Tod in Venedig- Part 2
30. November 1871; Donnerstag
Die
Zeit in der Villa von Krainer war schön und schrecklich zugleich ausgefallen.
Der junge Engel verstand sich prächtig darin durch seine gradlinige Ablehnung,
das zarte Gemüt des Malers durch die Hölle zu treiben.
Wie
hatte es Frl. Caprice in jener Nacht ausgedrückt? „Der Antrieb der Kreativität
liegt in der Theatralik unseres Daseins. Wirkliche Künstler erreichen ihren Höhepunkt
in der Zeit ihres größten Kummers und ihres schrecklichsten Wahns. Das scheint
der Preis zu sein, den wir für unser Genie bezahlen. Ohne diese Vorraussetzung
wären wir nur Maler, ganz einfache Maler. Die Bilder hingegen, die unsere
Hände schaffen, sind Werke unserer Imagination, sie erwachen durch uns zum
Leben. Wir erträumen uns eine Seele, eine Geschichte, mit jedem Pinselstrich
und verfangen uns manchmal in ihrem Gespinst. Doch sollten wir jemals wieder der
Vorlage begegnen und feststellen, wiesehr wir uns geirrt haben, zerbricht es uns
das Herz. Wir erschaffen uns eine eigene Hölle, durch die wir immerwährend
streifen.“
Ein
halbes Jahr lang hatte sich Charon danach gesehnt jenen Engel an der
Mainuferpromenade wiederzusehen. Es war kein Tag vergangen, andem er nicht an
jenes androgyne Geschöpf gedacht hatte, das so selbstverloren dagesessen und in
den Erlebnissen der Schwester geträumt hatte.
Und
nun begegnete ihm der junge Engel, der aus der Anonymität erwacht war, mit zögerlicher
Offenheit, die bei jeder falschen Regung sofort in Feindseeligkeit umschlug.
Leichte Wutanfälle und eisiges Schweigen waren an der Tagesordnung. So erfuhr
Charon, daß Herr von Krainer einem unglücklichen Schicksal entgegenblickte.
Nicht aus dessen Worten, eher durch dessen Reaktionen auf manche Fragen hin. Die
junge Seele dürstete nach Freiheit, wollte dem großen Vorbild seiner Schwester
folgen, die aus den Fesseln der Etikette ausgebrochen war. Myrjam sollte einen
wohlhabenden Industriellensohn ehelichen und war darüber sehr unglücklich
gewesen. Ihr eilten die Dolchverschwörer zu Hilfe, die mit einem gewissen Herrn
von Dragenfeld bekannt gewesen waren. Die vor ungefähr zwei Jahren beginnende
Liaison schadete dem Ruf der Familie ungemein. Allerdings kümmerte das das
verliebte Paar wenig, da sie es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Wohlstand
des Herrn ein wenig zu schmälern, indem sie die Welt bereisten. Myrjam erlebte
Abenteuer in fernen Ländern, während Florian den Ruf der Familie retten mußte.
Er war im heiratsfähigen Alter und sollte sich eine Dame wählen. Nur, daß er
das nicht wollte. Ihm waren Feste unangenehm, da man auf ihn herabschaute und
ihn hinter vorgehaltener Hand belächelte.
Auch
wenn Herr von Krainer der hohen Gesellschaft als solcher keine besondere Freude
entgegenbrachte, war er doch durch und durch ein Sohn dieses Standes. Charon
erfuhr nichts von den Gründen. Er erhielt einen Überblick, den er sich
sicherlich auch durch Zeitungsberichte hätte aneignen können.
Gegen
Abend, als das Portriat endlich fertig war, klopfte es an die Türe. Charon, der
sich schon einen halben Tag lang bedauerte, daß es bald vorbei sein würde,
schrak sichtlich zusammen.
„Herein“,
rief Herr von Krainer.
Die
Türe wurde geöffnet und eine beeindruckend große Gestalt bückte sich unter
dem Sturz hindurch. Der Herr war von schlankem Wuchs, hatte schwarze Haare, die
nach der neusten Mode geschnitten waren und trug einen dunklen vornehmen Anzug
aus teurem Seidenstoff. Als Kontrast zu seiner korrekten Erscheinung hatte er
einen Kaschmirschal um den Hals geworfen, der ihm einen Hauch von Lässigkeit
geben sollte. Alles an dem Herren deutete daraufhin, daß er Vermögend war. Das
markante Gesicht drückte Ruhe aus.
„Guten
Tag Floh“, begrüßte der Mann den jungen von Krainer, der daraufhin streng
schaute.
„Guten
Tag Arthur.“
Charon,
der von der Erscheinung des Neuankömmlings völlig vereinnahmt war, konnte sich
eines winzigen Lachens in seinem Herzen nicht erwehren. Herr von Krainer
verstand es gut, den Tonfall seiner Schwester zu imitieren, die selbstverständlich
in den letzten Tagen von ihrem Arthur und den Erlebnissen berichtet hatte.
„Und
Sie sind der Künstler“, stellte Arthur fest. Er trat zu Charon und reichte
ihm die Hand. In Herr Aoudas Bewußtsein sammelten sich die Eindrücke. Die Hand
des Adeligen war schmal und dennoch sehr kräftig. Das Gesicht gehörte zu einem
Mann, der wirklich die Welt gesehen hatte.
„Ja,
das bin ich. Herr Aouda.“
In
einer gewohnten Geste zog Herr von Dragenfeld ein Monokel aus seiner Weste und
klemmte es sich vor sein rechtes Auge. Dann betrachtete er sich das Portrait.
„Sie haben Flo hervorragend getroffen. Myrjam hat nicht übertrieben, als sie
Ihre Bilder lobte.“
„Ich
danke Ihnen“, Charon senkte den Blick.
„Nun,
dann werden Sie sich sicherlich freuen, nach diesem Blitzauftrag wieder nach
Hause zu kommen. Meine Kutsche steht Ihnen zur Verfügung.“
Es
ging alles recht schnell. Ein schweigsamer Diener half ihm seine Utensilien zu
verstauen, man gab sich die Hand und dann war alles vorbei.
Wieder
einmal war es das Kissen, das die Umarmung empfing, wieder einmal durchnäßten
es Tränen.
