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Tod in Venedig- Part 2

 

30. November 1871; Donnerstag

Die Zeit in der Villa von Krainer war schön und schrecklich zugleich ausgefallen. Der junge Engel verstand sich prächtig darin durch seine gradlinige Ablehnung, das zarte Gemüt des Malers durch die Hölle zu treiben.

Wie hatte es Frl. Caprice in jener Nacht ausgedrückt? „Der Antrieb der Kreativität liegt in der Theatralik unseres Daseins. Wirkliche Künstler erreichen ihren Höhepunkt in der Zeit ihres größten Kummers und ihres schrecklichsten Wahns. Das scheint der Preis zu sein, den wir für unser Genie bezahlen. Ohne diese Vorraussetzung wären wir nur Maler, ganz einfache Maler. Die Bilder hingegen, die unsere Hände schaffen, sind Werke unserer Imagination, sie erwachen durch uns zum Leben. Wir erträumen uns eine Seele, eine Geschichte, mit jedem Pinselstrich und verfangen uns manchmal in ihrem Gespinst. Doch sollten wir jemals wieder der Vorlage begegnen und feststellen, wiesehr wir uns geirrt haben, zerbricht es uns das Herz. Wir erschaffen uns eine eigene Hölle, durch die wir immerwährend streifen.“

Ein halbes Jahr lang hatte sich Charon danach gesehnt jenen Engel an der Mainuferpromenade wiederzusehen. Es war kein Tag vergangen, andem er nicht an jenes androgyne Geschöpf gedacht hatte, das so selbstverloren dagesessen und in den Erlebnissen der Schwester geträumt hatte.

Und nun begegnete ihm der junge Engel, der aus der Anonymität erwacht war, mit zögerlicher Offenheit, die bei jeder falschen Regung sofort in Feindseeligkeit umschlug. Leichte Wutanfälle und eisiges Schweigen waren an der Tagesordnung. So erfuhr Charon, daß Herr von Krainer einem unglücklichen Schicksal entgegenblickte. Nicht aus dessen Worten, eher durch dessen Reaktionen auf manche Fragen hin. Die junge Seele dürstete nach Freiheit, wollte dem großen Vorbild seiner Schwester folgen, die aus den Fesseln der Etikette ausgebrochen war. Myrjam sollte einen wohlhabenden Industriellensohn ehelichen und war darüber sehr unglücklich gewesen. Ihr eilten die Dolchverschwörer zu Hilfe, die mit einem gewissen Herrn von Dragenfeld bekannt gewesen waren. Die vor ungefähr zwei Jahren beginnende Liaison schadete dem Ruf der Familie ungemein. Allerdings kümmerte das das verliebte Paar wenig, da sie es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Wohlstand des Herrn ein wenig zu schmälern, indem sie die Welt bereisten. Myrjam erlebte Abenteuer in fernen Ländern, während Florian den Ruf der Familie retten mußte. Er war im heiratsfähigen Alter und sollte sich eine Dame wählen. Nur, daß er das nicht wollte. Ihm waren Feste unangenehm, da man auf ihn herabschaute und ihn hinter vorgehaltener Hand belächelte.

Auch wenn Herr von Krainer der hohen Gesellschaft als solcher keine besondere Freude entgegenbrachte, war er doch durch und durch ein Sohn dieses Standes. Charon erfuhr nichts von den Gründen. Er erhielt einen Überblick, den er sich sicherlich auch durch Zeitungsberichte hätte aneignen können.

 

Gegen Abend, als das Portriat endlich fertig war, klopfte es an die Türe. Charon, der sich schon einen halben Tag lang bedauerte, daß es bald vorbei sein würde, schrak sichtlich zusammen.

„Herein“, rief Herr von Krainer.

Die Türe wurde geöffnet und eine beeindruckend große Gestalt bückte sich unter dem Sturz hindurch. Der Herr war von schlankem Wuchs, hatte schwarze Haare, die nach der neusten Mode geschnitten waren und trug einen dunklen vornehmen Anzug aus teurem Seidenstoff. Als Kontrast zu seiner korrekten Erscheinung hatte er einen Kaschmirschal um den Hals geworfen, der ihm einen Hauch von Lässigkeit geben sollte. Alles an dem Herren deutete daraufhin, daß er Vermögend war. Das markante Gesicht drückte Ruhe aus.

„Guten Tag Floh“, begrüßte der Mann den jungen von Krainer, der daraufhin streng schaute.

„Guten Tag Arthur.“

Charon, der von der Erscheinung des Neuankömmlings völlig vereinnahmt war, konnte sich eines winzigen Lachens in seinem Herzen nicht erwehren. Herr von Krainer verstand es gut, den Tonfall seiner Schwester zu imitieren, die selbstverständlich in den letzten Tagen von ihrem Arthur und den Erlebnissen berichtet hatte.

„Und Sie sind der Künstler“, stellte Arthur fest. Er trat zu Charon und reichte ihm die Hand. In Herr Aoudas Bewußtsein sammelten sich die Eindrücke. Die Hand des Adeligen war schmal und dennoch sehr kräftig. Das Gesicht gehörte zu einem Mann, der wirklich die Welt gesehen hatte.

„Ja, das bin ich. Herr Aouda.“

In einer gewohnten Geste zog Herr von Dragenfeld ein Monokel aus seiner Weste und klemmte es sich vor sein rechtes Auge. Dann betrachtete er sich das Portrait. „Sie haben Flo hervorragend getroffen. Myrjam hat nicht übertrieben, als sie Ihre Bilder lobte.“

„Ich danke Ihnen“, Charon senkte den Blick.

„Nun, dann werden Sie sich sicherlich freuen, nach diesem Blitzauftrag wieder nach Hause zu kommen. Meine Kutsche steht Ihnen zur Verfügung.“

Es ging alles recht schnell. Ein schweigsamer Diener half ihm seine Utensilien zu verstauen, man gab sich die Hand und dann war alles vorbei.

 

Wieder einmal war es das Kissen, das die Umarmung empfing, wieder einmal durchnäßten es Tränen.

