Part 5

Part 8 :

 

„Ist alles in Ordnung, Bernard?“ fragte Kim unerwartet in das Schweigen hinein, doch als Antwort musste er sich mit einem kurzen Kopfnicken Bernards begnügen, der nicht bemerkt hatte, dass er Kims Wange liebkoste.

„Natürlich... du hattest da nur etwas Schmutz auf deiner Wange. Jetzt ist er weg, haha! O.k., komm’ jetzt! Diese kleine Steigung müssen wir hochklettern und dann sind wir auch schon da!“

Kim betrachtete aufmerksam den Grashügel und stieg ihn ohne Mühe, Bernard folgend, nach oben.

„Von hier aus hat man einen herrlichen Ausblick auf den ganzen Garten, siehst du?“

Bernard hatte recht. Von dem Vorsprung aus, der durch eine alte, teils schon etwas zerfallene kleine weiße Mauer abgegrenzt war, konnte man einen großen Teil des Grundstück des Herzogs überblicken.

„Gefällt es dir? Aber eigentlich habe ich dich nicht deshalb hierher geführt, sondern wegen eines kleinen Wunderdings, das mir als Kind immer sehr große Freude bereitet hat.“

Bernard lief mit schnellen Schritten zu einem kleinen Busch und wühlte dort einige Sekunden herum bevor er mit strahlenden Augen zurück zu Kim kam und ihm einen weißen Kristall, der an einem dünnen Fädchen hing, vor die Nase hielt.

„Siehst du... als ich klein war, hab’ ich dieses Steinchen wie meinen Augapfel gehütet. Joséphine hat ein paar mal versucht, ihn mir wegzunehmen, aber... das ließ ich nicht zu.“ Kim glaubte einen Anflug von Trauer in Bernards Gesichtszügen erkennen zu können, doch aus welchem Grund?

Beide starrten sie gebannt auf das kleine Juwel bis Bernard den Stein plötzlich hoch in die Sonne hielt. Er tanzte an dem Faden und drehte sich.

„Sieh’ dich nun hier einmal um...“

Über den Boden huschte buntes Licht. Wo soeben der Untergrund noch rosa beschienen aussah, verschwamm die Farbe auch schon in ein helles Blau, dann in Grün und Gelb und dann schien sich alles zu wiederholen. Eine Weile standen beide nur so da und verfolgten mit ihren Augen die kleinen Lichtreflexe.

„Ich liebte dieses Spielzeug. Man könnte fast sagen, es war mein Ein- und Alles, bis...“

/Schon wieder sieht er so voller Kummer aus. Welche Erinnerungen verbindet er mit diesem Stein? Ist in seiner Vergangenheit etwas schlimmes vorgefallen?/

Bernard packte den Kristall fest in seiner Hand und lachte leise.

„Es ist doch sehr kindisch von mir, dich hierher zu bringen und zu versuchen, deine Aufmerksamkeit mit einem Stein zu gewinnen, findest du nicht?“

Ihre Blicke trafen sich.

„Ich glaube... ich sollte ihn dir schenken. Hier nimm!“ Kim wich einen Schritt zurück als Bernard plötzlich seinen Arm rücksichtslos ausstreckte, dann schluckte er, bevor er antwortete:

„Es ist ein Erinnerungsstück an deine Kindheit. Du solltest es nicht so leicht verschenken!“

„Aber lieber Freund! Mein Herz hängt natürlich noch immer daran, aber wenn ich ihn dir gebe, weiß ich, dass er in guten Händen ist. Bitte nimm’ ihn an dich. Ich möchte es so!“ Zögerlich streckte Kim seine rechte Hand aus.

„Vielen Dank!“

Es kehrte zwischen den beiden eine plötzliche Stille ein, die Kim sehr unangenehm war.

Er fühlte sich von Bernard beobachtet, es kam ihm fast so vor, als würde der Junge eine Gegenleistung für das Geschenk erwarten.

„Habe ich dich jetzt damit glücklich gemacht, Kim?“

 

 

„Bernard! Kim!“ rief plötzlich ein leises Stimmchen aus einiger Entfernung und nach ein paar Sekunden erkannten sie Joséphine, die sich in ihrem langen Kleid die Anhöhe heraufgequält hatte und nun mit rotem Gesicht und nach Atem ringend vor ihnen stand.

„Ich dachte mir doch, dass ihr hier seid. Meinen Freundinnen und mir ist nichts besseres eingefallen, als ein Versteckspiel im Garten. Und da es unter Mädchen alleine nicht aufregend genug ist, wollte ich euch bitten, teilzunehmen!“

Joséphine bemerkte sehr wohl den gelangweilten und kritischen Blick ihres Bruders, ließ sich davon jedoch nicht abschrecken, sondern grinste ihm protestiv ins Gesicht, dass der Junge gar nicht anders konnte, als widerwillig zuzustimmen.

