Tod in Venedig <body> <h1 style="word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0">Tod in Venedig <i style="mso-bidi-font-style:normal"><o:p> </o:p> </i></h1> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">01. April 1871; Samstag<o:p> </o:p> </span></b></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Wie ein Engel mit goldübergossenem Haar, wie eine der weißschimmernden Statuen aus der Antike, saß ein Mann - gerade dem Knabenalter entwachsen - auf einer der grünen Parkbänke, die die Promenade am Main säumten. Die unbekümmerte Lässigkeit der Jugend war ihm noch nicht in Vergessenheit geraten und so ruhte sein schmaler Rücken an der geschwungenen Armlehne; das eine Bein war in die Wiese hinunter gestreckt, das andere angewinkelt und vom Arm umschlungen, um das zarte Kinn zu stützen. Augen, die mit dem reinen Pigment Azur wetteiferten, blickten auf die etwas krakelige Handschrift eines Briefes hinab.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Es war der erste, fast sommerlich zu nennende Tag in Frankfurt. Die graue triste Wolkendecke, die seit dem Herbst nicht nennenswert aufgerissen war, hatte ein Einsehen mit den Menschen der Großstadt gehabt und war einfach nicht erschienen. Damen in weiten farbenfrohen Kleidern - an ihrer Seite entweder die Freundin oder den Gemahl - flanierten am grauen Band des Mains entlang. Der weiße Kiesweg hatte an einigen Stellen noch dunkle Stellen von der herbstlichen Feuchtigkeit, die Wiesen, die vom Fluß hinauf zur Straße führten, waren noch niedergeknickt und der träge dahinfließende Main brachte Kühle mit sich; doch kümmerte das den Frankfurter nicht. Er erfreute sich an den munteren Sonnenstrahlen, entdeckte das erste zarte Grün und der Wagemutige ruderte schon mit seiner Liebsten draußen auf dem Wasser.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Heiße Sandstürme umtosten das Gemüt des jungen Engels: er fühlte den warmen Regen der Tropen auf seinen bloßen Armen, kletterte über rostrote Felsen, durchbrach mit seinem Blick die Finsternis aufregender Abenteuer und ritt kühn auf dem Rücken eines Drachens über die weißen Wolken, die die Berge des Himalaja wie tollende Kätzchen umspielten.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Der Wind trieb einige der Briefe, die dem Jüngling aus der Hand geglitten waren, über den weißen Kies davon. Das leise Flattern war ein Tosen, das Tosen, wenn Tonnen von Wasser sich halbmondförmig über den Felsenrand in die Tiefe stürzten. Auch dort wollte er einmal sein, dieses Wunder selbst erleben und nicht immer nur davon lesen: die Niagarafälle.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Gelber Sand ruhte in seiner Westentasche, er war aus einem der Briefe gerieselt, als er ihn geöffnet hatte. Wie wohl die Wüste aussah? Wie wohl die Pyramiden? Die vergilbten Photographien, die immer seine Schwester vor irgendeinem Weltmonument zeigten, konnten seine Sehnsucht nicht stillen … nur seine Phantasie anregen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Er neidete seiner Schwester dieses Glück, einen Gönner gefunden zu haben, der ihr dies alles ermöglichte. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Wütend strich sich der junge Mann eine blonde freche Strähne zurück, die sich aus dem Band gelöst hatte, die seine Haarpracht im Nacken zusammenfaßte. Die anderen Adeligen seines Alters, mit denen er leider Umgang pflegen mußte, neckten ihn zuweil, daß man ihn - stecke man ihn in Weiberkleider - wohl für eines halten mochte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Es war ungerecht. Seine ältere Schwester, die eigentlich einen reichen Industriellensohn ehelichen sollte, war mit diesem Arthur durchgebrannt. Da der Mann reich war, akzeptierten die Eltern und auch die hohe Gesellschaft Frankfurts diese Entgleisung der Etikette. Leider ruhte das Glück Myrjams auch auf den Schultern des jungen Mannes, der nun der Stammhalter der Familie Krainer geworden war. Heute Abend war wieder ein Ball und es würden unzählige heiratsfähige neureiche Industriellentöchterchen anwesend sein. Natürlich erwartete man von ihm, daß er endlich eine von ihnen erwählte und sich verlobte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Myrjam gehörte die Welt und ihm gebührte das Elend.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Verzeihung“, wurde Florian von Krainer aus seiner Gedankenwelt gerissen. Verwundert schaute er auf. Vor ihm stand ein Pärchen. Die Dame reichte ihm soeben einen Schwung der Briefe seiner Schwester. „Der Wind hat sie davongetrieben.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Höflich bedankte sich der junge Adelige. Das Pärchen schlenderte weiter die Promenade entlang und Florian legte das mitgebrachte Buch „Italienisch für Anfänger“ als Beschwerer auf die leidenschaftlichen Erzählungen seiner Schwester. Wie so oft, waren über zehn Briefe auf einmal von der Post gebracht worden. Irgendwo im Ausland mußten sie wohl gesammelt werden, bis ein Schiff sie nach Neuropa brachte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Da entdeckte Herr von Krainer einen jungen Mann von dunklem Teint, der mit überkreuzten Beinen einige Meter von ihm entfernt auf dem Rasen saß. Eine zusammengelegte Staffelei, eine große Holzkiste mit Tragegurt, einige Stifte und Papiere lagen verstreut um den Fremden herum. Das wäre alles kein Grund zur Aufregung gewesen, wenn da nicht die Aufmerksamkeit gewesen wäre, die ihm der junge Mann zu Teil werden ließ.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Florian starrte den Fremden herausfordernd an und als dieser den Blick von seinem Skizzenblock hob, um seinem unfreiwilligen Modell noch einige Details zu entlocken, schrak er zusammen. Der magische Moment der Unschuld war verflogen, der schöne Jüngling der Antike war erwacht und zu einem Teil der tristen Welt der Wirklichkeit geworden.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Florian stand auf - ließ Briefe und Jacke auf der Bank zurück - und steuerte direkten Schrittes auf den Fremden zu, der es sich erdreistet hatte, ihn in dem privaten Moment seiner Träume beobachtet zu haben.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Was machen Sie da?“ harschte er den im Gras sitzenden an. Verschrocken blickte der zu Boden und antwortete mit schrecklichem Akzent: „Ich … verzeihen Sie mir. Ich habe Sie gezeichnet und hätte Sie fragen sollen. Nur, hätten Sie gewußt, daß ich Sie zeichne, dann wären sie nicht so gelöst gewesen. Ich war unhöflich. Verzeihen Sie mir.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Aus dem goldenen Jüngling der Antike war nun ein Racheengel geworden. Es tat gut, seine Wut an einem Schwächeren auszulassen, der devot seine Schultern beugte. Florian langte herunter und entriß dem Fremden die Bilder. Es waren sieben an der Zahl. Nur drei waren mit dem Kohlestift ausgearbeitet worden, die anderen zeigten Details. Der Strich des Fremden war erstaunlich gut und er hatte tatsächlich den Moment seiner Träumerei eingefangen. Florian fühlte sich auf eine seltsame Weise entblößt und riß den Stapel der Bilder auf einmal durch. Mit einem verächtlichen Zug um den Mund ließ er die Blatthälften fallen: „Die sind alle schlecht.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Der Fremde zuckte zusammen, dann flüsterte er: „Ja, Sie haben Recht. Es wäre mehr Zeit von Nöten, damit sie Ihnen gerecht werden würden.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Was wollen Sie damit andeuten?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Nun, es wäre mir eine Ehre, Sie zu zeichnen.