Part 5: Caleidoscope
Die letzten Stunden des Nachmittags waren wie im Flug vergangen. Sophie hatte ihr kleines "Klavierkonzert" für den Grafen gegeben und war danach heilfroh, dass sie alle Stücke, ohne auch nur den kleinsten Fehler zu machen, hatte vorspielen können. Kim hatte sich wenig später auch gleich auf sein Zimmer verkrümelt und von Kalau hatte Sophie um einen Spaziergang im winterlichen Park gebeten, der nicht weit entfernt vom Schloss lag. Natürlich hatte das Mädchen auch freudigst zugestimmt und Kim dabei über das ganze Gesicht strahlend angelacht. Sie hatte es also geschafft. - Der Graf schien sich nun tatsächlich für sie zu interessieren.
Es war also endlich soweit. Kurz vor sechs Uhr erwartete von Kalau Sophie in der Eingangshalle des Schlosses. Er trug einen warmen Mantel über den Schultern, einen braunen Schal, der wunderbar mit dem Haselnussbraun seiner Haare harmonierte und die grünen Augen kontrastierte. Sophie war nicht weniger hübsch angezogen. Bei ihr fielen vor allem die glitzernden Handschuhe und ihr blassgrünes Kleid auf, welches unter ihrem Mantel hervorragte.
Sie kam von der Treppe herab auf den Grafen zu, wobei von Kalau auffiel, wie ihre zwei kleinen kristallinen Perlenohrringe bei jedem Schritt den sie tat hin-und herwippten. Von Kalau machte zwei Schritte auf sie zu, verbeugte sich, wobei er seine Augen jedoch nicht von Sophies Gesicht ließ und gab ihr zur Begrüßung einen zarten Handkuss.
"Du siehst bezaubernd aus, Sophie!" Sophie wurde rot. Mit diesem Kompliment hatte sie nicht gerechnet und wusste deshalb nicht, was sie darauf antworten sollte. Deshalb nickte sie nur dankend und fügte dann lächelnd hinzu, dass sich auch der Graf durchaus sehen lassen konnte...
Und dann verließen sie das Schloss.
Kim saß gelangweilt in seinem Zimmer. Eigentlich hätte er seinen Eltern im Musikzimmer Gesellschaft leisten können, sich mit ihnen einige Stücke von berühmten Komponisten anhören können, die sein Vater so gerne auf dem Flügel spielte, aber das wäre das letzte gewesen, wozu er Lust gehabt hätte. Er ging Menschen lieber aus dem Weg. So kam er mit ihnen nicht in unangenehme Gespräche oder wurde von ihnen von oben bis unten gemustert und musste dann anhören, wie sie hinter seinem Rücken über ihn tuschelten.
Mit einem leisen Stöhnen zog er seine Knie zur Brust und umklammerte sie mit seinen Armen. In dieser Position konnte er manchmal Stunden dasitzen und über gewisse Dinge grübeln, die ihm dann in den Sinn kamen. Doch diesmal konnte er immer nur an eines denken:
Von Kalau!
Und das machte ihn fast verrückt! Immerzu sah er dessen grüne Augen vor sich, wie er ihn mit diesen Smaragden durchbohrte, sich in seine Seele fraß und doch dadurch erleichterte. Wenn der Graf in seiner Nähe war fühlte er sich irgendwie... unabhängiger. Freier. Irgendetwas an diesem großgewachsenen Mann mit der tiefen Stimme faszinierte ihn, doch er konnte nicht genau feststellen, was das war. Vielleicht war es seine Art, mit anderen umzugehen. Schweigsam und doch... liebenswert. Kalt und doch... herzlich.
Verdammt! Was sollte dieses Geschwafel?! War er jetzt völlig übergeschnappt?! Er grinste in sich hinein, wunderte sich selbst über seine absurden Gedanken und beschloss dann kurzerhand in die Bibliothek des Schlosses zu gehen. Das heißt, zumindest vermutete er, dass es hier so etwas geben musste. Vielleicht fand er ja das ein oder andere Buch, das ihn interessierte. Und wenn nicht, würde er irgendein anderes lesen. (Damit du nicht mehr an ihn denken musst?) /Nein!/
Er irrte eine Weile in den langen Gängen umher, bis ihn plötzlich ein junges Mädchen mit einer weißen Haube auf dem Kopf ansprach und ihn fragte, ob sie ihm behilflich sein könne. Dann führte sie ihn direkt zu einer kleinen weinrot gestrichenen Holztür, deren Rahmen mit aufwändigen Spielereien verziert war und auf deren Mitte ein Bild zu erkennen war. Ein See. Einsam... im Wald. Nur in der Ferne war ein kleiner Schwan zu erkennen. Doch er schien fortzufliegen, schien sich von dem See abzuwenden, so als wolle er niemals wieder zurückkehren. An diesen Ort.