 

30. November 1871; Donnerstag

Frau von Krainers Geburtstag

Nachdem man im kleinsten Kreis gefeiert hatte und sich die Herren in den Salon zurückgezogen hatten, nachdem der Vater wieder einmal vom Heiraten begonnen hatte und es im Streit endete, war Florian mit unbändiger Wut ins Bett gegangen. Er ärgerte sich darüber, daß er sich fünf Tage lang mit diesem Künstler abgegeben hatte, daß der wundervoll begonnene Tag mit den Freudentränen seiner Mutter nun derart mißgestaltet endete.

Ein leises Klopfen ließ Florian aufhorchen. Wer war das nun schon wieder?

Wütend stand er auf und zog seinen Morgenrock an.

„Herein“, harschte er die geschlossene Türe an.

Es war Myrjam.

„Was ist?“

Myrjam, die ihren Bruder sehr gut kannte, vergab ihm den Ton, den er ihr gegenüber gebrauchte. „Hat Vater dich wieder beharkt?“

Florians Antwort war ein Nicken.

„Ach Flo, ich wünsche dir von Herzen, daß du dein Glück findest, so wie ich Arthur gefunden habe.“ Myrjam, die ein wenig größer war als ihr Bruder, fuhr ihm liebevoll durchs Haar. Bockig drehte Florian das Gesicht weg. „Wie dem auch sei. Ich habe hier etwas für dich. Dein Geburtstag ist erst in sechs Tagen, aber ich will dem mal vorgreifen. Hier, Arthurs und mein Geschenk an dich.“ Myrjam reichte ihrem kleinen Bruder ein Briefkuvert. Verwundert nahm Florian das verfrühte Geschenk an und öffnete es. Eine selbstgemalte Karte lag darin. Sie war einem Fahrschein nachempfunden und als Ankunftsort hatte man Venedig eingetragen.

„Was … was ist das?“ fragte Florian, der nicht glauben konnte, was er da sah. Ihm lief es heiß und kalt den Rücken hinunter.

„Arthur und ich fahren nach Venedig. Wir wollen dort deinen Geburtstag feiern.“

Florian ließ einem Freudenschrei freien Lauf und fiel seiner Schwester um den Hals.

Freiheit.

 

03. Dezember 1871; Sonntag

Wie so oft saß Charon in dem großen Atelier und widmete sich dem kopieren von Bildern. Die anderen Studenten, die von einem der Professoren betreut wurden, versuchten sich an einem Stilleben. Draußen stürmte der Winter gegen die Scheiben. Hin und wieder flackerte das Gaslicht, als ob der Sturm, der Schneeregen vor sich herscheuchte, Einfluß auf die lichtspendenden Flammen ausübte.

Charon war derart vertieft, daß er Professor Kleehaupt und den Gast nicht bemerkte. Jeder sah von seinem Arbeitsplatz auf, als jener gutgekleidete Gentleman durch die Tür trat.

„Da hinten sitzt Herr Aouda“, sagte der Professor.

Neugierig sahen die Studenten zu dem Halbinder hinüber. Einige der adeligen jungen Herren erkannten den Besucher, standen auf und nickten ihm grüßend zu. Der schien das einfach hinzunehmen und strebte auf Herrn Aouda zu.

„Da sind Sie ja“, erscholl eine Stimme in Charons Rücken. Der Halbinder erschrak derart, daß er empor fuhr und sofort in die Defensive geriet. „Habe ich etwas verbrochen?“ fragte er verschüchtert.

„Das kann man wohl sagen“, nahm Herr von Dragenfeld den Faden auf. Seine Mine drückte Strenge aus.

Man konnte nun eine Veränderung auf manch einem Gesicht der Studenten erleben. Viele ließen den Halbinder spüren, daß er von fremder Natur und geringerem Stand war. Einige neidete ihm auch sein Genie. Und nun zeigte sich Hohn als verachtendwerter Zug um manch einen Mundwinkel.

„Doch nicht hier.“ Herr von Dragenfeld wendete sich an Professor Kleehaupt: „Stellen Sie mir bitte einen Raum zur Verfügung.“

„Selbstverständlich. Herr Aouda, begleiten Sie den Herren bitte in mein Büro.“

Sprachs getan. Charon eilte voraus, gefolgt von dem hochgewachsenen Adeligen, der sich in aller Ruhe umsah. Einige der hier entstandenen Gemälde schmückten die Wände.

Als sie allein in Professor Kleehaupts Büro waren, vertiefte sich die Unruhe Charons. Was war vorgefallen? Herr von Dragenfeld schien Charons Gemütszustand auskosten zu wollen. Er nahm seinen Zylinder ab und legte ihn auf den Stelltisch neben der Türe, dann schlüpfte er elegant aus dem nassen Mantel, den er an den Kleiderständer hängte. Es folgten die Handschuhe und der Stock, die ebenfalls ihren Platz fanden.

„Keine Bange, junger Künstler“, begann der Adelige, „nicht Sie haben etwas verbrochen, sondern ich. Ich habe Sie noch nicht für Ihre Mühen entlohnt.“

„Oh nein“, wehrte Herr Aouda verblüfft ab, „nein danke, es war mir eine große Ehre Herrn von Krainer zu portraitieren.“

Der großgewachsene Herr schien verblüfft, dann steckte er die Börse wieder ein, die er eben aus seiner Jackentasche gezogen hatte. „Nun denn, dann wäre das Finanzielle geklärt. Ich habe noch ein weiteres Anliegen an Sie.“

Herr Aouda war eine solche Reaktion nicht gewöhnt. Normalerweise reagierten die Menschen anders auf seine Bescheidenheit. Sie drängten ihm dann die Florin für gewöhnlich auf.

„Worum handelt es sich?“

„Um Ihre Person und Ihr Talent. Allerdings würde ich mich gerne erst einmal von beidem überzeugen.“

„Wie Sie wollen. Meine Werke sind allerdings nicht hier, sondern auf meinem Zimmer.“

„Dann hurtig. Gehen Sie voraus.“

„Ähm, es wird Ihnen nicht gerecht werden.“

Der hochgewachsene Mann schenkte dem Halbinder einen undefinierbaren Blick aus seinen hellen Augen. „Dieses Urteil überlassen Sie mir.“

Wieder eilte der Halbinder durch die Gänge hinüber zum Wohnhaus, gefolgt von den hallenden Schritten des adeligen Herren. Ehrerbietig öffnete Charon die Türe in seine bescheidenen vier Wände.

