Part4: Confusion
Dieser Fremde war also... von Kalau! Kim verstand nicht, weshalb ihn das so verwirrte. Es war doch ganz egal, wer dieser Mann war (war es das?). Ganz egal! Wieder blickte er zu seiner Schwester. Sie schien sich inzwischen wieder beruhigt zu haben und saß nun ganz ruhig am Tisch, heimlich aufblickend von Zeit zu Zeit um den Grafen zu betrachten, der ihr direkt gegenüber saß. Und dann, immer wenn sie kurz den Kopf gehoben hatte, senkte sie ihn gleich wieder und tat so, als wäre sie unwahrscheinlich beschäftigt mit dem Schneiden ihres Brotes. Aber Kim übersah nicht, dass ihre Wangen leicht gerötet waren. Er wusste nur zu gut, was jetzt in seiner Schwester vor sich ging.
"Wir sind Euch sehr dankbar, dass Ihr uns auf Euer Schloss eingeladen habt, Graf!" bedankte sich der Vater. Von Kalau antwortete mit einer Handbewegung, die wohl bedeutete, dass er das gerne getan hatte.
"Graf,... was haltet Ihr davon, wenn Euch Sophie nach dem Essen etwas auf dem Klavier vorspielt? Sie hat wunderschöne Stücke eingeübt und ich bin mir sicher, dass es ihr sehr viel Freude machen würde, wenn sie Euch etwas unterhalten dürfte?" Kims Mutter versuchte die Aufmerksamkeit des Grafen auf ihre Tochter zu lenken.
"Das würde mich sehr freuen!" Und dabei blickte er das Mädchen an, die hochrot vor ihm saß und verlegen lächelte.
"Was ist mit Eurem Sohn passiert?" fragte von Kalau ganz unerwartet in die Runde... Kim erschrak, als er bemerkte, dass er gemeint war. Unglücklicherweise saß er direkt neben dem Grafen, so dass dieser vermutlich gemerkt hatte, wie er zusammengezuckt war.
"Ich verstehe nicht... was meint Ihr? Was soll mit unserem Sohn denn sein?" Frau Prokter konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was der Graf als Antwort erwartete. Kim spürte plötzlich eine leichte Berührung an seiner Wange und als er aufblickte sah er von Kalau ganz dicht an seiner Seite.
"Hier... seine Wange!"
"Das ist gar nichts!" murmelte Kim und drehte dabei seinen Kopf zur anderen Seite.
"Ach so... Ihr meint... weil seine Wange blau ist?... Nun ja... unser Sohn ist manchmal etwas ungeschickt und... hat sich wohl wieder einmal gestoßen, nicht wahr Kim?"
/Warum in so freundschaftlichem Ton, Vater? Ich.../ Kim knirschte die Zähne und gab einen zustimmenden Laut von sich. Wie er es verabscheute, mit diesem Menschen, der sich sein Vater nannte, an einem Tisch zu sitzen.
/Warum erzählst du es ihm nicht einfach?! Dass du mich geschlagen hast?! Warum bist du nur so verdammt verlogen?!/ Aber er selbst war auch nicht besser. Immerhin hatte er auch gelogen und war es nur aus dem Grund, dass er später von seinem Vater nicht noch einmal geschlagen wurde...
/Ich bin so ein Feigling!/
Kim spürte von Kalaus Blick auf seinen Schultern. Am liebsten wäre er aufgestanden, hätte ohne ein Wort zu sagen den Raum verlassen, wäre auf sein Zimmer gegangen und... ja und.... was dann? Hätte er gewartet, bis seine Familie kam um ihn mit ihren bösen Worten zu strafen, was für ein schwieriger Kerl er doch wäre und wie sehr sie doch darauf hofften, ihn bald los zu sein, befand er sich doch schließlich in einem Alter, in dem er sich langsam seine Existenz selber sichern musste (hatten sie das jemals gesagt, Kim?). Vielleicht nicht Sophie, vielleicht auch nicht seine Mutter, aber dass sein Vater so dachte und die gesamte Verwandschaft mit ihm, das war offensichtlich. Warum sonst fragten sie jedesmal, ob er sich schon eine Braut gesucht habe, ob er schon einen Beruf ins Auge gefasst habe, usw... Aber egal... vielleicht sah er die ganze Angelegenheit manchmal einfach zu verklemmt! Und dass er als Bediensteter in einem Schloss arbeiten wollte, wussten sie doch alle ganz genau... Aber es war ihnen vermutlich nicht genug... (Denk‘ nicht mehr darüber nach!)
