01. April 1871; Samstag
Wie
ein Engel mit goldübergossenem Haar, wie eine der weißschimmernden Statuen aus
der Antike, saß ein Mann - gerade dem Knabenalter entwachsen - auf einer der grünen
Parkbänke, die die Promenade am Main säumten. Die unbekümmerte Lässigkeit
der Jugend war ihm noch nicht in Vergessenheit geraten und so ruhte sein
schmaler Rücken an der geschwungenen Armlehne; das eine Bein war in die Wiese
hinunter gestreckt, das andere angewinkelt und vom Arm umschlungen, um das zarte
Kinn zu stützen. Augen, die mit dem reinen Pigment Azur wetteiferten, blickten
auf die etwas krakelige Handschrift eines Briefes hinab.
Es
war der erste, fast sommerlich zu nennende Tag in Frankfurt. Die graue triste
Wolkendecke, die seit dem Herbst nicht nennenswert aufgerissen war, hatte ein
Einsehen mit den Menschen der Großstadt gehabt und war einfach nicht
erschienen. Damen in weiten farbenfrohen Kleidern - an ihrer Seite entweder die
Freundin oder den Gemahl - flanierten am grauen Band des Mains entlang. Der weiße
Kiesweg hatte an einigen Stellen noch dunkle Stellen von der herbstlichen
Feuchtigkeit, die Wiesen, die vom Fluß hinauf zur Straße führten, waren noch
niedergeknickt und der träge dahinfließende Main brachte Kühle mit sich; doch
kümmerte das den Frankfurter nicht. Er erfreute sich an den munteren
Sonnenstrahlen, entdeckte das erste zarte Grün und der Wagemutige ruderte schon
mit seiner Liebsten draußen auf dem Wasser.
Heiße
Sandstürme umtosten das Gemüt des jungen Engels: er fühlte den warmen Regen
der Tropen auf seinen bloßen Armen, kletterte über rostrote Felsen, durchbrach
mit seinem Blick die Finsternis aufregender Abenteuer und ritt kühn auf dem Rücken
eines Drachens über die weißen Wolken, die die Berge des Himalaja wie tollende
Kätzchen umspielten.
Der
Wind trieb einige der Briefe, die dem Jüngling aus der Hand geglitten waren, über
den weißen Kies davon. Das leise Flattern war ein Tosen, das Tosen, wenn Tonnen
von Wasser sich halbmondförmig über den Felsenrand in die Tiefe stürzten.
Auch dort wollte er einmal sein, dieses Wunder selbst erleben und nicht immer
nur davon lesen: die Niagarafälle.
Gelber
Sand ruhte in seiner Westentasche, er war aus einem der Briefe gerieselt, als er
ihn geöffnet hatte. Wie wohl die Wüste aussah? Wie wohl die Pyramiden? Die
vergilbten Photographien, die immer seine Schwester vor irgendeinem Weltmonument
zeigten, konnten seine Sehnsucht nicht stillen … nur seine Phantasie anregen.
Er
neidete seiner Schwester dieses Glück, einen Gönner gefunden zu haben, der ihr
dies alles ermöglichte.
Wütend
strich sich der junge Mann eine blonde freche Strähne zurück, die sich aus dem
Band gelöst hatte, die seine Haarpracht im Nacken zusammenfaßte. Die anderen
Adeligen seines Alters, mit denen er leider Umgang pflegen mußte, neckten ihn
zuweil, daß man ihn - stecke man ihn in Weiberkleider - wohl für eines halten
mochte.
Es
war ungerecht. Seine ältere Schwester, die eigentlich einen reichen
Industriellensohn ehelichen sollte, war mit diesem Arthur durchgebrannt. Da der
Mann reich war, akzeptierten die Eltern und auch die hohe Gesellschaft
Frankfurts diese Entgleisung der Etikette. Leider ruhte das Glück Myrjams auch
auf den Schultern des jungen Mannes, der nun der Stammhalter der Familie Krainer
geworden war. Heute Abend war wieder ein Ball und es würden unzählige heiratsfähige
neureiche Industriellentöchterchen anwesend sein. Natürlich erwartete man von
ihm, daß er endlich eine von ihnen erwählte und sich verlobte.
Myrjam
gehörte die Welt und ihm gebührte das Elend.
„Verzeihung“,
wurde Florian von Krainer aus seiner Gedankenwelt gerissen. Verwundert schaute
er auf. Vor ihm stand ein Pärchen. Die Dame reichte ihm soeben einen Schwung
der Briefe seiner Schwester. „Der Wind hat sie davongetrieben.“
Höflich
bedankte sich der junge Adelige. Das Pärchen schlenderte weiter die Promenade
entlang und Florian legte das mitgebrachte Buch „Italienisch für Anfänger“
als Beschwerer auf die leidenschaftlichen Erzählungen seiner Schwester. Wie so
oft, waren über zehn Briefe auf einmal von der Post gebracht worden. Irgendwo
im Ausland mußten sie wohl gesammelt werden, bis ein Schiff sie nach Neuropa
brachte.
Da
entdeckte Herr von Krainer einen jungen Mann von dunklem Teint, der mit überkreuzten
Beinen einige Meter von ihm entfernt auf dem Rasen saß. Eine zusammengelegte
Staffelei, eine große Holzkiste mit Tragegurt, einige Stifte und Papiere lagen
verstreut um den Fremden herum. Das wäre alles kein Grund zur Aufregung
gewesen, wenn da nicht die Aufmerksamkeit gewesen wäre, die ihm der junge Mann
zu Teil werden ließ.
Florian
starrte den Fremden herausfordernd an und als dieser den Blick von seinem
Skizzenblock hob, um seinem unfreiwilligen Modell noch einige Details zu
entlocken, schrak er zusammen. Der magische Moment der Unschuld war verflogen,
der schöne Jüngling der Antike war erwacht und zu einem Teil der tristen Welt
der Wirklichkeit geworden.
Florian
stand auf - ließ Briefe und Jacke auf der Bank zurück - und steuerte direkten
Schrittes auf den Fremden zu, der es sich erdreistet hatte, ihn in dem privaten
Moment seiner Träume beobachtet zu haben.
„Was
machen Sie da?“ harschte er den im Gras sitzenden an. Verschrocken blickte der
zu Boden und antwortete mit schrecklichem Akzent: „Ich … verzeihen Sie mir.
Ich habe Sie gezeichnet und hätte Sie fragen sollen. Nur, hätten Sie gewußt,
daß ich Sie zeichne, dann wären sie nicht so gelöst gewesen. Ich war unhöflich.
Verzeihen Sie mir.“
Aus
dem goldenen Jüngling der Antike war nun ein Racheengel geworden. Es tat gut,
seine Wut an einem Schwächeren auszulassen, der devot seine Schultern beugte.
Florian langte herunter und entriß dem Fremden die Bilder. Es waren sieben an
der Zahl. Nur drei waren mit dem Kohlestift ausgearbeitet worden, die anderen
zeigten Details. Der Strich des Fremden war erstaunlich gut und er hatte tatsächlich
den Moment seiner Träumerei eingefangen. Florian fühlte sich auf eine seltsame
Weise entblößt und riß den Stapel der Bilder auf einmal durch. Mit einem verächtlichen
Zug um den Mund ließ er die Blatthälften fallen: „Die sind alle schlecht.“
Der
Fremde zuckte zusammen, dann flüsterte er: „Ja, Sie haben Recht. Es wäre
mehr Zeit von Nöten, damit sie Ihnen gerecht werden würden.“
„Was
wollen Sie damit andeuten?“
„Nun,
es wäre mir eine Ehre, Sie zu zeichnen.“
„Das
kommt gar nicht in Frage“, entgegnete Florian zornig. Er wollte mit diesem
aufdringlichen Mann nichts zu tun haben. Doch ließ der nicht locker. Mit
sanfter Stimme redete er weiter auf Florian ein.
