Tod in Venedig- Part 3
05. Dezember 1871; Dienstag
Charon
erwachte in dem fremden Bett. Sein Blick tastete im Dämmerlicht umher und ging
auf Wanderschaft, erkundete die fremden Möbel und Gegenstände.
Er
hatte gestern noch einen Brief an Frl. Caprice geschrieben und versucht die
Eindrücke in Worte zu fassen. Da es im Haus noch still war, begann Charon noch
einen zweiten Brief. Er wurde in seinen Gedanken, wie er wohl die Gefühle, die
Venedig in ihm wachrief, in Worte kleiden mochte, durch ein helles Lachen
unterbrochen. Es kam aus dem Garten. Charon, der am Fenster gesessen hatte, um
das morgendliche Licht zu nutzen, erhob sich, um einen Blick hinunter zu werfen.
Er sah die Baronesse, wie sie in einen dicken Mantel gehüllt, kleine Schneebälle
formte und sie auf die weiße Rasenfläche warf. Augenblicklich erklärte sich
ihr Handeln, als die weiße Katze von gestern hinter dem Spielzeug
hinterherjagte. Es war possierlich den beiden zuzusehen. Das Tier zeigte alle
seine Kniffe der Katzenakrobatik, um eines der Bällchen einzufangen. Gelang es
ihm, so zerstäubte es und bepuderte das Fell. Plötzlich verhielt die Katze in
ihrem Spiel und starrte zu dem Fenster hinauf, hinter dem Charon stand. Einen
weiteren Schneeball in der Hand, wendete nun auch die Baronesse ihr Haupt und
folgte dem Blick ihres Spielgefährten.
Charon
schrak zurück. Das Mädchen wurde ihm Unheimlich.
Gegen
Mittag unternahm die Familie Krainer mit Freunden einen langen Spatziergang, der
auch am Polizeirevier vorbeiführte. Frl. von Krainer gelang es tatsächlich die
Herren davon zu überzeugen, daß ihr Bruder den Stockdegen ganz offiziell in
Venedig tragen durfte. Der Carabinierie händigte Herr von Krainer ein
Zertifikat aus, das er nun bei sich tragen mußte.
Man
schaute sich ein paar Kirchen an und ein paar malerische Flecken. Die Basilika
Santa Maria Gloriosa dei Frari wartete den Gästen mit einigen pompösen Grabmählern
auf. Venedig war einmal eine äußerst reiche Stadt gewesen. Der Ruhm war immer
noch überall zu erkennen. Selbst der Tod war in prächtigen Wohlstand gehüllt.
Neben den gängigen Grabplatten aus Marmor, deren lateinische Gebetssprüche in
Gold gegossen waren, wuchsen im hintern Bereich der Basilika an den Wänden
Monumente empor. Eines von ihnen war die Front einer Pyramide, zu deren offenen
Eingang eine breite Treppe führte. Ein Trauerzug näherte sich dem Tor, über
dem der Schriftzug Canova eingelassen war. Auf der Treppe ruhten der geflügelte
Löwe Venedigs und ein Engel. Ein anderes Grabmahl war ein bombastischer Balkon,
der von vier Meter hohen Negern auf ihren Schultern getragen wurde. Man hatte
die Augen (bis auf Iris und Puppille selbstverständlich) der aus dunklem Marmor
gehauenen Gestalten weiß ausgemalt, so daß sich ein Besucher beobachtet fühlte.
Auf dem Balkon stand ein Abbild des Verstorbenen, der huldvoll die Hand erhoben
hatte, die anderen Grabmähler waren ähnlich phantasievoll.
Mitten
in der Kirche erhob sich ein mächtiges Gebetgestühl aus dunklem Holz. In die
Lehne der Sitze waren Portraits geschnitzt worden. Sie zeigten die Dogen und
Geistlichen, die einst hier gesessen hatten. Obenauf waren geschnitzte Statuen
aufgestellt worden.
Das
Hauptschiff endete am Altar mit einem recht barock anmutenden Kreutz.
Facettenreiches Licht fiel durch das runde Oberlichtfenster hinter Jesus
Christus.
Gegen
Nachmittag setzte sich Charon ab. Er wollte sich dem Zeichnen widmen und überlegte,
was er Herrn von Krainer zum Geburtstag schenken konnte. Er kam auf die Idee,
sich bei der Opera zu erkundigen. Ihm gelang es tatsächlich für den kommenden
Sonntag noch drei Karten zu ergattern. Madame Hlavin sang die Hauptrolle.
