Part 5

Part 9:

 

Ein beklemmendes Gefühl machte sich in Kims Innerstem breit, schien sich von seiner Brust aus immer weiter zu ziehen, bis er starke Schwierigkeiten beim Atmen hatte und meinte, sein Herz müsste jeden Augenblick zerbersten. Etwas desorientiert schlenderte er mit kleinen Schritten zurück zu dem menschenüberfüllten Vorplatz des Schlosses, auf dem sich inzwischen sicherlich auch wieder Joséphine und ihre Freundinnen herumtrieben. Ob sie noch immer von der eben vorgefallenen Sache sprachen? Oder war es für sie so eindeutig ein Scherz gewesen, dass sie keine Gedanken mehr daran verschwendeten und ihre Aufmerksamkeit wieder anderen Attraktionen widmeten? Eigentlich konnte es ihm doch egal sein, was sie dachten, was sie sagten oder was sie vielleicht sogar herumerzählten. In der Öffentlichkeit war sein Ruf sowieso schon geschändet. Auch wenn die Gäste versuchten, ihm keine kritischen Blicke zuzuwerfen, so fühlte er sich doch immer aufs Genaueste beobachtet, von allen Seiten. Manchmal meinte er sogar, im Vorbeilaufen sehen zu können, wie sich die mit zahlreichen Ringen geschmückten Hände hoben und wie hinter diesen undeutlich Gerüchte genuschelt wurden.

/Drei Jahre ist es her... die Leute müssten doch vergessen.../

Vielleicht versuchten die Menschen freundlich zu ihm zu sein, doch insgeheim war jedem klar, dass sie sich in gewisser Weise abgestoßen fühlten.

Kims Blicke wanderten die kleinen Unebenheiten des steinigen Untergrundes ab. Er blickte nicht gerne nach oben, wenn er niemanden an seiner Seite hatte, den er ansehen konnte. Manchmal wurde ihm regelrecht schwindlig, wenn er versuchte, geradeaus zu sehen, in ein Nichts, das von Menschen nur so überquoll. Weshalb lief er hier eigentlich sinnlos über den Schlosshof? Vielleicht in der Hoffnung, auf Heinrich zu treffen, um ... ja wozu? Glaubte er denn ernsthaft, dass es Eduards Bruder auch nur einen Deut interessieren würde, was er zu erzählen hätte? Und im Grunde gab es auch nichts zu sagen. Wo war eigentlich Bernard? Erst jetzt bemerkte Kim, dass er die ganze Zeit mit dem kleinen silbrig schimmernden Kristall in der Tasche seiner Hose gespielt hatte. Immer wieder hatte er das Schmuckstück durch seinen Zeige- und Mittelfinger gleiten lassen, es dann mit dem Daumen aufgenommen um wenig später das ganze von vorne zu beginnen.

 

 

„Rate mal, wer ich bin!“ erklang plötzlich eine sanfte glockenhelle Stimme und Kim spürte, wie sich zwei in samtige Handschuhe gekleidete zierliche Hände über seine Augen legten und ihm die Sicht nahmen. Erst stockte Kim in seiner Bewegung, doch als er sich schließlich umdrehte und dann in zwei strahlend blaue Augen blickte, die ihm lieb zublinzelten, fühlte er in sich eine unbeschreibliche Leichtigkeit aufsteigen.

„Ja, Kim- oniichan, du darfst deinen Augen ruhig trauen! Dein herzallerliebstes wunderschönes und natürlich auch sehr glückliches kleines Schwesterchen steht vor dir!“ Mit weiten Augen sahen sich die beiden an und Kim stellte schmunzelnd fest, dass sich Sophie zumindest in einem niemals verändern würde. – In ihrem Hang zum Tränenvergießen. Kim konnte sehen, wie das Mädchen sich darum bemühte, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, wie sie versuchte, einmal Stärke zu beweisen, was ihr allerdings wenig später misslang als sie sich laut schluchzend um den Hals ihres Bruders warf.

„Oniichan... icha...n! Das ist ja so furchtbar!”