Als Kim sich nach dem Dienstmädchen umdrehte, war sie schon nicht mehr da. Vermutlich hatte sie noch sehr viel zu erledigen oder warum sonst hätte sie sich so schnell aus dem Staub gemacht? Vorsichtig drückte er den goldenen Knauf nach unten. Die Tür ging auf, doch im Inneren konnte er nichts erkennen. Nur Dunkelheit. Er musste sich bücken als er durch die Tür schlüpfte, so niedrig war sie. Es war alles so dunkel. Er tastete sich langsam vor und wartete dann eine Weile. Bis sich seine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann nahm er Vorhänge wahr, nur dunkle Umrisse in einem ebenso dunklen Raum. Er öffnete sie, schob die schweren Samtvorhänge zur Seite, bis genügend Dämmerungslicht in das Zimmer fiel, so dass er die Bücherregale erkennen konnte. Erst jetzt bemerkte er wie groß die Bibliothek war. Berge an Büchern, ganz dicht aneinander gestapelt in Reihen an Regalen. Er war überwältigt.
Hier würde er mit Sicherheit etwas finden.
Ein paar Minuten später hatte das Dienstmädchen für Licht in dem Raum gesorgt. Sie war ganz aufgeregt wieder zurückgekommen und hatte sich entschuldigt, dass sie es vergessen hatte und Kim hatte nur genickt, zum Zeichen dafür, dass sie sich dafür nicht zu entschuldigen brauchte. Dann war sie genauso schnell auch wieder verschwunden.
"Graf?"
"Eduard."
"Bitte?" Sophie blickte erstaunt zu von Kalau, da sie mit diesem Namen ganz und gar nichts anfangen konnte.
"Eduard...- Mein Vorname."
Sophie lächelte, doch von Kalau blickte sie nicht an. Sie waren schon seit einer halben Stunde schweigsam durch den Park gelaufen. Sophie, deren kindliches Temperament sich nach Unterhaltung sehnte, hielt diese Stille zwischen ihnen, die ihr beinahe das Herz abschnürte, nicht mehr aus.
Ihre Mine wurde ernster. "Also gut... Eduard. Wir... laufen nun schon ziemlich lange so durch den Park."
Keine Reaktion.
"Langweile ich Euch?"
Schweigen.
"Eduard? Bitte, sagt mir doch was ich falsch mache..." Sophie war den Tränen nahe. Da blieb von Kalau ganz plötzlich stehen. Er richtete seinen Blick in den Himmel, an dem schon schwach der Mond erkennbar war.
"Verzeih‘. Ich war einfach zu sehr in Gedanken. Es ist nicht deine Schuld Sophie!" Als er bemerkte, wie sie ihn mit großen Augen ansah und dann kurz blinzelte, weil sie den Inhalt seiner Worte nicht ganz verstand, fügte er hinzu: "Es wird langsam kalt. Wir sollten zurückkehren. Ich möchte nicht, dass du noch krank wirst. Lass uns ein anderes Mal..."
/Ein anderes Mal?/ Sophie war erstaunt über Eduard. Wieso hatte er sie dann überhaupt um diesen Spaziergang gebeten. War sie nur eine Last für ihn? Oder wollte er sie auf die Folter spannen. Vielleicht war er ja ein Mensch, der seine Zuneigung nicht offen ausdrücken konnte und vielleicht waren es die Gedanken an Sophie, die ihn verwirrten und schweigen ließen? Sie fasste neuen Mut.
"Aaaaaaloooo schöön!" rief sie auf einmal, drehte sich abrupt um und rannte wie wild geworden los. Zurück zum Schloss. "Wer zuerst da ist hat gewonnen! Hahaha!" Ihre Kapuze, die sie aufgesetzt hatte, flog von ihrem Kopf und flatterte im Wind als sie davonstürmte. Ihre kleinen Füßchen wirbelten Steinchen auf und sie musste achtgeben, dass sie auf dem gefrorenen Boden, der mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt war, nicht ausrutschte.
Eduard lächelte über ihre Art. Sie war unbeschwert, fröhlich und... eine junge Frau. Er sah ihr eine Weile nach, wartete noch, wollte nicht rennen. Dann blickte er wieder in den Himmel dessen Blau sich nun allmählich dem Schwarz der Nacht übergab. Kleine helle Sterne funkelten schwach und Eduard sog noch einmal tief die frische Luft in seine Lungen.
/Nicht deine Schuld Sophie!/
Keiner hatte bemerkt, dass Sophie schon wieder zurückgekehrt war, denn um lästigen Fragen aus dem Weg zu gehen, war sie schnell auf ihr Zimmer gehuscht und hatte sich dort eingeschlossen. Außer Atem lehnte sie sich an die Tür.
Sie wollte nicht... nicht weinen, aber irgendwie konnte sie es nicht verhindern. Vermutlich war sie, was die Beziehung zu Eduard anbelangte, doch nicht so zuversichtlich. Er verhielt sich so seltsam, ja manchmal sogar richtig abweisend ihr gegenüber.
/Das bilde ich mir alles nur ein! Du dumme Göre! Hast du gedacht er würde dich gleich am ersten Tag umarmen, sich in dich verlieben und sogar ...küssen?!/ (Ja!)
/Wie lächerlich!/ Sie war schließlich nicht in einem Theaterstück, sondern im richtigen Leben. Langsam fragte sie sich, ob es denn tatsächlich diese begehrende Liebe gab, die in den Stücken gezeigt wurden oder ob alles nur Schwindel war.
Sie war müde.
/Vielleicht geht es mir besser, wenn ich etwas geschlafen habe! Sophie... ein neuer Tag und du wirst all deine Sorgen vergessen haben!/ (O bitte mach‘, dass es so sein wird!)
(Nein... mach‘,... dass er mich liebt!)
Kim saß noch immer in der Bibliothek. Er war in ein Buch vertieft und hatte die Zeit ganz und gar vergessen. Vielleicht war er zwischendurch auch einmal kurz eingeschlafen, er wusste es nicht so genau. Und es war auch egal, denn hier schien Zeit keine Rolle zu spielen. Hier war er für sich allein und niemand störte ihn in seiner Ruhe. Er saß auf einem kleinen Sofa, das in der Mitte des Raumes stand, umgeben von Teppichen und Pflanzen. (Ein Wunder, dass sie bei der Dunkelheit, die zuvor hier geherrscht hatte, nicht alle schon eingegangen waren!)
"Sieh in die Ferne,
Wie der Waldvögel Klang mit dem Rauschen des Baches mischt,
Dunkel die Erde voll göttlicher Kraft
Zerfließet der Honig unter der Seide der Sonne."
Konstantin von Mascher
Ein seltsames Gedicht, das da die Inschrift des Buches bildete, welches er zur Hand genommen hatte. Im Grunde machte sich Kim gar nichts aus Gedichten. Sie waren für ihn nur Worte, zusammengesucht von einem Dichter, der damit möglichst viel Eindruck bei den Lesern schinden und nebenbei vielleicht auch noch sein Lebensgefühl zum Ausdruck bringen wollte.
"Konstantin von Mascher"- diesen Namen hatte er noch nie gelesen oder auch nur gehört.
Plötzlich wurde ihm von hinten das Buch aus der Hand genommen. Er konnte erst gar nicht richtig registrieren was eigentlich plötzlich passiert war. Er drehte sich nicht um, saß nur aufrecht da und wartete einige Sekunden. Dann vernahm er eine tiefe Stimme.
"Zerfließet der Honig unter der Seide der Sonne..."
/Von Kalau?!/ zischte ihm der Gedanke plötzlich durch den Kopf und wenig später sah er sich wieder einmal gezwungen, dem Grafen direkt in die tiefen Augen zu sehen, die so geheimnisvoll und verführerisch strahlten wie noch nie. Er sah einen Glanz in ihnen aufflackern,... wie sich die Pupillen des Grafen verkleinerten und dann wieder etwas größer wurden. Kim kroch auf dem Sofa vorsichtig ein Stück zurück, nicht weit, nur so, dass er sich von von Kalau nicht so eingeengt fühlte.
"Liest du öfter solche Sachen?"
Kim schüttelte vorsichtig und kaum merkbar den Kopf. Sein Herz raste und sein Atem ging schnell, so als wäre er soeben von einer sportlichen Betätigung zurückgekehrt.
/Nein... dieses Mal nicht!... Dieses mal lass ich dich nicht so einfach gehen, Kim Prokter!/"
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