06. Dezember 1871; Mittwoch
In
der Früh gratulierten alle dem nun achzehnjährigen Florian von Krainer. Man
hatte sich für den Abend in ein Restaurant eingemietet, um die Feierlichkeit im
engen Rahmen zu feiern.
Florian
wunderte sich über die Anzahl der Karten. Es lief darauf hinaus, daß Herr
Aouda nicht mitkommen wollte. Am nächsten Tag wurde die Anzahl von Herr von
Dragenfeld auf vier erhöht.
09. Dezember 1871; Samstag
Venedig
hatte so viel zu bieten. Herr von Krainer schloß sich gerne dem adeligen Künstler
an, denn der Mann legte eine gewisse Gabe an den Tag, Details wahrzunehmen, an
der ein Normalsterblicher einfach vorbeigegangen wäre. So erlebte Florian die
Hauptstadt Italiens durch andere Augen. Charon hatte eine Neigung zur
Melancholie und die verdeutlichte sich in der Gegenwart der Gassen und
Wasserstraßen, die dem Vergessen anheimgefallen waren. Hier lag Venedig im
Sterben.
Wurde
es zu erdrückend stundenlang an einem Fleck auszuharren, um hier und dort ein
Detail zu zeichnen, zog Florian den Künstler einfach weiter. Es gab unzählige
Läden, die Masken, Gewänder, Stoffe, Glas und allen mögliche Plunder feil
boten. Als sie an den erleuchteten Schaufenstern vorbeiflanierten, fiel Charon
dahinter ein Mann auf, der sich die Auslage präsentieren ließ. Im Fenster
standen unzählige bunte Glasfiguren, Briefbeschwerer, kleine Spiegel und vieles
mehr. Verborgen hinter dem Kitsch - potentielle Kunden mimend - beobachteten
Charon und Florian die verdächtige Gestalt. Auffällig war die altertümliche
Napoleonische Kleidung, die der Mann trug. Dann war er beinahe so groß
gewachsen wie Herr von Dragenfeld. Unter dem dunkelblauen Mantel lugten die Absätze
schwerer Stiefel hervor. Der Mann hatte die kastanienbraunen Haare, die an den
Schläfen schon ergraut waren im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden. Ein Band
war um den Kopf gewunden und als der Kunde, der sich Spiegel zeigen ließ, den
Kopf ein wenig zur Seite wand, konnte man die weiße Halbmaske sehen, die die
rechte Gesichtshälfte verbarg. Von irgendwoher kannte Charon den Mann, nur
konnte er sich nicht erinnern woher.
„Eigentümlich“,
flüsterte Florian.
Herr
Aouda schreckte zusammen: „Er hat uns gesehen.“
„Und
wenn schon, wir sehen uns die Auslage an.“ Florian faßte sich ein Herz und
betrat den Laden, gefolgt von Charon. Gerade eben war der Verkäufer dabei einen
schönen Handspiegel in Papier einzuschlagen. Natürlich sah er von seiner Tätigkeit
auf, sowie sich der hochgewachsene Herr herumdrehte. Seine bernsteinfarbenen
Augen streiften für einen kurzen Moment die Neuankömmlinge, nickte den beiden
Männern grüßend zu und widmete sich dann dem Bezahlen. Dann schritt er an
Florian vorbei, der einen der Briefbeschwerer zur Hand genommen hatte und verließ
den Laden.
„Wer
war das?“ fragte Herr von Krainer den Verkäufer, als er das Stück seiner
Wahl auf den Tisch legte.
Der
Verkäufer zuckte mit den Schultern: „Er nannte seinen Namen nicht.“
„Weswegen
ist er so seltsam gekleidet?“
„Vielleicht
gehört er zum Theater“, antwortete der Mann, während er den Briefbeschwerer
einpackte. Florian zahlte und gemeinsam mit Charon verließen sie den Laden. Natürlich
war der seltsame Venezianer schon längst in einem der Gäßchen verschwunden.
Florian
und Charon unterhielten sich noch eine Weile über die merkwürdige Begegnung.
Sie setzten sich später in ein Café und redeten bis spät in die Nacht hinein.
Sie waren die letzten, die gingen.
Die
Dunkelheit begleitete sie, als sie den Weg nach Hause einschlugen. Gerade hatten
sie eine Brücke überquert und folgten dem Lauf des Canals, als sie einen Ruf
von hinten vernahmen. Ein Mann, mehr ein Schatten, war auf der Brücke
aufgetaucht. Man konnte die Furcht erkennen, die von ihm Besitz ergriffen hatte,
als er sich im Laufen herumdrehte. Ein Schuß hallte zwischen den Gassen wider.