Kim streichelte liebevoll Sophies Rücken, wobei seine Hand ihr goldenes Haar berührte. Wie lange hatte er so etwas sanftes schon nicht mehr auf seiner Haut gespürt. Es zehrte ihn plötzlich regelrecht danach, dem Mädchen in den Haaren herumzuwühlen, so wie er es früher oft getan hatte, doch er ließ von diesem Gedanken amüsiert ab, würde diese Anwandlung für die Umstehenden doch sicher äußerst lächerlich erscheinen.

„Es ist einfach furchtbar! Wieso muss ich denn nur immer gleich in Tränen ausbrechen, wenn ich dich sehe?! Du musst mich ja für einen großen Kindskopf halten! Jetzt sag’ doch was, oniichan! Sag’ doch endlich was!“

Sophie wollte die Umarmung lösen, doch Kim hielt sie fest an sich gedrückt.

„Wieso... hast du mir so selten geschrieben, kleine Sophie? In all den Jahren nur fünf Briefe von dir... Ich dachte schon...“

Sophie wich einen halben Schritt zurück um ihrem Bruder in die Augen sehen zu können, dann legte sie ihren schlanken Finger über Kims Lippen.

„Shht, Brüderchen! Mach’ mir das bitte nicht zum Vorwurf! Ich wollte dich ja besuchen, aber...“

Ein Schatten erschien aus dem Nichts hinter dem Mädchen und sie drehte sich hastig zu diesem um. Ein dunkelhaariger Mann von stattlicher Statur stand vor den beiden Geschwistern, in der einen Hand hielt er einen Gehstock mit goldenem Knauf, in der anderen einen Mantel.

Sophies Augen fingen an zu funkeln und über ihr ganzes Gesicht legte sich eine Heiterkeit, die Kim in der Art bei ihr nur sehr selten gesehen hatte. Mit einem Mal drehte sich das Mädchen wieder zu ihrem Bruder um und atmete tief ein.

„Oniichan... das ist mein Mann!“ Sie lief hochrot an und druckste etwas herum, scharrte wie immer, wenn ihr eine Situation etwas unangenehm war, mit ihrem Fuß am Boden.

„Und Maximilian... mein Bruder Kim! Von ihm habe ich dir ja bereits viel erzählt!“

 

/Maximilian von Reichert... Sophie sagte mir, sie würde heiraten... Eine Einladung zur Hochzeit erhielt ich jedoch nie.../

 

Von Reichert lächelte Kim an, doch die Augen verrieten, dass diese Freundlichkeit nicht echt war. Beide gaben sie sich die Hände, dann legte Maximilian seine Rechte auf Sophies Schulter.

„Einen festen Händedruck hat der Bursche ja...“

Kim wusste nicht, was er mit dieser Bemerkung anfangen sollte und er konnte deutlich sehen, dass auch Sophie diese Äußerung wohl ziemlich unangenehm war, weil sie kurz ihre Augen niederschlug.

„Arrgghhh... hier ist es schrecklich laut! Lasst uns doch an einen etwas abgelegeneren Ort gehen! Dort können wir uns besser unterhalten!“ schlug Sophie vor und blickte sich bereits suchend um.

Kim nickte beiläufig und ging dann voran in die Richtung des Schlossbrunnens, an welchem sich rechts und links zwei breitere Wege vorbeischlängelten, deren Pflastersteine an einigen Stellen, befleckt durch kleine Wassertröpfchen, etwas dunkler erschienen.

Sophie räkelte sich ein paar Mal und stülpte sich dann den leichten Mantel über, den Maximilian ihr gereicht hatte.

„Jaa... hier ist es doch gleich viel angenehmer!“

Auf Sophies erleichterten Gesichtsausdruck traf der kühle Blick ihres Mannes.

„Lange werden wir uns hier wohl nicht aufhalten können. Die Luft ist unangenehm feucht...“

„Du kannst ja schon einmal ins Schloss gehen, Schatz, wenn es dir hier nicht gefällt!“ konterte das Mädchen scherzhaft und fing sich dabei einen kritischen Blick ein.

„Es geht hier nicht um mich, sondern um dich, Kleines! Du weißt, was der Arzt gesagt hat!“

„Jaja... aber er hat mir auch frische Luft verordnet!“

„Vorausgesetzt, sie ist warm und nicht zu feucht...“

Schließlich gab Sophie kleinlaut bei, als ihr klar wurde, dass ihre Proteste nicht fruchteten.

Kim sah sie besorgt an und strich ihr mit der rechten Hand behutsam über die heiße Wange. „Du bist doch nicht etwa krank, Sophie?“

„Aber nein, Kim! Ich bin nicht krank, aber...“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und mit beiden Händen rieb sie sich über den Bauch.

„Verstehst du nun?“

Kim konnte gar nicht glauben, was ihm seine Schwester versuchte mitzuteilen. Er freute sich für sie und küsste sie auf die Stirn.

„Wann gedenkst du, Vater zu werden, Kim?“ ertönte die scharfe Stimme Maximilians und Sophie sah ihren Mann erschrocken an.

Die beiden Männer musterten sich gegenseitig eine Weile und von Reichert zog seine Mundwinkel zu einem höhnischen Grinsen.

„Ich...“ Kim suchte nach einer Antwort und wusste doch keine zu geben.

 

Eine warme Hand legte sich plötzlich auf Kims Schulter und er vernahm eine vertraute Stimme an seinem Ohr.

„Mein Gott, diese Fragen wieder, Maximilian! Wann wirst du endlich erwachsen, huh?“ Heinrich verdrehte übertrieben seine Augen und strich sich eine Strähne seines blonden Haares hinter das Ohr zurück.

/Wie kommt es eigentlich, dass Heinrich immer genau dann da ist, wenn ich nicht mehr weiter weiß? Und wieso kann er überhaupt auf von Reicherts Frage antworten?! Er wird doch nicht etwa.../

Als Heinrich sich von allen Dreien misstrauische Blicke einfing, wich er mit schützend vorgehaltenen Händen einen Schritt rückwärts und grinste beteuernd.

„Ich lief nur gerade hier vorbei, da hörte ich Maxis Frage und weil ich doch immer weiß, wie verlegen unser kleiner Freund hier wird, bin ich ihm schnell zu Hilfe geeilt! Was, wie ihr doch zugeben müsst, sehr fürsorglich von mir war!“ Er lachte laut.

„So ganz zufällig warst du natürlich hier...“ spottete von Reichert, der Eduards Bruder als einen guten Freund sehr wohl kannte.

Kim tat die Anwesenheit seiner Schwester sehr gut und auch Heinrich verbreitete jedes Mal gute Laune, wenn er um ihn war.

 

Als er diesen Gedanken nachging, nahm er die Stimmen der Drei um sich herum nur sehr dumpf und verschwommen wahr, alles schien verklärt und wie in einer Art Traum zu geschehen. Er sah Sophies Gesichtchen lächeln, schnappte einen ernsten Blick ihres Ehemannes auf und blickte dann zu Heinrich, der mit einem Grinsen dastand und wild gestikulierte, wahrscheinlich wieder irgendetwas aus seinem wilden Leben erzählend, bis...

Bis Heinrichs Miene plötzlich todernst wurde und er abwesend an Sophie vorbei zu einem Balkon des Schlosses sah. Kim erwachte aus seiner Trance als Eduards Bruder ihm einmal kurz auf die Schulter klopfte und sich dann von ihnen entfernte, mit einem einfachen, fast bitter klingenden „Entschuldigt mich!“. Noch ein kurzer Blick.

 

/So voller Mitleid... hast du mich selten angesehen.../ Er blickte dem Blondschopf hinterher, wie er sich versuchte, einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen und dabei sämtliche Personen ungewollt anrempelte, die sich dann wohl beschwerten.

/Woher auf einmal diese Gemütsschwankung? Seine Augen so plötzlich erfüllt von Strenge, fast schon Furcht. Wohin hat er gesehen? Er blickte in diese Richtung. Genau hier vorbei an Sophie... aber was sah er?/

Suchend fuhr Kim mit seinen hellen Augen alles ab.

 

 

 

/Es schnürt mir die Brust ab. Niemals. Niemals hätte ich mich darauf einlassen sollen. O Gott... das Schicksal nimmt heute seinen Gang... und ich muss hilflos dabei zusehen, wie es ihnen das Herz zerbricht.../ Verbissen kämpfte sich Heinrich durch die dicht gedrängten Menschen, immer weiter auf den Eingang des Schlosses zu.

