Part 3

Part 4:

Kims Hände zitterten und er verkrampfte sie am Tablett. Noch immer starrte er zu dem Fremden, der ihm doch so unendlich vertraut zu sein schien.

/Er sieht mich nicht an, doch wieso habe ich das Gefühl, als beobachtete er mich? Seine Augen... wie zwei dunkelgrüne Glasperlen, durch die das Sonnenlicht flutet. Doch sie sehen mich nicht.../

Kim zuckte zusammen als er plötzlich eine Berührung auf seiner Schulter spürte und er drehte sich hastig um. Zwei verschmitzte Augen blinzelten ihm entgegen und er war froh, Bernards Gesicht zu sehen.

„Wo bist du denn nur wieder mit deinen Gedanken, Kim? Ich habe dich von der Tür aus schon eine ganze Weile beobachtet.“ Dann näherte er sich mit seinem Mund Kims Ohr. Mit einem warmen Hauch flüsterte er leise:“ Du starrst ihn an...“

Kims Gesichtsausdruck verriet, dass er überrascht war.

„Hast du es nicht einmal bemerkt? Du hast ihn die ganze Zeit angestarrt. Ununterbrochen deine Augen nicht von diesem Mann dort genommen. Und ich frage mich... wieso?“

/Wieso? Ich... weiß nicht wieso... Wegen seiner Augen... seines Körpers, der sich so geschmeidig und doch kraftvoll bewegt... wegen... seiner haselnussbraunen Haare, einfach weil... er aussieht wie .../

„Gefällt dir der Kerl etwa? Nun, sein Erscheinungsbild wirkt vielleicht ziemlich edel... aber es kommt doch schließlich auf das Innere an, nicht wahr Kim?“ Kim kam es so vor, als würde Bernards Stimme immer lauter werden, unerträglich laut, als schrie er schon fast und das ganze Schloss würde erfahren, dass er seine Augen nicht hatte von dem Fremden ablassen können. Doch weder der Herzog, der ununterbrochen auf seinen Besuch einredete, noch dieser selbst, schienen auch nur ein Wort von dem gehört zu haben, was Bernard gesprochen hatte.

„Auf das Innere...“

/Ich werde nicht zulassen, dass du dich in einen anderen verliebst, als in mich, Kim! Du stehst nur mir zu, mir allein. Und ich werde bekommen, wonach mich zehrt.../

Leicht schubste er Kim etwas am Rücken. „Mach’ jetzt und serviere den Tee. Mein Großonkel mag keine faulen Bediensteten.“

Kim warf Bernard einen traurigen Blick zu, konnte nicht verstehen, weshalb der Junge auf einmal so ... bitter war. Doch er hatte recht. Schon viel zu lange hatte er einfach nur da gestanden. Er hatte Glück gehabt, dass der Herzog mit dem Fremden so sehr in ein einseitiges Gespräch vertieft war, dass er ihn fast nicht bemerkt hatte.

Bernard grüßte seinen Onkel und dessen Gast mit einem freundlichen Kopfnicken und setzte sich dann ebenfalls an den Tisch.

Mit stechenden Blicken musterte er jede vom Kims Handbewegungen, wie er die Tassen auf den Tisch stellte, das Zuckerdöschen, dann die Löffel auf die Servietten legte und schließlich den heißen Tee eingoss. Kim schien nun in seine Arbeit ganz vertieft zu sein, doch Bernard glaubte misstrauisch zu bemerken, wie sich seine Wangen röteten, als er neben dem Gast seines Onkels stand. War da vielleicht sogar ein leichtes Zittern in seinen Bewegungen?!

Es durfte nicht sein, dass ein anderer Mann Kim so aus der Fassung bringen konnte, während er selbst von Kim nicht mehr Reaktion bekam als vielleicht ein kleines sanftes Lächeln.

Bernard starrte in den Raum, seine rechte Hand spielte nervös mit einem kleinen silbernen Löffel.

„Onkel Theobald... ich werde heute nacht hier übernachten... Und ich will, dass Kim mein persönlicher Diener ist...“ Er sagte dies einfach so in den Raum und unterbrach damit den Herzog, der ihn erstaunt anblinzelte und dann zu Kim blickte, der sich etwas abseits gestellt hatte.