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Das kommt gar nicht in Frage“, entgegnete Florian zornig. Er wollte mit diesem aufdringlichen Mann nichts zu tun haben. Doch ließ der nicht locker. Mit sanfter Stimme redete er weiter auf Florian ein.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Da erhob sich ein seltsames Rauschen. Die beiden jungen Männer hielten in ihrem Disput inne und erforschten den Himmel mit ihren Blicken. Es war der Fremde, der die Ursache als erstes entdeckte. Vom Sachsenhäuser Ufer her überflog ein gewaltiges Luftschiff den Main. Sein Kurs war recht tief, wohl um Eindruck zu hinterlassen. Alle Herrschaften im Umkreis reckten ihre Häupter in den Wind, um jenes seltsame Gefährt zu bestaunen. Ob es sich um eine neue Errungenschaft des bayrischen Geheimdienstes handelte? Das Schiff war an die dreißig Meter lang und trug statt des gewaltigen Ballons über hundert Propeller, die an Masten steil in den Himmel gerichtet waren. In großen Lettern war an den Rumpf der Name aufgetragen worden: Albatros.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Das schläfrige Quaken der am Ufersaum ruhenden Enten, das Gemurmel der Menschen, ja sogar der leise Wind waren durch eine drückende Stille ersetzt worden. Schon huschte der Schatten des Schiffes über die beiden Kontrahenten, dem folgte ein künstlicher Luftwirbel, dann war die Albatros in Richtung des Flughafens verschwunden.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Lassen Sie uns nachsehen gehen“, schlug der Fremde vor.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Anscheinend war er nicht der einzige, den die Neugierde erfaßt hatte. Einige der Pärchen schlug nun ebenfalls den Weg zur Straße ein, um eine Kutsche zu dem durchaus weit entfernten Rebstockgelände zu nehmen. Natürlich wollte man sich das neue Schiff ansehen. Seltsam nur, daß man es nicht in der Zeitung angekündigt hatte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Da erhob sich über dem Rebstockgelände hinter Frankfurt eine Feuerwolke.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Die Gastürme“, flüsterte der Fremde, „sie habe die Gastürme beschossen.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Selbst hier, in der Entfernung regnete es Ascheflocken vom Himmel. Betäubt und erschrocken hielt die Großstadt den Atmen an. Alles starrte in Richtung des Flughafens, der natürlich vom Main aus nicht zu sehen war. Menschen eilten auf die Brücken, um sich eine bessere Sicht zu verschaffen. Manche kletterten sogar auf die Aufhängung des Eisernen Steges.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Der Flughafen brennt“, war die Botschaft, die der Wind herüberwehte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Der Fremde packte hastig seine Sachen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Wo wollen Sie hin?“ fragte Florian hektisch.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Nachsehen, vielleicht benötigt man meine Hilfe.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Es hörte sich nach einem Abenteuer an. Vielleicht sollte er sich dem Fremden anschließen. Da kehrte die Albatros zurück, verfolgt von einem viel kleinerem Schiff, der SMS - Falkenstein, die unter dem Kommando des Kapitän Heffners stand. Plötzlich schoß die Albatroß senkrecht in die Höhe. Florian erbleichte. Sein Fechtmeister Lt. Falkenstein - ein Mitglied der Dolchverschwörer - hatte ihm einmal von ihrem Schiff erzählt. Es gab nur zwei von dieser Baureihe der Korvette. Sie waren schnell und wendig, dafür aber nur mit zwei Maximes bewaffnet und natürlich auch nicht gepanzert. Schnell und wendig, diese beiden Begriffe hallten in Florians Erinnerung wieder. Die Albatros war groß, gut bewaffnet, gut gepanzert und war schneller und wendiger als die Korvette?<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Die SMS - Falkenstein konnte dem Manöver des Gegners nicht folgen. Sie flog einen kleinen Bogen, um aus der Reichweite der Albatros zu gelangen und um an Höhe zu gewinnen. Schon fiel der Schatten des größeren Schiffes auf das kleinere und schwarze Punkte lösten sich…<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Weg hier!“ schrie der Fremde und riß Florian mit sich. Eine der Bomben verfehlte die Falkenstein und schlug ins Mainufer ein. Die Explosion fegte die beiden Flüchtenden von den Beinen. Grasbrocken, Kies und Wasser prasselte auf die Umgebung nieder, dann war es still.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Florian wurde von dem Fremden niedergedrückt. Denn der hatte sich schützend über den jungen Mann geworfen. Doch statt eines Wortes des Dankes, kämpfte sich Florian unter dem größeren Mann hervor, sammelte seine Briefe ein und machte sich auf den Weg zur Straße. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Wo wollen Sie hin?“ rief ihm der Fremde nach. Als ob den das was anginge. Dennoch drehte sich Florian um. „Nach Hause natürlich.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Panik hatte Frankfurt erfaßt. Menschen rannten hin und her. Einige schrien, andere waren stumm. Der Luftkampf, der zwischen der Albatros und der Falkenstein ausgetragen wurde, fand sein Ende, als sich das bayrische Luftschiff Maximilan einmischte. Das fremde Schiff wendete und floh, die beiden anderen auf seiner Fährte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Genau vier Bomben waren fehl geschlagen und hatten Frankfurt getroffen. Florian trug sich mit der Angst, daß seiner Familie etwas geschehen war. Er hatte keine Augen für die Verwundeten. Sein Schatten, denn der Fremde war ihm gefolgt, brach die Hatz ab, da er ein zu gutes Herz hatte, um sich dem Leid zu verschließen. Er half dort, wo eine Bombe die Front eines Hauses getroffen hatte. Zwei der Bewohner waren verschüttet worden.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">02. April 1871; Sonntag<o:p> </o:p> </span></b></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Es war Still. Selbst der Wind strich auf leisen Sohlen um das Gefiert, huschte um die Backsteingebäude, die sich um einen engen, verwinkelten Hof schmiegten. Über die Straße hinweg hätte man eigentlich einen direkten Blick auf den Main erhaschen können, doch war die Sicht seit einigen Monaten durch eine Baustelle versperrt. Die Kunstschule Städel hatte eine großzügige Spende erhalten, um den Werkstätten ein Museum vorzusetzen. Man erbaute es im Griechischen Stil. Eine große Freitreppe führte zu einem Säulengestützten Tympanon empor.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Niemand war da, niemand. Die Arbeiten ruhten, die Studenten waren zu Hause geblieben und da er diese Mauern seit knapp zwei Jahren seine Heimat nannte, war er selbstverständlich ebenfalls „daheim“ geblieben. Unruhig streifte er durch die verlassenen Gänge, weil ihm ein goldgelocktes Gesicht nicht mehr aus dem Sinn gehen wollte. Alle Versuche, sich mit der üblichen Arbeit, dem kopieren eines Gemäldes, abzulenken waren fehl geschlagen. Statt dessen hatte er die zerrissenen Skizzen sorgfältig wieder aneinander gefügt und vorsichtig mit Leim geklebt.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Er hörte Hufgetrappel und schaute aus dem Fenster. Zehn Husaren ließen ihre Pferde über das Pflaster der Straße traben. Was das gegen einen weiteren Angriff aus dem Himmel nutzen sollte, blieb Charon ein Rätsel. Allein die militärische Präsenz in Frankfurt sollte wohl den Bürger daran erinnern, was gestern geschehen war und ihn gemahnen zu Hause zu bleiben. Drüben, wo die Bombe die Promenade zerstört hatte, war schon alles abgeriegelt worden.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon holte sich einen Besen und begann die Werkstatt, in der er arbeitete zu fegen. Einer der Hilfskräfte, die ebenfalls hier wohnten, schaute bei ihm vorbei. „Haben Sie die Zeitung schon gelesen?