Da
erhob sich ein seltsames Rauschen. Die beiden jungen Männer hielten in ihrem
Disput inne und erforschten den Himmel mit ihren Blicken. Es war der Fremde, der
die Ursache als erstes entdeckte. Vom Sachsenhäuser Ufer her überflog ein
gewaltiges Luftschiff den Main. Sein Kurs war recht tief, wohl um Eindruck zu
hinterlassen. Alle Herrschaften im Umkreis reckten ihre Häupter in den Wind, um
jenes seltsame Gefährt zu bestaunen. Ob es sich um eine neue Errungenschaft des
bayrischen Geheimdienstes handelte? Das Schiff war an die dreißig Meter lang
und trug statt des gewaltigen Ballons über hundert Propeller, die an Masten
steil in den Himmel gerichtet waren. In großen Lettern war an den Rumpf der
Name aufgetragen worden: Albatros.
Das
schläfrige Quaken der am Ufersaum ruhenden Enten, das Gemurmel der Menschen, ja
sogar der leise Wind waren durch eine drückende Stille ersetzt worden. Schon
huschte der Schatten des Schiffes über die beiden Kontrahenten, dem folgte ein
künstlicher Luftwirbel, dann war die Albatros in Richtung des Flughafens
verschwunden.
„Lassen
Sie uns nachsehen gehen“, schlug der Fremde vor.
Anscheinend
war er nicht der einzige, den die Neugierde erfaßt hatte. Einige der Pärchen
schlug nun ebenfalls den Weg zur Straße ein, um eine Kutsche zu dem durchaus
weit entfernten Rebstockgelände zu nehmen. Natürlich wollte man sich das neue
Schiff ansehen. Seltsam nur, daß man es nicht in der Zeitung angekündigt
hatte.
Da
erhob sich über dem Rebstockgelände hinter Frankfurt eine Feuerwolke.
„Die
Gastürme“, flüsterte der Fremde, „sie habe die Gastürme beschossen.“
Selbst
hier, in der Entfernung regnete es Ascheflocken vom Himmel. Betäubt und
erschrocken hielt die Großstadt den Atmen an. Alles starrte in Richtung des
Flughafens, der natürlich vom Main aus nicht zu sehen war. Menschen eilten auf
die Brücken, um sich eine bessere Sicht zu verschaffen. Manche kletterten sogar
auf die Aufhängung des Eisernen Steges.
„Der
Flughafen brennt“, war die Botschaft, die der Wind herüberwehte.
Der
Fremde packte hastig seine Sachen.
„Wo
wollen Sie hin?“ fragte Florian hektisch.
„Nachsehen,
vielleicht benötigt man meine Hilfe.“
Es
hörte sich nach einem Abenteuer an. Vielleicht sollte er sich dem Fremden
anschließen. Da kehrte die Albatros zurück, verfolgt von einem viel kleinerem
Schiff, der SMS - Falkenstein, die unter dem Kommando des Kapitän Heffners
stand. Plötzlich schoß die Albatroß senkrecht in die Höhe. Florian
erbleichte. Sein Fechtmeister Lt. Falkenstein - ein Mitglied der Dolchverschwörer
- hatte ihm einmal von ihrem Schiff erzählt. Es gab nur zwei von dieser
Baureihe der Korvette. Sie waren schnell und wendig, dafür aber nur mit zwei
Maximes bewaffnet und natürlich auch nicht gepanzert. Schnell und wendig, diese
beiden Begriffe hallten in Florians Erinnerung wieder. Die Albatros war groß,
gut bewaffnet, gut gepanzert und war schneller und wendiger als die Korvette?
Die
SMS - Falkenstein konnte dem Manöver des Gegners nicht folgen. Sie flog einen
kleinen Bogen, um aus der Reichweite der Albatros zu gelangen und um an Höhe zu
gewinnen. Schon fiel der Schatten des größeren Schiffes auf das kleinere und
schwarze Punkte lösten sich…
„Weg
hier!“ schrie der Fremde und riß Florian mit sich. Eine der Bomben verfehlte
die Falkenstein und schlug ins Mainufer ein. Die Explosion fegte die beiden Flüchtenden
von den Beinen. Grasbrocken, Kies und Wasser prasselte auf die Umgebung nieder,
dann war es still.
Florian
wurde von dem Fremden niedergedrückt. Denn der hatte sich schützend über den
jungen Mann geworfen. Doch statt eines Wortes des Dankes, kämpfte sich Florian
unter dem größeren Mann hervor, sammelte seine Briefe ein und machte sich auf
den Weg zur Straße.
„Wo
wollen Sie hin?“ rief ihm der Fremde nach. Als ob den das was anginge. Dennoch
drehte sich Florian um. „Nach Hause natürlich.“
Panik
hatte Frankfurt erfaßt. Menschen rannten hin und her. Einige schrien, andere
waren stumm. Der Luftkampf, der zwischen der Albatros und der Falkenstein
ausgetragen wurde, fand sein Ende, als sich das bayrische Luftschiff Maximilan
einmischte. Das fremde Schiff wendete und floh, die beiden anderen auf seiner Fährte.
Genau
vier Bomben waren fehl geschlagen und hatten Frankfurt getroffen. Florian trug
sich mit der Angst, daß seiner Familie etwas geschehen war. Er hatte keine
Augen für die Verwundeten. Sein Schatten, denn der Fremde war ihm gefolgt,
brach die Hatz ab, da er ein zu gutes Herz hatte, um sich dem Leid zu verschließen.
Er half dort, wo eine Bombe die Front eines Hauses getroffen hatte. Zwei der
Bewohner waren verschüttet worden.
02. April 1871; Sonntag
Es
war Still. Selbst der Wind strich auf leisen Sohlen um das Gefiert, huschte um
die Backsteingebäude, die sich um einen engen, verwinkelten Hof schmiegten. Über
die Straße hinweg hätte man eigentlich einen direkten Blick auf den Main
erhaschen können, doch war die Sicht seit einigen Monaten durch eine Baustelle
versperrt. Die Kunstschule Städel hatte eine großzügige Spende erhalten, um
den Werkstätten ein Museum vorzusetzen. Man erbaute es im Griechischen Stil.
Eine große Freitreppe führte zu einem Säulengestützten Tympanon empor.
Niemand
war da, niemand. Die Arbeiten ruhten, die Studenten waren zu Hause geblieben und
da er diese Mauern seit knapp zwei Jahren seine Heimat nannte, war er
selbstverständlich ebenfalls „daheim“ geblieben. Unruhig streifte er durch
die verlassenen Gänge, weil ihm ein goldgelocktes Gesicht nicht mehr aus dem
Sinn gehen wollte. Alle Versuche, sich mit der üblichen Arbeit, dem kopieren
eines Gemäldes, abzulenken waren fehl geschlagen. Statt dessen hatte er die
zerrissenen Skizzen sorgfältig wieder aneinander gefügt und vorsichtig mit
Leim geklebt.