„Dass du bei mir bleiben willst, überrascht mich, Junge. Aber mir soll’s recht sein. Platz haben wir genug zur Verfügung. Und was Kim anbelangt...“ dabei musterte er seinen Bediensteten mit strengen Augen von oben bis unten. „Er wird...“

Plötzlich durchdrang ein lautes Quietschen den Raum. Alle blickten erstaunt zu dem Mann mit den grünen Augen, der aufgestanden war und dabei seinen Stuhl mit voller Geräuschkulisse über den teuren Parkettboden zurückgeschoben hatte.

Für einen Moment herrschte Schweigen. Der Fremde sah Bernard tief in die Augen, ließ dann flüchtig seinen Blick zu Kim wandern, der seine Augen zu Boden gesenkt hatte.

„Es wir Zeit. Die Kutsche erwartet mich bereits!“

/Seine tiefe dunkle Stimme durchflutet den ganzen Raum... Sie wirkt so warm!/ Kim sah nicht auf, verfolgte in seinem Inneren nur das dumpfe Geräusch, dass die Schuhe des großen Mannes auf dem Fußboden hinterließen. Er war gegangen, ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen.

„Onkel... dein Besucher entbehrt aller Manieren!“ spottete Bernard und beobachtete dabei, wie sich der Herzog mit einem weißen Tuch vereinzelte Schweißperlen aus der Stirn wischte.

„Nun ja... er muss es wohl ziemlich eilig gehabt haben...“

„Wer war das überhaupt?“

/Ja, wie ist sein Name? Was ist, wenn es... Eduard.../ Kims Gedanken drehten sich alle im Kreis. Sein Herz war so voller Hoffnung, doch die Wirklichkeit brachte sie wieder zu Bruch.

„Graf von Sinnt. Ein angesehener Bursche. Er ist von weit angereist...“

„Nun... wo waren wir vorhin stehen geblieben?“ Bernard deutete mit seinem Zeigefinger auf Kim, dessen Herz ihm bis zum Hals schlug.

/Von Sinnt... und ich hätte schwören können... War alles nur Einbildung? Habe ich mir so sehr gewünscht, ihn wieder zu sehen, dass ich sogar diesen Mann für ihn hielt? Soweit ist es jetzt schon mit mir gekommen?!/

„Ich werde dir Kim zur Verfügung stellen...“

Die letzten Worte des Herzogs genügten, um in Bernard wieder ein leidenschaftliches Feuer zu wecken. Er lachte laut auf und rannte sogleich zu Kim.

„Siehst du... es wird einfach wunderbar werden. Du als mein persönlicher Diener! Oh es gibt so viel, was ich dir noch erzählen muss. So viel...“

Der Herzog erhob sich müde von seinem Stuhl und verschwand dann hinter einem großen roten Samtvorhang, der das Gästezimmer vom Empfangsraum abgrenzte und mit einer gold schimmernden Kordel zurückgebunden war. Mit seiner rechten Hand fuhr er dem weichen Stoff entlang, warf noch einen Blick zurück auf die beiden Jungen und verschwand dann im Nebenzimmer.

„Zuerst... möchte ich ein heißes Bad nehmen. Wirst du mir eines vorbereiten? Ich gehe solange auf mein Zimmer und werde dort warten, bis du mich holst...“

/Ein Bad? Um diese Zeit? Luise wird sich freuen, wenn sie schon wieder aufstehen muss um in der Küche Wasser zu erhitzen.../

„Weshalb zögerst du, Kim? Du musst mir doch gehorchen...“ Bernard lächelte Kim unschuldig ins Gesicht und fuhr ihm dabei mit den Fingern über die Wange.

Luise hatte tatsächlich gestöhnt, als Kim sie aus dem Bett geholt hatte. Aber sie war das einzige Mädchen gewesen, dass sich dazu letztendlich doch noch bereit erklärt hatte.

Das Bad war angerichtet und der kleine Raum, in dem die Wanne stand war von der Wärme des Wassers ganz neblig.

Kim klopfte an Bernards Tür und wenig später kam der Junge, eingehüllt in einen luftig-dünnen Bademantel auf den Flur getreten.

