. Er fragte sich, ob er
dadurch vielleicht nur vermeiden wollte, ihr in die Augen blicken, ihr sagen zu
müssen, dass sie ihren geliebten Bruder nicht antreffen würde, weil er... weil
er...
"Was tust du um diese Zeit auf Hornbach, liebe Freundin? Mein Bruder
erzählte mir, man würde dich und deinen Ehemann am Nachmittag
erwarten..."
Sophie runzelte die Stirn und legte ihren Kopf etwas schräg, musterte ihr
Gegenüber genau.
"Ist dir nicht gut, Heinrich? So förmliche Worte hast du ja noch nie
an mich gerichtet...“
„...“
„Wie dem auch sei... Ich bin eigentlich gekommen, weil..."
"Bitte verzeih!" unterbrach er sie schnell und nahm ihr den Mantel
von den Schultern. "Es war nicht meine Absicht, dich durch meine Worte zu
verunsichern."
/Bitte sag' nicht... frag' mich nach allem, was du willst, aber bitte
nicht..../
"Wie geht es dir, Sophie? Dir und dem... Kind?"
Seine Blicke wanderten in Richtung Sophies Bauch und mit einem aufgesetzten
Grinsen bemerkte er, wie sie leicht errötete.
"Es geht uns bestens..." Knapp war die Antwort.
Sie legte sanft ihre rechte Hand über den Bauch, kicherte dann.
"Ein bisschen dick fühle ich mich, aber Mama sagt, das wird..."
plötzlich verstummte sie, als hätte sie sich an irgend etwas wichtiges
erinnert.
Unruhig trat sie von einem Bein aufs andere, huschte an Heinrich vorbei zum
Fenster und blickte hinaus.
Stille kehrte ein, nur das Rascheln ihres Kleides war zu hören, immer dann,
wenn sie sich bewegte.
"Ich habe etwas wichtiges mit Kim zu besprechen. Wo ist er?"
Heinrich fühlte auf einmal einen heftigen Stich im Herzen und es dauerte
einige Zeit, bis er die Antwort über die Lippen brachte und selbst dann,
entwich ihm nur ein kurzes:
"Er ist fort..."
Augenblicklich wendete sich Sophie in seine Richtung, sah ihn fragen an.
"Fort? Was... meinst du denn mit 'fort'? Er wird doch nicht am
Weihnachtstag noch in die Stadt gefahren sein? Ach so, hihihi..." Ein
Kichern erklang.
"Sicher hat er vergessen, Eduard ein Geschenk zu kaufen. Jaja, das
sieht meinem Bruder ähnlich. Er ist ja so vergesslich. Ich sage immer, wenn
sein Kopf nicht angewachsen wäre..."
"Kim ist nicht in der Stadt. Er ist fort." unterbrach Heinrich,
ballte dabei die Hände zu Fäusten und richtete seinen Blick auf die
spiegelnden Marmorplatten.
"Mehr kann ich dir nicht sagen, weil ich selbst nicht weiß, wohin
er... wohin sie gegangen sind..."
"Du sprichst in Rätseln, Heinrich! Das macht mir Angst. Nun gut, dann
werde ich hier warten. Schließlich hat er mich und meinen Mann zum
Weihnachtsfest eingeladen... am Abend muss er ja spätestens wieder da..."
"Warte nicht auf ihn... Er wird nicht zurückkehren. Nicht heute...
nicht morgen, vielleicht irgendwann aber... selbst das ist unsicher...
Hier..."
Er hielt ihr das kleine Päckchen entgegen.
"Ich soll dir das hier von ihm..."
Mit zitternden Händen nahm sie es entgegen.
/Er ist fort. Ich verstehe nicht... Er ist... f-o-r-t.../
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"Wenn es doch nur aufhören würde, ununterbrochen zu schneien..."
stöhnte Kim und klopfte sich dabei mit einer schnellen Bewegung die
Schneeflocken von den Schultern.
"Der Zeitpunkt war äußerst ungünstig. Hätten sie nicht wenigstens
bis Frühling warten und uns dann verfolgen können...?" fast trotzig klang
seine Stimme und die Art, wie er es aussprach rief ein kleines Schmunzeln bei
Eduard hervor.
Sie waren nun schon seit einigen Stunden unterwegs, hatten den größten
Teil der Strecke zu Pferd zurückgelegt, waren manchmal auch zu Fuß gegangen um
dem eisigen Wind nicht ganz und gar ausgeliefert zu sein. Ihnen schmerzten die Hände
und die kalte Luft trieb ihnen Tränen in die Augen, die die einsame Landschaft
um sie herum wie Nebel verschleierten. Zu ihrer Rechten befand sich ein dunkles
Waldstück, nur die obersten Wipfel der Tannen reckten sich freundlich gen
Helligkeit, beinahe so, als wollten sie den Himmel erreichen.
Sie ritten einen schmalen Weg entlang und die Hufe der Pferde hinterließen
tiefe Abrücke.
"Seid Ihr hier schon einmal gewesen, von Kalau?" wollte Kim wissen
als die Stille, die sich zwischen ihnen seit geraumer Zeit eingestellt hatte,
die Friedlichkeit mit sich zu reißen schien.