“ fragte dieser, bereit die Neuigkeit, die ihm auf der Zunge brannte weiterzugeben.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon schüttelte höflich den Kopf: „Nein, Herr Schreiter, ich habe heute noch keinen einzigen Blick in die Sonntagsausgabe geworfen.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sonntagsausgabe! Zwei Seiten habe die über den Überfall geschrieben.“ Herr Schreiter holte Luft, da er in dem schmalen Halbinder ein Opfer gefunden hatte. Charon war immer das Opfer. Seine Höflichkeit gebot es, niemals „Nein“ zu sagen und alles mit stoischer Gelassenheit zu ertragen. Natürlich brannte die Neugierde in ihm, zu erfahren, was gestern wirklich geschehen war, doch wollte er es lesen und nicht in schillernden Farben von Herrn Schreiter fabuliert zu bekommen. „Es war ein Herr Robur. Er hat noch am selben Tag eine Forderung an alle Neuropäischen Länder gestellt. Stellen Sie sich vor: Einstellung aller kriegerischen Handlungen…“ An der Stelle, bei der es um die verlorenen Kriegsschiffe ging, wurde Herr Schreiter ganz melancholisch. Noch nie hatte Bayern eine derartige Niederlage getroffen. Die „SMS - Wappen von Frankfurt“, war beim ersten Angriff auf die Gasometer abgestürzt und am Boden ausgebrannt. Dieses Gebiet war, wegen des geheimen Antriebes sofort gesperrt worden. Die SMS - Falkenstein war während der Verteidigung derart schwer getroffen worden, daß sie kurz vor dem Absturz gestanden hatte. Nun dockte sie am Turm und wurde repariert Dem Kriegschiff SMS - Maximilian erging es nicht besser. Einige Treffer hatten es ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Ein Schiff verloren, zwei schwer beschädigt und der Angreifer war fast mit heiler Haut davongekommen. Ein Gasturm war zerstört und beim zweiten war durch einen Riß das Heliumgemisch ausgetreten.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Natürlich war Herr Schreiter voll des Lobes Kapitän Heffner gegenüber. Dieser waghalsige junge Mann hatte seiner Meinung nach und der der Zeitung den Gegner so erfolgreich vertrieben.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">05. April 1871; Mittwoch</span></b><span style="font-family:Garamond"><o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Robur ließ sich natürlich wieder blicken. Das bayrische Militär hatte zum Schutze Frankfurts weitere Kriegsschiffe entsannt. Wie aus heiterem Himmel erschien die Albatros aufs neue und bombardierte nun die Kaserne, die zum Flugstützpunkt gehörte. Diesmal wurden viele Menschen verletzt und am nächsten Tag stand in der Zeitung, daß Robur ein wenig später über dem Bodensee aufgetaucht war und die dortige militärischen Einrichtungen völlig ausgebombt hatte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Danach griff die Angst in Frankfurt um sich. Die Menschen wagten sich nur für die nötigsten Gänge aus dem Haus, alle Bälle wurden abgesagt und selbst die Gespräche schienen nur geflüstert zu werden. Man vertraute insgeheim auf die Dolchverschwörer, die sich der Sache angenommen hatten. Und am 13. April verließen diese Frankfurt in Richtung England.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">18. April 1871; Dienstag<o:p> </o:p> </span></b></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">In großen Lettern stand in der Zeitung, daß die Dolchverschwörer Erfolg gehabt hatten und ein Schwesternschiff der Albatros, die größere Condor, samt der Werft zerstört hatten. Lt. Falkenstein wurde bei dem Manöver - dem „Heffner - Manöver“ - schwer verletzt und war nicht transportfähig.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Diese siegesreiche Nachricht wirkte sich sehr entspannend auf Frankfurt aus. Man genoß das Frühjahr und so benötigte es nur noch einen weiteren schönen Tag, um die Wiesen wieder mit Pärchen, Flanierenden und Picknickenden zu füllen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon Aouda nutzte seine freie Zeit, um draußen Skizzen und Aquarelle anzufertigen. Hin und wieder wurde er von Passanten angesprochen, ob er nicht ein Portrait anfertigen mochte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">27. Mai 1871; Samstag</span></b><span style="font-family:Garamond"><o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">An diesem Tag verschwand die SMS - Falkenstein. Man munkelte, daß sie der Albatros auf die Spur gekommen sei. Danach hörte man nichts mehr von den wackeren Helden. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">13. Oktober 1871; Freitag<o:p> </o:p> </span></b></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Es mußte erst Herbst werden, als ein seltsamer Raddampfer den Main heraufgefahren kam. Auf dem Segel prangte der Schwan König Ludwigs, dem Wappen, das die Falkenstein auf ihrem Ballon getragen hatte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Das Vehikel hatte über hundert Menschen Platz geboten. Zwei Rümpfe, die nach antiken Nachbauten von Wickingerschiffen anmuteten, trugen das breite Deck. Ein Dampfkessel betrieb die großen Schaufelräder. Zusätzlich hatte man ein Segel installiert, das oben durch einen kleinen Ballon gehalten wurde. Diese Konstruktion ging in die Geschichte ein. Im Groben und Ganzen hatten die Dolchverschwörer tatsächlich einen Stützpunkt des organisierten Verbrechens entdeckt: eine Stadt aus Metall und Glas in den Wolken mit dem Namen Asgard. Beim Anflug auf die Insel waren sie abgeschossen worden und hatten Kontakt zu den Eingeborenen - den Nachfahren einiger Wickinger – aufgenommen. Im Verlauf des Abenteuers hatten die Dolchverschwörer einige der im letzten halben Jahr entführten Personen, Ingenieure, Wissenschaftler und Künstler gerettet und hatten letztendlich den Verbrecherstützpunkt vernichtet.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">15. Oktober 1871; Sonntag<o:p> </o:p> </span></b></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Meister. Charon fragte sich, warum Verbrechergenies immer auf solche seltsamen Namen kamen. Die Person, die den Dolchverschwörern das Leben auf dieser einsamen Inseln hoch im Norden das Leben schwer gemacht hatte, hatte sich als der Meister bezeichnet. Charon legte die Zeitung weg, in der nun jeden Tag ein riesiger Bericht über die Abenteuer der Dolchverschwörer stand. Auch hatte Mademoiselle Hlavin ihr nächstes Buch angekündigt. Es würde „Asgard“ heißen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Versonnen starrte Herr Aouda auf das Gemälde, das er für das Städel kopieren sollte. Es gab schon im Vorfeld einige Bestellungen. Viele der Schönen und Reichen wollten sich einen Rembrand, einen Dürer oder einen Arnsberg in den Salon hängen. Die Muse wollte sich heute nicht einstellen. Zu viel bewegte den Halbinder. Die Geschehnisse der letzten Tage hatten in ihm wieder Erinnerungen wach gerufen, die Erinnerungen an den Beginn der Geschichte, als die Albatros zum ersten Mal aufgetaucht war; als er diesen Engel erblickt hatte und vor lauter Schüchternheit nicht einmal seinen Namen erfragt hatte. Seitdem hatte Charon, wenn er seine Skizzen in Frankfurt anfertigte, immer nach diesem androgynen Jüngling Ausschau gehalten. Leider hatte es das Schicksal nicht gut mit ihm gemeint.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Nun sollte er diesen Rembrand kopieren, abmalen … stupides Werk vollbringen. Ohne diese schnöde Arbeit allerdings hätte er sich dieses Studium nicht finanzieren können.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Nun stöberte er in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Presse herum und verschlang die Zeilen, die von Abenteuer und Freiheit erzählten.