30. November 1871; Donnerstag
Frau
von Krainers Geburtstag
Nachdem
man im kleinsten Kreis gefeiert hatte und sich die Herren in den Salon zurückgezogen
hatten, nachdem der Vater wieder einmal vom Heiraten begonnen hatte und es im
Streit endete, war Florian mit unbändiger Wut ins Bett gegangen. Er ärgerte
sich darüber, daß er sich fünf Tage lang mit diesem Künstler abgegeben
hatte, daß der wundervoll begonnene Tag mit den Freudentränen seiner Mutter
nun derart mißgestaltet endete.
Ein
leises Klopfen ließ Florian aufhorchen. Wer war das nun schon wieder?
Wütend
stand er auf und zog seinen Morgenrock an.
„Herein“,
harschte er die geschlossene Türe an.
Es
war Myrjam.
„Was
ist?“
Myrjam,
die ihren Bruder sehr gut kannte, vergab ihm den Ton, den er ihr gegenüber
gebrauchte. „Hat Vater dich wieder beharkt?“
Florians
Antwort war ein Nicken.
„Ach
Flo, ich wünsche dir von Herzen, daß du dein Glück findest, so wie ich Arthur
gefunden habe.“ Myrjam, die ein wenig größer war als ihr Bruder, fuhr ihm
liebevoll durchs Haar. Bockig drehte Florian das Gesicht weg. „Wie dem auch
sei. Ich habe hier etwas für dich. Dein Geburtstag ist erst in sechs Tagen,
aber ich will dem mal vorgreifen. Hier, Arthurs und mein Geschenk an dich.“
Myrjam reichte ihrem kleinen Bruder ein Briefkuvert. Verwundert nahm Florian das
verfrühte Geschenk an und öffnete es. Eine selbstgemalte Karte lag darin. Sie
war einem Fahrschein nachempfunden und als Ankunftsort hatte man Venedig
eingetragen.
„Was
… was ist das?“ fragte Florian, der nicht glauben konnte, was er da sah. Ihm
lief es heiß und kalt den Rücken hinunter.
„Arthur
und ich fahren nach Venedig. Wir wollen dort deinen Geburtstag feiern.“
Florian
ließ einem Freudenschrei freien Lauf und fiel seiner Schwester um den Hals.
Freiheit.
03. Dezember 1871; Sonntag
Wie
so oft saß Charon in dem großen Atelier und widmete sich dem kopieren von
Bildern. Die anderen Studenten, die von einem der Professoren betreut wurden,
versuchten sich an einem Stilleben. Draußen stürmte der Winter gegen die
Scheiben. Hin und wieder flackerte das Gaslicht, als ob der Sturm, der
Schneeregen vor sich herscheuchte, Einfluß auf die lichtspendenden Flammen ausübte.
Charon
war derart vertieft, daß er Professor Kleehaupt und den Gast nicht bemerkte.
Jeder sah von seinem Arbeitsplatz auf, als jener gutgekleidete Gentleman durch
die Tür trat.
„Da
hinten sitzt Herr Aouda“, sagte der Professor.
Neugierig
sahen die Studenten zu dem Halbinder hinüber. Einige der adeligen jungen Herren
erkannten den Besucher, standen auf und nickten ihm grüßend zu. Der schien das
einfach hinzunehmen und strebte auf Herrn Aouda zu.
„Da
sind Sie ja“, erscholl eine Stimme in Charons Rücken. Der Halbinder erschrak
derart, daß er empor fuhr und sofort in die Defensive geriet. „Habe ich etwas
verbrochen?“ fragte er verschüchtert.
„Das
kann man wohl sagen“, nahm Herr von Dragenfeld den Faden auf. Seine Mine drückte
Strenge aus.
Man
konnte nun eine Veränderung auf manch einem Gesicht der Studenten erleben.
Viele ließen den Halbinder spüren, daß er von fremder Natur und geringerem
Stand war. Einige neidete ihm auch sein Genie. Und nun zeigte sich Hohn als
verachtendwerter Zug um manch einen Mundwinkel.
„Doch
nicht hier.“ Herr von Dragenfeld wendete sich an Professor Kleehaupt:
„Stellen Sie mir bitte einen Raum zur Verfügung.“
„Selbstverständlich.
Herr Aouda, begleiten Sie den Herren bitte in mein Büro.“
Sprachs
getan. Charon eilte voraus, gefolgt von dem hochgewachsenen Adeligen, der sich
in aller Ruhe umsah. Einige der hier entstandenen Gemälde schmückten die Wände.
Als
sie allein in Professor Kleehaupts Büro waren, vertiefte sich die Unruhe
Charons. Was war vorgefallen? Herr von Dragenfeld schien Charons Gemütszustand
auskosten zu wollen. Er nahm seinen Zylinder ab und legte ihn auf den Stelltisch
neben der Türe, dann schlüpfte er elegant aus dem nassen Mantel, den er an den
Kleiderständer hängte. Es folgten die Handschuhe und der Stock, die ebenfalls
ihren Platz fanden.
„Keine
Bange, junger Künstler“, begann der Adelige, „nicht Sie haben etwas
verbrochen, sondern ich. Ich habe Sie noch nicht für Ihre Mühen entlohnt.“
„Oh
nein“, wehrte Herr Aouda verblüfft ab, „nein danke, es war mir eine große
Ehre Herrn von Krainer zu portraitieren.“
Der
großgewachsene Herr schien verblüfft, dann steckte er die Börse wieder ein,
die er eben aus seiner Jackentasche gezogen hatte. „Nun denn, dann wäre das
Finanzielle geklärt. Ich habe noch ein weiteres Anliegen an Sie.“
Herr
Aouda war eine solche Reaktion nicht gewöhnt. Normalerweise reagierten die
Menschen anders auf seine Bescheidenheit. Sie drängten ihm dann die Florin für
gewöhnlich auf.
„Worum
handelt es sich?“
„Um
Ihre Person und Ihr Talent. Allerdings würde ich mich gerne erst einmal von
beidem überzeugen.“
„Wie
Sie wollen. Meine Werke sind allerdings nicht hier, sondern auf meinem
Zimmer.“
„Dann
hurtig. Gehen Sie voraus.“
„Ähm,
es wird Ihnen nicht gerecht werden.“
Der
hochgewachsene Mann schenkte dem Halbinder einen undefinierbaren Blick aus
seinen hellen Augen. „Dieses Urteil überlassen Sie mir.“
Wieder
eilte der Halbinder durch die Gänge hinüber zum Wohnhaus, gefolgt von den
hallenden Schritten des adeligen Herren. Ehrerbietig öffnete Charon die Türe
in seine bescheidenen vier Wände.
„Hm,
ein Studentenzimmer“, murmelte Herr von Dragenfeld, „sehr beengend.
Allerdings muß ich Ihnen sagen, daß ich schon in schlechteren Unterkünften
gehaust habe.“
Natürlich,
fiel es Charon ein, dieser Mann bereiste die Welt. Auch wenn er sehr
aristokratisch wirkte, war er in seinem Herzen doch ein Abenteurer.
„Nun,
dann zeigen Sie mir doch Ihre Werke.“
Vorsichtig
zog Herr Aouda seine Gemälde hervor. „Das Licht ist heute besonders
schlecht.“
„Da
haben Sie durchaus recht“, antwortete ihm der Adelige ruhig. Er zog sein
Monokel hervor und begutachtete die Bilder. „Ich bin zwar kein Kunstverständiger,
aber Ihr Strich - wie man wohl unter den Künstlern so sagt - ist wirklich
hervorragend.“
„Ich
danke Ihnen.“
„Wie
lange sind Sie schon im Deutschen Reich?“ fragte Herr von Dragenfeld weiter.
„Noch
keine zwei Jahre.“
„Mit
Verlaub, Ihr Dialekt ist grauenvoll. Sind Sie in England aufgewachsen?“
Herr
Aoudas Lächeln war das eines waschechten Inders, der die Geduld seiner Religion
mit der Muttermilch aufgesogen hatte. „Ich bemühe mich wirklich um ein
akzentfreies Deutsch. Es wird wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen.“
„War
Ihre Mutter oder Ihr Vater indischer Herkunft?“ stellte Herr von Dragenfeld
seine Frage in akzentfreiem Indisch.
„Sie
beschämen mich“, lächelte Charon. Es freute ihn, in seiner Heimatsprache
sprechen zu können, „und Sie erwecken meine Neugierde. Sie waren in
Indien?“
„Oh
ja, eine ganze Weile sogar. Mir gefällt die Kultur und die Religion… vor
allem die der XYZ (Phallisch)“
Charon
lachte: „Ja ja, in Indien ist man wesentlich freier, als hier in Neuropa.“
„Es
stellt in dieser Beziehung gar keinen Vergleich dar.“
„Wo
waren Sie in Indien?“
„In
Delhi, Kanpur … in allen großen Städten. Besonders beeindruckend empfand ich
das Taj Mahal in Agra. Sehr romantisch, der Lieblingsfrau ein solches Mausoleum
zu errichten. Und wo kommen Sie her?“
„Aus
der Nähe von Bangalore.“
„Eine
sehr schöne Stadt. Ich liebe die Berge dort unten.“
„Ich
ebenfalls.“
„Warum
sind Sie von Indien fort?“
Charon,
der sich über das Gespräch mit Herrn Arthur von Dragenfeld freute, geriet ins
stocken. Erinnerungen flammten auf und auch die Überlegung, wieviel er verraten
durfte. „Mein Vater war Botschafter und er ehelichte eine Inderin. Ich war
sechs, als meine Eltern bei einem Unfall uns Leben kamen. Man deportierte mich
nach England und die Familie meines Vaters nahm mich bei sich auf.“
„Ihr
Vater war der Botschafter in Bangalore? Wenn ich mich recht entsinne und ich
mich nicht in Ihrem Alter täusche, dann müßte Ihr Vater Sir James of
Courtland gewesen sein. Er wurde damals mitsamt seiner Frau ermordet. Ich
erinnere mich daran.“
Charon
war Schockiert. Er wußte nicht, was ihn mehr ängstigte, daß man seinem
Geheimnis so nahe gekommen war oder daß er gerade eben etwas erfahren hatte,
das den Lauf seiner Vergangenheit änderte.
„Ich
denke, ich habe da tatsächlich ins Schwarze getroffen.“ Herr von Dragenfeld
begann die Reaktion seines Gegenübers zu deuten. „Außerdem drücken Sie sich
für einen gewöhnlichen Mann recht gewählt aus. Sie haben eine gute Ausbildung
genossen. Myrjam machte mich darauf aufmerksam.“
„Sie
haben Recht, ich bin der Sohn Sir James of Courtland und von Nhilofa
Aouda.“
„Sie
war eine bezaubernde Frau. Ich hatte das Vergnügen beide kennenzulernen und Sie
selbstverständlich auch. Sie waren damals noch recht jung, will ich meinen. Ein
aufgewecktes Kerlchen, das die Eltern mit Stolz auf diverse Empfänge
mitbrachten.“
„Sie
überfallen mich. Es … ist sehr lange her. Ich habe nur wenige
Erinnerungen.“
„Ja,
es muß für Sie eine schöne Zeit gewesen sein.“
„Die
schönste meines Lebens.“ Ein Seufzer entwand sich von Charons Lippen. „Ich
verstehe nicht, wie Sie meine Eltern kennen können.“
„Wie
meinen Sie das?“
„Mit
Verlaub, Sie müßten ebenfalls noch ein Kind gewesen sein, als Sie in Indien
gelebt haben.“
Nun
war es Herr von Dragenfeld, der für einen Augenblick sprachlos war. „Ich
deute das als ein verborgenes Kompliment. Ich bin älter, als ich wirke. Wissen
Sie, ich neige zur Eitelkeit. Es gibt Mittelchen und Wege, dem Altern ein
Schnippchen zu schlagen.“
Charon
revidierte seine Schätzung von Mitte Dreißig auf Mitte vierzig.
„Um
auf mein Anliegen zurückzukommen. Myrjam und ich wollen Sie unterstützen. Sie
sind ein Talent, daß nach einem Mäzen schreit.“
„Sie
wollen was? Mich unterstützen? Ich…“
„Sie
nehmen an, das wird Myrjam sehr erfreuen.“ Herr von Dragenfeld ergriff Charons
Hand und drückte sie feierlich. „So, da das nun geklärt ist, habe ich auch
schon den ersten Auftrag für Sie. Lernen Sie frei zu zeichnen. Was halten Sie
von Venedig?“
Überrumpelt
konnte Charon nur eines sagen: „Venedig?“
„Es
wird ein wenig frisch werden, da wir Winter haben. Ich kann Ihnen versprechen,
daß Venedig im Winter wundervoll ist. Sie werden dort einige Kunstläden für
sich entdecken, seien Sie versichert. Wir holen Sie dann Morgen gegen 9.00 Uhr
ab.“
Herr
von Dragenfeld ließ einen verstört dreinblickenden Charon zurück. Als er dann
auch noch das Beutelchen mit seinem Entgeld für das Portrait entdeckte, konnte
er sein Glück kaum fassen. Wieder einmal geriet alles in seinem Leben in Fluß.