Er
hörte Hufgetrappel und schaute aus dem Fenster. Zehn Husaren ließen ihre
Pferde über das Pflaster der Straße traben. Was das gegen einen weiteren
Angriff aus dem Himmel nutzen sollte, blieb Charon ein Rätsel. Allein die militärische
Präsenz in Frankfurt sollte wohl den Bürger daran erinnern, was gestern
geschehen war und ihn gemahnen zu Hause zu bleiben. Drüben, wo die Bombe die
Promenade zerstört hatte, war schon alles abgeriegelt worden.
Charon
holte sich einen Besen und begann die Werkstatt, in der er arbeitete zu fegen.
Einer der Hilfskräfte, die ebenfalls hier wohnten, schaute bei ihm vorbei.
„Haben Sie die Zeitung schon gelesen?“ fragte dieser, bereit die Neuigkeit,
die ihm auf der Zunge brannte weiterzugeben.
Charon
schüttelte höflich den Kopf: „Nein, Herr Schreiter, ich habe heute noch
keinen einzigen Blick in die Sonntagsausgabe geworfen.“
„Sonntagsausgabe!
Zwei Seiten habe die über den Überfall geschrieben.“ Herr Schreiter holte
Luft, da er in dem schmalen Halbinder ein Opfer gefunden hatte. Charon war immer
das Opfer. Seine Höflichkeit gebot es, niemals „Nein“ zu sagen und alles
mit stoischer Gelassenheit zu ertragen. Natürlich brannte die Neugierde in ihm,
zu erfahren, was gestern wirklich geschehen war, doch wollte er es lesen und
nicht in schillernden Farben von Herrn Schreiter fabuliert zu bekommen. „Es
war ein Herr Robur. Er hat noch am selben Tag eine Forderung an alle Neuropäischen
Länder gestellt. Stellen Sie sich vor: Einstellung aller kriegerischen
Handlungen…“ An der Stelle, bei der es um die verlorenen Kriegsschiffe ging,
wurde Herr Schreiter ganz melancholisch. Noch nie hatte Bayern eine derartige
Niederlage getroffen. Die „SMS - Wappen von Frankfurt“, war beim ersten
Angriff auf die Gasometer abgestürzt und am Boden ausgebrannt. Dieses Gebiet
war, wegen des geheimen Antriebes sofort gesperrt worden. Die SMS - Falkenstein
war während der Verteidigung derart schwer getroffen worden, daß sie kurz vor
dem Absturz gestanden hatte. Nun dockte sie am Turm und wurde repariert Dem
Kriegschiff SMS - Maximilian erging es nicht besser. Einige Treffer hatten es
ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Ein Schiff verloren, zwei schwer beschädigt
und der Angreifer war fast mit heiler Haut davongekommen. Ein Gasturm war zerstört
und beim zweiten war durch einen Riß das Heliumgemisch ausgetreten.
Natürlich
war Herr Schreiter voll des Lobes Kapitän Heffner gegenüber. Dieser waghalsige
junge Mann hatte seiner Meinung nach und der der Zeitung den Gegner so
erfolgreich vertrieben.
05. April 1871; Mittwoch
Robur
ließ sich natürlich wieder blicken. Das bayrische Militär hatte zum Schutze
Frankfurts weitere Kriegsschiffe entsannt. Wie aus heiterem Himmel erschien die
Albatros aufs neue und bombardierte nun die Kaserne, die zum Flugstützpunkt gehörte.
Diesmal wurden viele Menschen verletzt und am nächsten Tag stand in der
Zeitung, daß Robur ein wenig später über dem Bodensee aufgetaucht war und die
dortige militärischen Einrichtungen völlig ausgebombt hatte.
Danach
griff die Angst in Frankfurt um sich. Die Menschen wagten sich nur für die nötigsten
Gänge aus dem Haus, alle Bälle wurden abgesagt und selbst die Gespräche
schienen nur geflüstert zu werden. Man vertraute insgeheim auf die Dolchverschwörer,
die sich der Sache angenommen hatten. Und am 13. April verließen diese
Frankfurt in Richtung England.
18. April 1871; Dienstag
In
großen Lettern stand in der Zeitung, daß die Dolchverschwörer Erfolg gehabt
hatten und ein Schwesternschiff der Albatros, die größere Condor, samt der
Werft zerstört hatten. Lt. Falkenstein wurde bei dem Manöver - dem „Heffner
- Manöver“ - schwer verletzt und war nicht transportfähig.
Diese
siegesreiche Nachricht wirkte sich sehr entspannend auf Frankfurt aus. Man genoß
das Frühjahr und so benötigte es nur noch einen weiteren schönen Tag, um die
Wiesen wieder mit Pärchen, Flanierenden und Picknickenden zu füllen.
Charon
Aouda nutzte seine freie Zeit, um draußen Skizzen und Aquarelle anzufertigen.
Hin und wieder wurde er von Passanten angesprochen, ob er nicht ein Portrait
anfertigen mochte.
27. Mai 1871; Samstag
An
diesem Tag verschwand die SMS - Falkenstein. Man munkelte, daß sie der Albatros
auf die Spur gekommen sei. Danach hörte man nichts mehr von den wackeren
Helden.
13. Oktober 1871; Freitag
Es
mußte erst Herbst werden, als ein seltsamer Raddampfer den Main heraufgefahren
kam. Auf dem Segel prangte der Schwan König Ludwigs, dem Wappen, das die
Falkenstein auf ihrem Ballon getragen hatte.
Das
Vehikel hatte über hundert Menschen Platz geboten. Zwei Rümpfe, die nach
antiken Nachbauten von Wickingerschiffen anmuteten, trugen das breite Deck. Ein
Dampfkessel betrieb die großen Schaufelräder. Zusätzlich hatte man ein Segel
installiert, das oben durch einen kleinen Ballon gehalten wurde. Diese
Konstruktion ging in die Geschichte ein. Im Groben und Ganzen hatten die
Dolchverschwörer tatsächlich einen Stützpunkt des organisierten Verbrechens
entdeckt: eine Stadt aus Metall und Glas in den Wolken mit dem Namen Asgard.
Beim Anflug auf die Insel waren sie abgeschossen worden und hatten Kontakt zu
den Eingeborenen - den Nachfahren einiger Wickinger – aufgenommen. Im Verlauf
des Abenteuers hatten die Dolchverschwörer einige der im letzten halben Jahr
entführten Personen, Ingenieure, Wissenschaftler und Künstler gerettet und
hatten letztendlich den Verbrecherstützpunkt vernichtet.
15. Oktober 1871; Sonntag
Meister.
Charon fragte sich, warum Verbrechergenies immer auf solche seltsamen Namen
kamen. Die Person, die den Dolchverschwörern das Leben auf dieser einsamen
Inseln hoch im Norden das Leben schwer gemacht hatte, hatte sich als der Meister
bezeichnet. Charon legte die Zeitung weg, in der nun jeden Tag ein riesiger
Bericht über die Abenteuer der Dolchverschwörer stand. Auch hatte Mademoiselle
Hlavin ihr nächstes Buch angekündigt. Es würde „Asgard“ heißen.
Versonnen
starrte Herr Aouda auf das Gemälde, das er für das Städel kopieren sollte. Es
gab schon im Vorfeld einige Bestellungen. Viele der Schönen und Reichen wollten
sich einen Rembrand, einen Dürer oder einen Arnsberg in den Salon hängen. Die
Muse wollte sich heute nicht einstellen. Zu viel bewegte den Halbinder. Die
Geschehnisse der letzten Tage hatten in ihm wieder Erinnerungen wach gerufen,
die Erinnerungen an den Beginn der Geschichte, als die Albatros zum ersten Mal
aufgetaucht war; als er diesen Engel erblickt hatte und vor lauter Schüchternheit
nicht einmal seinen Namen erfragt hatte. Seitdem hatte Charon, wenn er seine
Skizzen in Frankfurt anfertigte, immer nach diesem androgynen Jüngling Ausschau
gehalten. Leider hatte es das Schicksal nicht gut mit ihm gemeint.
Nun
sollte er diesen Rembrand kopieren, abmalen … stupides Werk vollbringen. Ohne
diese schnöde Arbeit allerdings hätte er sich dieses Studium nicht finanzieren
können.
Nun
stöberte er in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Presse herum und verschlang
die Zeilen, die von Abenteuer und Freiheit erzählten.
Wie
es wohl war, einer untergegangenen Kultur zu begegnen? Auf dieser Insel waren
sie Jahrhunderte lang von der restlichen Welt abgeschnitten gewesen und hatten
so ihre Lebensweise bewahrt. Natürlich wurde der Ort der Wickinger strengstens
Geheim gehalten.
Charon
machte sich auch Gedanken über die Entführten, die die Dolchverschwörer
mitgebracht hatten. Als wären seine Gedanken erhört worden, wurde die Türe
zum Atelier aufgestoßen. Meister Kleehaupt, einer seiner Befürworter, betrat
mit vier Personen den Raum. Charon stockte der Atmen. Der Besuch war
atemberaubend schön, als wären vier Engel zur Erde herabgestiegen: sie waren
von schlankem Wuchs, trugen sinnliche Gesichter und nannten eine perfekte Körperhaltung
ihr eigen. Es waren drei junge Männer und eine Frau, die sich umsahen.
„Darf
ich Ihnen unseren besten Nachwuchskünstler vorstellen? Herr Aouda.“ Meister
Kleehaupt, ein untersetzter Mann mit graumeliertem Haupthaar und gepflegten
Vollbart lächelte seinen Schüler aufmunternd an. Charon stand geschwind auf
und legte die Zeitung bei Seite. Es war ihm durchaus peinlich, beim Müßiggang
ertappt worden zu sein. Erkannte er ein spöttisches Glitzern in den Augen
dieser unheimlich perfekten Menschen?
„Frl.
Caprice, Herr Prampolini, Herr Bortnyik, Herr Nesch.“
Charon
ergriff die dargebotene Hand der schönen Frau und verbeugte sich leicht, den
Herren schüttelte er nacheinander die Hand.
„Woran
arbeiten Sie“, fragte Herr Bortnyik in gebrochenem Deutsch und alle starrten
auf die blanke Leinwand, die Charon zwar schon auf den Rahmen gespannt, aber der
er noch keinen Pinselstrich zugefügt hatte. Nun war durchaus ein spöttischer
Zug um den Mundwinkel des Adonis zu erkennen.
„Verzeihen
Sie, ich war noch zu sehr von Ihren Abenteuern, die in der Zeitung stehen, mit
Beschlag belegt, um zu Beginnen.“
„Kopieren
Sie Bilder?“ fragte der blonde großgewachsene Herr Nesch. Seine zischelnde
Aussprache ließ darauf deuten daß er aus den nördlichen Regionen Neuropas
kam.
„Ja,
ich habe ein gutes Auge für die Farbgebung.“ Charon fühlte sich gedemütigt.
In den Augen dieser Übermenschen, mußte er winzig klein, wie eine Fliege
aussehen.
„Oh,
ein Arnsberg.“ Die Stimme Frl. Caprices war wie Honigwein, der die Kehle
hinunterkitzelte. Alles an der Dame erinnerte an Sommer, an leichte Heiterkeit
und Fröhlichkeit. Die hellblonden Haare hatte sie kunstvoll hochgesteckt und
ihre Augen erinnerten an einen warmen Sommerhimmel. Ohne ein Geräusch zu
verursachen trat die schlanke wohlgeformte Dame an das Ölgemälde heran. Charon
schrak innerlich zurück. Es war nicht nur das Äußere, daß ihn bis zur Panik
hin beeindruckte, es war ihre Gegenwart, die Art sich zu bewegen, sich zu äußern,
die Art einen Raum für sich zu vereinnahmen, nur mit der alleinigen Existenz
ihrer Anwesenheit… und es schien ihr nicht bewußt zu sein.
„Sie
hat einen wundervollen Strich“, bemerkte Frl. Caprice mehr zu sich selbst.
„Nun,
dann werde ich Ihnen noch die anderen Räume zeigen“, mischte sich Meister
Kleehaupt ein. Man verabschiedete sich höflich und alsbald war Charon Aouda
wieder allein.
Nachdem
er die Leinwand grundiert und einen farbigen Hintergrund angelegt hatte,
gesellte sich Meister Kleehaupt wieder zu ihm. Er setzte Herrn Aouda in
Kenntnis, daß diese vier Personen aus Asgard kämen und Interesse am Städel geäußert
hatten. Sie würden im Wohnhaus einziehen. Das bedeutete, daß diese Personen
nicht nur unverschämt Schön waren, sondern auch reichlich Begabt … wäre es
ein anderer gewesen, der in Herrn Aoudas Situation befunden hätte, hätte er
wohl Neid oder Bewunderung in seinem Herzen Einlaß gewährt, doch so machte er
sich Gedanken über das Warum. Weswegen waren die neuen Studenten dergestalt?
Hatte der Verbrecher, der sich der Meister nannte, seine Hände im Spiel gehabt?
Welche Schrecken mußten die Geretteten durchstanden haben?
Ende Oktober
Es
war zermürbend. Von den neuen Studenten war nur noch Michelle Caprice
geblieben. Die anderen hatten sich zu mehr berufen gefühlt und waren abgereist.
Michelle avancierte in der Beliebtheitsscala der Studenten, die meistens aus dem
Adelsstand waren, ganz oben. Jeder wollte sich in ihrer Nähe bewegen, sich in
ihrem unaufhörlichen Strahlen sonnen und jeder wollte ihre alleinige
Aufmerksamkeit auf sich ruhen wissen. Frl. Caprice nahm alles mit einem Lächeln
hin und malte. Ihre Bilder spiegelten ihre Schönheit wieder. Menschen mit
dieser Begabung gab es nur ganz selten in einer Generation. Sie hatte einen
anderen Stil als Baronesse von Arnsberg, kam aber nahe an diese Qualität heran.
Sehr schnell wurde sie von den Professoren darum gebeten selbst ein wenig zu
lehren.
Michelle
akzeptierte den dunkelhäutigen Inder, wie sie alle anderen Menschen um sich
herum akzeptierte. Sie war eine der wenigen Personen, die Charon nicht schnitt,
ihn so behandelte, als wäre er ihr gleich. Aber, sie nahm ihn auch nicht in
Schutz, wenn sich die Frankfurter über den Außenseiter mokierten oder lustig
machten.
25. November 1871; Samstag
In
den letzten Wochen hatte eifrige Geschäftigkeit die Werkstätten des Städel
erfaßt. Die Studienpläne waren von den Professoren nicht eingehalten worden,
da der Termin der Museumseröffnung immer näher gerückt war. Natürlich war
alles im Zeitverzug.
Charon
hatte einmal Baronesse von Arnsberg im Museum gesehen, wie sie recht zwanglos
mit Frl. Caprice die schon hängenden Bilder abschritt. Die beiden Damen
plauderten miteinander, als wären sie lange Freundinnen.
Am
nächsten Tag hatte Charon es gewagt, Frl. Caprice privat anzusprechen. Er hatte
sie nach der Verbindung mit Baronesse von Arnsberg gefragt.
„Ja,
ich kenne sie. Wir haben uns in Asgard kennengelernt.“ Wie immer waren die
Antworten knapp und ohne Schnörkel. Doch diesmal konnte Charon eine Sehnsucht
heraushören, die das Wort Asgard umwehte. Tat es ihr letztendlich Leid,
gerettet worden zu sein?
Heute
nun wurde das Städel eröffnet. Das Wetter spielte leider nicht mit und die
Besucher mußten sich unter ihren Regenschirmen verbergen. Dennoch hielt man an
dem Zeremoniell fest und nacheinander richteten der Leiter des Museums, der Bürgermeister
der Stadt Frankfurt und einige der Stifter ihr Wort an die gespannt harrende
Menge. Danach gebührte es Mademoiselle Hlavin, das rote Band mit einer
vergoldeten Schere zu durchschneiden. Die Menschen hielten den Atmen an, dann
machten sie ihrer Freude durch tosenden Applaus Luft.
Wie
eine bunte Woge aus farbenfrohen Fischen, glitzerten die hohe Gesellschaft
Frankfurts und Neuropas durch das große Portal in die hellen Räume des Städels.
Im großen Mittelsaal wurden weitere Reden gehalten und verlangte den Zuhörern
eine gewisse Contenance ab, nicht dem Schlaf anheim zu fallen. Sie alle dürsteten
danach durch die Gänge zu schreiten, von Halle zu Halle, um die alten und die
neuen Kunstwerke der Malerein zu bewundern.
Natürlich
konnte Charon die Dolchverschwörer sehen. Sie saßen nicht beisammen, wie man
wohl erwartet hätte. Mademoiselle Hlavin war von einigen Bewunderern umgeben,
Baronesse von Arnsberg hatte sich an der Seite des Sidheleutnants Falkenstein
niedergelassen, der Arzt und Weltmann Sir Alec saß bei dem Indianer Dr. Two
Bears … es waren so viele bedeutende Persönlichkeiten erschienen. Bei einigen
erkannte er berühmte Maler des Realismus.
Und
dann war die Rede beendet. Zumeist in Gruppen schlenderten die Besucher durch
die Reihen der Gemälde, bestaunten und bewunderten diese. Manche mit
Kenntnissen, aber viele ohne solcher. Diese redeten meist am Lautesten.
Man
hatte Herrn Aouda und Frl. Caprice darum gebeten für die Gäste Rede und
Antwort zu stehen. Damit sie für das ungeübte Auge erkennbar waren, trug er
ein Livree und sie ein Kleid in den Farben des Städels.
Hier
fiel Charon auch ein Mann auf, der recht groß war und eine porzellanfarbene
Halbmaske trug. An seiner Seite schritt eine Frau, der man das spanische Blut
nicht aberkennen konnte. Temperament blitzte aus ihren Augen und sie schien
jeden damit herausfordern zu wollen, der ihr zu nahe kam.
Leider,
leider, erschien kein Engel, dafür aber das Schicksal …
26. November 1871; Sonntag
Es
war Mittag und einige Studenten waren tatsächlich im Atelier aufgetaucht.
Wahrscheinlich saßen sie an Bildern, die sie an Weihnachten verschenken
wollten. Drüben am anderen Ende stand Michelle aufrecht wie eine Birke, vor
einer Staffelei. Man merkte ihr den gestrigen Tag nicht an. Aquarelle lagen auf
ihrem Arbeitstisch verstreut, einige hatte sie an die Wand vor sich gepinnt und
eine gelungene Mischung dieser Eindrücke hatte sie letztendlich auf die
Leinwand gebracht. Nun arbeitete sie die herbstliche Promenade am Main aus.
Warum Michelle den Krater mit hineingemalt hatte, den die Bombe vor einem halben
Jahr geschlagen hatte, war ihm ein Rätsel. Schließlich hatte man die Promenade
recht schnell wieder hergestellt, damit dieses schreckliche Zeichen Roburs von
Frankfurts Antlitz getilgt worden war. Michelle hatte den Krater nicht selbst
gesehen, da er bei ihrer Ankunft schon nicht mehr existierte. Warum also dieses
Fantasiegemälde? Warum ein schlechtes Gefühl in ein warmes herbstliches Bild
verankern? Das waren die Momente, an denen sich die Innere Präsenz Michelles
zeigte. Das war der Teil, der Charon unwillkürlich in seinen Bann gezogen
hatte.
„Na,
die Farben sind wohl nicht getroffen“, sprach ihn eine Frauenstimme an. Charon
schrak dermaßen zusammen, daß ihm der Pinsel über das Bild fuhr und alles
zerstörte.
„Verzeihen
Sie, das war nicht meine Absicht.“ Das Bedauern in der Stimme klang echt.
Langsam
drehte sich Herr Aouda um und sah sich einer außergewöhnlichen Frau gegenüber.
Sie war so groß wie er selbst, aber … nun, um es Höflich auszudrücken, von
äußerst draller Figur. Sie ging nicht mit der freizügigen Pariser Mode
einhand und war sehr ziemlich und in Grau gekleidet.
„Frl.
von Krainer“, beeilte sich Meister Kleehaupt vorzustellen. Die Dame hatte
soeben gegen das „come il faut“ verstoßen und es war ihr sichtlich egal.
„Herr Aouda.“
„Sehr
angenehm“, die Dame hielt dem Halbinder die Hand entgegen. Er ergriff diese
und verbeugte sich formvollendet.
„Wie
ich sehe, können Sie sich vorzüglich in der Welt des Glamours bewegen.“ Frl.
von Krainer schenkte ihrem Gegenüber ein undeutbares Lächeln.
Charon
murmelte etwas Unverständliches und senkte den Blick zu Boden. „Wie kann ich
Ihnen dienlich sein?“ fragte er dann.
„Nun,
Sie können mir tatsächlich zu Diensten sein. Man sagte mir, daß Sie ein
hervorragender Künstler seien. Nun, ich bin in die mißliche Lage geraten, in
aller Schnelle ein Portrait meines Bruders anfertigen lassen zu müssen.
Baronesse von Arnsberg, die mir diesen Gefallen machen wollte, ist unpäßlich
und da wende ich mich nun an Sie.“
Diese
Dame sah in ihm einen würdigen Ersatz zu der Baronesse? Augenscheinlich sackte
der junge Mann weiter in sich zusammen. Doch schien das die Adelige nicht zu
bemerkten. „Vielen Dank der Ehre, aber ich vermag nicht so viel …“
„Naja,
das sehe ich wohl.“ Frl. von Krainer blickte auf das Abbildnis. Charon, der an
derartige Demütigungen gewöhnt war und von sich so überzeugt war, wie ein …
nunja ein Künstler eben, wollte weiter die Schultern senken, als ihm das Lachen
in den Augen der Frau auffiel. Spielte sie mit ihm? Nun, auch das war er gewöhnt.
„Sie
sind aus Indien“, stellte die Dame plötzlich fest, „was müssen Sie nur von
mir halten.“ Frl. von Krainer legte die Handflächen vor ihrem Gesicht
aufeinander und verneigte sich. Auf Indisch sagte sie: „Namaste nallathu …
Ich bin hocherfreut Sie kennenzulernen, Herr Aouda.“
Verblüfft
entgegnete Charon den Gruß. Diesmal sah er sich die Dame nun doch genauer an
und diese lachte ihn an. „Sie wissen nicht, wer ich bin, nicht wahr? Nun, ich
bin viel auf Reisen und war auch eine Weile in Indien. Allerdings begrenzen sich
meine Sprachkenntnisse auf einige Floskeln und Wörter.“
„Es
ist lange her, daß ich diese Sprache hörte. Ich war sechs, als ich von Indien
deportiert wurde.“
„Nach
England, nehme ich an.“
Charon
nickte. Er war erst seit knapp zwei Jahren in Deutschland, so daß er die
Sprache zwar beherrschte, aber mit einem grauenvollen Akzent. „Sie kennen
Baronesse von Arnsberg?“ führte er das Gespräch zurück zum Hauptthema.
„Oh ja, ich kenne sie.“
„Eine
wundervolle Künstlerin.“
„Ja,
Sie ist Ihnen nicht unähnlich, wissen Sie das?“
Herr
Aouda schaute verblüfft und senkte den Blick.
„Als
ich Baronesse von Arnsberg kennenlernte, war das als grauer Rockzipfel hinter
einer Säule.“
Herr
Aouda entkam ein Lachen und Frl. von Krainer fiel darin ein. Sie riß ihn in
ihrer Herzlichkeit mit sich, so daß er sich später die Tränen aus den
Augenwinkeln wischen mußte. Diese Frau war etwas besonderes, sie trug ein Herz
aus Gold unter ihrem Mieder.
„Da
Sie als eines der beiden Nachwuchstalente hier in Frankfurt gehandelt werden, möchte
ich Sie für das Portrait meines Bruders engagieren.“
„Nun,
dann müssen Sie sich an Frl. Caprice wenden.“
Michelle,
die ihren Namen hörte, sah auf. Freundlich lächelte ihr Frl. von Krainer zu.
„Sie sind also der Meinung“, sagte sie Herrn Aouda, „daß Sie weniger
begabt sind, als die hübsche Dame dort. Lassen Sie es mich so ausdrücken, daß
es sich nicht schickt, wenn ich meinen Bruder mit ihr alleine ließe.“
„Verstehe.“
Michelle
hatte sich wieder ihrem Bild zugewendet. Feuerrot erschienen ihm die Farben der
Laubbäume, wie der kurze Krieg, der über Frankfurt stattgefunden hatte.
„Dürfte
ich mir noch andere Werke von Ihnen ansehen? Nicht diese abgemalten Stücke.“
Herr
Aouda zögerte. „Ich müßte sie aus meinem Zimmer holen.“
„Oh,
nur keine Umstände, ich begleite Sie.“
„Sie
begleiten mich?“
„Wissen
Sie, ich habe am Strand von Konstantinopel von zwei Gentleman Schwimmen
beigebracht bekommen. Außerdem habe ich den besten Mann, den man sich
vorstellen kann.“
Seltsamerweise
trägt sie keinen Ehering, stellte Herr Aouda für sich fest.
Gemeinsam
ging man durch die verwinkelten Gänge der Werkstattsgebäude hinüber zum
Wohnhaus. Die Gemälde, die Charon hier aufbewahrte, waren leider nur wenige, da
er selten Zeit für sich fand. Frl. von Krainer zeigte sich durchaus
beeindruckt. „Was ist denn das dort?“ fragte sie und zog einer der
Engelskizzen hervor. „Wer hat die denn zerrissen?“
„Nun,
ich war so unhöflich und habe jenen Herren ohne sein Wissen skizziert. Er war
darüber recht erzürnt.“
„Hm,
schade. Darf ich diese Zeichnung behalten?“
Es
war natürlich Charons Lieblingsbild. All seine Sinne schrien: „Nein“, doch
sein Mund formte bereits das „Ja“. Fort war das Bild, wieder war ein Teil
seines Traumes durch seine Gutmütigkeit verloren gegangen.
Frl.
von Krainer stellte noch einige Fragen, den Engel betreffend und schien mit
ihren braunen Augen tief in Charons Seele vorzudringen. Sah sie bereits das, was
er sich noch nicht eingestehen wollte?
Das
er sich in den Engel verliebt hatte?
Gemeinsam
kehrten sie ins Atelier zurück.
„Wann
soll ich bei Ihnen anfangen?“ fragte Herr Aouda.
„Jetzt“,
antwortete ihm die Dame freiherzig und mit unschuldigem Gesichtsausdruck. Sie
genoß Charons Verblüffung sichtlich. „Ich weiß, daß ich sie mit der Bitte
überfalle. Es geht darum, daß unsere Mutter am ersten Dezember Geburtstag
hat.“
„Ich
muß Sie enttäuschen, bis dahin ist es unmöglich ein Portrait anzufertigen.“
„Oh,
ich weiß durchaus, daß Ölfarbe abbinden muß. Wir haben schon einen der
Diensträume zu einem Atelier umgebaut, damit wir das trocknende Gemälde ohne
weiteren Transport in die Ahnengallerie hängen können.“
„Unter
den Umständen könnte es gelingen.“
„Fein,
dann packen Sie.“
Kurze
Zeit später hielten sie am Bediensteteneingang einer kleinen Villa. Schnell
waren die Malsachen in einem kleinen Raum untergebracht worden. Es gab lediglich
ein Fenster, aber unzählige Kerzenständer. Es schien Charon, als ob nun die
restliche Villa ohne Beleuchtung sei.
„Bringen
Sie den Stuhl schon in Position“, sagte Frl. von Krainer, „ich hole meinen
Bruder. Aber, ich warne Sie im Voraus, er ist … bockig.“
Bockig
… seufzend drapierte Charon den Vorhang am Fenster, dann rückte er einen
kleinen Tisch hinzu auf den er eine der Deckchen legte, den Stuhl davor, die
Kerzen angezündet. Dem Licht, das durch das Fenster fiel mußte noch etwas
gegenübergestellt werden. Der Reflex eines Kristallkelches, den man
hervorragend auf den Tisch stellen konnte. Ohne zu klopfen wurde die Türe
aufgestoßen und in edlem Tuch gekleidet trat ein junger Mann ins Licht.
Goldfunken sprühten in dem gebürsteten Haar, als Herr von Krainer Jr. mit
finsterem Blick stehen blieb. Seine Schultern waren gestrafft, sein blasses
Gesicht drückte Abneigung aus.
Charon
blieb das Herz stehen, als sich die Augen, dessen Farbe wie das reine Pigment
Azur war, sich direkt in seine versenkten. Ein Engel, von der durchflackerten Düsterheit
einer schmalen Kammer umhaucht, die Schwingen schwer um seine Schultern
gefaltet, wunderschön und nichts preisgebend … als die Unmut auf seinem Gemüt.
Funken
durchbrachen die im Schatten liegenden Augen, es waren Funken der Erkenntnis,
Funken des Zornes, die sich in einer leichten Röte niederschlugen, die nun die
Wangen des jungen Mannes bepuderten.
Im
Türrahmen war Myrjam von Krainer aufgetaucht. Für den oberflächlichen
Beobachter war es einfach unerklärlich, daß diese beiden jungen Menschen
Geschwister waren. Die Schwester war weder schlank noch schön …
augenscheinlich war wohl alles dem Bruder zugefallen. Vielleicht hätte er die
Tochter und sie der Sohn werden sollen. Doch das Schicksal beliebte, den Engel
wohl aufzuteilen. Die äußerliche Entrücktheit gab sie dem Mann und den
inneren Frieden der Frau. Beide zusammen hätten wohl eine Michelle ergeben,
doch wäre dann der Zauber verflogen. Hier ruhte das Wunder im Geheimen und mußte
von dem suchenden Auge erst erfaßt werden.
„Der?“
entfuhr es Herrn von Krainer Jr. Er drehte sich zu seiner größeren Schwester
herum. „Der?“ das Wort klang fast als Beleidigung. Der Engel wurde in seinem
Sträuben nur schöner. Wer wollte schon weiße Schwingen?
„Flo,
benimm dich.“
„Du
weißt, daß ich das nicht mag“, begehrte der Engel mit dem putzigen
Spitznamen auf.
„Wahre
Größe, mein liebster Bruder, liegt im Inneren.“ Frl. von Krainer war sehr
geschickt. Wahre Größe plädierte sie, auch um diese Situation zu meistern.
„Ich
kenne diesen Mann.“
„Das
habe ich mir bereits gedacht. Ich finde es äußerst schade, daß du die schönen
Skizzen - die in meinen Augen schon fertige Zeichnungen darstellen - zerrissen
hast.“
„Er
hat mich ohne zu fragen einfach gezeichnet …“
„…und
dich in einem wundervollen Moment eingefangen. Jetzt kenne ich deinen
Gesichtsausdruck, wenn du meine Briefe liest.“
Der
trotzige Ausdruck, der noch zur Kindheit gehörte, verschwand nur zögerlich aus
Herrn von Krainers Gesicht. „Ich kann es dennoch nicht leiden.“
„Ja,
mein lieber Bruder.“ Und jetzt wäre Charon am liebsten in Frl. von Krainers
Haut gesteckt, denn sie beugte sich zu ihrem Bruder hinüber und gab ihm einen
Kuß auf die Stirn.
„Vergeben
Sie uns die Unhöflichkeit, in Ihrer Gegenwart über Sie gesprochen zu haben.
Darf ich vorstellen: Florian von Krainer, mein Bruder, und Herr Aouda aus
Indien.“
Die
beiden Männer reichten sich die Hand.
„Nun,
dann ist ja alles geklärt. Ich werde Ihnen mein Grammophon herbringen
lassen.“ Frl. von Krainer verabschiedete sich und ließ die beiden Herren
alleine.
„Für
den Hintergrund benötige ich noch einen Kristallkelch“, begann Herr Aouda zögerlich.
„Weswegen?“
Nun,
ich benötige einen Gegenpunkt für das Licht im Fenster. Alles in einem Gemälde
hat einen Gegenspieler.“
„Aha.“
Herr von Krainer Jr. drehte sich elegant herum und schritt zur Türe hin. Forsch
riß er sie auf und hätte beinahe eine Person, die dahinter gestanden hatte,
umgerempelt. „Marie, verzeih“, sagte er leise, beinahe vertraut. Ein kleiner
Stich der Eifersucht regte sich in Charons Herzen.
„Ich
wollte Ihnen Tee bringen.“
„Komm
herein.“
Ein
kleines zartes Mädchen von vielleicht sechzehn Lenzen trat in die Kammer. Es
trug ein silbernes Tablett, das es verschüchtert in den Händen behielt. Herr
Aouda benötigte einen Moment, um zu begreifen, dann murmelte er eine
Entschuldigung und räumte einen der Tische frei. Marie knickste höflich und
setzte das Tablett ab. Für gewöhnlich war es Charons Gewohnheit, den Tee
einzuschenken. Als er nach der Kanne griff, umfaßte er die schmale Hand des
Dienstmädchens. Beide schraken zurück.
„Verzeihung.“
„Vergeben
Sie mir.“
„Es
… es ist meine Aufgabe einzuschenken“, erklärte Marie vorsichtig.
„Äh,
selbstverständlich. Verzeihen Sie mir.“
Marie
errötete. Sie schenkte mit zitternden Fingern ein, dann huschte sie hinaus.
Herr von Krainer erwischte sie noch am Ärmel. „Marie, warte noch.“
Das
Mädchen schaute fragend auf. „Was kann ich noch für Sie tun?“
„Bring
doch einen der Kirstallkelche her.“
„Jawohl.“
Marie knickste und verschwand.
Nachdem
der Kelch an Ort und Stelle war, sich Herr von Krainer gesetzt hatte und die
Staffelei endlich positioniert war, begann Charon gleich damit, die Proportionen
auf Leinwand zu bringen. Mit Kohle setzte er die ersten Striche und war überrascht,
wie leicht es ihm von der Hand ging. Die Unsicherheit in seinem Herzen verflog,
sobald er den Stift ergriffen hatte.
Es
gab noch eine Unterbrechung, als Frl. von Krainer mit einem Diener auftauchte.
Er stellte das Grammophon auf einen der Tische ab. Dann ging er, um die Kiste
mit den Rollen zu holen.
Charon
hatte ein solches Gerät noch nie leibhaftig gesehen. Ein Ding, das in der Lage
war eingefangene Musik wiederzugeben. Herr Aouda trat an den Tisch heran, um das
Grammophon näher in Augenschein zu nehmen.
„Arthur
hat es mir geschenkt.“
„Ihr
Mann?“
„Nein,
mein Gefährte.“
Die
Familie von Krainer hatte einige Geheimnisse.
„Sagen
Sie, Sie haben es gewußt, nicht wahr.“
Frl.
von Krainer sah Herrn Aouda lange an, dann antwortete sie: „In Indien gibt es
ein Sprichwort: In seinem Leben trifft man sich immer ein zweites Mal.“
Der
Diener brachte die Kiste und dann wurden sie wieder allein gelassen.
Eigentlich
hätte Charon im siebten Himmel schweben müssen, doch das abweisende Benehmen
des jungen von Krainer, trieb ihm Dolch um Dolch in seine Träumereien.
Innerhalb der vergangenen Monate war aus der kurzen Begegnung ein Gefüge aus Wünschen
und Vorstellungen geworden, das nun wie ein Spiegel in tausend Stücke zerbrach.
Die Scherben prasselten mit ihren scharfen Schneiden auf den Halbinder nieder
und rissen Stück für Stück fort, bis nur noch der blanke Knochen übrig
blieb.
Zurückgewiesen,
verstoßen, blutend und vom Regen seiner Tränen durchnäßt kehrte Charon
irgendwann nachts Heim. Er war das Stück gelaufen, war an der reparierten
Promenade entlanggestreift und war wiederwillig in seine vier Wände zurückgekehrt.
Hier, ohne den Wind, ohne die Welt der Gerüche und Geräusche war er wirklich
allein, allein und nochmals allein.
Weinend,
dem heißen Strom seiner Tränen nun freien Lauf gewährend, ließ er sich auf
sein Bett fallen. Der Engel war fortgeflogen und hatte ihm so nachdrücklich
gezeigt, daß man ihn nicht liebte. Zu der Zurückweisung gesellte sich noch die
immerwährende Traurigkeit seines Lebens. Seit er von Indien fort mußte, seit
der Zeit, als ihn seine Verwandten in England aufgenommen hatten, war er
ungeliebt gewesen; herumgestoßen in einer Gesellschaft, in der er nur das Kind
einer versklavten Kultur war. Weder ihnen noch der Herrenrasse zugehörig, hatte
er immer währendes Leid erfahren. Nur wenigen Menschen war seine Herkunft egal
gewesen… die meisten hatte er hier in Frankfurt kennengelernt.
Charon
hörte ein leises Geräusch an seiner Türe. Flugs wischte er sich die Tränen
aus dem Gesicht und stand auf. Fahrig glättete er seinen Anzug. „Herein“,
sagte er. Als sich nichts tat, ging er, um die Türe zu öffnen. Ein Tablett mit
dampfenden Tee stand auf dem Boden und am Ende des Ganges konnte er die
Silhouette Michelles erkennen.