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Wie es wohl war, einer untergegangenen Kultur zu begegnen? Auf dieser Insel waren sie Jahrhunderte lang von der restlichen Welt abgeschnitten gewesen und hatten so ihre Lebensweise bewahrt. Natürlich wurde der Ort der Wickinger strengstens Geheim gehalten.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon machte sich auch Gedanken über die Entführten, die die Dolchverschwörer mitgebracht hatten. Als wären seine Gedanken erhört worden, wurde die Türe zum Atelier aufgestoßen. Meister Kleehaupt, einer seiner Befürworter, betrat mit vier Personen den Raum. Charon stockte der Atmen. Der Besuch war atemberaubend schön, als wären vier Engel zur Erde herabgestiegen: sie waren von schlankem Wuchs, trugen sinnliche Gesichter und nannten eine perfekte Körperhaltung ihr eigen. Es waren drei junge Männer und eine Frau, die sich umsahen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Darf ich Ihnen unseren besten Nachwuchskünstler vorstellen? Herr Aouda.“ Meister Kleehaupt, ein untersetzter Mann mit graumeliertem Haupthaar und gepflegten Vollbart lächelte seinen Schüler aufmunternd an. Charon stand geschwind auf und legte die Zeitung bei Seite. Es war ihm durchaus peinlich, beim Müßiggang ertappt worden zu sein. Erkannte er ein spöttisches Glitzern in den Augen dieser unheimlich perfekten Menschen?<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Frl. Caprice, Herr Prampolini, Herr Bortnyik, Herr Nesch.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon ergriff die dargebotene Hand der schönen Frau und verbeugte sich leicht, den Herren schüttelte er nacheinander die Hand.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Woran arbeiten Sie“, fragte Herr Bortnyik in gebrochenem Deutsch und alle starrten auf die blanke Leinwand, die Charon zwar schon auf den Rahmen gespannt, aber der er noch keinen Pinselstrich zugefügt hatte. Nun war durchaus ein spöttischer Zug um den Mundwinkel des Adonis zu erkennen. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Verzeihen Sie, ich war noch zu sehr von Ihren Abenteuern, die in der Zeitung stehen, mit Beschlag belegt, um zu Beginnen.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Kopieren Sie Bilder?“ fragte der blonde großgewachsene Herr Nesch. Seine zischelnde Aussprache ließ darauf deuten daß er aus den nördlichen Regionen Neuropas kam.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ja, ich habe ein gutes Auge für die Farbgebung.“ Charon fühlte sich gedemütigt. In den Augen dieser Übermenschen, mußte er winzig klein, wie eine Fliege aussehen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Oh, ein Arnsberg.“ Die Stimme Frl. Caprices war wie Honigwein, der die Kehle hinunterkitzelte. Alles an der Dame erinnerte an Sommer, an leichte Heiterkeit und Fröhlichkeit. Die hellblonden Haare hatte sie kunstvoll hochgesteckt und ihre Augen erinnerten an einen warmen Sommerhimmel. Ohne ein Geräusch zu verursachen trat die schlanke wohlgeformte Dame an das Ölgemälde heran. Charon schrak innerlich zurück. Es war nicht nur das Äußere, daß ihn bis zur Panik hin beeindruckte, es war ihre Gegenwart, die Art sich zu bewegen, sich zu äußern, die Art einen Raum für sich zu vereinnahmen, nur mit der alleinigen Existenz ihrer Anwesenheit… und es schien ihr nicht bewußt zu sein.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sie hat einen wundervollen Strich“, bemerkte Frl. Caprice mehr zu sich selbst.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Nun, dann werde ich Ihnen noch die anderen Räume zeigen“, mischte sich Meister Kleehaupt ein. Man verabschiedete sich höflich und alsbald war Charon Aouda wieder allein.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Nachdem er die Leinwand grundiert und einen farbigen Hintergrund angelegt hatte, gesellte sich Meister Kleehaupt wieder zu ihm. Er setzte Herrn Aouda in Kenntnis, daß diese vier Personen aus Asgard kämen und Interesse am Städel geäußert hatten. Sie würden im Wohnhaus einziehen. Das bedeutete, daß diese Personen nicht nur unverschämt Schön waren, sondern auch reichlich Begabt … wäre es ein anderer gewesen, der in Herrn Aoudas Situation befunden hätte, hätte er wohl Neid oder Bewunderung in seinem Herzen Einlaß gewährt, doch so machte er sich Gedanken über das Warum. Weswegen waren die neuen Studenten dergestalt? Hatte der Verbrecher, der sich der Meister nannte, seine Hände im Spiel gehabt? Welche Schrecken mußten die Geretteten durchstanden haben?<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">Ende Oktober<o:p> </o:p> </span></b></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Es war zermürbend. Von den neuen Studenten war nur noch Michelle Caprice geblieben. Die anderen hatten sich zu mehr berufen gefühlt und waren abgereist. Michelle avancierte in der Beliebtheitsscala der Studenten, die meistens aus dem Adelsstand waren, ganz oben. Jeder wollte sich in ihrer Nähe bewegen, sich in ihrem unaufhörlichen Strahlen sonnen und jeder wollte ihre alleinige Aufmerksamkeit auf sich ruhen wissen. Frl. Caprice nahm alles mit einem Lächeln hin und malte. Ihre Bilder spiegelten ihre Schönheit wieder. Menschen mit dieser Begabung gab es nur ganz selten in einer Generation. Sie hatte einen anderen Stil als Baronesse von Arnsberg, kam aber nahe an diese Qualität heran. Sehr schnell wurde sie von den Professoren darum gebeten selbst ein wenig zu lehren.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Michelle akzeptierte den dunkelhäutigen Inder, wie sie alle anderen Menschen um sich herum akzeptierte. Sie war eine der wenigen Personen, die Charon nicht schnitt, ihn so behandelte, als wäre er ihr gleich. Aber, sie nahm ihn auch nicht in Schutz, wenn sich die Frankfurter über den Außenseiter mokierten oder lustig machten.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">25. November 1871; Samstag </span></b><span style="font-family:Garamond"><o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">In den letzten Wochen hatte eifrige Geschäftigkeit die Werkstätten des Städel erfaßt. Die Studienpläne waren von den Professoren nicht eingehalten worden, da der Termin der Museumseröffnung immer näher gerückt war. Natürlich war alles im Zeitverzug.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon hatte einmal Baronesse von Arnsberg im Museum gesehen, wie sie recht zwanglos mit Frl. Caprice die schon hängenden Bilder abschritt. Die beiden Damen plauderten miteinander, als wären sie lange Freundinnen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Am nächsten Tag hatte Charon es gewagt, Frl. Caprice privat anzusprechen. Er hatte sie nach der Verbindung mit Baronesse von Arnsberg gefragt.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ja, ich kenne sie. Wir haben uns in Asgard kennengelernt.“ Wie immer waren die Antworten knapp und ohne Schnörkel. Doch diesmal konnte Charon eine Sehnsucht heraushören, die das Wort Asgard umwehte. Tat es ihr letztendlich Leid, gerettet worden zu sein?<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Heute nun wurde das Städel eröffnet. Das Wetter spielte leider nicht mit und die Besucher mußten sich unter ihren Regenschirmen verbergen. Dennoch hielt man an dem Zeremoniell fest und nacheinander richteten der Leiter des Museums, der Bürgermeister der Stadt Frankfurt und einige der Stifter ihr Wort an die gespannt harrende Menge. Danach gebührte es Mademoiselle Hlavin, das rote Band mit einer vergoldeten Schere zu durchschneiden. Die Menschen hielten den Atmen an, dann machten sie ihrer Freude durch tosenden Applaus Luft.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Wie eine bunte Woge aus farbenfrohen Fischen, glitzerten die hohe Gesellschaft Frankfurts und Neuropas durch das große Portal in die hellen Räume des Städels. Im großen Mittelsaal wurden weitere Reden gehalten und verlangte den Zuhörern eine gewisse Contenance ab, nicht dem Schlaf anheim zu fallen. Sie alle dürsteten danach durch die Gänge zu schreiten, von Halle zu Halle, um die alten und die neuen Kunstwerke der Malerein zu bewundern. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Natürlich konnte Charon die Dolchverschwörer sehen. Sie saßen nicht beisammen, wie man wohl erwartet hätte. Mademoiselle Hlavin war von einigen Bewunderern umgeben, Baronesse von Arnsberg hatte sich an der Seite des Sidheleutnants Falkenstein niedergelassen, der Arzt und Weltmann Sir Alec saß bei dem Indianer Dr. Two Bears … es waren so viele bedeutende Persönlichkeiten erschienen. Bei einigen erkannte er berühmte Maler des Realismus.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Und dann war die Rede beendet. Zumeist in Gruppen schlenderten die Besucher durch die Reihen der Gemälde, bestaunten und bewunderten diese. Manche mit Kenntnissen, aber viele ohne solcher. Diese redeten meist am Lautesten.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Man hatte Herrn Aouda und Frl. Caprice darum gebeten für die Gäste Rede und Antwort zu stehen. Damit sie für das ungeübte Auge erkennbar waren, trug er ein Livree und sie ein Kleid in den Farben des Städels.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Hier fiel Charon auch ein Mann auf, der recht groß war und eine porzellanfarbene Halbmaske trug. An seiner Seite schritt eine Frau, der man das spanische Blut nicht aberkennen konnte. Temperament blitzte aus ihren Augen und sie schien jeden damit herausfordern zu wollen, der ihr zu nahe kam.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Leider, leider, erschien kein Engel, dafür aber das Schicksal …<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><b style="mso-bidi-font-weight: normal"><span style="font-family:Garamond">26. November 1871; Sonntag </span></b><span style="font-family:Garamond"><o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Es war Mittag und einige Studenten waren tatsächlich im Atelier aufgetaucht. Wahrscheinlich saßen sie an Bildern, die sie an Weihnachten verschenken wollten. Drüben am anderen Ende stand Michelle aufrecht wie eine Birke, vor einer Staffelei. Man merkte ihr den gestrigen Tag nicht an. Aquarelle lagen auf ihrem Arbeitstisch verstreut, einige hatte sie an die Wand vor sich gepinnt und eine gelungene Mischung dieser Eindrücke hatte sie letztendlich auf die Leinwand gebracht. Nun arbeitete sie die herbstliche Promenade am Main aus. Warum Michelle den Krater mit hineingemalt hatte, den die Bombe vor einem halben Jahr geschlagen hatte, war ihm ein Rätsel. Schließlich hatte man die Promenade recht schnell wieder hergestellt, damit dieses schreckliche Zeichen Roburs von Frankfurts Antlitz getilgt worden war. Michelle hatte den Krater nicht selbst gesehen, da er bei ihrer Ankunft schon nicht mehr existierte. Warum also dieses Fantasiegemälde? Warum ein schlechtes Gefühl in ein warmes herbstliches Bild verankern? Das waren die Momente, an denen sich die Innere Präsenz Michelles zeigte. Das war der Teil, der Charon unwillkürlich in seinen Bann gezogen hatte. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Na, die Farben sind wohl nicht getroffen“, sprach ihn eine Frauenstimme an. Charon schrak dermaßen zusammen, daß ihm der Pinsel über das Bild fuhr und alles zerstörte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Verzeihen Sie, das war nicht meine Absicht.“ Das Bedauern in der Stimme klang echt.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Langsam drehte sich Herr Aouda um und sah sich einer außergewöhnlichen Frau gegenüber. Sie war so groß wie er selbst, aber … nun, um es Höflich auszudrücken, von äußerst draller Figur. Sie ging nicht mit der freizügigen Pariser Mode einhand und war sehr ziemlich und in Grau gekleidet.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Frl. von Krainer“, beeilte sich Meister Kleehaupt vorzustellen. Die Dame hatte soeben gegen das „come il faut“ verstoßen und es war ihr sichtlich egal. „Herr Aouda.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sehr angenehm“, die Dame hielt dem Halbinder die Hand entgegen. Er ergriff diese und verbeugte sich formvollendet. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Wie ich sehe, können Sie sich vorzüglich in der Welt des Glamours bewegen.“ Frl. von Krainer schenkte ihrem Gegenüber ein undeutbares Lächeln.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon murmelte etwas Unverständliches und senkte den Blick zu Boden. „Wie kann ich Ihnen dienlich sein?“ fragte er dann.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Nun, Sie können mir tatsächlich zu Diensten sein. Man sagte mir, daß Sie ein hervorragender Künstler seien. Nun, ich bin in die mißliche Lage geraten, in aller Schnelle ein Portrait meines Bruders anfertigen lassen zu müssen. Baronesse von Arnsberg, die mir diesen Gefallen machen wollte, ist unpäßlich und da wende ich mich nun an Sie.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Diese Dame sah in ihm einen würdigen Ersatz zu der Baronesse? Augenscheinlich sackte der junge Mann weiter in sich zusammen. Doch schien das die Adelige nicht zu bemerkten. „Vielen Dank der Ehre, aber ich vermag nicht so viel …“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Naja, das sehe ich wohl.“ Frl. von Krainer blickte auf das Abbildnis. Charon, der an derartige Demütigungen gewöhnt war und von sich so überzeugt war, wie ein … nunja ein Künstler eben, wollte weiter die Schultern senken, als ihm das Lachen in den Augen der Frau auffiel. Spielte sie mit ihm? Nun, auch das war er gewöhnt.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sie sind aus Indien“, stellte die Dame plötzlich fest, „was müssen Sie nur von mir halten.“ Frl. von Krainer legte die Handflächen vor ihrem Gesicht aufeinander und verneigte sich. Auf Indisch sagte sie: „Namaste nallathu … Ich bin hocherfreut Sie kennenzulernen, Herr Aouda.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Verblüfft entgegnete Charon den Gruß. Diesmal sah er sich die Dame nun doch genauer an und diese lachte ihn an. „Sie wissen nicht, wer ich bin, nicht wahr? Nun, ich bin viel auf Reisen und war auch eine Weile in Indien. Allerdings begrenzen sich meine Sprachkenntnisse auf einige Floskeln und Wörter.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Es ist lange her, daß ich diese Sprache hörte. Ich war sechs, als ich von Indien deportiert wurde.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Nach England, nehme ich an.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon nickte. Er war erst seit knapp zwei Jahren in Deutschland, so daß er die Sprache zwar beherrschte, aber mit einem grauenvollen Akzent. „Sie kennen Baronesse von Arnsberg?“ führte er das Gespräch zurück zum Hauptthema. „Oh ja, ich kenne sie.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Eine wundervolle Künstlerin.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ja, Sie ist Ihnen nicht unähnlich, wissen Sie das?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Herr Aouda schaute verblüfft und senkte den Blick.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Als ich Baronesse von Arnsberg kennenlernte, war das als grauer Rockzipfel hinter einer Säule.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Herr Aouda entkam ein Lachen und Frl. von Krainer fiel darin ein. Sie riß ihn in ihrer Herzlichkeit mit sich, so daß er sich später die Tränen aus den Augenwinkeln wischen mußte. Diese Frau war etwas besonderes, sie trug ein Herz aus Gold unter ihrem Mieder.