Die Gestalt auf der Brücke zuckte zusammen, dann stürzte sie über das Geländer
in den Canal. Charon packte Florian an der Schulter und zog ihn hinter eine Häuserecke.
Von dort beobachteten sie zwei Verfolger. Diese blieben auf der Brücke stehen
und starrten ins Wasser hinunter. In der Hand des einen konnten sie den Lauf
einer Pistole erkennen. Die Männer huschten auf ihre Seite des Canals und
schauten unter der Brücke nach, dann verschwanden sie hinter dem Pfeiler und
suchten die Promenade Canalaufwärts.
Ein
leises Geräusch ließ die beiden Abenteurer aufhorchen. Eine Hand erschien an
der Canaleinfassung. Ohne darüber nachzudenken, in was er sich da einmischte,
verließ Charon das Versteck und zog den Mann an Land. Es war nicht nur Wasser,
das dessen Jacke durchnäßte …
Verzweifelt,
dem Tode nahe, packte der Fremde Charons Mantel am Revers: „Leonardo, Leon…
dräs Leonardo.“ Er drückte Charon etwas in die Hand, dann schloß er die
Augen, für immer. Herr Aouda ließ den Mann zu Boden gleiten.
Florian
war nun ebenfalls aus seinem Versteck gekommen. „Was hast du da?“
„Einen
Zettel.“
Florian
griff danach, als sie jemanden rufen hörten: „Da.“ Die beiden Abenteurer
sahen auf und erkannten, daß sie entdeckt worden waren. Sie nahmen die Beine in
die Hand und rannten los. Charon war immer voraus und zerrte Herr von Krainer
hinter sich her. Es ging immer tiefer in das enge Labyrinth Venedigs. Sie flogen
über Brücken dahin, bogen flugs in abzweigende Gassen, rannten Treppen empor
und anderorts wieder herunter … immer die Verfolger im Nacken und das Wissen,
daß diese eine Pistole besaßen … und sich nicht davor scheuten, sie auch zu
benutzen.
„Hier
hinein“, wieder bogen sie irgendwo ab und standen plötzlich in einer
Sackgasse. Es war keine gewöhnliche, denn die Gasse endete an einem breiteren
Canal. Ohne darüber nachzudenken ließ sich Florian in das eiskalte Wasser
hinunter. Charon folgte ihm. Nur die Angst um sein eigenes Leben treibt einen
Menschen dazu, etwas derartige Gefährliches zu machen, vor allem, wenn man
nicht Schwimmen gelernt hat. Beide Männer hielten sich an Mauervorsprüngen
fest und hangelten sich von der offenen Sackgasse weg, ein Versteck zu finden.
Die Panik ließ sie die Kälte vergessen, die wie ein Raubtier in ihre Glieder
biß. Es erschien niemand am Wasser. Anscheinend waren sie ihren Verfolgern
entkommen. Ein Boot lag vertäut in der Nähe. Schwerfällig enterten sie es, um
erst einmal zu verschnaufen. Es blieb einige Atemzüge ruhig. „Ich frage mich,
was so wichtig gewesen ist?“
Florian,
der den Zettel immer noch in der Hand hielt, faltete ihn auseinander. Im
Mondlicht erkannte er, daß der Text in Blut verfaßt worden war. „Mein
Freund! Bald ruhe ich bei meinen Ahnen. Im Licht des blinden Löwen, erwächst
Einsicht. Regino“, übersetzte Florian für Charon.
Ein
leises Platschen ließ sie emporfahren und über den Bootsrand schauen. Eine
dunkle Silhouette steuerte auf sie zu. Als die beiden Verfolger erkannten, daß
man sie bemerkt hatte, verhielten sie. „Heda!“ rief der eine, „geben Sie
uns, was uns gehört und wir lassen Sie ziehen!“
„Wie
können wir Ihnen glauben?“
Die
beiden Männer lachten: „Gar nicht“, erwiderte der eine.
Florian
und Charon sahen einander an, dann packten sie die Ruder und begannen wie wild
zu paddeln. Das Boot nahm Fahrt auf und ihre Verfolger ebenfalls.
„Halten
Sie an!“ schrie der eine Mann, dann krachte ein Schuß. „Charon!“ schrie
Herr von Krainer, als dieser getroffen zusammensackte.
„Noch
einmal schieße ich nicht daneben“, warnte die dunkle Stimme. Das
Verfolgerboot näherte sich langsam, während die eine Gestalt die Pistole auf
die Flüchtenden gerichtet hielt.