„Das hat aber lange gedauert. Komm, begleite mich!“ Er zog Kim an der Hand hinter sich her. Sie betraten den vom Nebel verschleierten Raum gemeinsam und Bernard deutete Kim mit einer Handbewegung, die Tür zu schließen.

„Nein Kim... du bleibst hier. Denkst du ich würde dich auffordern, die Tür zu verschließen, wenn ich hier drin und du draußen bist?“

Kim war heiß. Seim Hemd klebte ihm von der Feuchtigkeit durchdrungen bereits am schmalen Körper. Er strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Nimm mir den Bademantel ab!“ Bernard stellte sich vor ihm hin und legte Kims Hände an den Knoten des Gürtels, der seine Hüfte umgab und den Mantel zusammenhielt.

Kim öffnete langsam das Kleidungsstück.

/Jetzt möchte ich gerne in dein Inneres sehen. Bist du aufgewühlt, mich so nackt vor dir stehen zu sehen? Ja, du machst das sehr gut. Streife den Mantel sanft von meinen Schultern... Sieh’ doch nicht weg! Ich will... dass du mich genau betrachtest, denn dies ist der Körper, mit dem du heute Nacht zusammen in einem Bett liegen wirst!“

Bernard küsste Kim sanft auf die Lippen, nur ganz flüchtig und doch wich Kim dabei einen Schritt zurück.

„Du solltest mir gegenüber etwas offener sein, Kim!“ Ein lüsternes, falsches Grinsen legte sich über Bernards Gesicht und er stieg mit bedachten Bewegungen in die Wanne.

„Das Wasser ist sehr angenehm. Ich danke dir!“

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Bernard hatte seine Augen geschlossen, das gleichmäßige Auf und Ab seiner Brust warf das Wasser, das ihn umgab, in kleine Wellen.

Unerwartet drückte Bernard Kim plötzlich ein Stück Seife in die Hand.

Kim zögerte, wusste nicht, was der Junge von ihm erwartete. Doch als Bernard nach seinem Arm griff, Kims Hemdärmel zurückschob und ihn dann ins Wasser tauchte, war Kim klar, dass er Bernard waschen sollte.

/Was ist nur in den Jungen gefahren? Er benimmt sich so seltsam... Ob er sich einsam fühlt und deshalb berührt werden will?/

Mit sanften Bewegungen kreiste Kim Bernards Körper ab.

„Ich bin noch nicht ganz fertig... Kim! Du hast eine Stelle meines Körpers vergessen. So soll ich doch heute nicht schlafen gehen?!“ Er grinste Kim an und nahm erneut dessen Hand.

„Siehst du... hier...“ Kim schluckte, doch Bernard lachte plötzlich laut auf und schnellte seine Hand, mit der er Kims festhielt aus dem Wasser in die Höhe.

„Hahaha... nein, lass’ mal... Das kann ich selber!“ Und er schnappte sich das Stück Seife.

„Geh’ jetzt und bereite mein Schlafgemach vor. Ich komme alleine zurecht!“

Kim war erleichtert und verbeugte sich ein wenig. Aus reiner Gewohnheit, doch er wusste nicht, ob Bernard ihn nicht vielleicht doch sogar zu dieser Demutsgeste aufgefordert hätte...

Kim zog gerade die holunder farbige Bettdecke glatt, als Bernard den Raum betrat und sich gleich müde auf das Bett fallen ließ. Sein Bademantel war nicht zugeschnürt und entblößte seinen ganzen Körper.

„Was denn... du bist ja noch gar nicht umgezogen, Kim? Willst du etwa in deiner Dienstkleidung schlafen? Aber... vielleicht hast du ja recht... komm’ mal her!“ Zögerlich tat Kim zwei Schritte auf das Bett zu, an dessen Rand sich Bernard gesetzt hatte. Von unten blickte er hinauf zu Kim, seine Augen fast ganz hinter den hellen Haarsträhnen verborgen.

Mit einer schnellen Bewegung umfasste er mit beiden Armen Kims Taille und lehnte seinen Kopf an den Jungen. Dabei nestelte er mit seiner linken Hand geschickt an Kims Hosenbund herum und zog das Hemd heraus.

/Du protestierst noch nicht? Das soll mir recht sein!/

Er knöpfte die Weste seines Gegenübers auf, dann schließlich das Hemd und fuhr sacht mit den Fingerspitzen über Kims Brust.