„Wunderbar!“ rief sie erfreut laut aus und klatschte dabei in ihre Hände.

 

Auf dem Rückweg zum Schlossvorplatz eilte Joséphine voran, gefolgt von Kim und Bernard, die sich die gesamte Zeit über nur anschwiegen, als hätte das Mädchen sie in einer peinlichen Situation erwischt.

Kim verschlug es beinahe die Sprache als er die versammelten Gäste sah, die sich im Schlosshof regelrecht tummelten und von denen jeder auf seine Art und Weise versuchte, im Mittelpunkt zu stehen. Er fand das Getue der Adligen widerwärtig. Was glaubten diese Menschen eigentlich, wer sie seien und wieso meinten alle, dass ihre Probleme viel wichtiger wären als die der anderen. Unbewusst schüttelte Kim seinen Kopf, doch nur so leicht, dass es keiner der Umstehenden bemerkte.

Noch immer folgten die beiden Jungs Joséphine bis sie endlich auf dem Treppenaufgang des Schlosses Halt machte und sich plötzlich zu räuspern begann. Sie nahm ein Champagnerglas in die Hand und schlug mit einen silbernen Löffelchen auf dessen Rand, um sich so die Aufmerksamkeit ihrer Gäste zu verschaffen.

„Bitte entschuldigt diese Unterbrechung, aber ich wollte nur noch einmal einen Aufruf an alle starten, die Lust haben, an unserem kleinen Versteckspiel im Garten meines Onkels teilzunehmen. Über ein paar Mitspieler wären wir sehr erfreut!“

Unerwartet stieß ein sommersprossiges Mädchen, dessen rotblonde Zöpfe hin und herwippten auf die drei und stellte sich neben Joséphine auf die Treppe um wenig später nicht weniger lauthals zu verkünden, dass durchaus auch das männliche Geschlecht angesprochen sei.

„Rosabella... musste das denn jetzt sein?!“

Keck stütze der Rotschopf ihre Hände in die etwas rundlichen Hüften und streckte ihrer Freundin die Zunge heraus. Dann grinste sie breit bis zu den Ohren und kniff ihr rechtes Auge zu.

„Natürlich musste das sein, liebste Freundin Joséphine. Wir befinden uns schließlich in einem heiratsfähigen Alter, wenn wir nicht schon längst überfällig sind! Und weil du dich nicht getraut hättest, auch nach Männern zu fragen, habe ich das eben für dich gemacht. Du weißt gar nicht, welchen Gefallen ich uns damit getan habe!“

Beide Mädchen kicherten daraufhin unbeschwert.

„Kommt jetzt, wir gehen!“ Rosabella stürmte mit Joséphine im Schlepptau voran und als Kim ihnen gerade nachlaufen wollte, spürte er Bernards festen Griff um sein Handgelenk.

Er drehte sich zu dem Jungen um und sah ihn fragend an.

 

„Ich...“

 

Nur dieses eine Wort, mehr gab Bernard nicht von sich, bevor er selbst davonrannte.

 

 

Als Kim in den großen Schlossgarten trat wurde er bereits sehnsüchtig von allen erwartet. Es hatten sich an die 20 Mitspieler eingefunden, ein buntes Gewirr von Kleidern und Anzügen.

„Jetzt wird ausgelost, wer suchen muss!“ schrie ein junger Bursche und die Umstehenden nickten zustimmend.

„Ich würde sagen, Joséphine denkt sich eine Zahl aus und wer diese errät oder am wenigsten weit von ihr entfernt ist, der muss suchen...“

„Wer diese errät?! Das klingt ja fast so, als würde man damit belohnt werden, dass man suchen darf. Naja, jedenfalls hoffe ich, dass ich nicht derjenige sein werde...“

Ein undeutliches Gemurmel brach aus.

„Ich bin dafür, dass Kim sucht!“ Bernard hatte sich zu Wort gemeldet und deutete mit seinem Zeigefinger direkt auf Kim, der etwas unbeholfen in die Menge starrte und sich ihren Blicken ausgeliefert fühlte.

/Diese Situation mag ich gar nicht. Sie erinnert mich an den Tag, an dem Eduard mich vor so vielen Menschen küsste... Der Kuss war süß, doch das Erwachen unendlich bitter.../

„Und warum sollte es ausgerechnet diesen Jungen treffen, Bernard?“ fragte ein kleines blondes Mädchen, der Kim anscheinend leid tat.

Bernard musterte sie daraufhin amüsiert und stellte mit einer Art Überheblichkeit klar: „Das ist doch ganz einfach. Wer als letzter kommt, der muss auch suchen! So war schon immer die Regel beim Versteckspielen!“

Ein harter Blick traf Kim.