Eduard nickte stumm, antwortete mit einem kaum hörbaren, tiefen
"Bisweilen bin ich an dieser Stelle vorüber gekommen..."
"Es ist sehr schön hier. Ich wünschte, wie wären nur auf einen
Ausritt, nur zum Spaß, dann könnte ich mich hier richtig wohl fühlen und kein
dunkler Gedanke würde die Schönheit der Landschaft überschatten...
Aber..." und er zögerte, ließ seine hellen Augen über die weiten Felder
gleiten, sah hinüber zu dem kleinen dunklen Wäldchen, das wie eine Mauer
aufragte.
"Aber wenn ich mir vorstelle, dass ich in dieser Gegend irgendwo...
vielleicht sogar in diesem kleinen Stück Grün da drüben... übernachten
muss... dann... schaudert es mich."
Die ganze Zeit über war von Kalau still neben dem Jungen her geritten,
hatte ihn ab und zu angesehen, ihm freundlich zugenickt, noch nicht wirklich
viel mit ihm geredet. Kim hatte schon vor etwa einer Stunde festgestellt, dass
er ziemlich blass aussah und ab und zu drifteten seine Augen in die Leere, die
sich vor ihnen befand.
Sie ritten weiter, immer weiter, der Schnee wurde tiefer und bald waren sie
gezwungen abzusitzen, um überhaupt noch voranzukommen, wenn auch mühsam.
Müdigkeit schlich sich in ihre Körper, schwer klangen ihre Atemzüge und
auch die Pferde zeigten erste Anzeichen von Erschöpfung.
Eduard schritt voran, seine Kieferknochen waren deutlich zu sehen und hin
und wieder legte er seine Hand an die Brust, merkte vielleicht nicht einmal, wie
sie sich in seinen Mantel krampfte. Kim beobachtete ihn mit ernster Miene und
obwohl er es sich nicht eingestehen wollte, legte sich Angst auf sein Gemüt,
doch er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen und trottete einfach weiter
hinter dem Grafen her, ins Ungewisse.
Irgendwann blieb von Klalau abrupt stehen und Kim wäre beinahe in ihn
hineingerannt, denn er versuchte gerade mühsam sein Pferd hinter sich her zu
ziehen, wobei er dem Grafen den Rücken zugewendet hatte, um dem Tier gut
zureden zu können.
Als er sich wieder umdrehte standen sie vor einem kleinen zugeschneiten
Anwesen, das sie schon aus einiger Entfernung gesehen hatten. Es stand zwischen
einer dichten Baumreihe, die weißen Wände schienen mit dem Winter zu
verschmelzen.
"Wieso habt Ihr uns hierher geführt, Eduard? Ist es nicht zu gefährlich...
was, wenn uns jemand sieht?"
Von Kalau wendete sich dem Jungen zu, ein sanftes Glänzen in den Augen.
"Dieses Anwesen ist momentan unbewohnt!" entgegnete er ruhig.
"Wem gehört es?"
Ein breites Grinsen legte sich in Eduards Mundwinkel und er begann die
Treppe zum Einganstor hinaufzusteigen.
"Dir, Kim!"
Der Junge starrte ihn daraufhin ungläubig an, zog die Augenbraue skeptisch
nach oben und hob den Zeigefinger.
"Ihr macht Scherze. Davon weiß ich nichts..."
"Ich scherze selten. Und wenn, dann nicht in Augenblicken wie diesem...
Fang!"
Ein kleines Päckchen flog auf Kim zu und überrascht streckte er die Hand
danach aus, ließ es beinahe fallen.
"Was ist das?" fragte er leise, drehte es dabei ein paar Mal in
seinen Händen.
"Öffne es!"
Daraufhin wickelte er das schlichte dunkelbraune Papier auf, zum Vorschein
kam ein kleines reich verziertes ovales Schächtelchen, dessen Deckel sich mit
einem gedämpften Quietschen anheben ließ.
"Es sollte ein Geschenk für dich sein..."
Ungläubig starrte Kim in seine Hand.
Ein kleiner goldener Schlüssel glänzte wie pures Gold zwischen frischen
Rosenblüten, mit denen die Schachtel ausgelegt war.
"Ein... ein... Ge..." stotterte Kim, die Knie zitterten.
"Dann... dann..."
"Komm her und probier' aus, ob er passt..."
Es dauerte einen Moment, bis er selbst die Treppe hinaufstieg, sich dicht an
von Kalaus Seite stellte. Kurz sahen sie sich tief in die Augen und Eduard
nickte dem Jungen aufmunternd zu, legte seine Hand an sein Gesicht und küsste
ihn sanft.
Dann strich er dem Jüngeren liebevoll durch die Haare.
"Ich wollte es dir heute Abend geben... aber... wie du ja weißt, ist
uns da leider eine Kleinigkeit dazwischen gekommen..."
Kim steckte den Schlüssel ein und mit einem Klick öffnete er das schwere
Tor.
"Willst du nicht hineingehen?"
"..."
Von Kalau kräuselte die Augenbrauen, als er leise Tränen über Kims Wangen
rinnen sah und dann ein ersticktes:
"Das... kann ich... das kann ich unmöglich annehmen, Ed.. u..
ar..d." erklang.
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