Ein leises Stöhnen durchdrang den Raum und Bernard fühlte, wie Kim unruhig wurde.

Er legte seine Hände an Kims Wangen und zwang ihn, ihm ins Gesicht zu sehen. „Hier spielt die Musik, Kim! Du lässt dich doch nicht etwa von diesen Geräuschen ablenken? Oder gefällt es dir, zuzuhören? Ja... immer wenn ich hier bin... liege ich nachts wach und lausche diesem leidenschaftlichen Stöhnen nebenan. Hörst du? Mein Onkel scheint gerade sehr beschäftigt zu sein. Und wir sollten das gleiche tun, Kim!“

Mit seiner Zunge glitt er über Kims Lippen und hinterließ auf ihnen einen glänzenden Film.

Bernard wollte Kim gerade auf das Bett ziehen, als dieser sich abrupt von ihm abwendete und dabei begann, sein Hemd wieder zuzuknöpfen.

„Du liebst mich doch gar nicht Bernard! Das ... was du als Liebe empfindest ist doch bloß eine Flucht in zärtliche Gefühle.“

Bernard sagte kein Wort. Kim wusste, dass in seinen Augen eine wütende Glut flackerte.

„Verstehst du, was ich damit sa...“

Er hatte sich gerade wieder zu Bernard drehen wollen, als er einen festen Faustschlag im Gesicht spürte, der ihn zu Boden warf.

Bernard sprang ihm gleich hinterher und packte ihn zähneknirschend am Kragen.

„Wie kannst du nur so mit mir reden, Kim? Ich bin kein kleines Kind mehr... und weiß Gott... ich habe inzwischen zu unterscheiden gelernt zwischen Liebe und Schwärmerei.“

Kim griff mit seiner Hand zärtlich nach der seines Angreifers und legte sie über diese.

„Und dennoch... du liebst nicht mich!“

Bernard standen Tränen in den Augen, war es aus Hass oder schierer Verzweiflung, Kim konnte es nicht sagen.

„Ist es wegen Sinnt? Hat er dir den Kopf verdreht? Oder bin ich es, den du nicht ansehen magst, weil ich zu... kindisch für dich bin?!“

Kim stützte sich mit beiden Händen auf. Noch immer saß Bernard auf seinen Beinen.

„Du weißt selbst, dass du kein Kind mehr bist. Und... dass ich nicht ... es ist zu deinem Besten, glaub’ mir!“

„Es wäre so leicht, Kim. So unendlich einfach, dich jetzt hier auf der Stelle zu nehmen. Mein Onkel würde im Zimmer nebenan deine Hilfeschreie einfach ignorieren, holt er sich ja selbst Befriedigungen bei Frauen, die meist nicht willig sind...“

Er starrte Kim ins Gesicht. Die Ewigkeit schien diesen Blick eingefroren zu haben.

Dann, nach einer Weile, ließ Bernard von Kim ab. Er stand auf und setzte sich auf den Rand des großen Bettes, seine Hände zu Fäusten geballt. Kim stand ebenfalls auf, schritt auf leisen Sohlen zu Bernard und strich ihm zärtlich durch die Haare. Der Junge hatte seine Hände vor die Augen gelegt und dicke schwere Tränen tropften auf seine nackten Beine. Er versuchte nicht zu schluchzen, doch seine Traurigkeit wollte sich ihren Weg in die Freiheit bahnen.

„Schon gut, Bernard. Geh’ jetzt schlafen. Es ist spät. Morgen wird alles besser... Du wirst sehen!“ Und Bernard ließ sich willenlos zurück ins Bett sinken. Kim deckte den Jungen behutsam zu und wollte gerade gehen, als er fühlte, dass er an seinem Hemd festgehalten wurde. Er sah in zwei schillernde blaue Augen, die jeder Hoffnung entbehrten.

„Kim?... Bitte... bleib’ heute nacht hier. Nur für heute nacht. Das Bett ist groß genug. Lass’...“ und die Stimme verlor allmählich ihren Klang im großen Schlafgemach. „Lass’ mich nicht alleine. Bleib’... bei mir. Nur für heute nacht, ... bitte!“ Und noch einmal fügte er ein leises „bitte“ hinzu, bevor er die Augen schloss und einschlief.

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