„Her
mit der Nachricht.“
Florian
zögerte kurz, woraufhin sich der Lauf der Waffe gegen ihn richtete. In diesem
Moment erwachte Charon zum Leben. Er versuchte den Mann anzurempeln, um mit ihm
über Bord zu gehen. Es mißlang. Der Vermummte war recht geschickt. Ihn packte
die Wut und er schlug Charon mit dem Knauf seiner Waffe nieder. Das letzte, was
dieser sah, war ein Schmuckstück an einer silbernen Kette, das seinem Angreifer
aus dem Kragen gerutscht war: ein auf dem Kopf stehendes altertümliches
Tatzenkreuz.
„Her
mit der Nachricht!“ die Stimme wurde nachdrücklicher.
Florian
zögerte nun nicht mehr. Er gab dem Mann den Zettel. Dieser riß ihn ihm förmlich
aus der Hand. Plötzlich waren Pfeifen zu hören. Die Carabinieries!
Die
Vermummten fluchten, warfen die Paddel der beiden fort und ruderten von dannen.
Es
war ein Glück, daß die Carabinierie die Schüssen gehört und ihrerseits die
Verfolgung aufgenommen hatten. Sie holten die beiden durchgefrorenen und
verletzten Männer aus dem dahintreibenden Boot. Und es war ein Glück, daß es
die beiden Gesetzeshüter waren, denen man schon einmal begegnet war.
Man
brachte Herrn von Krainer und Herrn Aouda ins Hospital, wo man sich um die
Schulterverletzung des letzteren kümmerte.
Wieviel
Zeit vergangen war, das wußte Florian nicht. Er trug saubere und trockene
Kleidung und saß in einem Stuhl nahe dem Bett, indem Herr Aouda schlief. Die
Bilder der Verfolgung spukten ihm im Kopf herum und wie nahe er dem Tod gewesen
war. War dies Abenteuer?
Was
bedeuteten die Worte auf dem Zettel?
Die
Türe wurde geöffnet und Myrjam trat ein. „Flo, wie geht es dir?“
„Mir
geht es gut.“ Das stimmte nicht. Er war sehr müde, erschreckt, verunsichert
…
„Schön.
Wie ich gehört habe, hat Herr Aouda eine Schußverletzung davongetragen. Der
Arzt sagte mir, daß es ihm bald besser geht. Mehr Glück als Verstand. Kommst
du?“
„Nein,
ich bleibe hier.“
„Und
was willst du hier?“
„Achtgeben.“
Myrjam
schmunzelte: „Mit geschlossenen Augen, wie? Einen guten Wachhund gibst du ab,
kleiner Bruder.“
„Ich
bleibe.“
„Das
denke ich nicht. Du gehörst ins Bett und zwar sofort.“
„Ich
bleibe“, wiederholte sich Florian.
„Es
gibt zwei Möglichkeiten. Erstens, du kommst freiwillig mit oder zweitens Arthur
trägt dich bis in dein Bett … also wähle.“
Florian
murrte, dann stand er auf und folgte seiner Schwester… nach Hause.
Feuer,
überall war Feuer. Da waren Stimmen, die etwas schrien, da waren Hände, die
nach ihm griffen. Er roch den Duft seiner Mutter, er fühlte ihre Gegenwart, er
spürte ihre Angst. Angst, ja die hatte er, schreckliche Angst. Da war sein
Kindermädchen, das ihn fortzog, da war das Feuer, überall war Feuer, es leckte
nach ihm, es krachte und knisterte … da waren Schüsse, Schüsse die durch die
dunkle Helligkeit zu ihm hinüberschrien, da war ein Biß, ein Schlangenbiß?
der ihm in der Schulter brannte … und da war das Kreuz des Christentums …
nur das es auf dem Kopf stand. Stand er Kopf? Oder war es die Welt?
Charon
erwachte und ihm war übel.
10. Dezember 1871; Sonntag
Ein
Geräusch hatte ihn geweckt. Es hatte beinahe so geklungen, wie das sachte
Klopfen gegen Holz … innerhalb seines Zimmers. Die Flucht durch Venedigs engen
Gassen und die durchlebte Angst saß ihm noch tief im Gebein. Waren sie ihm bis
hier her gefolgt?
Sicherlich
hätten die dunklen Gestalten kurzen Prozeß mit ihnen beiden gemacht, wenn
nicht die Carabinieries aufgetaucht wären. Wollte man es nun beenden?
Florians
Sicht in sein Zimmer hinein war durch die zugezogenen Vorhänge seines
Himmelbettes versperrt. Er konnte zwei Helligkeiten ausmachen. Das bläuliche
Licht, das durch die Läden der Fenster sickerte und das warme das aus dem Türchen
des Kachelofens drang. Irgendwer hatte das stete Flämmchen der Gaslampen
ausgeblasen.
