Part
9:
Ein
beklemmendes Gefühl machte sich in Kims Innerstem breit, schien sich von seiner
Brust aus immer weiter zu ziehen, bis er starke Schwierigkeiten beim Atmen hatte
und meinte, sein Herz müsste jeden Augenblick zerbersten. Etwas desorientiert
schlenderte er mit kleinen Schritten zurück zu dem menschenüberfüllten
Vorplatz des Schlosses, auf dem sich inzwischen sicherlich auch wieder Joséphine
und ihre Freundinnen herumtrieben. Ob sie noch immer von der eben vorgefallenen
Sache sprachen? Oder war es für sie so eindeutig ein Scherz gewesen, dass sie
keine Gedanken mehr daran verschwendeten und ihre Aufmerksamkeit wieder anderen
Attraktionen widmeten? Eigentlich konnte es ihm doch egal sein, was sie dachten,
was sie sagten oder was sie vielleicht sogar herumerzählten. In der Öffentlichkeit
war sein Ruf sowieso schon geschändet. Auch wenn die Gäste versuchten, ihm
keine kritischen Blicke zuzuwerfen, so fühlte er sich doch immer aufs Genaueste
beobachtet, von allen Seiten. Manchmal meinte er sogar, im Vorbeilaufen sehen zu
können, wie sich die mit zahlreichen Ringen geschmückten Hände hoben und wie
hinter diesen undeutlich Gerüchte genuschelt wurden.
/Drei
Jahre ist es her... die Leute müssten doch vergessen.../
Vielleicht
versuchten die Menschen freundlich zu ihm zu sein, doch insgeheim war jedem
klar, dass sie sich in gewisser Weise abgestoßen fühlten.
Kims
Blicke wanderten die kleinen Unebenheiten des steinigen Untergrundes ab. Er
blickte nicht gerne nach oben, wenn er niemanden an seiner Seite hatte, den er
ansehen konnte. Manchmal wurde ihm regelrecht schwindlig, wenn er versuchte,
geradeaus zu sehen, in ein Nichts, das von Menschen nur so überquoll. Weshalb
lief er hier eigentlich sinnlos über den Schlosshof? Vielleicht in der
Hoffnung, auf Heinrich zu treffen, um ... ja wozu? Glaubte er denn ernsthaft,
dass es Eduards Bruder auch nur einen Deut interessieren würde, was er zu erzählen
hätte? Und im Grunde gab es auch nichts zu sagen. Wo war eigentlich Bernard?
Erst jetzt bemerkte Kim, dass er die ganze Zeit mit dem kleinen silbrig
schimmernden Kristall in der Tasche seiner Hose gespielt hatte. Immer wieder
hatte er das Schmuckstück durch seinen Zeige- und Mittelfinger gleiten lassen,
es dann mit dem Daumen aufgenommen um wenig später das ganze von vorne zu
beginnen.
„Rate
mal, wer ich bin!“ erklang plötzlich eine sanfte glockenhelle Stimme und Kim
spürte, wie sich zwei in samtige Handschuhe gekleidete zierliche Hände über
seine Augen legten und ihm die Sicht nahmen. Erst stockte Kim in seiner
Bewegung, doch als er sich schließlich umdrehte und dann in zwei strahlend
blaue Augen blickte, die ihm lieb zublinzelten, fühlte er in sich eine
unbeschreibliche Leichtigkeit aufsteigen.
„Ja,
Kim- oniichan, du darfst deinen Augen ruhig trauen! Dein herzallerliebstes
wunderschönes und natürlich auch sehr glückliches kleines Schwesterchen steht
vor dir!“ Mit weiten Augen sahen sich die beiden an und Kim stellte
schmunzelnd fest, dass sich Sophie zumindest in einem niemals verändern würde.
– In ihrem Hang zum Tränenvergießen. Kim konnte sehen, wie das Mädchen sich
darum bemühte, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, wie sie versuchte,
einmal Stärke zu beweisen, was ihr allerdings wenig später misslang als sie
sich laut schluchzend um den Hals ihres Bruders warf.
„Oniichan...
icha...n! Das ist ja so furchtbar!”
Kim
streichelte liebevoll Sophies Rücken, wobei seine Hand ihr goldenes Haar berührte.
Wie lange hatte er so etwas sanftes schon nicht mehr auf seiner Haut gespürt.
Es zehrte ihn plötzlich regelrecht danach, dem Mädchen in den Haaren herumzuwühlen,
so wie er es früher oft getan hatte, doch er ließ von diesem Gedanken amüsiert
ab, würde diese Anwandlung für die Umstehenden doch sicher äußerst lächerlich
erscheinen.
„Es
ist einfach furchtbar! Wieso muss ich denn nur immer gleich in Tränen
ausbrechen, wenn ich dich sehe?! Du musst mich ja für einen großen Kindskopf
halten! Jetzt sag’ doch was, oniichan! Sag’ doch endlich was!“
Sophie
wollte die Umarmung lösen, doch Kim hielt sie fest an sich gedrückt.
„Wieso...
hast du mir so selten geschrieben, kleine Sophie? In all den Jahren nur fünf
Briefe von dir... Ich dachte schon...“
Sophie
wich einen halben Schritt zurück um ihrem Bruder in die Augen sehen zu können,
dann legte sie ihren schlanken Finger über Kims Lippen.
„Shht,
Brüderchen! Mach’ mir das bitte nicht zum Vorwurf! Ich wollte dich ja
besuchen, aber...“
Ein
Schatten erschien aus dem Nichts hinter dem Mädchen und sie drehte sich hastig
zu diesem um. Ein dunkelhaariger Mann von stattlicher Statur stand vor den
beiden Geschwistern, in der einen Hand hielt er einen Gehstock mit goldenem
Knauf, in der anderen einen Mantel.
Sophies
Augen fingen an zu funkeln und über ihr ganzes Gesicht legte sich eine
Heiterkeit, die Kim in der Art bei ihr nur sehr selten gesehen hatte. Mit einem
Mal drehte sich das Mädchen wieder zu ihrem Bruder um und atmete tief ein.
„Oniichan...
das ist mein Mann!“ Sie lief hochrot an und druckste etwas herum, scharrte wie
immer, wenn ihr eine Situation etwas unangenehm war, mit ihrem Fuß am Boden.
„Und
Maximilian... mein Bruder Kim! Von ihm habe ich dir ja bereits viel erzählt!“
/Maximilian
von Reichert... Sophie sagte mir, sie würde heiraten... Eine Einladung zur
Hochzeit erhielt ich jedoch nie.../
Von
Reichert lächelte Kim an, doch die Augen verrieten, dass diese Freundlichkeit
nicht echt war. Beide gaben sie sich die Hände, dann legte Maximilian seine
Rechte auf Sophies Schulter.
„Einen
festen Händedruck hat der Bursche ja...“
Kim
wusste nicht, was er mit dieser Bemerkung anfangen sollte und er konnte deutlich
sehen, dass auch Sophie diese Äußerung wohl ziemlich unangenehm war, weil sie
kurz ihre Augen niederschlug.
„Arrgghhh...
hier ist es schrecklich laut! Lasst uns doch an einen etwas abgelegeneren Ort
gehen! Dort können wir uns besser unterhalten!“ schlug Sophie vor und blickte
sich bereits suchend um.
Kim
nickte beiläufig und ging dann voran in die Richtung des Schlossbrunnens, an
welchem sich rechts und links zwei breitere Wege vorbeischlängelten, deren
Pflastersteine an einigen Stellen, befleckt durch kleine Wassertröpfchen, etwas
dunkler erschienen.
Sophie
räkelte sich ein paar Mal und stülpte sich dann den leichten Mantel über, den
Maximilian ihr gereicht hatte.
„Jaa...
hier ist es doch gleich viel angenehmer!“
Auf
Sophies erleichterten Gesichtsausdruck traf der kühle Blick ihres Mannes.
„Lange
werden wir uns hier wohl nicht aufhalten können. Die Luft ist unangenehm
feucht...“
„Du
kannst ja schon einmal ins Schloss gehen, Schatz, wenn es dir hier nicht gefällt!“
konterte das Mädchen scherzhaft und fing sich dabei einen kritischen Blick ein.
„Es
geht hier nicht um mich, sondern um dich, Kleines! Du weißt, was der Arzt
gesagt hat!“
„Jaja...
aber er hat mir auch frische Luft verordnet!“
„Vorausgesetzt,
sie ist warm und nicht zu feucht...“
Schließlich
gab Sophie kleinlaut bei, als ihr klar wurde, dass ihre Proteste nicht
fruchteten.
Kim
sah sie besorgt an und strich ihr mit der rechten Hand behutsam über die heiße
Wange. „Du bist doch nicht etwa krank, Sophie?“
„Aber
nein, Kim! Ich bin nicht krank, aber...“ Ein Lächeln huschte über ihr
Gesicht und mit beiden Händen rieb sie sich über den Bauch.
„Verstehst
du nun?“
Kim
konnte gar nicht glauben, was ihm seine Schwester versuchte mitzuteilen. Er
freute sich für sie und küsste sie auf die Stirn.
„Wann
gedenkst du, Vater zu werden, Kim?“ ertönte die scharfe Stimme Maximilians
und Sophie sah ihren Mann erschrocken an.
Die
beiden Männer musterten sich gegenseitig eine Weile und von Reichert zog seine
Mundwinkel zu einem höhnischen Grinsen.
„Ich...“
Kim suchte nach einer Antwort und wusste doch keine zu geben.
Eine
warme Hand legte sich plötzlich auf Kims Schulter und er vernahm eine vertraute
Stimme an seinem Ohr.
„Mein
Gott, diese Fragen wieder, Maximilian! Wann wirst du endlich erwachsen, huh?“
Heinrich verdrehte übertrieben seine Augen und strich sich eine Strähne seines
blonden Haares hinter das Ohr zurück.
/Wie
kommt es eigentlich, dass Heinrich immer genau dann da ist, wenn ich nicht mehr
weiter weiß? Und wieso kann er überhaupt auf von Reicherts Frage antworten?!
Er wird doch nicht etwa.../
Als
Heinrich sich von allen Dreien misstrauische Blicke einfing, wich er mit schützend
vorgehaltenen Händen einen Schritt rückwärts und grinste beteuernd.
„Ich
lief nur gerade hier vorbei, da hörte ich Maxis Frage und weil ich doch immer
weiß, wie verlegen unser kleiner Freund hier wird, bin ich ihm schnell zu Hilfe
geeilt! Was, wie ihr doch zugeben müsst, sehr fürsorglich von mir war!“ Er
lachte laut.
„So
ganz zufällig warst du natürlich hier...“ spottete von Reichert, der Eduards
Bruder als einen guten Freund sehr wohl kannte.
Kim
tat die Anwesenheit seiner Schwester sehr gut und auch Heinrich verbreitete
jedes Mal gute Laune, wenn er um ihn war.
Als
er diesen Gedanken nachging, nahm er die Stimmen der Drei um sich herum nur sehr
dumpf und verschwommen wahr, alles schien verklärt und wie in einer Art Traum
zu geschehen. Er sah Sophies Gesichtchen lächeln, schnappte einen ernsten Blick
ihres Ehemannes auf und blickte dann zu Heinrich, der mit einem Grinsen dastand
und wild gestikulierte, wahrscheinlich wieder irgendetwas aus seinem wilden
Leben erzählend, bis...
Bis
Heinrichs Miene plötzlich todernst wurde und er abwesend an Sophie vorbei zu
einem Balkon des Schlosses sah. Kim erwachte aus seiner Trance als Eduards
Bruder ihm einmal kurz auf die Schulter klopfte und sich dann von ihnen
entfernte, mit einem einfachen, fast bitter klingenden „Entschuldigt mich!“.
Noch ein kurzer Blick.
/So
voller Mitleid... hast du mich selten angesehen.../ Er blickte dem Blondschopf
hinterher, wie er sich versuchte, einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen
und dabei sämtliche Personen ungewollt anrempelte, die sich dann wohl
beschwerten.
/Woher
auf einmal diese Gemütsschwankung? Seine Augen so plötzlich erfüllt von
Strenge, fast schon Furcht. Wohin hat er gesehen? Er blickte in diese Richtung.
Genau hier vorbei an Sophie... aber was sah er?/
Suchend
fuhr Kim mit seinen hellen Augen alles ab.
/Es
schnürt mir die Brust ab. Niemals. Niemals hätte ich mich darauf einlassen
sollen. O Gott... das Schicksal nimmt heute seinen Gang... und ich muss hilflos
dabei zusehen, wie es ihnen das Herz zerbricht.../ Verbissen kämpfte sich
Heinrich durch die dicht gedrängten Menschen, immer weiter auf den Eingang des
Schlosses zu.
/Und
ich bin schuld, was soll ich tun? Es ist... zu spät. Viel zu...! Heinrich, was
hast du nur getan?! Sie werden dich dafür hassen... /
Kim
gab es schließlich auf, die Gegend nach etwas Auffälligem abzusuchen. Welchen
Sinn machte das schon? Wahrscheinlich war Heinrich nur etwas wichtiges
eingefallen oder er hatte etwas mit einem Freund zu bereden, das nicht warten
konnte.
/Aber
weshalb dieser verzweifelte, steinerne Blick, den ich bisher noch nie bei ihm
bemerkt habe? Er gibt mir immer wieder Rätsel auf, die ich zu lösen nicht fähig
bin.../
„Kim?
Träumst du schon wieder vor dich hin?“ fragte Sophie vorsichtig und zupfte
dabei leicht an Kims Hemdärmel, bis der Junge schließlich auf ihre Worte
reagierte.
„...“
„Die
meisten Gäste haben sich nun schon zu Tisch begeben, wir sollten auch langsam
ins Schloss gehen, sonst fangen sie ohne uns an! Du bist doch sicher auch
hungrig, oniichan?“
Noch
bevor Sophie ihren Satz zuende gesprochen hatte, war Kim losgelaufen. Direkt auf
das Schloss zu und hatte das Mädchen zusammen mit ihrem Gemahl einfach stehen
gelassen.
/Was
hast du nur, mein Bruder? Dich bedrückt etwas, das kann ich sehen. Und du weißt
nicht, wie sehr es mich kränkt, wenn du mir so wenig Beachtung schenkst, wo wir
uns schon so lange nicht mehr gesehen haben. Ich bin dir unwichtig geworden,
nicht wahr? Der Kummer hat dein Herz aufgezehrt und nagt noch immer in dir!“
Sophie warf von Reichert einen scheuen Blick zu, versuchte dann aber zu lächeln.
Zusammen begaben auch sie sich schließlich zum Eingang des Schlosses.
Kim
betrat die Treppe zum Speisesaal nur mit Widerwillen. Die steinernen Stufen
waren bedeckt mit einem roten Teppich, auf dem sich schon einige dunkle Flecken
gebildet hatten, die die Gäste mit ihren schmutzigen Schuhen darauf
hinterlassen hatten. Zwar kannte er den Aufgang ganz genau, wo er doch selbst
als Bediensteter ab und zu das Essen in den Festsaal brachte, doch heute
schienen ihm die Stufen ein fremdes Hindernis. Abwesend schweifte er mit seinen
Augen über die Gemälde, die in goldene Rahmen gefasst, die Wände verschönerten,
auch wenn sie in so großer Stückzahl schon fast etwas überladen wirkten.
Schritt für Schritt, dicht gefolgt von weiteren Gästen, die es ebenso zu den
reich gedeckten Tafeln zog, wie alle anderen, arbeitet sich Kim vor, wobei er
immer Acht geben musste, der älteren Dame, die vor ihm herging, nicht auf die
lange Schleppe am Kleid zu treten.
Am
Ende der Treppe befand sich ein schmaler Gang, der direkt zwischen den massiven
Eingangstüren des festlichen Speisesaales endete. Leise Musik drang schon aus
diesem hervor und das Klirren der Teller und Gläser hallte an den kalten
dunklen Wänden wider.
Kim
zögerte, bevor er eintrat und atmete tief durch, als er einen dicklichen jungen
Mann mit leichtem Schnurrbart auf sich zueilen sah.
„Du
bist sicher Kim, nicht wahr?“ /Bernard sprach von einem Jungen mit schmaler Hüfte
und auffallend hellen Augen, er muss es sein.../
Der
Junge nickte dem Mann stumm entgegen.
„Sehr
gut. Ich hatte schon Angst, du könntest mir bei diesen Massen an Menschen durch
die Finger gleiten!“ Kim sah sein Gegenüber erstaunt an, denn dessen Kopf
lief bei diesen Worten hochrot an.
„Was
fasle ich nur wieder. Bitte folge mir. Ich bin übrigens ein sehr guter Freund
von Joséphine. Ich soll dich zu deinem Platz bringen. Die zwei Geschwister
wollen dich in ihrer Nähe haben...“
Als
Kim an den langen Tisch trat, blinzelte ihm Joséphine durch ihre langen Wimpern
in die Augen und lächelte zart dabei. „Setz’ dich zu mir, lieber Freund!“
Sie deutete mit ihrer Hand auf einen Stuhl an ihrer Seite, doch bevor Kim Platz
nehmen konnte, drängte sich eine große hagere Gestalt zwischen ihn und
Bernards Schwester. Die fremde Person zeigte Kim den Rücken und stemmte ihre dünnen
Arme in die nichtvorhandenen Hüften.
„Was
soll denn das, Joséphine? Soll ich mich etwa zu Luitbert am anderen Ende des
Tisches setzen? So behandelt man also seine Freundin, ja?“ Aufgebracht drehte
sich das große Mädchen mit verschränkten Armen und mit Schmollmund zur Seite.
„Oje,
Amélie... Ich dachte, du säßest gerne bei Luitbert... Wartest du nicht schon
die ganze Zeit darauf, dass er dich anspricht? Ich dachte, dieses Essen würde
die Gelegenheit für dich bieten. Bitte verzeih, wenn ich mich getäuscht haben
sollte!“
Amélie
blies angewidert ihre Wangen auf : „Ich und Luitbert? Bist du denn des
Wahnsinns? Wann war ich an diesem Ekelpaket interessiert? Vielleicht in deinen
Träumen, Joséphine . Ich kann mich nicht neben ihn setzen, das ist ganz
ausgeschlossen! Ganz ausgeschlossen!“ Kim beobachtete, wie die Wangen des Mädchens
bei diesen Worten feuerrot wurden und er musste sich ein Schmunzeln verkneifen.
Natürlich war Amélie an diesem Luitbert interessiert, doch zugeben wollte sie
dies auf keinen Fall, und allein neben ihm sitzen schon gar nicht.
Joséphine
sah sich suchend um. „Diese Situation ist nun etwas... schwierig, wo ich doch
alle Plätze neben mir schon eingeteilt habe. Ich kann da leider nichts
mehr...“
Plötzlich
legte Kim dem Mädchen eine Hand auf die Schulter.
„Amélie
kann meinen Platz haben, wenn sie unbedingt neben dir sitzen möchte. Ihr zwei
habt euch sicher viel zu erzählen und ich würde dich vielleicht nur
langweilen, weil mir wieder kein geeignetes Gesprächsthema einfällt!“
Joséphine
sah Kim dankbar an. Durch dieses Angebot hatte sie sich viel Ärger mit Amélie
erspart. So liebenswert ihre Freundin auch war, umso nachtragender konnte sie
jedoch sein, wenn ihr etwas gegen den Strich ging.
Kim
begab sich also an einen etwas entfernteren Tisch und nahm neben einem etwas
blassen Mann mit rotblondem Haar Platz, der sich bereits genüsslich ein Gläschen
Wein zu Gemüte führte und mit der rechten Hand unaufhörlich an seiner Gabel
herumspielte.
Der
Stuhl quietschte leicht, als Kim sich setze, doch das Geräusch ging in dem
Gebrabbel und Gemurmel der Gäste restlos unter. Die zwei Stühle links von Kim
waren leer, blieben vielleicht auch leer, er wusste es nicht und es kümmerte
ihn auch wenig, denn mit Sicherheit hatte Joséphine Heinrich oder Bernard ganz
in ihre Nähe gesetzt, um sich mit ihnen unterhalten zu können. Und Heinrich saß
tatsächlich nicht weit entfernt von dem Mädchen, umringt von jungen Männern,
die ungefähr sein Alter zu haben schienen. Als er Kim erblickte grüßte er ihn
mit einem Kopfnicken.
/Als
wäre nichts geschehen. Ich glaube, ich habe mir umsonst Sorgen gemacht.
Heinrich scheint sich vergnügt zu unterhalten.../
Eine
Weile lauschte Kim den leisen Klängen des Ensembles, dass bei dem Lärm im Saal
Probleme hatte, sich durchzusetzen.
Dann,
nach einigen Augenblicken bemerkte er, dass der Stuhl zu seiner Linken zurückgezogen
wurde.
/Also
bekomme ich doch noch einen Tischnachbarn.../
Er
erblickte ein junges Dienstmädchen, dem er auf Wielnach noch nie begegnet war.
Vermutlich war sie sonst in einem anderen, abgelegeneren Bereich des Schlosses tätig.
Sie zog den Stuhl an der Lehne zurück und trat anschließend zwei kleine
Schritte nach hinten um für den Gast Platz zu machen.
„Bitte
sehr, mein Herr!“ hörte Kim sie noch leise sprechen.
Kim,
der nun alles nur noch aus seinen Augenwinkeln beobachtete, um mit seinen
Blicken nicht neugierig oder aufdringlich zu wirken, stockte plötzlich der
Atem.
/Verflucht!/
Die
Person neben ihm nahm Platz.
/Nein,
Kim... atme tief ein und aus... lass’ dich nicht verwirren von der Anwesenheit
dieses Mannes!/
Kim
schluckte, sein Atem ging schneller.
/Ich
kann nicht... nicht nach links sehen, nicht zu ihm sehen... nicht in seine
Augen, da ich sonst ertrinken würde... Ich kann... nicht.../
Seine
Augen weiteten sich, als er plötzlich eine leichte Berührung an seiner Hand spürte
und wenig später eine warme tiefe Stimme vernahm.
„Weshalb
zitterst du so, geht es dir nicht gut?“
/Wie...
kann er mich das fragen? Macht er sich Sorgen um mich oder... zittere ich
wirklich so sehr, dass es so aussieht, als wäre ich todkrank?! Das Herz schlägt
mir bis zum Hals, ich kann kaum atmen. Wieso muss er... wieso muss ausgerechnet
von Sinnt an meiner Seite sitzen?!/
Kim
versuchte gelassen nach links zu Blicken, doch erneut überkam ihn eine
schreckliche Nervosität, als er in die Augen des Grafen blickte.
/So
kalt... ich erfriere in seinem kühlen, doch wunderschönen Gesicht. Wieso zeigt
er nie seine Gefühle? Kann er es nicht? Oder spürt er nichts? Aber wenn dem so
ist, wieso hat er mir dann diese Frage gestellt?/
Er
versuchte ein Lächeln, doch es prallte unbeachtet an dem finsteren
Gesichtsausdruck von Sinnts ab, dessen Hand noch immer auf Kims ruhte.
„Vielen
Dank. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Es geht mir...“ Er musste kurz
tief durchatmen, da es ihm sonst die Stimme verschlagen hätte.
„Es
geht mir sehr gut...“
Schweigen.
Es
dauerte eine halbe Ewigkeit, wie es Kim vorkam, bevor von Sinnt endlich seine
behandschuhte Hand von der des Jungen nahm um sich eine Strähne seines Haares
nach hinten zu streichen, die ihn offensichtlich in der Stirn störte.
Vertraulich
beugte sich der Graf zu Kims Ohr und er konnte den warmen Atem des Mannes in
seinem Nacken spüren, was ihn fast zum Wahnsinn trieb.
Ein
leises Flüstern und doch kam dadurch die Stimme von Sinnts weich zur Geltung:
„Wer
sagt denn, dass ich mir um dich Sorgen gemacht habe, Kleiner? Ich wollte nur
sicher gehen, dass ich mir keine Krankheit zuziehe, wenn ich neben dir sitze!“
Der
Tonfall war bitter und durchtränkte Kims Herz wie ein eisiger Windhauch.
Fast
wütend starrte er dem Grafen ins Gesicht, doch dieser hatte seine
Aufmerksamkeit bereits auf seine Frau gerichtet, die sich neben ihn gesetzt
hatte und sich mit dem Fächer ununterbrochen frische Luft zuwedelte.
Kim
schloss unsicher kurz seine Augen und richtete sie wieder auf den Teller, der
vor ihm auf dem Tisch stand.
/Ich
glaube weinen zu müssen, doch warum? Konnten mich die Worte dieses Mannes so
tief verletzen? Vielleicht nur, weil... er... wie sein Spiegelbild... und Eduard
hätte so etwas nie zu mir gesagt.../
Kim
bemerkte in seiner Aufgewühltheit nicht, dass Heinrich schon die ganze Zeit zu
ihm herüber sah, jede seiner Bewegungen genau beobachtete und dabei abwesend
mit seinem Daumen an der glatten Oberfläche eines Weinglases entlang fuhr.
/Und
ich bin schuld, was soll ich tun?/
Gedanken,
die er schreien wollte und die doch in seinem Innersten ungehört verstummten.
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