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Da Sie als eines der beiden Nachwuchstalente hier in Frankfurt gehandelt werden, möchte ich Sie für das Portrait meines Bruders engagieren.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Nun, dann müssen Sie sich an Frl. Caprice wenden.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Michelle, die ihren Namen hörte, sah auf. Freundlich lächelte ihr Frl. von Krainer zu. „Sie sind also der Meinung“, sagte sie Herrn Aouda, „daß Sie weniger begabt sind, als die hübsche Dame dort. Lassen Sie es mich so ausdrücken, daß es sich nicht schickt, wenn ich meinen Bruder mit ihr alleine ließe.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Verstehe.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Michelle hatte sich wieder ihrem Bild zugewendet. Feuerrot erschienen ihm die Farben der Laubbäume, wie der kurze Krieg, der über Frankfurt stattgefunden hatte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Dürfte ich mir noch andere Werke von Ihnen ansehen? Nicht diese abgemalten Stücke.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Herr Aouda zögerte. „Ich müßte sie aus meinem Zimmer holen.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Oh, nur keine Umstände, ich begleite Sie.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sie begleiten mich?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Wissen Sie, ich habe am Strand von Konstantinopel von zwei Gentleman Schwimmen beigebracht bekommen. Außerdem habe ich den besten Mann, den man sich vorstellen kann.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Seltsamerweise trägt sie keinen Ehering, stellte Herr Aouda für sich fest.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Gemeinsam ging man durch die verwinkelten Gänge der Werkstattsgebäude hinüber zum Wohnhaus. Die Gemälde, die Charon hier aufbewahrte, waren leider nur wenige, da er selten Zeit für sich fand. Frl. von Krainer zeigte sich durchaus beeindruckt. „Was ist denn das dort?“ fragte sie und zog einer der Engelskizzen hervor. „Wer hat die denn zerrissen?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Nun, ich war so unhöflich und habe jenen Herren ohne sein Wissen skizziert. Er war darüber recht erzürnt.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Hm, schade. Darf ich diese Zeichnung behalten?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Es war natürlich Charons Lieblingsbild. All seine Sinne schrien: „Nein“, doch sein Mund formte bereits das „Ja“. Fort war das Bild, wieder war ein Teil seines Traumes durch seine Gutmütigkeit verloren gegangen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Frl. von Krainer stellte noch einige Fragen, den Engel betreffend und schien mit ihren braunen Augen tief in Charons Seele vorzudringen. Sah sie bereits das, was er sich noch nicht eingestehen wollte?<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Das er sich in den Engel verliebt hatte?<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Gemeinsam kehrten sie ins Atelier zurück.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Wann soll ich bei Ihnen anfangen?“ fragte Herr Aouda.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Jetzt“, antwortete ihm die Dame freiherzig und mit unschuldigem Gesichtsausdruck. Sie genoß Charons Verblüffung sichtlich. „Ich weiß, daß ich sie mit der Bitte überfalle. Es geht darum, daß unsere Mutter am ersten Dezember Geburtstag hat.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ich muß Sie enttäuschen, bis dahin ist es unmöglich ein Portrait anzufertigen.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Oh, ich weiß durchaus, daß Ölfarbe abbinden muß. Wir haben schon einen der Diensträume zu einem Atelier umgebaut, damit wir das trocknende Gemälde ohne weiteren Transport in die Ahnengallerie hängen können.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Unter den Umständen könnte es gelingen.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Fein, dann packen Sie.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Kurze Zeit später hielten sie am Bediensteteneingang einer kleinen Villa. Schnell waren die Malsachen in einem kleinen Raum untergebracht worden. Es gab lediglich ein Fenster, aber unzählige Kerzenständer. Es schien Charon, als ob nun die restliche Villa ohne Beleuchtung sei.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Bringen Sie den Stuhl schon in Position“, sagte Frl. von Krainer, „ich hole meinen Bruder. Aber, ich warne Sie im Voraus, er ist … bockig.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Bockig … seufzend drapierte Charon den Vorhang am Fenster, dann rückte er einen kleinen Tisch hinzu auf den er eine der Deckchen legte, den Stuhl davor, die Kerzen angezündet. Dem Licht, das durch das Fenster fiel mußte noch etwas gegenübergestellt werden. Der Reflex eines Kristallkelches, den man hervorragend auf den Tisch stellen konnte. Ohne zu klopfen wurde die Türe aufgestoßen und in edlem Tuch gekleidet trat ein junger Mann ins Licht. Goldfunken sprühten in dem gebürsteten Haar, als Herr von Krainer Jr. mit finsterem Blick stehen blieb. Seine Schultern waren gestrafft, sein blasses Gesicht drückte Abneigung aus.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon blieb das Herz stehen, als sich die Augen, dessen Farbe wie das reine Pigment Azur war, sich direkt in seine versenkten. Ein Engel, von der durchflackerten Düsterheit einer schmalen Kammer umhaucht, die Schwingen schwer um seine Schultern gefaltet, wunderschön und nichts preisgebend … als die Unmut auf seinem Gemüt.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Funken durchbrachen die im Schatten liegenden Augen, es waren Funken der Erkenntnis, Funken des Zornes, die sich in einer leichten Röte niederschlugen, die nun die Wangen des jungen Mannes bepuderten.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Im Türrahmen war Myrjam von Krainer aufgetaucht. Für den oberflächlichen Beobachter war es einfach unerklärlich, daß diese beiden jungen Menschen Geschwister waren. Die Schwester war weder schlank noch schön … augenscheinlich war wohl alles dem Bruder zugefallen. Vielleicht hätte er die Tochter und sie der Sohn werden sollen. Doch das Schicksal beliebte, den Engel wohl aufzuteilen. Die äußerliche Entrücktheit gab sie dem Mann und den inneren Frieden der Frau. Beide zusammen hätten wohl eine Michelle ergeben, doch wäre dann der Zauber verflogen. Hier ruhte das Wunder im Geheimen und mußte von dem suchenden Auge erst erfaßt werden.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Der?“ entfuhr es Herrn von Krainer Jr. Er drehte sich zu seiner größeren Schwester herum. „Der?“ das Wort klang fast als Beleidigung. Der Engel wurde in seinem Sträuben nur schöner. Wer wollte schon weiße Schwingen?<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Flo, benimm dich.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Du weißt, daß ich das nicht mag“, begehrte der Engel mit dem putzigen Spitznamen auf.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Wahre Größe, mein liebster Bruder, liegt im Inneren.“ Frl. von Krainer war sehr geschickt. Wahre Größe plädierte sie, auch um diese Situation zu meistern.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ich kenne diesen Mann.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Das habe ich mir bereits gedacht. Ich finde es äußerst schade, daß du die schönen Skizzen - die in meinen Augen schon fertige Zeichnungen darstellen - zerrissen hast.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Er hat mich ohne zu fragen einfach gezeichnet …“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„…und dich in einem wundervollen Moment eingefangen. Jetzt kenne ich deinen Gesichtsausdruck, wenn du meine Briefe liest.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Der trotzige Ausdruck, der noch zur Kindheit gehörte, verschwand nur zögerlich aus Herrn von Krainers Gesicht. „Ich kann es dennoch nicht leiden.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ja, mein lieber Bruder.“ Und jetzt wäre Charon am liebsten in Frl. von Krainers Haut gesteckt, denn sie beugte sich zu ihrem Bruder hinüber und gab ihm einen Kuß auf die Stirn.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Vergeben Sie uns die Unhöflichkeit, in Ihrer Gegenwart über Sie gesprochen zu haben. Darf ich vorstellen: Florian von Krainer, mein Bruder, und Herr Aouda aus Indien.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Die beiden Männer reichten sich die Hand.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Nun, dann ist ja alles geklärt. Ich werde Ihnen mein Grammophon herbringen lassen.“ Frl. von Krainer verabschiedete sich und ließ die beiden Herren alleine. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Für den Hintergrund benötige ich noch einen Kristallkelch“, begann Herr Aouda zögerlich.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Weswegen?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Nun, ich benötige einen Gegenpunkt für das Licht im Fenster. Alles in einem Gemälde hat einen Gegenspieler.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Aha.“ Herr von Krainer Jr. drehte sich elegant herum und schritt zur Türe hin. Forsch riß er sie auf und hätte beinahe eine Person, die dahinter gestanden hatte, umgerempelt. „Marie, verzeih“, sagte er leise, beinahe vertraut. Ein kleiner Stich der Eifersucht regte sich in Charons Herzen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ich wollte Ihnen Tee bringen.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Komm herein.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Ein kleines zartes Mädchen von vielleicht sechzehn Lenzen trat in die Kammer. Es trug ein silbernes Tablett, das es verschüchtert in den Händen behielt. Herr Aouda benötigte einen Moment, um zu begreifen, dann murmelte er eine Entschuldigung und räumte einen der Tische frei. Marie knickste höflich und setzte das Tablett ab. Für gewöhnlich war es Charons Gewohnheit, den Tee einzuschenken. Als er nach der Kanne griff, umfaßte er die schmale Hand des Dienstmädchens. Beide schraken zurück.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Verzeihung.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Vergeben Sie mir.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Es … es ist meine Aufgabe einzuschenken“, erklärte Marie vorsichtig.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Äh, selbstverständlich. Verzeihen Sie mir.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Marie errötete. Sie schenkte mit zitternden Fingern ein, dann huschte sie hinaus. Herr von Krainer erwischte sie noch am Ärmel. „Marie, warte noch.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Das Mädchen schaute fragend auf. „Was kann ich noch für Sie tun?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Bring doch einen der Kirstallkelche her.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Jawohl.“ Marie knickste und verschwand.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Nachdem der Kelch an Ort und Stelle war, sich Herr von Krainer gesetzt hatte und die Staffelei endlich positioniert war, begann Charon gleich damit, die Proportionen auf Leinwand zu bringen. Mit Kohle setzte er die ersten Striche und war überrascht, wie leicht es ihm von der Hand ging. Die Unsicherheit in seinem Herzen verflog, sobald er den Stift ergriffen hatte.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Es gab noch eine Unterbrechung, als Frl. von Krainer mit einem Diener auftauchte. Er stellte das Grammophon auf einen der Tische ab. Dann ging er, um die Kiste mit den Rollen zu holen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon hatte ein solches Gerät noch nie leibhaftig gesehen. Ein Ding, das in der Lage war eingefangene Musik wiederzugeben. Herr Aouda trat an den Tisch heran, um das Grammophon näher in Augenschein zu nehmen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Arthur hat es mir geschenkt.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ihr Mann?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Nein, mein Gefährte.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Die Familie von Krainer hatte einige Geheimnisse.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sagen Sie, Sie haben es gewußt, nicht wahr.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Frl. von Krainer sah Herrn Aouda lange an, dann antwortete sie: „In Indien gibt es ein Sprichwort: In seinem Leben trifft man sich immer ein zweites Mal.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Der Diener brachte die Kiste und dann wurden sie wieder allein gelassen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Eigentlich hätte Charon im siebten Himmel schweben müssen, doch das abweisende Benehmen des jungen von Krainer, trieb ihm Dolch um Dolch in seine Träumereien. Innerhalb der vergangenen Monate war aus der kurzen Begegnung ein Gefüge aus Wünschen und Vorstellungen geworden, das nun wie ein Spiegel in tausend Stücke zerbrach. Die Scherben prasselten mit ihren scharfen Schneiden auf den Halbinder nieder und rissen Stück für Stück fort, bis nur noch der blanke Knochen übrig blieb.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Zurückgewiesen, verstoßen, blutend und vom Regen seiner Tränen durchnäßt kehrte Charon irgendwann nachts Heim. Er war das Stück gelaufen, war an der reparierten Promenade entlanggestreift und war wiederwillig in seine vier Wände zurückgekehrt. Hier, ohne den Wind, ohne die Welt der Gerüche und Geräusche war er wirklich allein, allein und nochmals allein.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Weinend, dem heißen Strom seiner Tränen nun freien Lauf gewährend, ließ er sich auf sein Bett fallen. Der Engel war fortgeflogen und hatte ihm so nachdrücklich gezeigt, daß man ihn nicht liebte. Zu der Zurückweisung gesellte sich noch die immerwährende Traurigkeit seines Lebens. Seit er von Indien fort mußte, seit der Zeit, als ihn seine Verwandten in England aufgenommen hatten, war er ungeliebt gewesen; herumgestoßen in einer Gesellschaft, in der er nur das Kind einer versklavten Kultur war. Weder ihnen noch der Herrenrasse zugehörig, hatte er immer währendes Leid erfahren. Nur wenigen Menschen war seine Herkunft egal gewesen… die meisten hatte er hier in Frankfurt kennengelernt.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon hörte ein leises Geräusch an seiner Türe. Flugs wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und stand auf. Fahrig glättete er seinen Anzug. „Herein“, sagte er. Als sich nichts tat, ging er, um die Türe zu öffnen. Ein Tablett mit dampfenden Tee stand auf dem Boden und am Ende des Ganges konnte er die Silhouette Michelles erkennen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Frl. Caprice“, rief er die Dame leise an. Sie blieb stehen und drehte sich halb herum. Diese wundervolle Geste wärmte sein Herz. „Danke.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Er vermeinte sie lächeln zu sehen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Wäre es unschicklich, wenn ich Sie zu einem Tee einladen würde?“ fragte er in seinem grauenhaft klingenden Deutsch.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Oui, das wäre es.“ Dennoch kam sie den Gang zurück. Ihre Gegenwart flutete ihr voraus und hüllte Charon leise ein. Allen anderen Frauen hätte er nicht vertraut, er wäre geflohen. So aber bückte er sich und hob das Tablett auf. Höflich ließ er sie eintreten und schloß dann die Türe. Das Tablett stellte er auf seinen kleinen Tisch und holte eine zweite Tasse aus seinem Schrank.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ein Zimmer“, sagte Michelle in ihrem wundervollen französischen Akzent, „ist ein Spiegel des inneren Charakters.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sehen Sie sich ruhig um. Dies ist nur die Oberfläche.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ich liebe Oberflächen, sie verbergen unheimlich viel.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ja, das tun sie“, seufzte Charon. Michelle hatte sicherlich seine gegenwärtige Gemütsverfassung bemerkt, ließ es sich aber nicht im Geringsten anmerken.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Darf isch mir Ihre Bilder ansehen?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Gerne, aber es ist dämmrig.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Das macht mir nischts aus. Isch kenne Ihre bevorzugten Farben.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Still betrachtete sich Michelle jedes Gemälde. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sie kommen bei weitem nicht an Ihre heran“, stelle Charon sein Licht mal wieder tatkräftig unter den Scheffel.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ja, da haben Sie rescht.“ Wieder ein Dolchstoß in seine ohnehin wackelige Gemütsverfassung. „Isch will Sie nischt unnötig Leiden lassen.“ Michelle warf ihm einen sehr offenen Blick von der Seite zu. Doch kein Dolchstoß? „Ihr Talent ist ungewöhnlisch. Aber, Sie wissen, daß mehr zu einem wahren Künstler gehört, als das. Sie vergeuden sisch, indem Sie Ihr Talent an diese schrecklischen Kopien verschwenden. Ihre Teschnik ist nahezu perfekt, Ihr Sinne für Farben mehr als ausgeprägt, Sie haben ein gutes Auge, eine sischere Hand, aber Ihnen fehlt die Fantasie… das Leben.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Das war schwer zu verkraften. Wie sollte er seine Fantasie leben? Er hatte keine Zeit dafür! Er war leider keiner aus der hohen Gesellschaft, die ihre verwöhnten untalentierten Söhne an das Städel schickten, um sich der Kunst zu widmen. Wenn er keine Bilder abmalte, wenn er keine Portraits anfertigte, konnte er sich die Farben und den Aufenthalt, geschweigedenn das Studium finanzieren.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ich werde niemals an Sie heranreichen“, devot hatte Charon den Kopf geneigt. Gleichzeitig zu seinen Worten sagte Michelle: „Isch ahne schon, was Sie nun denken.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Kurz schwiegen sie sich an, dann lächelte die Französin leise. Sie lächelte selten so, wie jetzt. Traurigkeit lag in ihrem Blick und eine gewisse Sehnsucht. Charon ahnte, daß ihm ein kurzer Blick auf die wirkliche Michelle gewährt wurde. „Mein Glück war es, daß isch misch, - wie sagt man hier? - hervorragend als Vogel in einem Käfig eigne. Wäre es anders gewesen, wäre isch niemals nach Asgard gelangt und hätte misch niemals verwirklischen können. Man hat mir Zeit geschenkt, Zeit für misch und die bin isch Ihnen voraus.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Die von nur zwei Kerzen und der Kohleschale erhellte Finsternis, hüllte die beiden Menschen ein.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Nach einem langen Schweigen fragte Charon: „Wie war es in Asgard?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Michelle schaute lange und nachdenklich. „In Asgard ist meine Vergangenheit verbrannt.“ Der Ton in ihrer Stimme schloß dieses Kapitel. Nun wurde das Schweigen peinlich.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sie haben sisch in Ihr Modell verliebt“, stellte Michelle fest.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon schrak zusammen. „Ja, das habe ich“, gestand er.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Das geschieht öfter. Man schweigt ja nischt die ganze Zeit und wenn der gängige Gesprächsstoff ausgegangen ist, schleischen sisch dann die persönlischen Dinge ein.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Ja, so ist es. Ist es Ihnen auch schon passiert?“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Michelle lächelte, als ob sie ein inneres Bild beschwor. „Wissen Sie, man nimmt misch nischt gern für Personenmalerei. Außerdem scheue isch misch auch davor. Mansche Herren nehmen das Portraitieren nur als Vorwand.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon verstand. Der Fluch ihres Aussehens. <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Sie sind anders“, sagte Michelle<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Das lassen mich viele spüren“, seufzte Charon.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Michelles Augen weiteten sich. „Sie suchen wohl in jedem Wort, in jedem Moment die Melancholie? Jemand, der „anders“ ist, kann niemals den Weg der Gesellschaft beschreiten. Das ist unmöglisch. Hätten Sie nischt das erlebt, was Sie zu diesem traurigen stillen Mann hat werden lassen, wären Sie niemals Künstler geworden. Sie müssen indisches Blut in sisch tragen, Sie müssen ein Außenseiter sein, um den Blick für das Geschehen hinter der Bühne zu erhalten.“<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">„Wollen Sie meine Skizzenbücher sehen?“ fragte Charon. Er wollte, daß diese außergewöhnliche Frau Einblick in seine Seele erhielt. So entführte er sie in seine Welt der Gedanken. Fasziniert blätterte Michelle und nahm alles in sich auf. Sie erlebte die glücklichen Erinnerungen seiner Kindheit in Indien, an seine liebende Mutter und an seinen Vater. Dann war der schreckliche Unfall, bei dem die Eltern ums Leben gekommen waren, dann der Weg nach England auf das Gut seiner Tante. Hier begann die Hölle. Hier war er kein geliebtes Geschöpf. Er war wenig mehr, als das Dienstpersonal und mußte seinen Rücken genauso für die Stockhiebe herhalten, wie der niedrigste unter ihnen. Und dann kam die Zeit der Rebellion, die Zeit in der er seine Sachen packte und floh: hier her nach Frankfurt.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Michelle schien im letzten Buch aufgefallen zu sein, daß er einer ganz bestimmten Person seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Einem Engel. Ahnte sie den Betrug, daß er sie glauben lassen wollte, er hätte sich in eine adelige Dame verliebt?<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Sehr viel später gelangten ihre Gespräche in Gefilde der neuen Kunstform, die von Paris langsam die Welt eroberte. Noch hing kein Werk eines Impressionisten im Städel. Sie diskutierten über die Farben, über die Freiheit und darüber, ob diese Kunstform jemals anerkannt werden würde. Es war verpönt und daher reizvoll.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Charon folgte Michelle auf ihr Zimmer. Sie zog einige ihrer privaten Bilder hervor und sie waren voller Farben. Es waren Eindrücke … Impressionen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond">Nun war er der Künstlerin Michelle Caprice vollends verfallen.<o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> </o:p> </span></p> <p class="MsoNormal" style="text-align: justify; word-spacing: 0; margin-top: 0; margin-bottom: 0"><span style="font-family:Garamond"> <o:p> </o:p> </span></p> </body> </html> <center>You must set the /tmp/ad_network_ads.txt file to be writable (check file name as well).</center>