Vorsichtig
schlug Florian den Vorhang bei Seite und ließ sich auf den flauschigen Teppich
zu seinen Füßen gleiten. Hastig sah er sich nach seinem Stockdegen um, den
irgendwer beim Kleiderständer deponiert hatte. Flugs war er hinübergeeilt und
zog die Klinge blank.
Da
war ein Hauchen hinter ihm und er fuhr herum. Ein Schatten huschte, nur aus den
Augenwinkeln wahrnehmbar, über die gegenüberliegende Wand … was ging in drei
Teufels Namen hier vor?
Florian
bemerkte, daß seine Schranktüre einen Spalt breit offen stand und so schlich
er sich heran und riß sie auf. Niemand verbarg sich hinter seinen Anzügen.
Florian drehte sich herum und versuchte ein weiteres Versteck auszumachen. Etwas
streifte seine Waden.
Erschrocken
sprang Florian bei Seite und starrte an seiner Degenklinge hinunter auf den
Boden. Eine weiße Katze erwiderte den Blick aus großen vorwurfsvollen Augen.
Dann schnupperte das Tier an der metallenen Spitze, die Florian auf es gerichtet
hatte und begann leise zu schnurren. Auf leisen Pfoten schritt die Katze an dem
Säbel vorbei, ließ ihren Schwanz majestätisch über die Klinge streifen und
umschmeichelte die Beine des Mannes.
Florian
ließ langsam die Luft von seinen Lippen entweichen. Es war nur die Katze
gewesen. Er ließ sie raus und legte sich wieder nieder. Allerdings wollte ihn
der Schlaf nicht mehr holen. In seinen Gedanken wiederholten sich die Worte des
Ermordeten. Leonardo, Leonar … hier war die Stimme gebrochen und dann träs
… drei. Drei mal Leonardo? Florian stand wieder auf und suchte die
Venedigkarte, die ihm Myrjam gegeben hatte. Er breitete sie auf dem Bett aus und
studierte sie im Licht der entzündeten Gaslampen. Das Straßen- und
Platzregister auf der Rückseite folgte irgendeinem unvertrauten Muster.
Jedenfalls war es nur vage an das Alphabet angelehnt… Florian vermutete einen
Druckfehler. Es gab keine Straße mit dem Namen „Leonardo“. Da das Register
schon Fehlerhaft war, machte sich Florian die Mühe und durchforstete die Karte
selbst nach den Straßennamen und tatsächlich wurde er fündig. Im Nordwesten
Venedigs, beginnend am Canale di Cannaregio lag die Rio Terrà S. Leonardo. Dort
war auch eine Kirche eingezeichnet, die diesem Heiligen geweiht war. Zwei mal
Leonardo. Den dritten würde er wohl vor Ort finden. Als er endlich Geräusche
im Haus vernahm, stand er müde auf und begab sich in den Herrensalon. Dort läutete
er nach einem der Bediensteten und ließ sich einen starken Kaffee bringen.
Zusammengekauert
lümmelte Florian sich in einem der großen Ohrensessel. Eines von vier Büchern,
die er aus dem Regal gezogen hatte, lag ihm auf dem Schoß, die anderen drei
hatte er neben sich auf den Boden gestapelt. Der Kaffee duftete aus seiner
feinen Porzellantasse, die ihm der Diener auf einen kleinen Beistelltisch
serviert hatte.
Müde,
die Zeilen lesend aber nicht begreifend, da die Gedanken überall verweilten,
nur nicht beim Inhalt des Buches, zogen die Sekunden und Minuten zäh wie
Stunden an dem jungen Mann vorüber. Es war noch nicht hell, als ein Geräusch
an Florians Ohr drang. Er lugte hinter der Lehne seines Sessels hervor und
entdeckte Baronesse de Traghetto vor einem der Regale. Sie studierte die Buchrücken,
indem sie sie mit dem Zeigefinger abfuhr. Ein Blick auf die Kaminuhr sagte
Florian, daß es immer noch sehr früh war. Dennoch war die junge Dame schon
perfekt frisiert und gekleidet. Was trieb sie zu so einer frühen Stunde hier?
Florian
räusperte sich leise, um auf sich aufmerksam zu machen. Das gelang ihm auch,
denn das kleine Fräulein schrak sichtlich zusammen. Sie hatte sich allein gewähnt.
Langsam drehte sich Baronesse de Traghetto herum. Ihre Augen, die so schwarz
waren, wie Kohle, blickten Herrn von Krainer eiskalt an. „Was treiben Sie denn
hier?“ fragte sie mißgelaunt.