„Hm, ein Studentenzimmer“, murmelte Herr von Dragenfeld, „sehr beengend. Allerdings muß ich Ihnen sagen, daß ich schon in schlechteren Unterkünften gehaust habe.“

Natürlich, fiel es Charon ein, dieser Mann bereiste die Welt. Auch wenn er sehr aristokratisch wirkte, war er in seinem Herzen doch ein Abenteurer.

„Nun, dann zeigen Sie mir doch Ihre Werke.“

Vorsichtig zog Herr Aouda seine Gemälde hervor. „Das Licht ist heute besonders schlecht.“

„Da haben Sie durchaus recht“, antwortete ihm der Adelige ruhig. Er zog sein Monokel hervor und begutachtete die Bilder. „Ich bin zwar kein Kunstverständiger, aber Ihr Strich - wie man wohl unter den Künstlern so sagt - ist wirklich hervorragend.“

„Ich danke Ihnen.“

„Wie lange sind Sie schon im Deutschen Reich?“ fragte Herr von Dragenfeld weiter.

„Noch keine zwei Jahre.“

„Mit Verlaub, Ihr Dialekt ist grauenvoll. Sind Sie in England aufgewachsen?“

Herr Aoudas Lächeln war das eines waschechten Inders, der die Geduld seiner Religion mit der Muttermilch aufgesogen hatte. „Ich bemühe mich wirklich um ein akzentfreies Deutsch. Es wird wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen.“

„War Ihre Mutter oder Ihr Vater indischer Herkunft?“ stellte Herr von Dragenfeld seine Frage in akzentfreiem Indisch.

„Sie beschämen mich“, lächelte Charon. Es freute ihn, in seiner Heimatsprache sprechen zu können, „und Sie erwecken meine Neugierde. Sie waren in Indien?“

„Oh ja, eine ganze Weile sogar. Mir gefällt die Kultur und die Religion… vor allem die der XYZ (Phallisch)“

Charon lachte: „Ja ja, in Indien ist man wesentlich freier, als hier in Neuropa.“

„Es stellt in dieser Beziehung gar keinen Vergleich dar.“

„Wo waren Sie in Indien?“

„In Delhi, Kanpur … in allen großen Städten. Besonders beeindruckend empfand ich das Taj Mahal in Agra. Sehr romantisch, der Lieblingsfrau ein solches Mausoleum zu errichten. Und wo kommen Sie her?“

„Aus der Nähe von Bangalore.“

„Eine sehr schöne Stadt. Ich liebe die Berge dort unten.“

„Ich ebenfalls.“

„Warum sind Sie von Indien fort?“

Charon, der sich über das Gespräch mit Herrn Arthur von Dragenfeld freute, geriet ins stocken. Erinnerungen flammten auf und auch die Überlegung, wieviel er verraten durfte. „Mein Vater war Botschafter und er ehelichte eine Inderin. Ich war sechs, als meine Eltern bei einem Unfall uns Leben kamen. Man deportierte mich nach England und die Familie meines Vaters nahm mich bei sich auf.“

„Ihr Vater war der Botschafter in Bangalore? Wenn ich mich recht entsinne und ich mich nicht in Ihrem Alter täusche, dann müßte Ihr Vater Sir James of Courtland gewesen sein. Er wurde damals mitsamt seiner Frau ermordet. Ich erinnere mich daran.“

Charon war Schockiert. Er wußte nicht, was ihn mehr ängstigte, daß man seinem Geheimnis so nahe gekommen war oder daß er gerade eben etwas erfahren hatte, das den Lauf seiner Vergangenheit änderte.

„Ich denke, ich habe da tatsächlich ins Schwarze getroffen.“ Herr von Dragenfeld begann die Reaktion seines Gegenübers zu deuten. „Außerdem drücken Sie sich für einen gewöhnlichen Mann recht gewählt aus. Sie haben eine gute Ausbildung genossen. Myrjam machte mich darauf aufmerksam.“

„Sie haben Recht, ich bin der Sohn Sir James of Courtland und von Nhilofa  Aouda.“

„Sie war eine bezaubernde Frau. Ich hatte das Vergnügen beide kennenzulernen und Sie selbstverständlich auch. Sie waren damals noch recht jung, will ich meinen. Ein aufgewecktes Kerlchen, das die Eltern mit Stolz auf diverse Empfänge mitbrachten.“

„Sie überfallen mich. Es … ist sehr lange her. Ich habe nur wenige Erinnerungen.“

„Ja, es muß für Sie eine schöne Zeit gewesen sein.“

„Die schönste meines Lebens.“ Ein Seufzer entwand sich von Charons Lippen. „Ich verstehe nicht, wie Sie meine Eltern kennen können.“

„Wie meinen Sie das?“

„Mit Verlaub, Sie müßten ebenfalls noch ein Kind gewesen sein, als Sie in Indien gelebt haben.“

Nun war es Herr von Dragenfeld, der für einen Augenblick sprachlos war. „Ich deute das als ein verborgenes Kompliment. Ich bin älter, als ich wirke. Wissen Sie, ich neige zur Eitelkeit. Es gibt Mittelchen und Wege, dem Altern ein Schnippchen zu schlagen.“

Charon revidierte seine Schätzung von Mitte Dreißig auf Mitte vierzig.

„Um auf mein Anliegen zurückzukommen. Myrjam und ich wollen Sie unterstützen. Sie sind ein Talent, daß nach einem Mäzen schreit.“

„Sie wollen was? Mich unterstützen? Ich…“

„Sie nehmen an, das wird Myrjam sehr erfreuen.“ Herr von Dragenfeld ergriff Charons Hand und drückte sie feierlich. „So, da das nun geklärt ist, habe ich auch schon den ersten Auftrag für Sie. Lernen Sie frei zu zeichnen. Was halten Sie von Venedig?“

Überrumpelt konnte Charon nur eines sagen: „Venedig?“

„Es wird ein wenig frisch werden, da wir Winter haben. Ich kann Ihnen versprechen, daß Venedig im Winter wundervoll ist. Sie werden dort einige Kunstläden für sich entdecken, seien Sie versichert. Wir holen Sie dann Morgen gegen 9.00 Uhr ab.“

Herr von Dragenfeld ließ einen verstört dreinblickenden Charon zurück. Als er dann auch noch das Beutelchen mit seinem Entgeld für das Portrait entdeckte, konnte er sein Glück kaum fassen. Wieder einmal geriet alles in seinem Leben in Fluß. Mit den verdienten Florin, und es waren nicht wenige, konnte er seiner verhaßten englischen Familie das „ausgeborgte“ Geld zurückschicken. Damit war er quitt.