„Frl.
Caprice“, rief er die Dame leise an. Sie blieb stehen und drehte sich halb
herum. Diese wundervolle Geste wärmte sein Herz. „Danke.“
Er
vermeinte sie lächeln zu sehen.
„Wäre
es unschicklich, wenn ich Sie zu einem Tee einladen würde?“ fragte er in
seinem grauenhaft klingenden Deutsch.
„Oui,
das wäre es.“ Dennoch kam sie den Gang zurück. Ihre Gegenwart flutete ihr
voraus und hüllte Charon leise ein. Allen anderen Frauen hätte er nicht
vertraut, er wäre geflohen. So aber bückte er sich und hob das Tablett auf. Höflich
ließ er sie eintreten und schloß dann die Türe. Das Tablett stellte er auf
seinen kleinen Tisch und holte eine zweite Tasse aus seinem Schrank.
„Ein
Zimmer“, sagte Michelle in ihrem wundervollen französischen Akzent, „ist
ein Spiegel des inneren Charakters.“
„Sehen
Sie sich ruhig um. Dies ist nur die Oberfläche.“
„Ich
liebe Oberflächen, sie verbergen unheimlich viel.“
„Ja,
das tun sie“, seufzte Charon. Michelle hatte sicherlich seine gegenwärtige
Gemütsverfassung bemerkt, ließ es sich aber nicht im Geringsten anmerken.
„Darf
isch mir Ihre Bilder ansehen?“
„Gerne,
aber es ist dämmrig.“
„Das
macht mir nischts aus. Isch kenne Ihre bevorzugten Farben.“
Still
betrachtete sich Michelle jedes Gemälde.
„Sie
kommen bei weitem nicht an Ihre heran“, stelle Charon sein Licht mal wieder
tatkräftig unter den Scheffel.
„Ja,
da haben Sie rescht.“ Wieder ein Dolchstoß in seine ohnehin wackelige Gemütsverfassung.
„Isch will Sie nischt unnötig Leiden lassen.“ Michelle warf ihm einen sehr
offenen Blick von der Seite zu. Doch kein Dolchstoß? „Ihr Talent ist ungewöhnlisch.
Aber, Sie wissen, daß mehr zu einem wahren Künstler gehört, als das. Sie
vergeuden sisch, indem Sie Ihr Talent an diese schrecklischen Kopien
verschwenden. Ihre Teschnik ist nahezu perfekt, Ihr Sinne für Farben mehr als
ausgeprägt, Sie haben ein gutes Auge, eine sischere Hand, aber Ihnen fehlt die
Fantasie… das Leben.“
Das
war schwer zu verkraften. Wie sollte er seine Fantasie leben? Er hatte keine
Zeit dafür! Er war leider keiner aus der hohen Gesellschaft, die ihre verwöhnten
untalentierten Söhne an das Städel schickten, um sich der Kunst zu widmen.
Wenn er keine Bilder abmalte, wenn er keine Portraits anfertigte, konnte er sich
die Farben und den Aufenthalt, geschweigedenn das Studium finanzieren.
„Ich
werde niemals an Sie heranreichen“, devot hatte Charon den Kopf geneigt.
Gleichzeitig zu seinen Worten sagte Michelle: „Isch ahne schon, was Sie nun
denken.“
Kurz
schwiegen sie sich an, dann lächelte die Französin leise. Sie lächelte selten
so, wie jetzt. Traurigkeit lag in ihrem Blick und eine gewisse Sehnsucht. Charon
ahnte, daß ihm ein kurzer Blick auf die wirkliche Michelle gewährt wurde.
„Mein Glück war es, daß isch misch, - wie sagt man hier? - hervorragend als
Vogel in einem Käfig eigne. Wäre es anders gewesen, wäre isch niemals nach
Asgard gelangt und hätte misch niemals verwirklischen können. Man hat mir Zeit
geschenkt, Zeit für misch und die bin isch Ihnen voraus.“
Die
von nur zwei Kerzen und der Kohleschale erhellte Finsternis, hüllte die beiden
Menschen ein.
Nach
einem langen Schweigen fragte Charon: „Wie war es in Asgard?“
Michelle
schaute lange und nachdenklich. „In Asgard ist meine Vergangenheit
verbrannt.“ Der Ton in ihrer Stimme schloß dieses Kapitel. Nun wurde das
Schweigen peinlich.
„Sie
haben sisch in Ihr Modell verliebt“, stellte Michelle fest.
Charon
schrak zusammen. „Ja, das habe ich“, gestand er.
„Das
geschieht öfter. Man schweigt ja nischt die ganze Zeit und wenn der gängige
Gesprächsstoff ausgegangen ist, schleischen sisch dann die persönlischen Dinge
ein.“
„Ja,
so ist es. Ist es Ihnen auch schon passiert?“
Michelle
lächelte, als ob sie ein inneres Bild beschwor. „Wissen Sie, man nimmt misch
nischt gern für Personenmalerei. Außerdem scheue isch misch auch davor.
Mansche Herren nehmen das Portraitieren nur als Vorwand.“
Charon
verstand. Der Fluch ihres Aussehens.
„Sie
sind anders“, sagte Michelle
„Das
lassen mich viele spüren“, seufzte Charon.
Michelles
Augen weiteten sich. „Sie suchen wohl in jedem Wort, in jedem Moment die
Melancholie? Jemand, der „anders“ ist, kann niemals den Weg der Gesellschaft
beschreiten. Das ist unmöglisch. Hätten Sie nischt das erlebt, was Sie zu
diesem traurigen stillen Mann hat werden lassen, wären Sie niemals Künstler
geworden. Sie müssen indisches Blut in sisch tragen, Sie müssen ein Außenseiter
sein, um den Blick für das Geschehen hinter der Bühne zu erhalten.“
„Wollen
Sie meine Skizzenbücher sehen?“ fragte Charon. Er wollte, daß diese außergewöhnliche
Frau Einblick in seine Seele erhielt. So entführte er sie in seine Welt der
Gedanken. Fasziniert blätterte Michelle und nahm alles in sich auf. Sie erlebte
die glücklichen Erinnerungen seiner Kindheit in Indien, an seine liebende
Mutter und an seinen Vater. Dann war der schreckliche Unfall, bei dem die Eltern
ums Leben gekommen waren, dann der Weg nach England auf das Gut seiner Tante.
Hier begann die Hölle. Hier war er kein geliebtes Geschöpf. Er war wenig mehr,
als das Dienstpersonal und mußte seinen Rücken genauso für die Stockhiebe
herhalten, wie der niedrigste unter ihnen. Und dann kam die Zeit der Rebellion,
die Zeit in der er seine Sachen packte und floh: hier her nach Frankfurt.
Michelle
schien im letzten Buch aufgefallen zu sein, daß er einer ganz bestimmten Person
seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Einem Engel. Ahnte sie den Betrug, daß er
sie glauben lassen wollte, er hätte sich in eine adelige Dame verliebt?
Sehr
viel später gelangten ihre Gespräche in Gefilde der neuen Kunstform, die von
Paris langsam die Welt eroberte. Noch hing kein Werk eines Impressionisten im Städel.
Sie diskutierten über die Farben, über die Freiheit und darüber, ob diese
Kunstform jemals anerkannt werden würde. Es war verpönt und daher reizvoll.
Charon
folgte Michelle auf ihr Zimmer. Sie zog einige ihrer privaten Bilder hervor und
sie waren voller Farben. Es waren Eindrücke … Impressionen.
Nun
war er der Künstlerin Michelle Caprice vollends verfallen.