Aus seinen Gedanken wurde er erst gerissen, als er plötzlich wieder diese sanfte tiefe Stimme hörte. Er blickte auf und bemerkte, dass ihn alle fragend ansahen. Und dann wanderte sein Blick nach links. /Smaragdgrün... und so schön!/ Kim wurde plötzlich rot. Von Kalau sah‘ ihm direkt in die hellen Augen und lächelte dabei. "Bekomme ich keine Antwort?"
"Uhm... tut mir... ich..." er war so verwirrt. Worauf eine Antwort?
"Wo warst du denn gerade wieder mit deinen Gedanken, oniichan?! Der Graf wollte wissen..." Sophie hatte sich eingemischt, wurde aber von einem "ob du uns nachher Gesellschaft leisten wirst, wenn uns das junge Fräulein etwas am Klavier vorspielt" seitens von Kalau unterbrochen worden. Sophie seufzte. Hatte sie sich schon wieder unhöflich benommen? War es denn falsch, die Worte eines edlen Herren zu wiederholen? Oder wollte der Graf einfach mal nett zu ihrem Bruder sein? Huuuhhhhh. Männer waren kompliziert!
"Uhm! Sicher!"
Nach dem Frühstück waren sie alle wieder auf ihre Zimmer gegangen. Der Graf hatte noch ein paar Geschäftsleute zu empfangen, die er, wie er sagte, nicht warten lassen konnte.
Kim stand auf dem Balkon, der sogar halb so groß wie sein Zimmer war. Mit einem geschmeidigen Sprung setzte er sich auf den Steinrand und lehnte sich an die Wand. Von hier oben hatte man einen herrlichen Blick auf den wunderschönen Garten des Schlosses. Alles war so gepflegt und der Schnee auf den Ästen der Bäume unterstrich das edle Erscheinungsbild. Vögel spielten an einer geschützten Stelle zwischen zwei kleinen Tannen miteinander und flogen dann ganz plötzlich wieder davon. Kim sah ihnen lange hinterher. Wie sie im Blau des Himmels verschwanden. Er hielt sich die Hand vor die Augen, denn die Sonnenstrahlen blendeten ihn. Ein eisiger Windhauch fuhr ihm über den Nacken. Er hätte sich einen Mantel anziehen sollen. Das tat er dann auch nachdem er spontan entschlossen hatte, einen kleinen Spaziergang durch diesen herrlichen Wintergarten zu machen.
Hier fühlte man sich so frei. Unbeschwert, leicht. Ihm war plötzlich so danach, sich einfach rückwärts in den Schnee fallen zu lassen. Und wenig später lag er auch schon da, mit gespreizten Beinen und weit ausgestreckten Armen. Durch seinen dicken Mantel spürte er die Kälte kaum. Er schloss die Augen -am liebsten würde er jetzt einschlafen und träumen (von was?)-... Diese Frage holte ihn zurück in die Wirklichkeit. Was war sein größter Traum? Er wusste es nicht. Langsam öffnete er die Augen. /Smaragdgrün!/ Er erschrak, denn über ihm sah er das Gesicht des Grafen. Schnell stand er auf, klopfte den Schnee von sich ab, wobei ihn von Kalau ganz genau beobachtete.
"Was macht Ihr hier?"
"Das ist mein Garten."
"Sicher!.... Habt Ihr mir lange zugesehen?"
"Eine Weile..."
"Und weshalb?"
/Keine Antwort?/
"Du hast gelächelt!... Dann sah ich nur noch Bitterkeit."
"Ihr seid derjenige, der bitter ist!" Diese Antwort schien den Grafen zu erstaunen... Er hatte so einen Glanz in den Augen.
"Ent... schuldigt, das wollte ich... nicht! Ich kann es nur nicht leiden, wenn ich von jemandem beobachtet werde..."
"Verstehe!" eine kühle Antwort. Ohne jedliche Emotion. "Seid Ihr schon fertig mit eueren Geschäftsleuten?"
"Ja, mehr oder weniger. Ich konnte sie nicht mehr ertragen und habe sie weggeschickt."
"Seid Ihr oft hier?.... Ich meine im Garten."
"Manchmal."
"Er ist wunderschön!"
"Genau wie du!" Kims Herz machte einen Sprung.
"Wie... wie meint Ihr das?"
"Wir sollten jetzt wieder rein gehen. Deine Schwester erwartet uns sicher schon!" Ein Lächeln und ein Blick, dann lief er zurück in Richtung Eingang und Kim folgte ihm wortlos.
/Genau wie heute morgen. Wieder laufe ich ihm hinterher... und frage mich... und verstehe nicht!/
******************************