Part 3

Part 3:

Die Dunkelheit verschluckte noch die ersten Strahlen der Morgensonne, die sich versuchten, ihren Weg in die kahle Welt zu bahnen. Eine dünne Wolkendecke ließ den Himmel grau und verschleiert erscheinen, nur hier und da taten sich ab und zu ein paar Risse auf und manchmal konnte man sogar noch die durchsichtige Silhouette des vergehenden Mondes erkennen.

Kim stand mit unordentlichen Haaren in seinem Schlafgemach und band sich sein Halstuch um das weiße Hemd. Sein Blick wanderte zu dem kleinen Holztischchen, das neben ihm stand und in dessen glänzender Lackierung sich das gelbe Kerzenlicht verfing. Zuerst zögerte er eine Weile, doch dann griff er behutsam nach der kleinen silbrigen Brosche, die auf der Tischplatte lag. Er fuhr ihre glatte Oberfläche mit dem Daumen ab. In der Dunkelheit des Zimmers, in dem lediglich die kleinen Kerzen Licht spendeten, konnte er kaum das Azurblau erkennen, das den Kern des Schmuckstücks bildete. Dieser war in feinste Ornamentik eingefasst. Kim schien es absurd, einem Bediensteten eine solche Kostbarkeit anzuvertrauen. Doch dies war das erste, was man ihm am Schloss des Herzogs in die Hand gedrückt hatte. Vermutlich sollte dies ein Symbol der Großzügigkeit sein, oder es war einfach nur der Eitelkeit halber gedacht.

Mit drei geübten Handgriffen befestigte Kim das Juwel an dem Knoten seines Halstuches. Anschließend zog er sich die taillierte schwarze Weste über, die die weiten Ärmel des Hemdes hervorhob. Er war jedes Mal froh, wenn er am Abend dieses Kleidungsstück wieder ablegen konnte, denn in gewisser Weise erinnerte es ihn an die Weste, die er von seiner Mutter aus immer hatte anziehen müssen.

Nachdem er sich die Haare gekämmt hatte streifte er seine dunkle Jacke über. Zwei silbrig schillernde Längsstreifen zogen sich von den Schulten bis zum Saum und betonten Kims schlanke Figur.

Ein bitteres Lächeln huschte über seine Miene und er kniff kurz die Augen zusammen, bevor er durch die Wohnungstür hinaus in die kalte morgendliche Luft trat, die sich sogleich durch seine Kleider fraß. Ihn fröstelte und er faltete schützend seine Arme vor dem Oberkörper. Sein Pferd wieherte bereits in einiger Entfernung.

 

„Wie kannst du es wagen?! Sagte ich nicht, du solltest heute deinen Dienst bereits um Mitternacht antreten?! Antworte mir!“

„Nun...ich, bitte verzeiht, aber...“

„Ich habe dich in meinen Dienst genommen, da ich der Meinung war, mich auf dich verlassen zu können. Du hattest Glück, dass Hans hier war. Was hätte ich wohl ohne ihn getan?!“

/Ihr hättet einen Eurer anderen duzend Diener herbeigerufen. Wir sind alle ersetzbar./

Kim stand dem großgewachsenen Herzog gegenüber und hatte seine Blicke auf den Boden gesenkt. Er konnte spüren, wie ihn die Wut dieses Mannes durchdrang, wie sie drohte, ihn von innen heraus in tausend Stücke zu zerreißen. Und das alles nur, weil...

„Bitte verzeiht, mein Zuspätkommen, aber ich wusste nichts davon. Ich wusste nicht, dass Ihr mich bereits ab Mitternacht ...“

„Ich ließ es dir ausrichten! Komm’ mir nun nicht mit derartigen Geschichten. Du weißt, ich habe keine Verpflichtung dazu, dich hierzubehalten! Erzürne mich nicht noch einmal Junge...“ Mit fester Hand griff er nach Kims Kinn und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen.

„Hast du verstanden? Es könnte... Folgen für dich haben...“

/Folgen.../

Nachdem der Herzog von Kim abgelassen hatte, verbeugte sich dieser tief und verließ anschließend, ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen, das Arbeitszimmer. Langsam schloss er die wuchtige Tür hinter sich. Seine Glieder schienen ihm auf einmal wie aus Blei und erschöpft lehnte er sich an die Tür.

„Oi Kim... da hast du dir aber wieder ziemlichen Ärger eingebrockt. Man konnte die Stimme des Herzogs ja bis hier heraus hören!“ Eine junge Frau in schwarz weißem Kleid stand vor ihm und grinste ihn breit an.