Mit den verdienten Florin, und es waren nicht wenige, konnte er seiner verhaßten
englischen Familie das „ausgeborgte“ Geld zurückschicken. Damit war er
quitt.
Charon
erinnerte sich noch gut daran, wie er mit dem gestohlenen Geld und einem
winzigen Rucksack das Gut in Nacht und Nebel verließ, nach London reiste und
mit einem Schiff nach Frankfurt übersetzte. Immer auf der Hut, nicht erkannt zu
werden.
Sollte
nun alles gut werden?
In
dieser Nacht besuchte er mit einem Tablett Tee Frl. Caprice. Sie redeten lange,
bis sie ihn ins Bett schickte.
04. Dezember 1871; Montag
In
aller Früh wurde Herr Aouda abgeholt. Als er das Städel hinter sich ließ,
drehte er sich noch einmal herum. Er vermeinte hinter einem der Vorhänge einen
Schatten zu sehen. Er würde Michelle ebenfalls vermissen.
Man
verstaute sein Gepäck, dann stieg er in die Kutsche. Neben Herrn von Krainer
war ein Platz frei, auf den sich Charon mit äußerst gemischten Gefühlen
setzte. Es war dem jungen Mann sehr deutlich anzumerken, daß es ihm ganz und
gar nicht in den Kram paßte, daß der Halbinder sie begleitete.
Die
Kutsche setzte sich in Bewegung. Sie fuhren durch ein dunkles verschneites
Frankfurt, über den Main hinüber, die Mainzer Straße entlang in Richtung der
Bahnhöfe.
„Myrjam,
wir hätten hier abbiegen müssen“, setzte Herr von Krainer seine Schwester in
Kenntnis. Es stimmte, die Kutsche fuhr an den Bahnhöfen vorbei, in Richtung des
Meeres.
„Wir
werden nicht den Zug nehmen“, erklärte Myrjam in einem Ton, der keine Fragen
mehr zuließ.
Alsbald
kamen die beiden Gasometer und der Andockturm des Rebstockgeländes in
Sichtweite. Die Maximilan lag dort und ein Schiff, daß der SMS - Falkenstein
recht ähnlich sah, eine Korvette. Laut Florian gab es nur noch eines dieser
schnellen Schiffe. Es war die Korvette von Tom Olam, jenem Mann, dem man
nachsagte aus einer Parallelwelt (was auch immer das bedeuten mochte) hinter dem
Schleier zu kommen.
„Myrjam“,
flüsterte er leise und erhielt keine Antwort. Die Kutsche fuhr unbeirrt auf den
Andockturm zu. Die beiden Gasometer waren wieder intakt. Man hatte sie noch vor
den zerstörten Gebäuden wieder errichtet. Im Zuge der Arbeiten hatte man den
Andockturm um eine weitere Ebene erhöht. Nun konnten vier Schiffe gleichzeitig
anlegen.
Schaukelnd
blieb die Kutsche stehen. Es dauerte einen Herzschlag, bis die Türe geöffnet
wurde. Herr von Dragenfeld war der erste, der hinaus trat. Er half Myrjam, dann
machte beide Platz für Florian und Charon.
Über
den Ankommenden schwebten die beiden Luftschiffe in majestätischer Ruhe.
Riesige Ballons verdeckten den Himmel und die langen Schwerter berührten
beinahe den Boden.
„Wir
fliegen“, murmelte Florian und verrenkte sich beinahe den Hals, da er zu den
Schiffen emporblickte.
„Mister
Olam war so freundlich, uns seine Korvette für diesen Tag zu überlassen“, lächelte
Myrjam, „die Reise mit dem Zug durch die Alpen wäre zu dieser Jahreszeit ein
wahres Abenteuer geworden.“
„Abenteuer,
ja“, flüsterte Florian ehrerbietig.
Einige
Dockarbeiter waren dabei, das Gepäck in den Turm zu tragen. Herr von Dragenfeld
bot seiner Myrjam den Arm. Lächelnd hakte sie sich unter und beide traten durch
die Türe, in einen kleinen Vorraum. Dahinter lag das Innere des Turmes. Um vier
lange Feuerwehrstangen wendelte sich eine lange Treppe mit einem
schmiedeeisernen Geländer empor. In deren Mitte ruhte auf dem Boden der
Lastenaufzug, auf dem man bereits das Gepäck gestellt hatte. Er war mit Ringen
an den Stangen arretiert und konnte Mittels eines Seilzuges empor gezogen
werden. Ein schmiedeeisernes schlicht gehaltenes Geländer war als Begrenzung um
die Plattform angebracht worden.
Auf
den Treppenabsätzen hatte man einige Vinietten, die von Baronesse von Arnsberg
stammten, aufgehängt. Die ovalen kopfgroßen Bilder stellten die bestehenden
Luftschiffe der Bayrischen Flotte dar. Auf Messingschildchen war jeweils der
Name des Schiffes und der des Kapitäns eingraviert worden. Ein neues Kunstwerk
war hinzugekommen, das der brennenden Condor. Unter dem zerstörten Kriegsschiff
„Wappen von Frankfurt“ und der SMS – Falkenstein hatte jemand eine
schwarze Schleife angebracht. Man gelangte auf die erste Balustrade, von der
zwei Türen hinaus zu den Anlegestegen führten. Eine Treppe führte zum neuen
Teil des Turmes empor. Man hatte diese Ballustrade der ersten angeglichen, nur
daß die Türen um 90° versetzt waren.
Die
Korvette war ein Schmuckstück unter den Luftschiffen. Sie war deutlich das
kleinste Modell und nur mit zwei Maximes bewaffnet. Im oberen Stockwerk befanden
sich die Brücke, der geheime Antrieb und die Kajüten der Besatzung. Das untere
Stockwerk gehörte ganz dem Reisenden. Die Lounge war im Bug. Das Fenster war
derart geschickt angebracht worden, daß man auch auf den Erdboden hinunter
blicken konnte. Man hatte die Räume und Gänge exquisite ausgestattet. Die Wände
waren Holzvertäfelt, der Boden mit einem teuren Teppich ausgelegt. Es gab einen
Billardtisch, volle Bücherregale, eine Hausbar, eben alles, was man zur
Zerstreuung für einen längeren Flug benötigte.