Charon erinnerte sich noch gut daran, wie er mit dem gestohlenen Geld und einem winzigen Rucksack das Gut in Nacht und Nebel verließ, nach London reiste und mit einem Schiff nach Frankfurt übersetzte. Immer auf der Hut, nicht erkannt zu werden.

Sollte nun alles gut werden?

 

In dieser Nacht besuchte er mit einem Tablett Tee Frl. Caprice. Sie redeten lange, bis sie ihn ins Bett schickte.

 

04. Dezember 1871; Montag

In aller Früh wurde Herr Aouda abgeholt. Als er das Städel hinter sich ließ, drehte er sich noch einmal herum. Er vermeinte hinter einem der Vorhänge einen Schatten zu sehen. Er würde Michelle ebenfalls vermissen.

 

Man verstaute sein Gepäck, dann stieg er in die Kutsche. Neben Herrn von Krainer war ein Platz frei, auf den sich Charon mit äußerst gemischten Gefühlen setzte. Es war dem jungen Mann sehr deutlich anzumerken, daß es ihm ganz und gar nicht in den Kram paßte, daß der Halbinder sie begleitete.

Die Kutsche setzte sich in Bewegung. Sie fuhren durch ein dunkles verschneites Frankfurt, über den Main hinüber, die Mainzer Straße entlang in Richtung der Bahnhöfe.

„Myrjam, wir hätten hier abbiegen müssen“, setzte Herr von Krainer seine Schwester in Kenntnis. Es stimmte, die Kutsche fuhr an den Bahnhöfen vorbei, in Richtung des Meeres.

„Wir werden nicht den Zug nehmen“, erklärte Myrjam in einem Ton, der keine Fragen mehr zuließ.

Alsbald kamen die beiden Gasometer und der Andockturm des Rebstockgeländes in Sichtweite. Die Maximilan lag dort und ein Schiff, daß der SMS - Falkenstein recht ähnlich sah, eine Korvette. Laut Florian gab es nur noch eines dieser schnellen Schiffe. Es war die Korvette von Tom Olam, jenem Mann, dem man nachsagte aus einer Parallelwelt (was auch immer das bedeuten mochte) hinter dem Schleier zu kommen.

„Myrjam“, flüsterte er leise und erhielt keine Antwort. Die Kutsche fuhr unbeirrt auf den Andockturm zu. Die beiden Gasometer waren wieder intakt. Man hatte sie noch vor den zerstörten Gebäuden wieder errichtet. Im Zuge der Arbeiten hatte man den Andockturm um eine weitere Ebene erhöht. Nun konnten vier Schiffe gleichzeitig anlegen.

Schaukelnd blieb die Kutsche stehen. Es dauerte einen Herzschlag, bis die Türe geöffnet wurde. Herr von Dragenfeld war der erste, der hinaus trat. Er half Myrjam, dann machte beide Platz für Florian und Charon.

Über den Ankommenden schwebten die beiden Luftschiffe in majestätischer Ruhe. Riesige Ballons verdeckten den Himmel und die langen Schwerter berührten beinahe den Boden.

„Wir fliegen“, murmelte Florian und verrenkte sich beinahe den Hals, da er zu den Schiffen emporblickte.

„Mister Olam war so freundlich, uns seine Korvette für diesen Tag zu überlassen“, lächelte Myrjam, „die Reise mit dem Zug durch die Alpen wäre zu dieser Jahreszeit ein wahres Abenteuer geworden.“

„Abenteuer, ja“, flüsterte Florian ehrerbietig.

Einige Dockarbeiter waren dabei, das Gepäck in den Turm zu tragen. Herr von Dragenfeld bot seiner Myrjam den Arm. Lächelnd hakte sie sich unter und beide traten durch die Türe, in einen kleinen Vorraum. Dahinter lag das Innere des Turmes. Um vier lange Feuerwehrstangen wendelte sich eine lange Treppe mit einem schmiedeeisernen Geländer empor. In deren Mitte ruhte auf dem Boden der Lastenaufzug, auf dem man bereits das Gepäck gestellt hatte. Er war mit Ringen an den Stangen arretiert und konnte Mittels eines Seilzuges empor gezogen werden. Ein schmiedeeisernes schlicht gehaltenes Geländer war als Begrenzung um die Plattform angebracht worden.

Auf den Treppenabsätzen hatte man einige Vinietten, die von Baronesse von Arnsberg stammten, aufgehängt. Die ovalen kopfgroßen Bilder stellten die bestehenden Luftschiffe der Bayrischen Flotte dar. Auf Messingschildchen war jeweils der Name des Schiffes und der des Kapitäns eingraviert worden. Ein neues Kunstwerk war hinzugekommen, das der brennenden Condor. Unter dem zerstörten Kriegsschiff „Wappen von Frankfurt“ und der SMS – Falkenstein hatte jemand eine schwarze Schleife angebracht. Man gelangte auf die erste Balustrade, von der zwei Türen hinaus zu den Anlegestegen führten. Eine Treppe führte zum neuen Teil des Turmes empor. Man hatte diese Ballustrade der ersten angeglichen, nur daß die Türen um 90° versetzt waren.

 

Die Korvette war ein Schmuckstück unter den Luftschiffen. Sie war deutlich das kleinste Modell und nur mit zwei Maximes bewaffnet. Im oberen Stockwerk befanden sich die Brücke, der geheime Antrieb und die Kajüten der Besatzung. Das untere Stockwerk gehörte ganz dem Reisenden. Die Lounge war im Bug. Das Fenster war derart geschickt angebracht worden, daß man auch auf den Erdboden hinunter blicken konnte. Man hatte die Räume und Gänge exquisite ausgestattet. Die Wände waren Holzvertäfelt, der Boden mit einem teuren Teppich ausgelegt. Es gab einen Billardtisch, volle Bücherregale, eine Hausbar, eben alles, was man zur Zerstreuung für einen längeren Flug benötigte.