„Ich
konnte nicht schlafen. Daher bin ich hier her gekommen, um zu lesen.“ Florian
kam der Gedanke, daß er vielleicht erst hätte fragen sollen, bevor er hier so
eigenmächtig eingedrungen war. „Wenn ich etwas falsch gemacht haben sollte,
so tut es mir leid.“
Die
junge Baronesse überging die Entschuldigung und starrte auf die Bücher, die
Florian neben sich auf den Boden gestapelt hatte: „Was lesen Sie denn da?“
„Französische
Balladen.“
„Soetwas
lesen Sie?“ fragte die Baronesse erstaunt.
Florian,
der sich für zurückhaltende Höflichkeit entschieden hatte, mußte arg an sich
halten, um dieser unverschämten Person seine Meinung frei ins Gesicht zu sagen.
„Trauen Sie mir diese Literatur nicht zu?“
„Sie
machen auf mich nicht den Eindruck eines Poeten.“
Etwas
lauter, als er es beabsichtigt hatte, schlug Florian das Buch auf seinem Schoß
zu. Dabei fiel ihm auf, daß er lediglich mit Schlafanzug und Morgenrock
bekleidet war. Es war eine durchaus gängige Bekleidung für einen Gentleman,
der sich allein in seinen Räumen aufhielt. „Manche Talente ruhen eben im
Verborgenen“, erwiderte Florian leise. Seltsamerweise verfinsterte sich der
Blick des Mädchens zu reinem Zorn. „Spielen Sie auf etwas Bestimmtes an?“
„Nein,
nein … was meinen Sie?“
„Ach“,
schimpfte die Baronesse, „was kann ich von einer Person schon erwarten, die
sich nicht einmal der Etikette entsprechend kleidet.“ Sie drehte sich herum,
zog eines der Bücher aus dem Regal und schritt zur Türe. Dort vermeinte
Florian sie noch sagen zu hören. „Ich frage mich, warum Herr von Dragenfeld
ausgerechnet diese Personen hergebracht hat.“
Während
des Frühstücks vermied Florian den Blick der Baronesse, der ihm wie
Nadelstiche in den Nacken stach. Herr von Dragenfeld und Barone Traghetto
unterhielten sich. Der italienische Klang umschmeichelte untermalte die Müdigkeit
Florians, bis ein Wort fiel, daß ihn schlagartig weckte: „Mord.“
„Er
war ein angesehener Mann“, sagte Herr von Dragenfeld, „ich denke nicht, daß
er sich selbst das Leben genommen hat.“
„Sie
kannten Ihn nicht. Er war von seinen Ideen besessen …“
„…Eher
von seinen Leidenschaften“, wurde der Barone von Herrn von Dragenfeld
unterbrochen.
„Nennen
Sie es, wie Sie wollen. Letztendlich haben sie ihn in den Ruin getrieben.“
„Ruin?
Stand es so schlimm um ihn? Ich dachte, daß er aufgrund seines Alters aufs Land
hinaus ziehen wollte. Daher die Versteigerung.“
„Arthur,
Sie sind ein Idealist und werden es immer bleiben. Offiziell wollte er aufs Land
ziehen, natürlich … Sie verstehen?“
Der
großgewachsene Mann räusperte sich und nickte dann. „Ich kannte Duca Canova
flüchtig. Ich bin ihm in einigen Clubs begegnet. Er war ein Mann, der genau wußte,
was er wollte.“
„Dennoch
kann einer gestandenen Person ein Schicksalsschlag das Genick brechen.“
„Nein,
Dario, nein … Duca Canova hat meiner Meinung nach keinen Selbstmord
begangen.“
Die
beiden Herren wechselten das Thema und Florian sah weg, genau in die Augen
Baronesse Traghettos. Diese hob tadelnd eine Augenbraue. Sie hatte gemerkt, daß
Florian ihren Vater und seinen Gast belauscht hatte.
Wer
war dieser Duca Canova. Von irgendwoher kannte er den Namen, nur konnte er sich
nicht mehr daran erinnern, woher. Hatte dieser ominöse Selbstmord und der Mord
des gestrigen Abends etwas miteinander zu tun? Das galt es herauszufinden.
Schatten
huschten über die drei weißen Vorhänge, die sein kleines Refugium begrenzten.
Stimmen drangen von überall her. Sie waren weit entfernt oder gleich neben an
… aber alle unverständlich. Blasses Licht drang durch die hellen Stoffwände.
Es war Tag … der nächste Tag.