/Und ich bin schuld, was soll ich tun? Es ist... zu spät. Viel zu...! Heinrich, was hast du nur getan?! Sie werden dich dafür hassen... /

 

 

 

 

Kim gab es schließlich auf, die Gegend nach etwas Auffälligem abzusuchen. Welchen Sinn machte das schon? Wahrscheinlich war Heinrich nur etwas wichtiges eingefallen oder er hatte etwas mit einem Freund zu bereden, das nicht warten konnte.

/Aber weshalb dieser verzweifelte, steinerne Blick, den ich bisher noch nie bei ihm bemerkt habe? Er gibt mir immer wieder Rätsel auf, die ich zu lösen nicht fähig bin.../

„Kim? Träumst du schon wieder vor dich hin?“ fragte Sophie vorsichtig und zupfte dabei leicht an Kims Hemdärmel, bis der Junge schließlich auf ihre Worte reagierte.

„...“

„Die meisten Gäste haben sich nun schon zu Tisch begeben, wir sollten auch langsam ins Schloss gehen, sonst fangen sie ohne uns an! Du bist doch sicher auch hungrig, oniichan?“

Noch bevor Sophie ihren Satz zuende gesprochen hatte, war Kim losgelaufen. Direkt auf das Schloss zu und hatte das Mädchen zusammen mit ihrem Gemahl einfach stehen gelassen.

/Was hast du nur, mein Bruder? Dich bedrückt etwas, das kann ich sehen. Und du weißt nicht, wie sehr es mich kränkt, wenn du mir so wenig Beachtung schenkst, wo wir uns schon so lange nicht mehr gesehen haben. Ich bin dir unwichtig geworden, nicht wahr? Der Kummer hat dein Herz aufgezehrt und nagt noch immer in dir!“ Sophie warf von Reichert einen scheuen Blick zu, versuchte dann aber zu lächeln. Zusammen begaben auch sie sich schließlich zum Eingang des Schlosses.

 

 

 

Kim betrat die Treppe zum Speisesaal nur mit Widerwillen. Die steinernen Stufen waren bedeckt mit einem roten Teppich, auf dem sich schon einige dunkle Flecken gebildet hatten, die die Gäste mit ihren schmutzigen Schuhen darauf hinterlassen hatten. Zwar kannte er den Aufgang ganz genau, wo er doch selbst als Bediensteter ab und zu das Essen in den Festsaal brachte, doch heute schienen ihm die Stufen ein fremdes Hindernis. Abwesend schweifte er mit seinen Augen über die Gemälde, die in goldene Rahmen gefasst, die Wände verschönerten, auch wenn sie in so großer Stückzahl schon fast etwas überladen wirkten. Schritt für Schritt, dicht gefolgt von weiteren Gästen, die es ebenso zu den reich gedeckten Tafeln zog, wie alle anderen, arbeitet sich Kim vor, wobei er immer Acht geben musste, der älteren Dame, die vor ihm herging, nicht auf die lange Schleppe am Kleid zu treten.

Am Ende der Treppe befand sich ein schmaler Gang, der direkt zwischen den massiven Eingangstüren des festlichen Speisesaales endete. Leise Musik drang schon aus diesem hervor und das Klirren der Teller und Gläser hallte an den kalten dunklen Wänden wider.

Kim zögerte, bevor er eintrat und atmete tief durch, als er einen dicklichen jungen Mann mit leichtem Schnurrbart auf sich zueilen sah.

„Du bist sicher Kim, nicht wahr?“ /Bernard sprach von einem Jungen mit schmaler Hüfte und auffallend hellen Augen, er muss es sein.../

Der Junge nickte dem Mann stumm entgegen.

„Sehr gut. Ich hatte schon Angst, du könntest mir bei diesen Massen an Menschen durch die Finger gleiten!“ Kim sah sein Gegenüber erstaunt an, denn dessen Kopf lief bei diesen Worten hochrot an.

„Was fasle ich nur wieder. Bitte folge mir. Ich bin übrigens ein sehr guter Freund von Joséphine. Ich soll dich zu deinem Platz bringen. Die zwei Geschwister wollen dich in ihrer Nähe haben...“

 

Als Kim an den langen Tisch trat, blinzelte ihm Joséphine durch ihre langen Wimpern in die Augen und lächelte zart dabei. „Setz’ dich zu mir, lieber Freund!“ Sie deutete mit ihrer Hand auf einen Stuhl an ihrer Seite, doch bevor Kim Platz nehmen konnte, drängte sich eine große hagere Gestalt zwischen ihn und Bernards Schwester. Die fremde Person zeigte Kim den Rücken und stemmte ihre dünnen Arme in die nichtvorhandenen Hüften.

„Was soll denn das, Joséphine? Soll ich mich etwa zu Luitbert am anderen Ende des Tisches setzen? So behandelt man also seine Freundin, ja?“ Aufgebracht drehte sich das große Mädchen mit verschränkten Armen und mit Schmollmund zur Seite.

„Oje, Amélie... Ich dachte, du säßest gerne bei Luitbert... Wartest du nicht schon die ganze Zeit darauf, dass er dich anspricht? Ich dachte, dieses Essen würde die Gelegenheit für dich bieten. Bitte verzeih, wenn ich mich getäuscht haben sollte!“

Amélie blies angewidert ihre Wangen auf : „Ich und Luitbert? Bist du denn des Wahnsinns? Wann war ich an diesem Ekelpaket interessiert? Vielleicht in deinen Träumen, Joséphine . Ich kann mich nicht neben ihn setzen, das ist ganz ausgeschlossen! Ganz ausgeschlossen!“ Kim beobachtete, wie die Wangen des Mädchens bei diesen Worten feuerrot wurden und er musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Natürlich war Amélie an diesem Luitbert interessiert, doch zugeben wollte sie dies auf keinen Fall, und allein neben ihm sitzen schon gar nicht.

Joséphine sah sich suchend um. „Diese Situation ist nun etwas... schwierig, wo ich doch alle Plätze neben mir schon eingeteilt habe. Ich kann da leider nichts mehr...“

Plötzlich legte Kim dem Mädchen eine Hand auf die Schulter.

„Amélie kann meinen Platz haben, wenn sie unbedingt neben dir sitzen möchte. Ihr zwei habt euch sicher viel zu erzählen und ich würde dich vielleicht nur langweilen, weil mir wieder kein geeignetes Gesprächsthema einfällt!“

Joséphine sah Kim dankbar an. Durch dieses Angebot hatte sie sich viel Ärger mit Amélie erspart. So liebenswert ihre Freundin auch war, umso nachtragender konnte sie jedoch sein, wenn ihr etwas gegen den Strich ging.

 

Kim begab sich also an einen etwas entfernteren Tisch und nahm neben einem etwas blassen Mann mit rotblondem Haar Platz, der sich bereits genüsslich ein Gläschen Wein zu Gemüte führte und mit der rechten Hand unaufhörlich an seiner Gabel herumspielte.

Der Stuhl quietschte leicht, als Kim sich setze, doch das Geräusch ging in dem Gebrabbel und Gemurmel der Gäste restlos unter. Die zwei Stühle links von Kim waren leer, blieben vielleicht auch leer, er wusste es nicht und es kümmerte ihn auch wenig, denn mit Sicherheit hatte Joséphine Heinrich oder Bernard ganz in ihre Nähe gesetzt, um sich mit ihnen unterhalten zu können. Und Heinrich saß tatsächlich nicht weit entfernt von dem Mädchen, umringt von jungen Männern, die ungefähr sein Alter zu haben schienen. Als er Kim erblickte grüßte er ihn mit einem Kopfnicken.

/Als wäre nichts geschehen. Ich glaube, ich habe mir umsonst Sorgen gemacht. Heinrich scheint sich vergnügt zu unterhalten.../

 

Eine Weile lauschte Kim den leisen Klängen des Ensembles, dass bei dem Lärm im Saal Probleme hatte, sich durchzusetzen.

Dann, nach einigen Augenblicken bemerkte er, dass der Stuhl zu seiner Linken zurückgezogen wurde.

/Also bekomme ich doch noch einen Tischnachbarn.../

Er erblickte ein junges Dienstmädchen, dem er auf Wielnach noch nie begegnet war. Vermutlich war sie sonst in einem anderen, abgelegeneren Bereich des Schlosses tätig. Sie zog den Stuhl an der Lehne zurück und trat anschließend zwei kleine Schritte nach hinten um für den Gast Platz zu machen.

„Bitte sehr, mein Herr!“ hörte Kim sie noch leise sprechen.

Kim, der nun alles nur noch aus seinen Augenwinkeln beobachtete, um mit seinen Blicken nicht neugierig oder aufdringlich zu wirken, stockte plötzlich der Atem.

 

/Verflucht!/

 

Die Person neben ihm nahm Platz.

 

/Nein, Kim... atme tief ein und aus... lass’ dich nicht verwirren von der Anwesenheit dieses Mannes!/

 

Kim schluckte, sein Atem ging schneller.

 

/Ich kann nicht... nicht nach links sehen, nicht zu ihm sehen... nicht in seine Augen, da ich sonst ertrinken würde... Ich kann... nicht.../

Seine Augen weiteten sich, als er plötzlich eine leichte Berührung an seiner Hand spürte und wenig später eine warme tiefe Stimme vernahm.

 

„Weshalb zitterst du so, geht es dir nicht gut?“

/Wie... kann er mich das fragen? Macht er sich Sorgen um mich oder... zittere ich wirklich so sehr, dass es so aussieht, als wäre ich todkrank?! Das Herz schlägt mir bis zum Hals, ich kann kaum atmen. Wieso muss er... wieso muss ausgerechnet von Sinnt an meiner Seite sitzen?!/

 

Kim versuchte gelassen nach links zu Blicken, doch erneut überkam ihn eine schreckliche Nervosität, als er in die Augen des Grafen blickte.

 

/So kalt... ich erfriere in seinem kühlen, doch wunderschönen Gesicht. Wieso zeigt er nie seine Gefühle? Kann er es nicht? Oder spürt er nichts? Aber wenn dem so ist, wieso hat er mir dann diese Frage gestellt?/

 

Er versuchte ein Lächeln, doch es prallte unbeachtet an dem finsteren Gesichtsausdruck von Sinnts ab, dessen Hand noch immer auf Kims ruhte.

 

„Vielen Dank. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Es geht mir...“ Er musste kurz tief durchatmen, da es ihm sonst die Stimme verschlagen hätte.

„Es geht mir sehr gut...“

 

Schweigen.

 

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, wie es Kim vorkam, bevor von Sinnt endlich seine behandschuhte Hand von der des Jungen nahm um sich eine Strähne seines Haares nach hinten zu streichen, die ihn offensichtlich in der Stirn störte.

Vertraulich beugte sich der Graf zu Kims Ohr und er konnte den warmen Atem des Mannes in seinem Nacken spüren, was ihn fast zum Wahnsinn trieb.

Ein leises Flüstern und doch kam dadurch die Stimme von Sinnts weich zur Geltung:

„Wer sagt denn, dass ich mir um dich Sorgen gemacht habe, Kleiner? Ich wollte nur sicher gehen, dass ich mir keine Krankheit zuziehe, wenn ich neben dir sitze!“

 

Der Tonfall war bitter und durchtränkte Kims Herz wie ein eisiger Windhauch.

Fast wütend starrte er dem Grafen ins Gesicht, doch dieser hatte seine Aufmerksamkeit bereits auf seine Frau gerichtet, die sich neben ihn gesetzt hatte und sich mit dem Fächer ununterbrochen frische Luft zuwedelte.

Kim schloss unsicher kurz seine Augen und richtete sie wieder auf den Teller, der vor ihm auf dem Tisch stand.

/Ich glaube weinen zu müssen, doch warum? Konnten mich die Worte dieses Mannes so tief verletzen? Vielleicht nur, weil... er... wie sein Spiegelbild... und Eduard hätte so etwas nie zu mir gesagt.../

 

 

Kim bemerkte in seiner Aufgewühltheit nicht, dass Heinrich schon die ganze Zeit zu ihm herüber sah, jede seiner Bewegungen genau beobachtete und dabei abwesend mit seinem Daumen an der glatten Oberfläche eines Weinglases entlang fuhr.

 

/Und ich bin schuld, was soll ich tun?/

Gedanken, die er schreien wollte und die doch in seinem Innersten ungehört verstummten.

****************************************

You must set the /tmp/ad_network_ads.txt file to be writable (check file name as well).