Die vier Reisenden fanden sich in der Lounge ein. Ein Diener nahm ihnen Hut und Mantel ab und bot ihnen ein Willkommensgetränk an. Kurze Zeit später traf der Kapitän ein. Er entschuldigte sich über alle maßen, nicht eher erschienen zu sein, da er das Auftanken der Ballons selbst überwacht hatte.

Nachdem der Kapitän gegangen war, traten alle vor das Panoramafenster. Linke Hand war das graue Massiv des Turmes und rechte Hand konnte man auf die winterliche Innere See blicken. Draußen im morgendlichen Nebel lugten die Taunusinseln heraus.

Man konnte Seile surren hören und dann legte die Korvette langsam ab. Es ruckelte nichts, es schnaubte nichts, es war, als triebe man in einer See aus Stille davon. Selbst der Wind, der das Schiff trug, war nicht zu hören. Langsam gewann die Korvette an Höhe und man konnte unter sich Frankfurt sehen, wie sich die kleinen Lichter gegen die Dämmerung behaupten. Eine blasse Sonne entstieg soeben ihrem Bett und ihr weiches Licht berührte die ersten Dächer. Wie Diamanten funkelte der Schnee.

Alle vier genossen auf ihre Weise diesen Moment. Zwei, weil sie es noch nie erlebt hatten und zwei, weil sie diese jungfräuliche Freude miterleben durften. In einer gewissen Höhe ging ein leises Rucken durch das Schiff, das dann gewaltig Fahrt aufnahm.

„War das das Einklinken in das Magnetfeld?“ fragte Herr von Krainer seine Schwester.

„Ja… Arthur kann dir das besser erklären.“

„Nicht jetzt. Ich will den Zauber, der auf ihnen liegt nicht zerstören“, lächelte der Mann. Er drehte sich herum, um die Bar in Augenschein zu nehmen.

Die Fahrt mit dem Schiff dauerte keine drei Stunden. Die Welt raste unter der Korvette dahin und alsbald hatten sie die Alpen erreicht. Berggipfel waren plötzlich in greifbare Nähe gelangt, dafür schienen nun die Täler unerreichbar fern. Man sah den Boden heranrasen, übersprang den Gipfel und sofort stürzte sich das Gelände wieder zu Grunde. Es war ein atemberaubendes Auf und Ab.

Bald schon tauchte, schimmernd unter der Mittagssonne, die Lagunenstadt auf. Das Meer und die Canäle schimmerten wie flüssiges Gold unter dem Himmelsgestirn.

Hier klinkte sich die Korvette aus dem Magnetfeld aus und setzte zum Sinkflug an.

Florian fiel auf, daß es hier keinen Andockturm gab. Wie gelangten sie von Bord? Die Antwort erhielt er keine zehn Minuten später, als der Kapitän sein Schiff umsichtig gelandet hatte. Man durchschritt eine Türe und mußte die Unpäßlichkeit einer Leiter in Kauf nehmen. So kletterte man im Schwert zu Boden. Unten entließ eine weitere Türe die Gäste auf Italiens Boden.

Man hatte sie bereits erwartet. Männer halfen das Gepäck in der Kutsche zu verstauen. Einige Schaulustige hatten sich versammelt und bestaunten das fremde Schiff. Über eine breite Brücke, die das Festland mit der Hauptstadt Italiens verband wurden die Gäste gefahren. Über den Häusern der Stadt konnte man die Türme und Kuppeln unzähliger Kirchen und Prachtbauten sehen. Am Bahnhof der St. Lucia hielten die Kutschen bereits wieder, denn nur in einem winzigen Areal am Rande Venedigs waren Pferde erlaubt. Hier half man den Gästen in ein kleines Boot einzusteigen. Es war aus schwarz lackiertem Holz und sah den Gondeln nicht unähnlich. Das Wappen eines Stieres prangte auf dem Bug. Mit stoischer Gelassenheit und dem Stolz der Venezianer warteten die Rudermänner darauf, daß die Fremden einsteigen würden. Herr von Krainer konnte sein Glück kaum fassen. Er starrte zu der grünglänzenden Kuppel der St. Lucia empor. Etwas so schönes hatte er noch nie gesehen. Ein Blick auf den Canal Grande, in den sie ablegten, ließ ihn erschauern. Hier würde es keine Kutschen geben, keine Pferde … hier in Venedig erledigte man alles zu Fuß oder mit dem Boot. Vor ihm lag eine Stadt, die Abenteuer versprach.

Langsam riß sich Florian aus seinen Betrachtungen und folgte seiner Schwester. Sie fuhren den Canal Grande hinunter. Linke und rechte Hand erstreckten sich Häuser, denen kleine Wege vorgebaut waren. Hin und wieder zweigten schmale Wasserwege ab, wie Gäßchen. Sie fuhren unter der Ponte Scalzi hindurch, dann folgte ein Villenviertel, daß sich Florian nicht im mindesten hatte ausmalen können. Diese sogenannten Villen waren Paläste, die an die alten Römer erinnerten. Bunte Stangen ragten vor den einzelnen Gebäuden aus dem Wasser. Hier lagen einige prächtige Boote vertäut. Ein wenig später passierten sie die Ponte di Rialto und dahinter erhoben sich noch prächtigere Bauten aus dem Wasser. Einer dieser Bauten, der Palast Manin, war das Ziel.

„Dort wohnen wir?“ fragte Florian.

Herr von Dragenfeld lächelte versonnen: „Barone Dario de Traghetto war so freundlich uns für die kommenden Tage bei sich einzuladen.“

Vor dem Palast, der mit Säulen geschmückt war, erwarteten die Reisenden einige Diener. Sie halfen den Gästen von Bord und geleiteten sie in das Gebäude. In der großen Vorhallte standen die Bediensteten Spalier und an deren Ende erwartete sie der Herr des Hauses nebst Gemahlin und Tochter.