„Oder hat unser Freund etwa irgend etwas dagegen einzuwenden?“ Ein Lachen.

„Nun, da Kim nicht antwortet, gehe ich davon aus, dass es ihm nichts ausmacht. Dann kann es ja los gehen. Der Garten ist groß. Sagen wir du zählst bis 50, dann kannst du suchen. Einverstanden? Derjenige, den du als letztes findest, hat einen Wunsch frei!“

Alle kreischten daraufhin wild durcheinander, ein Kichern hier, ein Lachen dort. Jeder war einverstanden.

/Jeder... /

Kim wendete den Jungs und Mädchen den Rücken zu und lehnte sich an einen bemoosten alten Baum, um zu zählen.

/Wie dumm ich mir dabei vorkomme. Doch einfach verschwinden kann ich nicht.../

„39,40,41...“

/Derjenige, den ich zuletzt finde hat einen Wunsch frei!/

„50!“ Die letzte Zahl sprach Kim nur sehr leise aus. Im Grunde war es sowieso egal, ob ihn jemand hörte oder nicht, denn mit Sicherheit war für jeden Zeit genug gewesen, sich in dem großen Garten ein passendes Versteck zu suchen.

 

Es dauerte nicht lange, da fand er auch schon die ersten Mitspieler, deren Verstecke nicht sonderlich originell waren. Doch dann wurde es immer schwieriger.

„Hallo! Du heißt doch Kim, nicht wahr?“ Kim sah zu seiner Rechten und nickte kurz. Ein junger Mann stand ihm gegenüber, sein spitzes Gesicht ihm neugierig entgegenstreckend. „Du hast fast alle Mitspieler gefunden, es fehlen nur noch vier Personen, die da wären Hans, Johann, Bernard und Lucy!“

Gerade als der junge Mann den Satz beendet hatte, sprang auch schon Hans aus seinem Versteck und erschreckte Kim etwas mit seinem plötzlichen Auftreten.

„Noch drei!“

 

Etliche Minuten später fehlte nur noch Bernard und Kim wusste beim besten Willen nicht, wo er den Jungen noch suchen sollte. Er hatte jedes mögliche Versteck im Garten bestimmt schon zweimal abgesucht, ihn jedoch nicht gefunden.

„Oniisaaaaaaaaan! Du kannst rauskommen! Im Versteckspielen bist und bleibst du einfach unschlagbar! Komm’ doch hervor! Wir wissen nicht, wo du bist!“

Doch Bernard kam trotz Joséphines Rufen nicht.

Viele der Jungs und Mädchen hatten inzwischen den Garten aus Langeweile verlassen und hofften, in der Menge der anderen Gäste etwas Zerstreuung zu finden. Nur Joséphine und einige ihrer besten Freundinnen blieben und halfen Kim beim Suchen.

„Bernard, das ist nicht mehr lustig! Komm’ jetzt endlich hervor oder wir gehen einfach und lassen dich hier alleine! Komm jetzt oniisaaan!“

Kim sah sich nach allen Seiten um. Vom Westflügel des Schlosses Weilnach musste man direkten Ausblick auf diesen Garten haben. Vielleicht könnte man Bernard so finden. Doch noch während Kim dieser Gedanke kam, raschelte nicht weit entfernt ein Busch und der Junge kam zum Vorschein.

Joséphine verdrehte ihre Augen und hob ihren Zeigefinger tadelnd in die Höhe!

„Stimmt’s, du bist doch gewandert! Kim hat dich vor ein paar Minuten eben an der Stelle gesucht, aus der du gerade hervorgekrochen bist!“

Bernard beachtete seine Schwester gar nicht weiter, sondern lief mit festen Schritten auf Kim zu, seinen Blick nie von dessen Gesicht abwendend. Ein hämisches Lachen schattierte seine sonst so freundlichen Gesichtszüge. Kim schluckte, er wusste nicht, was ihn nun erwartete.

 

/Langsam, Bernard! Ganz... langsam, sonst machst du ihm Angst.../

 

„Na, Kim? Ich hoffe, du hast die Abmachung nicht vergessen... Nun sieh’ mich doch nicht so enttäuscht an. Es wäre dir wohl lieber gewesen, wenn jemand anderes der Gewinner gewesen wäre? Nun, ich muss dich leider enttäuschen... Aber kommen wir nun zu... meinem Wunsch!“

Das Funkeln in Bernards Augen ließ Kim regelrecht erstarren. Vielleicht hätte er einfach wegrennen sollen, aber das war doch Unsinn. Was hatte er vor dem Jungen schon zu befürchten? Es war zwar die Rede von einem Wunsch gewesen, aber es war nicht vereinbart, dass Kim diesen hätte erfüllen sollen, oder etwa doch? – Nein, davon war niemals die Rede gewesen!

