Forgiveable Sinner 3

Part 3: Graf von Kalau

Die Zeit bis zum Frühstück war wie im Fluge vergangen. Nach der Begegnung mit dem Fremden war Sophie noch eine Weile bei Kim im Zimmer geblieben, doch die zwei hatten fast kein Wort seitdem miteinander gewechselt. Für Kim war es durchaus nichts ungewöhnliches, wenn er für längere Zeit nichts sagte, er war sowieso immer ziemlich verschlossen und dachte lieber in sich hinein, als anderen seine Gedanken mitzuteilen. Aber Sophie... was war mit seiner kleinen Schwester los? Sonst konnte sie die Menschen in ihrem Umfeld doch auch immer unterhalten. Mit den unwichtigsten Dingen schwatzte sie sie voll und genau das war es, was alle so liebenswert an ihr fanden. Immer, wenn seine Eltern Besuch hatten, grüßten sie Kim nur mit einem Nicken und widmeten dann ihre ganze Aufmerksamkeit gleich Sophie. Doch das machte nichts. Kim war sogar sehr froh darüber, dass er nicht viel Worte mit ihnen wechseln musste. Sei es aus dem Grunde, weil ihm ihre kleinen Problemchen realtiv egal waren (waren sie das?) oder weil er einfach nur nicht sehr gesprächig war... Wie dem auch sei, dass sich in seiner kleinen Schwester etwas verändert hatte, spürte er nur zu gut. Als sie dann nach einer ganzen Weile sein Zimmer verlassen hatte, sagte sie nur "Oniichan... ich seh‘ dich dann im Speisezimmer!". Und weg war sie. Kein Lächeln, keine eindringlichen Worte, mit denen sie ihn wieder einmal aufforderte, unbedingt nicht zu spät zu kommen, einfach nur dieser eine Satz.

Jetzt war es bereits halb acht. Langsam sollte er sich auf den Weg in den Speisesaal machen. Mit einem leisen Stöhnen auf den Lippen nahm er seine schwarze Veste mit den lila Stickereien vom Stuhl und zog sie langsam an. Er mochte sie nicht besonders, da sie sehr eng war und seine Figur ,seiner Meinung nach, zu sehr betonte. Aber seine Mutter bestand zu solchen Anlässen darauf, dass er sie trug. Und er konnte sich auch gut vorstellen, weshalb. Wie seine Schwester schon gesagt hatte, hatte man ihn ziemlich oft für ein Mädchen gehalten, aber mit dieser engen Veste, die seine flache Brust deutlich unterstrich, würden wohl keine peinlichen Missverständnisse aufkommen. Er fand es lächerlich, dass er jetzt mit 18 dieses Kleidungsstück noch tragen sollte. Sein Körperbau hatte sich immerhin dahingehend verändert, dass man ihm jetzt ansah, dass er kein Mädchen war. Er verdrehte verständnislos die Augen und verließ dann sein Zimmer.

Da fiel ihm ein, dass er bei bestem Willen nicht wusste, wo sich denn das Speisezimmer befand. In einem so großen Schloss hätte es überall sein können. Er würde sich einfach mal ein bisschen umsehen. Mit Sicherheit lief ihm dann bestimmt ein Dienstmädchen über den Weg, das ihm den Weg zeigte. Er ging also die große Treppe hinab, die mit dunkelgrünem Samt belegt war /so grün wie seine Augen/, dann einen finsteren Gang entlang, durch zwei Türen, einen Spiegelsaal, einen weiteren langgestreckten Gang und doch... fand er nicht, wonach er suchte. Das Schloss war so groß, dass man sich unwahrscheinlich leicht verlaufen konnte. Er musste sich erst einmal wieder orientieren. Plötzlich zuckte er zusammen, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte.

"Hast du dich verlaufen, Kleiner?" -Diese Stimme kannte er doch. Er drehte sich ruckartig um und blickte in die gleichen Augen, von denen er schon einige Stunden vorher wie magisch angezogen worden war. "Ich... uhm...ich habe..." /verdammt Kim! Hör‘ auf so zu stottern!/ Kim spürte, wie der Fremde immer näher zu ihm kam, ihn in die Enge trieb, so dass er wenig später ganz dicht an der Wand stand und nun nicht mehr weiter zurückweichen konnte. Der fremde Mann hob seinen Arm und stützte sich uber Kims Schulter mit der Hand an die Wand, so dass Kim nun gezwungen war, ihm direkt ins Gesicht zu sehen. Wieder verschmälterten sich diese grünen Smaragde zu kleinen Schlitzen. Als ob er versuchte, durch ihn hindurch zu sehen. Dann spürte Kim eine sanfte Berührung an seiner Brust. "Dein Herz schlägt im gleichen Takt wie meines!" flüsterte der Fremde. Kim wich seinen Blicken daraufhin aus und versuchte sich aus der Berührung zu lösen. Dies gelang ihm auch ganz leicht. Er hatte nicht erwartet, dass ihn sein Gegenüber so ganz ohne Protest gehen lassen würde. Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, was Kim wie eine Stunde vorkam, dann sagte der Fremde plötzlich amüsiert und mit verschmitztem Lächeln auf dem Gesicht: " Zum Speisesaal geht’s hier entlang. Folge mir!" Kim traute seinen Ohren nicht. Gerade eben noch hatte er ihm etwas von seinem Herzschlag erzählt (was er wohl damit gemeint hat, als er sagte, es würde im gleichen Takt wie seines schlagen?!) und jetzt plötzlich gab‘ er ihm Auskunft über den Speisesaal. "Danke... aber... aber... Ihr braucht mich nicht dorthin zu begleiten! Ich... kann alleine gehen. Wenn ihr mir sagt, wo ich ihn genau fin..." "Das geht in Ordnung! Ich muss auch dahin!" Hörte Kim nur als Gegenantwort. Schweigsam folgte er dem Mann vor ihm. Er bemerkte, dass er sich am ganz falschen Ort befunden hatte. Das Speisezimmer war genau im gegenüberliegenden Flügel des Schlosses. Als sie durch die finsteren Gänge gingen, hörte er nur auf das gleichmäßige Geräusch, das seine Schuhe auf dem Marmorboden machten. Dann blieb der Fremde plötzlich stehen.

Vor ihnen lag eine große Tür, mit vergoldetem Rahmen und vergoldeten Ornamenten, die Bilder aus der griechischen Mythologie einfassten. Zwei Diener verbeugten sich tief als sie den jungen Mann sahen und öffneten dann lautlos die Tür. Mit einer eleganten Handgeste deutete der Fremde ihm, als erster in den Raum zu schreiten, was Kim auch tat.

"Oniichan! Da bist du ja endlich!" wurde er von Sophie empfangen, die mit funkelnden Augen am Tisch saß und sich anschickte aufzustehen um ihrem Bruder entgegenzurennen und um ihm um den Hals zu fallen. Das hätte sie auch beinahe getan, wenn sie nicht den tadelnden Blick ihrer Mutter gesehen hätte, der sie ohne Worte aufforderte, auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Schmollend senkte das Mädchen den Kopf. Auch der Fremde trat nun in den Saal ein und Kims Eltern, voran sein Vater, Monsieur Prokter, erhoben sich von ihren Plätzen als sie ihn sahen. Mr. Prokter ging sofort auf den Fremden zu und Kim durchfuhr ein großer Schock als er hörte, wie sein Vater den Fremden begrüßte: "Guten Morgen, Graf von Kalau!" Kim wurde schlecht und er sah seine Schwester mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund am Tisch stehen...

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