Barone de Traghetto wirkte unnahbar. Er war ein ins Alter gekommener Mann, der das graue Haar und die markanteren Gesichtszüge mit Stolz zur Schau trug. Die Zeiten, als er noch geschmeidig, wie eine junge Birke  gewesen war, waren unlängst vorbei und dennoch waren weder die Schultern noch das Haupt gebeugt. Der Wille und die Bewegung - der man in Venedig unabdingbar ausgeliefert war - hatten das ihrige dazu beigetragen.

An seiner Seite stand, ebenfalls von der Zeit berührt, Baronin Andrea de Traghetto. Sie wirkte schmal und zerbrechlich, doch ihre Augen funkelten, wie die ihres Gemahls von schwarzen tiefen Flammen. Es waren Blicke, die vieles erlebt hatten, die beunruhigend undeutbar auf den Gästen ruhten. Neben dem Vater stand eine junge Frau, beinahe noch ein Mädchen: Baronesse Antonia. Sie war von schlankem Wuchs und dunkler Schönheit.

Barone de Traghetto begrüßte Herrn von Dragenfeld mit einem beinahe brüderlich anmutenden Handschlag. „Willkommen Arthur“, sagte er auf Italienisch, „es freut mich sehr, Sie wiederzusehen.“

„Die Freude ist ganz meinerseits, alter Freund.“

„Die Zeit ist mit Ihnen gut umgegangen.“

„Das tut sie immer“, lächelte Herr von Dragenfeld. Er wendete sich der Baronin zu und wechselte auch mit ihr einige Worte. Dann begrüßte er die junge Dame. Anscheinend beging er einen kleinen phaux pas der Italienischen Etikette, denn das Fräulein hob mahnend eine Augenbraue. Der Barone sah darüber hinweg. Anscheinend kannte er Herrn von Dragenfeld ein wenig genauer. Frl. von Krainer dagegen war eine formvollendete Adelige. Am Ende stellte Arthur die beiden verbliebenen vor: „Der junge Herr ist Florian von Krainer.“

„Willkommen im Palast Manin.“ Der Barone reichte dem jungen von Krainer die Hand.

„Und dieser junge Mann ist Sir Hugo of Courtland.“

Charon wäre in diesem Moment liebend gerne im Boden versunken. Florian war herumgewirbelt und starrte den Halbinder verblüfft an.

„Auch Sie sind mit herzlich willkommen.“ Charon, der die Sprache nicht verstand, nickte höflich und ergriff die dargebotene Hand.

Die Diener geleiteten die vier in den Gästetrakt.

Charon erhielt ein Zimmer, daß er nur mit dem in Indien zu vergleichen vermochte. Es war groß und recht üppig, ja beinahe kitschig eingerichtet. Venedig war die Stadt des Glases und das schlug sich am Spiegel, an den Lampen, an den Schränken, eben überall dort nieder, wohinein man dieses Material integrieren konnte. Die Fenster zeigten in einen Garten hinunter, der von dem Palast umfangen wurde. Grünflächen (die unter dem Schnee ruhten), das würde Charon bald feststellen, waren sehr selten in Venedig. Die Bäume, die im Sommer Schatten spendeten, waren kahl und trugen gegen die Kälte einen weißen pudrigen Mantel. Durch den Schnee hatte jemand Wege freigekehrt, der eine war schnurgerade, der andere schlängelte sich in freizügigen Windungen durch das ansonst unangetastete Weiß des Rasens und der Blumenbeete. Charon, in dessen Kopf die Eindrücke pausenlos wiederhallten, fühlte wie die Abenteuerlust in ihm erwachte. Er wollte mehr sehen, mehr entdecken. Als wären seine Augen allein durch den Wunsch geschärft worden, erkannte er, daß der unter der Sonne funkelnde Schnee nicht ganz so unberührt war. Hier und dort waren Spuren von Vögeln zu sehen und auch die Fährten einiger Katzen.

An der Seite wurde eine Türe geöffnet und eine ältere Dame rief etwas. Es dauerte nicht lange, als sich unter einem der Büsche, der mit seiner Schneelast eine natürliche Höhle gebildet hatte, etwas regte. Eine weiße Katze stakte zu der Türe. Das ungewöhnlich schöne Tier verharrte kurz und starrte zu dem Fenster empor, an dem Charon stand, dann lief es weiter … dem verlockenden Ruf nach Futter folgend.

 

Nachdem man sich eingerichtet und dann geruht hatte, wurde zum Abendessen geläutet. Zögerlich trat Charon auf den Flur. Wohin sollte er sich wenden? Ihm kam die Voraussicht Frl. von Krainers zu Hilfe. Sie hatte ihren Gefährten geschickt, um die beiden Ortsfremden abzuholen.

Das Abendessen verlangte von Charon einiges ab. Das Schlimmste war wohl seine mangelnde Sprachkenntnis. An das wie und wo der Bestecke, an das Benehmen bei Tisch konnte sich der Halbinder noch recht gut entsinnen. So begnügte sich Charon, sich auf das Speisen an sich zu konzentrieren und sich seine Gastgeber in aller Höflichkeit genauer zu betrachten. Barone de Traghetto unterhielt sich lebhaft mit Frl. von Krainer und Herrn von Dragenfeld. Die Baronin bemühte sich ein Gespräch mit Herrn von Krainer am Laufen zu halten. Florian war in der Italienischen Sprache noch nicht so bewandert… Florian, Charon verlor sich im Anblick dieses wunderschönen Engels. Irgendwann bemerkte Herr Aouda ein Kribbeln in seinem Nacken und sah auf. Sein Blick traf genau den der Baronesse. Die schmale Erscheinung … weiß, wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz - diese Worte durchfuhren den Inder mit einem Mal - … die schmale Erscheinung, die an die Märchengestalt von Schneewittchen erinnerte, senkte um keinen Deut die dunklen Augen. Es war fast so, als würde eine leise Warnung über den Tisch herüberwehen. Eine Warnung vor was … hatte sie es bemerkt? Wenn sie ihn die ganze Zeit über beobachtet hatte … nicht auszudenken!

 

Es war bereits Dunkel, als Herr von Krainer und Herr Aouda den Palast verließen. Beide hatte die Abenteuerlust gepackt und sie wollten Venedig auf eigene Faust erleben. Natürlich hatte sich Florian bei seiner Schwester Abgemeldet und sie hatte ihm noch eine Karte mit auf den Weg gegeben. „Sieh aber nur darauf, wenn du dich verirrt hast“, gab sie ihm noch einen merkwürdigen Rat. „Verirren in Venedig ist sehr abenteuerlich.“

Gemeinsam nun verirrten sich die beiden jungen Gentlemen. Es war ein wundervolles Gefühl, sich allein in einer Stadt zu bewegen, die völlig unvertraut war. Die Geräusche waren anders, die Gerüche ebenfalls, der Mond schien ein anderer zu sein und die Luft ebenfalls. Die Menschen, denen sie in den engen Gassen, den gebogenen Brücken … in dem Labyrinth begegneten, grüßten freundlich. Sie waren alle irgendwie anders gekleidet, sahen anders aus, redeten anders… und alles wurde eingehüllt im steten Fall der Schneeflocken.

„Herrlich“, freute sich Florian. Er war nicht mehr zu bremsen.

„Da ist der Campanile, dann ist der Markusplatz nicht mehr fern“, entdeckte Charon.

Gemeinsam kreisten sie den hohen Turm ein. Es war nicht so einfach. Beim ersten Anlauf lenkte sie ihr Weg plötzlich in eine andere Richtung und sie mußten erst einen Umweg über mehrere Brücken in Kauf nehmen, um dann aus einer Seitengasse neben der Basilika di St. Marco auf den Platz zu treten. Selbst hier hatten die Architekten den Ehrgeiz besessen den Eindruck eines Labyrinthes zu erwecken. Der Piazza S.Marco war weder rund, noch quadratisch, er umfaßte keine Dorfeiche, sondern besaß einen eher verwinkelten Charakter. Trat man nun an der großen Basilika vorbei, öffnete sich der Platz nach links zum Campanile und in etwa nach gerade aus zum Canal die S.Marco. Zwei hohe Säulen bildeten ein Tor, das hinaus auf das Wasser wies. Auf der linken reckte sich der geflügelte Löwe, das Wahrzeichen Venedigs und auf der rechten stand der Heilige St. Marco. Linke Hand war die Front des Dogenpalastes, dem gegenüber wuchs eine Hauszeile in den Himmel, die unter einer kunstvollen Arkade kleine Cafés verbarg. In den Bögen hingen runde Gaslampen, die diffuses Licht spendeten. Auf dem Platz standen vierarmige Laternen, die ebenfalls die Nacht erhellten.

Der allgegenwärtige Schnee bedeckte selbstverständlich auch den Platz. Unzählige Menschen hatten hier ihre Spuren hinterlassen, Spuren, die vergänglich waren, denn die sanft fallenden Flocken löschten sie unerbittlich aus. Die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart schien sich hier in Venedig noch nicht richtig ausgebildet zu haben. Vielleicht wurde die Stadt auch nur von irgendwem erträumt?

Florian und Charon waren sprachlos. Sie standen da und starrten, während die Flocken sich auf ihren Mänteln Nester bauten.

„Es wird kalt“, durchbrach Herr Aouda den Zauber. Der gute hatte bemerkt, daß sein Begleiter leise zitterte. So schlugen die beiden den Weg hinüber zu den Cafés ein. Jedes von ihnen war winzig und von Menschen überfüllt. Eines aber, indem ein einsamer Geiger eine melancholische Stimmung hervorzurufen versuchte, faßte nun die beiden Gentlemen. Eine Bedienung erschien sofort und half den beiden aus den Mänteln. Es war kein Tisch mehr frei. Allerdings blieb dieser Umstand nicht unbemerkt. Einer der Gäste, an dessen Tisch noch zwei freie Stühle standen, winkte die beiden herbei.

Der Abend wurde wirklich schön. Die beiden Venezianer, die mit am Tisch saßen, bemühten sich in unaufdringlicher Höflichkeit um Florian und Charon. Sie halfen dabei, die Speisekarte zu verstehen, die der Kellner brachte und empfahlen selbstverständlich ein gängiges Modegetränk, daß zur Zeit Venedig erfaßt hatte. Es war eine Art aufgeschäumter Kaffee mit Vanille. Es wurde recht schnell deutlich, daß Charon kein Italienisch sprach. Im Normalfall hätten sich dann die Einheimischen mit dem unterhalten, der sie verstehen konnte. Nicht so die beiden Venezianer. Sie bemühten sich wirklich Herrn Aouda einzubinden. Scherzend brachte der eine dem Halbinder das Zählen bei, während der andere Florian die Sehenswürdigkeiten in Venedig beschrieb und ihm die wichtigsten anhand der Karte zeigte.

Herr Aouda lud seinen Engel ein. Es gab einen kleinen Disput deswegen, doch diesmal beharrte der Halbinder darauf.

„Jawohl Sir of Courtland“, brummte Florian. Das war auch noch eine unausgesprochene Sache zwischen den beiden, die langsam über die Eingewöhnungsphase hinauswuchsen. Die Bedingungen für eine Freundschaft hatten sich geändert. Der kleine Künstler war nicht länger ein Bürger, er war ein Adeliger und spielte in derselben Liga, wie Florian. Der junge von Krainer, der eigentlich keine Freunde sein eigen nannte, da man ihn ob des schlechten Rufes seiner Familie schnitt, mußte sich erst an eine Person gewöhnen, die nicht von seiner Seite weichen wollte.

„Lasen Sie uns ans Meer gehen“, sagte Florian, als sie das kleine Café verlassen hatten. Der Schneefall war so stark geworden, daß man nicht mehr bis zu den beiden Säulen sehen konnte.

„Das Meer ist hinter der Lagune …“ begann Herr Aouda mit einer scherzhaften Erklärung.

„Sie wissen schon, was ich meine. Dort ist ebenfalls Meerwasser.“

Da konnten die beiden zwei Gestalten mit seltsamen kantig wirkenden Dreispitzen sehen. Es war Zivilisten nicht erlaubt Degen oder ähnliche Waffen zu tragen. Vor allem in Venedig war es strengstens verboten. Diese beiden, die ihre Krägen gegen das Wetter hochgeschlagen hatten, trugen lange Klingen. Unter ihren weiten Kutschermänteln konnte man das verräterische Ende der Degen hervorluken sehen.