„Ich wünsche mir...“ Bernard blickte verstohlen um sich.

 

„Ich wünsche mir... nur eine klitzekleine Kleinigkeit. Ich möchte...“

 

/Er nähert sich meinem Gesicht, ich kann schon seinen heißen Atem auf meiner kühlen Haut spüren. Ist es das, was er will? Ich... kann... nicht, denn es .../

 

Noch bevor Kim diesen Gedankengang zuende führen konnte, spürte er Bernards Lippen auf den seinen, fühlte, wie sein Gegenüber immer gieriger nach seiner Zunge suchte, bis er sie schließlich fand. Kims Herz raste, mit weit geöffneten Augen stand er fassungslos da.

/Wieso... versteht er nur nicht. Wie oft muss ich ihn denn noch abweisen, bevor er begreift, dass meine Liebe bereits... einem anderen.../

Bernards Mund löste sich von Kims so langsam, dass allen Umstehenden bildlich deutlich wurde, dass es ein Zungenkuss gewesen war. Kim konnte nichts sagen, wollte auch nichts sagen, die Schamesröte stieg ihm langsam ins Gesicht und er fasste sich mit der linken Hand über die Lippen.

„War doch gar nicht so übel, oder?“ Bernard hob belustigt seine Schultern etwas an und wendete sich dann grinsend den Zuschauern zu, die allesamt zu ihm starrten, dann wieder auf Kim.

Joséphine schlug sich die Hände vor die Augen und drehte sich von ihrem Bruder weg.

„Was denn, Schwesterlein. Das ist dir doch nicht etwa peinlich, oder? Es war doch nur ein Kuss. Ein läppischer Kuss und damit habe ich doch wohl niemandem weh getan, mhm?“

„Wieso musstest du das tun, Bernard?!“

 

/Mach’ mir keinen Vorwurf kleine Joséphine!/

 

„Ganz einfach!“ Er legte seine Hand auf die Schulter seiner Schwester. „Ich musste es tun... um euch für den Rest eures erbärmlichen Lebens zu schockieren! Du weißt doch... das kann ich sehr gut!“

Kim konnte einige der Mädchen untereinander tuscheln hören.

„Bernard war schon immer unberechenbar!“

„Der Scherz war ziemlich makaber!“

„Das sollten wir unseren Eltern lieber nicht erzählen, sonst lassen sie uns nicht mehr zu Joséphine...“

Kichernd und vor sich hin brabbelnd verließen die Mädchen mit Bernard und Joséphine im Schlepptau den Garten. Ab und zu konnte man noch ein lautes Lachen vernehmen, doch dann trug der Wind die unsanften Stimmen mit sich davon und Kim war alleine.

Er atmete tief aus und fasste sich dann ungläubig an die Stirn um sich die wüsten Haare zurückzustreichen.

Sein Blick wanderte dabei zufällig nach oben zu dem Balkon des Schlosses.

 

/Der Graf!/

 

Von Sinnt verschmälerte seine Augen, als er Kim fest ins Gesicht blickte, dann führte er ruhig das glänzendes Glas mit dem roten Wein, das er in der Hand hielt, zu seinem Mund und trank, löste dabei seinen Blick jedoch niemals von Kim, der atemlos zurückstarrte.

/Seit wann steht der Graf schon auf dem Balkon? Hat er mich gesehen? Hat er... uns gesehen?/

 

Kim konnte trotz der Entfernung erkennen, wie die dunklen Pupillen des Grafen langsam noch links wanderten und wenig später erblickte er die schöne junge Frau an der Seite des breitschultrigen Mannes, die am Mittag mit ihm angereist war, sah, wie sie ihre Hände um seinen Körper und ihren Kopf auf dessen Rücken legte. Dem Graf schien dies unangenehm zu sein, denn wenig später richtete er sich auf um sich aus der Umarmung zu lösen. Doch er war zärtlich zu seiner Frau, wie es Kim schien, denn behutsam nahm er ihre Hand in seine und lief mit ihr vom Balkon zurück in das Schloss.

 

/Was sagt Ihr gerade zu ihr? Dass es für ihr schulterfreies Kleid zu kühl auf der Terrasse sei und sie besser im Schloss bleiben sollte, oder vielleicht, dass es hier im Garten sowieso nichts Interessantes zu beobachten gäbe und Ihr Euch lieber wieder unter die Gäste mischen wollt? Ja, geht nur... geht und.../

 

Er senkte seine Augen zu Boden.

 

/Geht und... kommt zurück!/

 

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