Da
wurde einer der Vorhänge bei Seite gezogen und eine Dame in einer weißen Schürze
trat neben das Bett. Sie redete freundlich auf Charon ein, gab ihn etwas zu
trinken, das seltsam schmeckte, aber seine Kopfschmerzen linderte. Von der Dame
erhielt er Papier und einen Stift. Er versuchte sich an das Tatzenkreuz zu
erinnern und zeichnete es. Später kam der Arzt, der die Verbände abnahm und
sich die Schußverletzung am Oberarm und die Platzwunde am Kopf ansah. Zufrieden
nickte der Mann und redete etwas Freundliches. Er stand auf und rief nach einer
der Schwestern. Es war ein Kommen und Gehen an dem Krankenbett des Herrn Aouda.
In der kurzen Pause, die nun entstand, konnte sich der Halbinder in Ruhe seine
Oberarmverletzung ansehen. Erleichtert stellte er fest, daß es sich um einen
leichten Streifschuß handelte. Man hatte die Wunde mit vier Stichen genäht.
Eine
leise freundliche Stimme sprach ihn mahnend an und Charon blickte auf. Die
Schwester schüttelte leicht den Kopf und deutete auf die Wunde. Sie tadelte den
Mann, daß er nicht daran herumspielen sollte. Artig nahm Charon die Hand weg.
Die Schwester besah sich die Wunde, strich etwas darauf, daß leicht nach Nelken
roch und verband sie aufs neue. Dann besah sie sich die Kopfverletzung. Sie
deutete auf den Verband, den sie in der Hand hielt und dann auf Charon. Er
verstand die Geste so, daß sie ihn fragte, ob sie seinen Kopf noch einmal mit
einem Turban schmücken sollte. Anscheinend war ein Verband nicht mehr von Nöten.
So schüttelte Herr Aouda den Kopf… was ihm eine neue Welle von Schmerzen
einbrachte. Die Schwester träufelte eine Tinktur auf ein Läppchen und drückte
dies dann vorsichtig auf die Beule, die sich unter Charons schwarzem Haar
befand. Die oberflächlichen Schmerzen verschwanden, leider nicht die, die in
seinem Kopf ein kleines Feuerwerk veranstalteten.
Als
die Schwester gehen wollte, hielt sie Charon zurück. Er zog seine Zeichnung
hervor. Die junge Frau drehte das Bild so herum, daß das Kreuz für ihr Sinnen
richtig herum stand. Sie nickte und deutete damit an, daß sie das Kreuz kannte
oder daß sie die Zeichnung für gut befand. Charon nahm ihr die Skizze aus der
Hand, drehte das Blatt um 180° und drückte es der Frau wieder in die Hand.
Verwirrt schüttelte diese ihr Haupt und drehte das Bild richtig herum.
„No“, sagte Charon.
Nun
schien die Schwester zu begreifen. Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn
und sie bekreuzigte sich. Ihre Stimme klang streng, als sie etwas sagte. Dann
und verließ sie ihren Patienten.
Charon
dämmerte wieder ein. Er vermischte die Geräusche in dem Raum, der durch Stoffwände
in mehrere Kabinen unterteilt war mit der Verfolgung der gestrigen Nacht. Immer
wieder tauchte dieses Kreuz auf und die seltsamen Worte, die auf dem Brief
gestanden waren. Im Licht des blinden Löwen,
erwächst Einsicht. Der venezianische Löwe trug Flügel, wie ein Engel.
Doch warum war das arme Tier erblindet? Warum mußte es sein Augenlicht
vergeben, um Einsicht zu gewinnen? Wie kann man sehen ohne sehen zu können? Da
war die rauhe Stimme des einen Verfolgers. Die Intornation der Worte war merkwürdig
gewesen. Es klang vertraut … fast wie bei einem Pfarrer.
Das
Kreuz, das Tatzenkreuz war der Schlüssel … doch wohin? In die Hölle? Es war
ein unheiliges Symbol … es wäre logisch wenn es so wäre.
„Wachen
Sie auf“, drang ihm eine sanfte Stimme ins Bewußtsein. Verwirrt schlug Charon
die Augen auf. Weiß, alles um ihn herum war weiß … dann erinnerte er sich.
„Wie
geht es Ihnen?“ fragte die Stimme weiter.
Langsam
richtete sich Charon auf. „Frl. von Krainer, wie geht es Ihrem Bruder?“
„Sie
sind mir einer. Sie liegen im Hospital und nicht er.“
„Wie
geht es ihm?“ beharrte der Halbinder auf seiner Frage.
„Gut.