„Verfolgen wir sie“, schlug Herr Aouda vor.

„Das ist keine gute Idee.“

„Wir wollten doch ein Abenteuer. Hier bietet sich eines!“

So setzten die beiden zur Verfolgung an.

Beinahe gemütlich schlenderten die verdächtigen Gestalten hinüber zum Canal. Sie durchmaßen die Säulen und wendeten sich dann nach links, am Dogenpalast vorbei. Hier spendeten die Lampen nur noch spärliches Licht. Die beiden Herren erklommen die ersten Brücke und waren bald hinter dem Gewölbe verschwunden. Florian und Charon, die den Schneefall als Deckung nutzten, stiegen ebenfalls die Treppen der D.Paglia hinauf, schritten über den Bogen und konnten in Richtung der Stadt eine helle überdachte Brücke erkennen. „Das ist die Seufzerbrücke“, erklärte Charon, „man hat die Verurteilten vom Dogenpalast in das Gefängnis hier rechts überführt. Die Gefangenen sollen Geseufzt haben und daher kommt die Bezeichnung Seufzerbrücke.“

„Wie unheimlich. Weiter, sonst verlieren wir die beiden noch.“

Natürlich waren ihnen die Vermummten nun schon weit voraus. Eben erklommen sie eine weitere Brücke.

„Beeilen Sie sich“, rief Charon und eilte über den Schnee den verdächtigen Gestalten hinterher.

Florian ließ sich das nicht zweimal sagen. Er spurtete ebenfalls los und so eilten sie die Treppen zum Bogen der zweiten Brücke empor. In Normalfall hat man schon eine gewissen Erfahrung Entfernungen betreffend und der zurückgelegten Wegstrecke von sich kontinuierlich bewegenden Personen. So gedacht und errechnet, mußten die beiden erst wieder Vorsicht auf der Brücke walten lassen. Gegenseitig angestachelt nahmen sie die Stufen mit dem flattern der Abenteuerlust im Herzen… es Endete jäh.

Im dunklen Schneetreiben prallte Charon beinahe gegen eine der Gestalten, die plötzlich auf der gegenüberliegenden Stufe aufgetaucht war. Der Mann war derart überrascht, daß er das Gleichgewicht verlor und nach hinten zu stürzen drohte. Herr Aouda war geistesgegenwärtig genug nach dem Unglücklichen zu greifen und ihn auf sichern Boden zu ziehen. Florian hatte weniger Glück. Sein Gegenüber hatte eine Affinität zu seinem Lehrmeister Lt. Falkenstein. Urplötzlich sah sich der junge Krainer einer Degenspitze gegenüber. Nur wenig später lag in seiner Hand ebenfalls eine Klingenwaffe. Seine Schwester hatte ihm einen wundervollen Stockdegen geschenkt. Die Lage verschärfte sich zusehends. Herr Aouda nahm gehörigen Abstand von dem Mann, den er soeben gerettet hatte und stellte sich zu seiner Begleitung.

Der dunkle Venezianer in seinem Kutschermantel und der kleinere goldene Engel bedrohten sich gegenseitig mit ihren Klingen. „Runter mit der Waffe“, blaffte ihn der Klingenträger an. Der andere sah sich nicht genötigt die seine auch noch zu ziehen, hatte aber die Hand auf dem Griff.

„No!“ konterte Florian. Er war bereit sein Leben erstmals mit dem Können, das ihn Lt. Falkenstein lehrte zu verteidigen.

„Runter mit der Waffe!“ drohte der Mann weiter.

„Wenn Sie sie haben möchten, dann müssen Sie sie sich schon holen.“ Der Akzent, den Florian sprach, war grauenvoll.

Nun bemerkte Charon, daß sich die beiden Männer ein Zwinkern zuwarfen. Der zweite zog nun auch seinen Degen. „Es ist ganz schön leichtsinnig, zwei fremden Männern nachzuspionieren. Das zahlt sich manchmal aus … diesmal für uns. Bitte, Ihre Börsen.“

„Niemals!“

„Sie sollten sich lieber des schnöden Mammons erleichtern, ansonsten werden wir Sie recht lädiert zu Ihren Eltern zurücksenden.“

Florian schaute hilfesuchend zu Herr Aouda, der seine Beobachtung in Deutsch weitergab: „Die scherzen mit uns.“

„Sind Sie sich da sicher?“ fragte Herr von Krainer auf Deutsch zurück.

„Nein“, gab Charon zu. Sicher konnte man sich in einer solchen Situation nie sein.

„Sie werden sich unsere Börsen schon holen müssen“, sagte Florian grimmig.

Die beiden Männer traten einen Schritt zurück und hoben grüßend die Säbel. „Verzeihen Sie uns unser Auftreten, wir wollten Ihnen lediglich einen Schrecken einjagen.“

Der andere lachte leise: „Es kommt selten vor, daß man unsereins nicht erkennt.“

„Carabinieries“, seufzte Florian leise, „und wir dachten, es mit Verbrechern zu tun zu haben.“

„Wie haben wir uns verdächtig gemacht?“

Herr von Krainer deutete auf die Degen: „Sie waren bewaffnet.“

Nun wurden die beiden Carabinieries ernst: „Das ist der zweite Punkt, über den wir uns mit Ihnen unterhalten möchten. Ihr Stockdegen ist selbstverständlich konfisziert. Sollten Sie sich weigern, werden wir von einer Anzeige nicht absehen können.“

Wiederstrebend übergab Florian das Geschenk seiner Schwester. „Sie wird mich lynchen.“

„Wenn Sie aus Venedig abreisen, können Sie den Stockdegen bei uns abholen.“

„Was wäre der erste Punkt?“ fragte Herr von Krainer, dem dieser entgangen war.

Die beiden Carabinieries lachten: „Das Sie mitten in der Nacht keine verdächtigen Personen verfolgen. Wie leicht hätten Sie in einen Hinterhalt geraten können.“

„Vielen Dank“, murrte Herr von Krainer sarkastisch.

„Werden Sie nach Hause finden?“

Nachdem die beiden Carabinieries die Personalien aufgenommen hatten, schlichen die beiden Abenteurer zum Palast Manin zurück.

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