Die
vier Reisenden fanden sich in der Lounge ein. Ein Diener nahm ihnen Hut und
Mantel ab und bot ihnen ein Willkommensgetränk an. Kurze Zeit später traf der
Kapitän ein. Er entschuldigte sich über alle maßen, nicht eher erschienen zu
sein, da er das Auftanken der Ballons selbst überwacht hatte.
Nachdem
der Kapitän gegangen war, traten alle vor das Panoramafenster. Linke Hand war
das graue Massiv des Turmes und rechte Hand konnte man auf die winterliche
Innere See blicken. Draußen im morgendlichen Nebel lugten die Taunusinseln
heraus.
Man
konnte Seile surren hören und dann legte die Korvette langsam ab. Es ruckelte
nichts, es schnaubte nichts, es war, als triebe man in einer See aus Stille
davon. Selbst der Wind, der das Schiff trug, war nicht zu hören. Langsam gewann
die Korvette an Höhe und man konnte unter sich Frankfurt sehen, wie sich die
kleinen Lichter gegen die Dämmerung behaupten. Eine blasse Sonne entstieg
soeben ihrem Bett und ihr weiches Licht berührte die ersten Dächer. Wie
Diamanten funkelte der Schnee.
Alle
vier genossen auf ihre Weise diesen Moment. Zwei, weil sie es noch nie erlebt
hatten und zwei, weil sie diese jungfräuliche Freude miterleben durften. In
einer gewissen Höhe ging ein leises Rucken durch das Schiff, das dann gewaltig
Fahrt aufnahm.
„War
das das Einklinken in das Magnetfeld?“ fragte Herr von Krainer seine
Schwester.
„Ja…
Arthur kann dir das besser erklären.“
„Nicht
jetzt. Ich will den Zauber, der auf ihnen liegt nicht zerstören“, lächelte
der Mann. Er drehte sich herum, um die Bar in Augenschein zu nehmen.
Die
Fahrt mit dem Schiff dauerte keine drei Stunden. Die Welt raste unter der
Korvette dahin und alsbald hatten sie die Alpen erreicht. Berggipfel waren plötzlich
in greifbare Nähe gelangt, dafür schienen nun die Täler unerreichbar fern.
Man sah den Boden heranrasen, übersprang den Gipfel und sofort stürzte sich
das Gelände wieder zu Grunde. Es war ein atemberaubendes Auf und Ab.
Bald
schon tauchte, schimmernd unter der Mittagssonne, die Lagunenstadt auf. Das Meer
und die Canäle schimmerten wie flüssiges Gold unter dem Himmelsgestirn.
Hier
klinkte sich die Korvette aus dem Magnetfeld aus und setzte zum Sinkflug an.
Florian
fiel auf, daß es hier keinen Andockturm gab. Wie gelangten sie von Bord? Die
Antwort erhielt er keine zehn Minuten später, als der Kapitän sein Schiff
umsichtig gelandet hatte. Man durchschritt eine Türe und mußte die Unpäßlichkeit
einer Leiter in Kauf nehmen. So kletterte man im Schwert zu Boden. Unten entließ
eine weitere Türe die Gäste auf Italiens Boden.
Man
hatte sie bereits erwartet. Männer halfen das Gepäck in der Kutsche zu
verstauen. Einige Schaulustige hatten sich versammelt und bestaunten das fremde
Schiff. Über eine breite Brücke, die das Festland mit der Hauptstadt Italiens
verband wurden die Gäste gefahren. Über den Häusern der Stadt konnte man die
Türme und Kuppeln unzähliger Kirchen und Prachtbauten sehen. Am Bahnhof der
St. Lucia hielten die Kutschen bereits wieder, denn nur in einem winzigen Areal
am Rande Venedigs waren Pferde erlaubt. Hier half man den Gästen in ein kleines
Boot einzusteigen. Es war aus schwarz lackiertem Holz und sah den Gondeln nicht
unähnlich. Das Wappen eines Stieres prangte auf dem Bug. Mit stoischer
Gelassenheit und dem Stolz der Venezianer warteten die Rudermänner darauf, daß
die Fremden einsteigen würden. Herr von Krainer konnte sein Glück kaum fassen.
Er starrte zu der grünglänzenden Kuppel der St. Lucia empor. Etwas so schönes
hatte er noch nie gesehen. Ein Blick auf den Canal Grande, in den sie ablegten,
ließ ihn erschauern. Hier würde es keine Kutschen geben, keine Pferde … hier
in Venedig erledigte man alles zu Fuß oder mit dem Boot. Vor ihm lag eine
Stadt, die Abenteuer versprach.
Langsam
riß sich Florian aus seinen Betrachtungen und folgte seiner Schwester. Sie
fuhren den Canal Grande hinunter. Linke und rechte Hand erstreckten sich Häuser,
denen kleine Wege vorgebaut waren. Hin und wieder zweigten schmale Wasserwege
ab, wie Gäßchen. Sie fuhren unter der Ponte Scalzi hindurch, dann folgte ein
Villenviertel, daß sich Florian nicht im mindesten hatte ausmalen können.
Diese sogenannten Villen waren Paläste, die an die alten Römer erinnerten.
Bunte Stangen ragten vor den einzelnen Gebäuden aus dem Wasser. Hier lagen
einige prächtige Boote vertäut. Ein wenig später passierten sie die Ponte di
Rialto und dahinter erhoben sich noch prächtigere Bauten aus dem Wasser. Einer
dieser Bauten, der Palast Manin, war das Ziel.
„Dort
wohnen wir?“ fragte Florian.
Herr
von Dragenfeld lächelte versonnen: „Barone Dario de Traghetto war so
freundlich uns für die kommenden Tage bei sich einzuladen.“
Vor
dem Palast, der mit Säulen geschmückt war, erwarteten die Reisenden einige
Diener. Sie halfen den Gästen von Bord und geleiteten sie in das Gebäude. In
der großen Vorhallte standen die Bediensteten Spalier und an deren Ende
erwartete sie der Herr des Hauses nebst Gemahlin und Tochter.
Barone
de Traghetto wirkte unnahbar. Er war ein ins Alter gekommener Mann, der das
graue Haar und die markanteren Gesichtszüge mit Stolz zur Schau trug. Die
Zeiten, als er noch geschmeidig, wie eine junge Birke gewesen war, waren unlängst vorbei und dennoch waren weder
die Schultern noch das Haupt gebeugt. Der Wille und die Bewegung - der man in
Venedig unabdingbar ausgeliefert war - hatten das ihrige dazu beigetragen.
An
seiner Seite stand, ebenfalls von der Zeit berührt, Baronin Andrea de Traghetto.
Sie wirkte schmal und zerbrechlich, doch ihre Augen funkelten, wie die ihres
Gemahls von schwarzen tiefen Flammen. Es waren Blicke, die vieles erlebt hatten,
die beunruhigend undeutbar auf den Gästen ruhten. Neben dem Vater stand eine
junge Frau, beinahe noch ein Mädchen: Baronesse Antonia. Sie war von schlankem
Wuchs und dunkler Schönheit.
Barone
de Traghetto begrüßte Herrn von Dragenfeld mit einem beinahe brüderlich
anmutenden Handschlag. „Willkommen Arthur“, sagte er auf Italienisch, „es
freut mich sehr, Sie wiederzusehen.“
„Die
Freude ist ganz meinerseits, alter Freund.“
„Die
Zeit ist mit Ihnen gut umgegangen.“
„Das
tut sie immer“, lächelte Herr von Dragenfeld. Er wendete sich der Baronin zu
und wechselte auch mit ihr einige Worte. Dann begrüßte er die junge Dame.
Anscheinend beging er einen kleinen phaux pas der Italienischen Etikette, denn
das Fräulein hob mahnend eine Augenbraue. Der Barone sah darüber hinweg.
Anscheinend kannte er Herrn von Dragenfeld ein wenig genauer. Frl. von Krainer
dagegen war eine formvollendete Adelige. Am Ende stellte Arthur die beiden
verbliebenen vor: „Der junge Herr ist Florian von Krainer.“
„Willkommen
im Palast Manin.“ Der Barone reichte dem jungen von Krainer die Hand.
„Und
dieser junge Mann ist Sir Hugo of Courtland.“
Charon
wäre in diesem Moment liebend gerne im Boden versunken. Florian war
herumgewirbelt und starrte den Halbinder verblüfft an.
„Auch
Sie sind mit herzlich willkommen.“ Charon, der die Sprache nicht verstand,
nickte höflich und ergriff die dargebotene Hand.
Die
Diener geleiteten die vier in den Gästetrakt.
Charon
erhielt ein Zimmer, daß er nur mit dem in Indien zu vergleichen vermochte. Es
war groß und recht üppig, ja beinahe kitschig eingerichtet. Venedig war die
Stadt des Glases und das schlug sich am Spiegel, an den Lampen, an den Schränken,
eben überall dort nieder, wohinein man dieses Material integrieren konnte. Die
Fenster zeigten in einen Garten hinunter, der von dem Palast umfangen wurde. Grünflächen
(die unter dem Schnee ruhten), das würde Charon bald feststellen, waren sehr
selten in Venedig. Die Bäume, die im Sommer Schatten spendeten, waren kahl und
trugen gegen die Kälte einen weißen pudrigen Mantel. Durch den Schnee hatte
jemand Wege freigekehrt, der eine war schnurgerade, der andere schlängelte sich
in freizügigen Windungen durch das ansonst unangetastete Weiß des Rasens und
der Blumenbeete. Charon, in dessen Kopf die Eindrücke pausenlos wiederhallten,
fühlte wie die Abenteuerlust in ihm erwachte. Er wollte mehr sehen, mehr
entdecken. Als wären seine Augen allein durch den Wunsch geschärft worden,
erkannte er, daß der unter der Sonne funkelnde Schnee nicht ganz so unberührt
war. Hier und dort waren Spuren von Vögeln zu sehen und auch die Fährten
einiger Katzen.
An
der Seite wurde eine Türe geöffnet und eine ältere Dame rief etwas. Es
dauerte nicht lange, als sich unter einem der Büsche, der mit seiner Schneelast
eine natürliche Höhle gebildet hatte, etwas regte. Eine weiße Katze stakte zu
der Türe. Das ungewöhnlich schöne Tier verharrte kurz und starrte zu dem
Fenster empor, an dem Charon stand, dann lief es weiter … dem verlockenden Ruf
nach Futter folgend.
Nachdem
man sich eingerichtet und dann geruht hatte, wurde zum Abendessen geläutet. Zögerlich
trat Charon auf den Flur. Wohin sollte er sich wenden? Ihm kam die Voraussicht
Frl. von Krainers zu Hilfe. Sie hatte ihren Gefährten geschickt, um die beiden
Ortsfremden abzuholen.
Das
Abendessen verlangte von Charon einiges ab. Das Schlimmste war wohl seine
mangelnde Sprachkenntnis. An das wie und wo der Bestecke, an das Benehmen bei
Tisch konnte sich der Halbinder noch recht gut entsinnen. So begnügte sich
Charon, sich auf das Speisen an sich zu konzentrieren und sich seine Gastgeber
in aller Höflichkeit genauer zu betrachten. Barone de Traghetto unterhielt sich
lebhaft mit Frl. von Krainer und Herrn von Dragenfeld. Die Baronin bemühte sich
ein Gespräch mit Herrn von Krainer am Laufen zu halten. Florian war in der
Italienischen Sprache noch nicht so bewandert… Florian, Charon verlor sich im
Anblick dieses wunderschönen Engels. Irgendwann bemerkte Herr Aouda ein
Kribbeln in seinem Nacken und sah auf. Sein Blick traf genau den der Baronesse.
Die schmale Erscheinung … weiß, wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie
Ebenholz - diese Worte durchfuhren den Inder mit einem Mal - … die schmale
Erscheinung, die an die Märchengestalt von Schneewittchen erinnerte, senkte um
keinen Deut die dunklen Augen. Es war fast so, als würde eine leise Warnung über
den Tisch herüberwehen. Eine Warnung vor was … hatte sie es bemerkt? Wenn sie
ihn die ganze Zeit über beobachtet hatte … nicht auszudenken!
Es
war bereits Dunkel, als Herr von Krainer und Herr Aouda den Palast verließen.
Beide hatte die Abenteuerlust gepackt und sie wollten Venedig auf eigene Faust
erleben. Natürlich hatte sich Florian bei seiner Schwester Abgemeldet und sie
hatte ihm noch eine Karte mit auf den Weg gegeben. „Sieh aber nur darauf, wenn
du dich verirrt hast“, gab sie ihm noch einen merkwürdigen Rat. „Verirren
in Venedig ist sehr abenteuerlich.“
Gemeinsam
nun verirrten sich die beiden jungen Gentlemen. Es war ein wundervolles Gefühl,
sich allein in einer Stadt zu bewegen, die völlig unvertraut war. Die Geräusche
waren anders, die Gerüche ebenfalls, der Mond schien ein anderer zu sein und
die Luft ebenfalls. Die Menschen, denen sie in den engen Gassen, den gebogenen
Brücken … in dem Labyrinth begegneten, grüßten freundlich. Sie waren alle
irgendwie anders gekleidet, sahen anders aus, redeten anders… und alles wurde
eingehüllt im steten Fall der Schneeflocken.
„Herrlich“,
freute sich Florian. Er war nicht mehr zu bremsen.
„Da
ist der Campanile, dann ist der Markusplatz nicht mehr fern“, entdeckte
Charon.
Gemeinsam
kreisten sie den hohen Turm ein. Es war nicht so einfach. Beim ersten Anlauf
lenkte sie ihr Weg plötzlich in eine andere Richtung und sie mußten erst einen
Umweg über mehrere Brücken in Kauf nehmen, um dann aus einer Seitengasse neben
der Basilika di St. Marco auf den Platz zu treten. Selbst hier hatten die
Architekten den Ehrgeiz besessen den Eindruck eines Labyrinthes zu erwecken. Der
Piazza S.Marco war weder rund, noch quadratisch, er umfaßte keine Dorfeiche,
sondern besaß einen eher verwinkelten Charakter. Trat man nun an der großen
Basilika vorbei, öffnete sich der Platz nach links zum Campanile und in etwa
nach gerade aus zum Canal die S.Marco. Zwei hohe Säulen bildeten ein Tor, das
hinaus auf das Wasser wies. Auf der linken reckte sich der geflügelte Löwe,
das Wahrzeichen Venedigs und auf der rechten stand der Heilige St. Marco. Linke
Hand war die Front des Dogenpalastes, dem gegenüber wuchs eine Hauszeile in den
Himmel, die unter einer kunstvollen Arkade kleine Cafés verbarg. In den Bögen
hingen runde Gaslampen, die diffuses Licht spendeten. Auf dem Platz standen
vierarmige Laternen, die ebenfalls die Nacht erhellten.
Der
allgegenwärtige Schnee bedeckte selbstverständlich auch den Platz. Unzählige
Menschen hatten hier ihre Spuren hinterlassen, Spuren, die vergänglich waren,
denn die sanft fallenden Flocken löschten sie unerbittlich aus. Die Grenze
zwischen Vergangenheit und Gegenwart schien sich hier in Venedig noch nicht
richtig ausgebildet zu haben. Vielleicht wurde die Stadt auch nur von irgendwem
erträumt?
Florian
und Charon waren sprachlos. Sie standen da und starrten, während die Flocken
sich auf ihren Mänteln Nester bauten.
„Es
wird kalt“, durchbrach Herr Aouda den Zauber. Der gute hatte bemerkt, daß
sein Begleiter leise zitterte. So schlugen die beiden den Weg hinüber zu den
Cafés ein. Jedes von ihnen war winzig und von Menschen überfüllt. Eines aber,
indem ein einsamer Geiger eine melancholische Stimmung hervorzurufen versuchte,
faßte nun die beiden Gentlemen. Eine Bedienung erschien sofort und half den
beiden aus den Mänteln. Es war kein Tisch mehr frei. Allerdings blieb dieser
Umstand nicht unbemerkt. Einer der Gäste, an dessen Tisch noch zwei freie Stühle
standen, winkte die beiden herbei.
Der
Abend wurde wirklich schön. Die beiden Venezianer, die mit am Tisch saßen, bemühten
sich in unaufdringlicher Höflichkeit um Florian und Charon. Sie halfen dabei,
die Speisekarte zu verstehen, die der Kellner brachte und empfahlen selbstverständlich
ein gängiges Modegetränk, daß zur Zeit Venedig erfaßt hatte. Es war eine Art
aufgeschäumter Kaffee mit Vanille. Es wurde recht schnell deutlich, daß Charon
kein Italienisch sprach. Im Normalfall hätten sich dann die Einheimischen mit
dem unterhalten, der sie verstehen konnte. Nicht so die beiden Venezianer. Sie
bemühten sich wirklich Herrn Aouda einzubinden. Scherzend brachte der eine dem
Halbinder das Zählen bei, während der andere Florian die Sehenswürdigkeiten
in Venedig beschrieb und ihm die wichtigsten anhand der Karte zeigte.
Herr
Aouda lud seinen Engel ein. Es gab einen kleinen Disput deswegen, doch diesmal
beharrte der Halbinder darauf.
„Jawohl
Sir of Courtland“, brummte Florian. Das
war auch noch eine unausgesprochene Sache zwischen den beiden, die langsam über
die Eingewöhnungsphase hinauswuchsen. Die Bedingungen für eine Freundschaft
hatten sich geändert. Der kleine Künstler war nicht länger ein Bürger, er
war ein Adeliger und spielte in derselben Liga, wie Florian. Der junge von
Krainer, der eigentlich keine Freunde sein eigen nannte, da man ihn ob des
schlechten Rufes seiner Familie schnitt, mußte sich erst an eine Person gewöhnen,
die nicht von seiner Seite weichen wollte.
„Lasen
Sie uns ans Meer gehen“, sagte Florian, als sie das kleine Café verlassen
hatten. Der Schneefall war so stark geworden, daß man nicht mehr bis zu den
beiden Säulen sehen konnte.
„Das
Meer ist hinter der Lagune …“ begann Herr Aouda mit einer scherzhaften Erklärung.
„Sie
wissen schon, was ich meine. Dort ist ebenfalls Meerwasser.“
Da
konnten die beiden zwei Gestalten mit seltsamen kantig wirkenden Dreispitzen
sehen. Es war Zivilisten nicht erlaubt Degen oder ähnliche Waffen zu tragen.
Vor allem in Venedig war es strengstens verboten. Diese beiden, die ihre Krägen
gegen das Wetter hochgeschlagen hatten, trugen lange Klingen. Unter ihren weiten
Kutschermänteln konnte man das verräterische Ende der Degen hervorluken sehen.
„Verfolgen
wir sie“, schlug Herr Aouda vor.
„Das
ist keine gute Idee.“
„Wir
wollten doch ein Abenteuer. Hier bietet sich eines!“
So
setzten die beiden zur Verfolgung an.
Beinahe
gemütlich schlenderten die verdächtigen Gestalten hinüber zum Canal. Sie
durchmaßen die Säulen und wendeten sich dann nach links, am Dogenpalast
vorbei. Hier spendeten die Lampen nur noch spärliches Licht. Die beiden Herren
erklommen die ersten Brücke und waren bald hinter dem Gewölbe verschwunden.
Florian und Charon, die den Schneefall als Deckung nutzten, stiegen ebenfalls
die Treppen der D.Paglia hinauf, schritten über den Bogen und konnten in
Richtung der Stadt eine helle überdachte Brücke erkennen. „Das ist die
Seufzerbrücke“, erklärte Charon, „man hat die Verurteilten vom Dogenpalast
in das Gefängnis hier rechts überführt. Die Gefangenen sollen Geseufzt haben
und daher kommt die Bezeichnung Seufzerbrücke.“
„Wie
unheimlich. Weiter, sonst verlieren wir die beiden noch.“
Natürlich
waren ihnen die Vermummten nun schon weit voraus. Eben erklommen sie eine
weitere Brücke.
„Beeilen
Sie sich“, rief Charon und eilte über den Schnee den verdächtigen Gestalten
hinterher.
Florian
ließ sich das nicht zweimal sagen. Er spurtete ebenfalls los und so eilten sie
die Treppen zum Bogen der zweiten Brücke empor. In Normalfall hat man schon
eine gewissen Erfahrung Entfernungen betreffend und der zurückgelegten
Wegstrecke von sich kontinuierlich bewegenden Personen. So gedacht und
errechnet, mußten die beiden erst wieder Vorsicht auf der Brücke walten
lassen. Gegenseitig angestachelt nahmen sie die Stufen mit dem flattern der
Abenteuerlust im Herzen… es Endete jäh.
Im
dunklen Schneetreiben prallte Charon beinahe gegen eine der Gestalten, die plötzlich
auf der gegenüberliegenden Stufe aufgetaucht war. Der Mann war derart überrascht,
daß er das Gleichgewicht verlor und nach hinten zu stürzen drohte. Herr Aouda
war geistesgegenwärtig genug nach dem Unglücklichen zu greifen und ihn auf
sichern Boden zu ziehen. Florian hatte weniger Glück. Sein Gegenüber hatte
eine Affinität zu seinem Lehrmeister Lt. Falkenstein. Urplötzlich sah sich der
junge Krainer einer Degenspitze gegenüber. Nur wenig später lag in seiner Hand
ebenfalls eine Klingenwaffe. Seine Schwester hatte ihm einen wundervollen
Stockdegen geschenkt. Die Lage verschärfte sich zusehends. Herr Aouda nahm gehörigen
Abstand von dem Mann, den er soeben gerettet hatte und stellte sich zu seiner
Begleitung.
Der
dunkle Venezianer in seinem Kutschermantel und der kleinere goldene Engel
bedrohten sich gegenseitig mit ihren Klingen. „Runter mit der Waffe“,
blaffte ihn der Klingenträger an. Der andere sah sich nicht genötigt die seine
auch noch zu ziehen, hatte aber die Hand auf dem Griff.
„No!“
konterte Florian. Er war bereit sein
Leben erstmals mit dem Können, das ihn Lt. Falkenstein lehrte zu verteidigen.
„Runter
mit der Waffe!“ drohte der Mann weiter.
„Wenn
Sie sie haben möchten, dann müssen Sie sie sich schon holen.“ Der Akzent,
den Florian sprach, war grauenvoll.
Nun
bemerkte Charon, daß sich die beiden Männer ein Zwinkern zuwarfen. Der zweite
zog nun auch seinen Degen. „Es ist ganz schön leichtsinnig, zwei fremden Männern
nachzuspionieren. Das zahlt sich manchmal aus … diesmal für uns. Bitte, Ihre
Börsen.“
„Niemals!“
„Sie
sollten sich lieber des schnöden Mammons erleichtern, ansonsten werden wir Sie
recht lädiert zu Ihren Eltern zurücksenden.“
Florian
schaute hilfesuchend zu Herr Aouda, der seine Beobachtung in Deutsch weitergab:
„Die scherzen mit uns.“
„Sind
Sie sich da sicher?“ fragte Herr von Krainer auf Deutsch zurück.
„Nein“,
gab Charon zu. Sicher konnte man sich in einer solchen Situation nie sein.
„Sie
werden sich unsere Börsen schon holen müssen“, sagte Florian grimmig.
Die
beiden Männer traten einen Schritt zurück und hoben grüßend die Säbel.
„Verzeihen Sie uns unser Auftreten, wir wollten Ihnen lediglich einen
Schrecken einjagen.“
Der
andere lachte leise: „Es kommt selten vor, daß man unsereins nicht
erkennt.“
„Carabinieries“,
seufzte Florian leise, „und wir dachten, es mit Verbrechern zu tun zu
haben.“
„Wie
haben wir uns verdächtig gemacht?“
Herr
von Krainer deutete auf die Degen: „Sie waren bewaffnet.“
Nun
wurden die beiden Carabinieries ernst: „Das ist der zweite Punkt, über den
wir uns mit Ihnen unterhalten möchten. Ihr Stockdegen ist selbstverständlich
konfisziert. Sollten Sie sich weigern, werden wir von einer Anzeige nicht
absehen können.“
Wiederstrebend
übergab Florian das Geschenk seiner Schwester. „Sie wird mich lynchen.“
„Wenn
Sie aus Venedig abreisen, können Sie den Stockdegen bei uns abholen.“
„Was
wäre der erste Punkt?“ fragte Herr von Krainer, dem dieser entgangen war.
Die
beiden Carabinieries lachten: „Das Sie mitten in der Nacht keine verdächtigen
Personen verfolgen. Wie leicht hätten Sie in einen Hinterhalt geraten können.“
„Vielen
Dank“, murrte Herr von Krainer sarkastisch.
„Werden
Sie nach Hause finden?“
Nachdem
die beiden Carabinieries die Personalien aufgenommen hatten, schlichen die
beiden Abenteurer zum Palast Manin zurück.