Sie können sich selbst davon überzeugen. Florian!“
Herr
von Krainer, der aus unerfindlichen Gründen hinter dem Vorhang gewartet hatte,
trat in Charons Sichtfeld.
„Ich
bin erleichtert. Ich befürchtete schon, daß unsere Verfolger Sie verletzt hätten.“
„Nein,
mir geht es gut.“ Der goldene Engel hatte Farbe eingebüßt. Die schlaflose
Nacht machte sich bemerkbar. Charon lächelte nachsichtig über diese kleine
stolze Flunkerei.
„Was
haben Sie da gezeichnet?“ fragte Frl. von Krainer und hob das Bild hoch. Natürlich
hielt sie das Kreuz, wie es sich für eine Christin gehörte mit dem langen
Schenkel nach unten. Dann stutzte sie. „Sie haben die Öse und die Kette am
falschen Ende gezeichnet.“
„Nein,
die Zeichnung stimmt“, erklärte Herr Aouda, „ich habe dieses Kreuz bei dem
Mann gesehen, der mich niedergeschlagen hat.“
Florian
mischte sich ein und gesellte sich neben seine Schwester: „Ein verkehrt herum
getragenes Kreuz?“
Die
drei sahen sich an. Jedem wurde unwohl bei dem Gedanken. „Die Schwester
reagierte äußerst ungehalten über diese Zeichnung.“
„Das
ist auch kein Wunder“, murmelte Frl. von Krainer, „es stellt das Christentum
auf den Kopf. Es beinhaltet etwas Böses. Auf was sind Sie und mein Bruder nur
gestoßen? Aber, es ist besser, wir sprechen später darüber. Ich habe Ihnen
etwas zum Wechseln mitgebracht.“ Gewand hob Myrjam eine Tasche auf das Fußende
des Bettes. Charon erbleichte. Es war ihm ganz und gar nicht recht, das jemand
in seinem Zimmer gewesen war. Er verbarg seine Skizzenbücher unter den Socken.
Frl. von Krainer, die sicherlich nicht diese Tasche gepackt hatte, entging die
erblaßte Hautfarbe des Halbinders. „Wir werden Sie zum Palazzo Manin
geleiten“, lächelte sie, „dort können Sie genausogut genesen wie hier.“
Sprachs
getan. Die Geschwister Krainer geleiteten einen gegen die Kälte eingemummelten
Herrn Aouda mit dem Boot bis zum Palazzo. Diener halfen dem Halbinder hinauf in
sein Zimmer, der sich erst einmal ermattet auf sein Bett setzte. Ihm gegenüber
ließ sich Frl. von Krainer in einem Sessel nieder. Florian zog es vor zu
stehen.
„Wir
müssen heute noch zur Polizei. Mein Bruder und Sie sollten sich überlegen, was
Sie den Herren sagen wollen.“
Charon
und Florian warfen sich einen fragenden Blick zu, ob sie Myrjam in alles
einweihen sollten. Sie berichteten letztendlich von dem Mann, der erschossen
wurde und von der Verfolgung.
„Ihr
wart Zeuge eines Überfalls“, grübelte Myrjam, „das können wir den
Carabinieries so erzählen. Ich würde aber das Detail des Kreuzes weglassen.
Schlafende Hunde sollte man nicht wecken.“
„Myrjam,
du meinst, wir sollen denen eine Lüge auftischen?“ Florian blickte verwirrt
drein.
„Ich
bevorzuge die Bezeichnung: Verschweigen.“
Herr
Aouda mischte sich ein: „Was meinen Sie mit: Schlafende Hunde sollte man nicht
wecken?“
Myrjam
sah ein wenig hilflos aus: „Ich kann es nicht genau definieren. Ihre Zeichnung
bereitet mir Angst. Wer weiß, wer diese Leute sind, wie mächtig sie sind …
sie haben versucht Sie und meinen Bruder aus dem Weg zu räumen. Wenn wir nun
nicht mehr auf uns Aufmerksam machen, dann vergessen sie womöglich Ihr
Einmischen.“
„Gut,
wir lassen dieses Detail weg“, sagte Florian sofort. „Ich … habe da noch
eine andere Frage: Wer war Duca Canova?“
Myrjam
zwinkerte verblüfft: „Warum fragst du mich das? Siehst du einen Zusammenhang
zwischen seinem Verscheiden und eurem Abenteuer?“
„Zwei
Morde in einer Nacht, wenn das kein Zusammenhang ist.“
„Langsam,
Flo, es ist noch nicht sicher, ob der Duca ermordet worden ist.“
„Was
steht denn in der Zeitung?“ fragte Herr Aouda.
„Ich
weiß es nicht“, gestand Myrjam. