Part 7: Caleidoscope III
"Er ist niedlich!" Heinrich hatte die Stille als erster gebrochen, die sich eingestellt hatte, nachdem Kim das Zimmer verlassen hatte.
"Ja... Das ist er..." Eduard las noch immer vertieft den Brief.
"Du musst vorsichtiger sein!"
Der Graf blickte seinen Bruder fragend an.
"Verstehst du, was ich meine?... Das ist nicht so einfach!"
"Du meinst, dass ich scharf auf einen Jungen bin?" Heinrich hasste es, wenn sein Bruder mit solch sarkastischem Unterton antwortete. Er zog dieses Thema immer ins Lächerliche (Selbstschutz? Oder Gleichgültigkeit!). Und schaffte es somit immer, Heinrich zum Schweigen zu bringen.
"Heinrich, ich..." wieder ein flüchtiger Blick auf den Brief.
"...Ich werde nun diesen Brief hier beantworten. Entschuldige mich bitte!" Da war sie wieder! Diese Distanz, von der sich Heinrich am liebsten ferngehalten hätte. Einerseits hatte er erwartet, dass es so kommen würde, wie früher... dass Eduard ihn von außen abschirmte, als wäre er ein Feind und nicht sein Bruder. Manchmal fragte er sich schon, wie es eigentlich möglich war, dass Eduard überhaupt solche Gefühle wie Liebe empfinden konnte. Sein Bruder war ihm ein Rätsel. Und er würde es vermutlich immer bleiben. /Egal!/ (Wirklich?)
Heinrich stellte sich an das Fenster, dessen Scheiben bis auf den Boden reichten und blickte in das Schwarz der Nacht.
/Das... geht nicht gut! Nicht mehr... Sie haben Verdacht! Und ich wünschte, ich könnte dich davor bewahren, Eduard! Dich... und ihn!/
*klopfklopfklopf*
"Oniichan! Mach‘ auf... Oniiiiiiiichan!"
"Was willst du Sophie? Kannst... du mich nicht mal einen Moment alleine lassen?"
"Oniiichaaaaan, mach‘ endlich auf!"
/Du sprichst zu leise, Kim, sie hört es nicht!/
"Also gut, wenn du nicht aufmachst, erzähl‘ ich es dir eben hier!!! Stell‘ dir vor: Wir sind auf einen Ball eingeladen! Hörst du, oniichan?! Ein Bahaall!!" Das Mädchen wartete auf eine Antwort. Doch nichts als Stille.
/Verdammt... Das hätte nicht passieren dürfen! Kim Prokter... du hast... o Gott... du hast einen Mann geküsst! Einen Mann!/
"Ich liebe Bälle! Eine Frau namens Catharina, ich glaub‘ eine Herzogin, hat uns eingeladen... Ist das nicht aufregend?!"
/Einen Mann... Einen Mann... Einen Mann... Einen.../ Kim kauerte in einer Zimmerecke, nahm kaum wahr, was ihm seine Schwester da vor der Tür versuchte zu erzählen, saß nur da und starrte in die Leere des Zimmers, seinen Kopf auf die Arme gelegt, die seine Knie umklammerten.
"Haaast du veeeerstaaaandeeen, oniichan?! Ich freu‘ mich sooo. Wir sind alle eingeladen! Mama... Papa... du... ich... na ja, dass Eduard mitgeht ist ja selbstverständlich!"
/Eduard!/
"Morgen Abend ist der schon! Also überleg‘ dir mal, was du anziehst! Ich hab‘ mich schon entschieden, hihi!" Sie kicherte, unbeschwert, vergessen all der Kummer der vorangegangenen Stunden, in denen sie sich vom Leben des Grafen so ausgegrenzt gefühlt hatte.
/Schwindlig.../
"Och... oniichan! Kannst du dich nicht mal für was begeistern?! Ich geh‘ dann jetzt mal zu Mama und Papa... die wissen’s bestimmt schon, aber ich sag’s ihnen trotzdem noch mal..."
Diese Bemerkung ließ Kim wieder etwas lächeln. Wenn sie es wussten, wieso wollte sie es ihnen dann noch einmal sagen? Das war typisch Sophie!
Kim seufzte, erleichtert als er hörte, wie sein Schwesterchen davoneilte und ihn endlich alleine ließ. Er hätte es nicht durchgestanden, vor sie hinzutreten, ihr in diese großen Augen zu sehen, sie zu betrügen. Verdammt nochmal... er nahm ihr den Mann weg, in den sie sich vermutlich Hals über Kopf verliebt hatte. Und er kam sich so falsch vor, wie ein Betrüger, ein Heuchler. Und er wusste auch nicht, wie er seinen Eltern wieder unter die Augen treten sollte. Gezeichnet. So kam er sich vor... Als wäre es auf sein Gesicht geschrieben: ICH HABE IHN GEKÜSST. Aber hatte er das wirklich? War es nicht anders gewesen? Eduard hatte doch...
Ein Klopfen an der Tür.
/Sophie... jetzt ist es aber genug!/ Er riss mit einem Mal die Tür auf, spürte, wie ihm fast die Tränen in die Augen stiegen. Er wollte Sophie anschreien, sie wegschicken, ihr sagen, dass sie ihm endlich einmal seine Privatsphäre gönnen sollte! Doch bevor er anfangen konnte zu sprechen, hörte er nur ein tiefes "Kim!". Es schnürte ihm fast von innen die Brust ab.
/Eduard!/
Und kurz darauf hatte der Graf auch schon das Zimmer betreten, hatte die Tür hinter sich geschlossen und schaute auf Kim, der seinen Blick wieder einmal zu Boden gesenkt hatte.
"Was... wollt Ihr?" Ja! Ohne es zu wollen, hatte er diese Frage gestellt. Aber jetzt wurde ihm klar, dass es genau das war, was er wissen wollte. Das, was ihn die ganze Zeit schon so gequält hatte.
Doch er bekam keine Antwort. Stattdessen beugte sich von Kalau zu ihm hinab, wollte ihn küssen, ihn spüren... ihn...
"Nein! Nicht...!" Kim wich zurück.
Eduard ging mit ruhigen Schritten auf ihn zu. Keine einzige Gefühlsregung zeigte sich auf seinem Gesicht. Es sah kalt aus, starr, aber... wunderschön.
"Du willst also eine Antwort auf deine Frage, Kim?! Nun, ich glaube, die weißt du bereits!" Kim schluckte. Da war es wieder. Dieses Gefühl, dieses Gefühl, das ihm den Verstand zu rauben drohte. Und er sah, wie von Kalaus Lippen ein Wort formten, ohne es aber auszusprechen:
"DICH!"
Und dann fiel der Graf über den Jungen her. Kim konnte so schnell nicht reagieren. Eduard hielt ihn an seinen Handgelenken fest, zwang ihn auf das Bett, überschüttete ihn mit Küssen.
"Graf! Hört... hört damit auf!"
Doch seine Berührungen wurden nur intensiver. Kim bemerkte nicht, wie Eduard ihm das Hemd öffnete, bemerkte es erst, als es nicht mehr da war und die Luft, die durch sein Fenster in den Raum strömte sanft über seine entblößte Brust blies.
/O Gott,... was tut er da?!!!!/
Kim versuchte mit all seiner Kraft aufzustehen, doch von Kalau war wesentlich stärker als er, noch dazu war er über ihm und konnte somit zusätzlich sein ganzes Körpergewicht einsetzen. Eduard hielt mit einer Hand noch immer Kims Handgelenke umklammert, drückte seine Arme auf das weiche Laken. Er küsste Kim. Seine feuchte Zunge fuhr über den nackten Oberkörper des Jungen, spielte mit den zwei kleinen roten Flecken, saugte daran, glitt dann wieder nach oben und küsste seinen Hals. Kim schmeckte so süß!
Seine freie Hand glitt hinunter... fühlte nach Kims Hose, öffnete sie.
"Nein... Graf... aufhören!"
Von Kalau blickte in zwei verzweifelte helle Augen. (Angst?)
"Bitte tut das nicht..."
"Wenn du dich entspannst, Kim, wird es nicht weh tun!"
Kims Augen wanderten vorbei an Eduards Blick.
"Ich... kann das ... nicht!"
Und er spürte, wie sich von Kalaus Griff lockerte. Er ließ Kim los, bestürzt darüber, was er beinahe getan hätte. Beinahe...
"Verzeih‘ mir!"
Kim tastete nach seinem Hemd, richtete sich auf und zog es sich langsam über. Eduard saß am Bettrand, mit hängenden Schultern, gesenktem Kopf. Kim wäre jetzt am liebsten zu ihm gegangen. Hätte seine Hand auf seine Schulter gelegt und gesagt, dass es nicht seine Schuld war. Hätte Eduard gerne in den Arm genommen, aber er konnte es nicht. Die Tatsache, dass er ein Mann war, ließ das nicht zu. Sie durften sich nicht nahe kommen. Nicht in DIESER Hinsicht, es durfte nicht Liebe sein...
/Ich liebe ihn so! So sehr, dass es mir fast das Herz zerreißt. Aber... diese Liebe hat keine Zukunft. Sie ist verboten. Verdammt... ICH LIEBE IHN DOCH!/
Und nun legte Kim seine Hand auf Eduards Schulter. Der Graf blickte auf, überrascht. Kim nahm ihn von hinten in die Arme, legte seinen Kopf in den Nacken des großen Mannes.
"Ich ..."
Von Kalau bewegte sich nicht, saß da wie erstarrt.
"Ich... will Euch auch!" Eduards Augen wurden größer.
Er erhob sich vom Bett, drehte sich Kim zu, blickte ihm jedoch nicht in die Augen. Auch Kim sah ihm nicht ins Gesicht. Sie blickten aneinander vorbei. Ein Kuss und dann wieder Distanz!
"Ich wollte nur sagen,... morgen abend findet ein Ball statt. Du bist von der Herzogin Catharina eingeladen. Also geh‘ auch hin!"
Sonst sagte der Graf nichts. Er verließ das Zimmer und Kim sah ihm nicht nach...
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