„Hast du etwa wieder gelauscht, Luise?“

Doch das Mädchen gab keine Antwort, sondern murmelte nur ein paar unverständliche Worte vor sich her, die fast wie eine Art Gebet klangen. Kim schüttelte verständnislos und mit kritischem Blick den Kopf und lief dann die Treppe hinab. Er wusste nicht, wie viele Stufen es jedes Mal waren, die er bis zum Zimmer des Herzogs emporsteigen musste. Gezählt hatte er sie noch nie. Jedoch schienen sie nicht enden zu wollen und jedes Mal, wenn er von ihm gerufen wurde, fühlte er sich erschöpft, wenn er oben ankam. Diese Stufen schienen eine Art Foltermethode für die Bediensteten dieses Schlossen darzustellen. Es wurde auch gemunkelt, dass der Herzog mit Absicht die Zimmer der Diener in eine der untersten Etagen hatte verlegen lassen, weil es ihm Genugtuung und absurde Freunde bereitete, sie bei jeder Kleinigkeit diese Tortur auf sich nehmen zu lassen. Kim war schon fast unten angelangt, als er einen schrillen Pfiff von oben herab hörte.

Er blickte hinauf, doch konnte nichts erkennen. Dann waren nur noch die klackenden hastigen Schritte einer Person wahrzunehmen, die die Marmortreppe herabgeeilt kam. Wieder ein Pfeifen, diesmal gefolgt von einem Lachen.

/Moment... das kommt mir doch bekannt vor.../ Gerade als er sich umdrehen wollte, schlangen sich zwei Arme von hinten um seinen Nacken.

„Kim... wie schön, dich hier zu treffen! Arbeitest du also in diesem Schloss?“

„Bernard?“

Ein Nicken.

„Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du Diener meines Großonkels bist?“

„Ich... wusste nicht, dass ihr auf irgend eine Weise verwandt seid...“

„Nun ja, ist ja auch egal. Jedenfalls freut es mich, dich hier zu treffen! Das hätte ich mir nicht träumen lassen...“

Bernard verstummte plötzlich als sich eine Dienstmagd mit misstrauischen Blicken an den beiden vorbeischlich. Vermutlich versuchte sie, irgend etwas von dem Gespräch zwischen ihnen mitzubekommen, denn ihr Gang wurde immer langsamer, bis sie dann endlich in einer kleinen Abzweigung der Treppe verschwand.

„Ich hab’... die ganze Nacht nur an dich denken müssen, Kim!“

/Oh.../

„So, hast du das? Na hoffentlich hast du nichts schlechtes von mir gedacht?“

„Wie könnte ich! Nein... du... hast mir gefehlt. Ich verspürte die ganze Zeit eine innere Sehnsucht nach dir, ich kann es nicht beschreiben. Und wenn ich jetzt hier direkt neben dir stehe, fühle ich mich so unendlich glücklich. So aufgewühlt, Kim!“

Er nahm Kim bei den Händen und drehte sich tanzend um ihn herum.

„O, verzeih... eigentlich ist es Bediensteten hier nicht gestattet, unaufgefordert mit Bewohnern des Schlosses zu reden. Aber bei dir geht sicher eine Ausnahme. Mein Onkel würde mir diese Freude nicht nehmen wollen. Ich möchte dir nur keinen Ärger machen...“

„Dein Onkel ist, denke ich, heute weniger gut auf mich zu sprechen. Bitte entschuldige mich jetzt Bernard, ich habe leider noch sehr viel zu erledigen. Es hat mich gefreut, dich wieder zu sehen.“

„Mhm, ich bin noch eine ganze Weile hier. Vielleicht kann ich dich nachher einmal zu mir bitten lassen... wir werden sehen.“

Kim verabschiedete sich mit einem sanften Lächeln und wendete sich dann von Bernard ab um seiner Arbeit nachzukommen.

„Genau so...“ erklang plötzlich Bernards Stimme erneut.

Kim sah zu ihm.

/Genau so?/

„Genau so... hast du mir heute Nacht in meinen Träumen zugelächelt...“

 

 

 

 

Der Nachmittag ging allmählich auf sein Ende zu und Kim übermannte die Müdigkeit. Er hatte ununterbrochen gearbeitet, und der Gedanke daran, dass der Abend noch lang sein würde, ließ ihn erschaudern.

„Ich frage mich, was der Herzog nur immerfort von dir will, Kim... Ständig ruft er dich zu sich...“

„...“

„Du bist müde und solltest dich etwas ausruhen. Ich kann ja für eine Stunde für dich übernehmen, wenn du willst. Meine Arbeit ist getan. Luise blickte Kim tief in die Augen und umfasste dann mit ihren geschickten Fingerchen sein Halstuch.

„Es ist dir verrutscht. Du solltest besser darauf Acht geben. Die Brosche ist schön... was gäbe ich drum, auch so eine zu besitzen...“

Kim war es nicht aufgefallen, dass sie tatsächlich kein solches Schmuckstück bei sich trug.

„Hast du deines verloren?“

Da begann sie laut zu kichern.

„O nein, Kim. Ich... hatte nie eines. Ich bin ein Mädchen...“

„Was hat das damit zu tun?“

Sie lächelte zart.

„Ich bin ein Mädchen und du ein Junge. Ich besitze keine, aber du schon. Außerdem bin ich Küchenmagd...“

Kim hatte nicht die Zeit, noch weiter darüber nachzudenken. Vermutlich hatte Luise ihre tatsächlich nur verloren oder war in Ungnade gefallen und machte sich damit jetzt über ihn lustig. Es ertönte das kleine Glöckchen, das ihm bedeutete, zum Herzog zu kommen. Er stand auf und wollte gerade gehen, als er Luises Hand auf seiner Schulter spürte.

„Halt... hast du nicht etwas vergessen?“ Sie deutete mit dem Zeigefinger auf ein silbernes Tablett, welches auf dem Küchentisch hinter ihnen stand.

„O... ja richtig...“

„Wenn der Herzog Besuch hat, dürfen dir keine Fehler unterlaufen, Kim.“

„Was würde ich nur ohne deine wachsamen Augen tun, liebste Luise!“ Kim schmunzelte als er sah, wie sich das Mädchen verlegen den Hinterkopf rieb und dabei rot wurde.

„Den Tee hab’ ich vor zwei Minuten frisch aufgegossen. Du kannst ihn jetzt servieren.“

„Ich danke dir!“ Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und nahm anschließend das Tablett mit den Teetassen und der Kanne in die Hände.

 

Kim erreichte nach wenigen Minuten das Empfangszimmer des Herzogs, das sich im Westflügel des großen Schlosses befand. Vor der Tür blieb er zögernd stehen und betrachtete zuerst die Malereien und Gemälde an den Wänden. Es waren hauptsächlich schöne junge Frauen dargestellt, mit großen lachenden Augen und einem schüchternen Lächeln auf den vollen Lippen. Die eine mit dem rosé- farbigen Kleid erinnerte ihn ein bisschen an seine Schwester Sophie und auch die kleinen Perlenohrringe, die sie trug kamen ihm bekannt vor.

/Meine kleine Sophie... wie lange habe ich dich schon nicht mehr gesehen... Ich wünschte.../

Aus seinen träumerischen Gedanken holte ihn plötzlich das Knacken der Tür vor ihm. Man hatte von innen den Griff herabgedrückt und wenig später wurde die Tür geöffnet. Der Diener, der mit hastigen Schritten aus dem Zimmer kam, hätte Kim beinahe überrannt, doch bevor dies geschehen konnte war Kim einen Schritt zur Seite gewichen. Der Bedienstete eilte die Treppe hinab und Kim blickte ihm verwundert hinterher.

„Ah, da bist du ja endlich. Ich dachte schon, ich müsste dich noch einmal rufen lassen...“ erklang die raue Stimme des Herzogs und Kims Augen wanderten in den Empfangssaal. Die Zimmerdecke war hoch und endete in ovalen Gewölben, die über golden glänzende Leisten miteinander verbunden waren und einen sehr edlen Eindruck machten.

„Du darfst eintreten!“

Unsicheren Schrittes huschte Kim in den Raum, dann stellte er zuerst das Tablett auf das niedrige Tischchen, das gleich rechts an der Wand stand und schloss die Tür hinter sich. Anschließend nahm er das Tablett wieder auf. Er lief langsam zu dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers, doch blieb plötzlich stehen, als sein Blick, den er die ganze Zeit zu Boden gesenkt hatte, auf den fremden Mann fiel, der am Fenster stand. Der Gast des Herzogs war groß, sogar noch größer als der Herzog selbst und er schien aus dem Fenster hinaus in die Dämmerung zu sehen. Seine Arme hatte er vor seiner Brust verschränkt. Er stand einfach nur so da und regte sich nicht.

„Bitte... setzen wir uns doch!“

Der Herzog deutete dem Mann mit einer unbeholfenen Handbewegung, die dieser jedoch unmöglich gesehen haben konnte, am Tisch Platz zu nehmen.

Zuerst kam keine Reaktion, Kim stand noch immer an der gleichen Stelle, war nicht fähig, sich zu rühren. Der Fremde drehte sich um, ganz langsam, als wäre er mit seinen Gedanken noch immer in der Dämmerung verloren.

Doch dann sah er Kim tief in die Augen.

Ein finsterer Blick getragen von Gleichgültigkeit. Noch immer stand er im Halbschatten, den die zurückgezogene Gardine am Fenster auf ihn warf. Er trat heraus und lief auf Kim zu, seine Blicke nicht von ihm abwendend. Ganz langsam kam er näher und das einzige, was Kim denken konnte war...

/Ein Traum... ein trügerischer Traum.../

Der großgewachsene Mann strich sich mit seiner linken Hand grazil eine Strähne seines braunen Haares aus dem Gesicht, die jedoch gleich wieder zurückfiel.

/Seine Augen... Er durchdringt meine Seele und spiegelt die Trauer meines Herzens wider... Und... er weiß nicht, wie er mich verletzt, wenn er mit solcher Geringschätzung einfach an mir vorbeiläuft... so als... als wäre ich der Abschaum dieser Welt... /

Kim wurde übel und er hätte beinahe das Tablett fallen lassen, denn er verspürte das Verlangen, sich mit der Hand ans Herz zu fassen, so als müsste er es wieder zur Ruhe bringen.

Er sah dem breitschultrigen Mann hinterher, beobachtete, wie er sich auf den Stuhl setzte, sich zurücklehnte und dann die Beine übereinander schlug.

/So ähnlich... nur so verteufelt kalt... und ... /

 

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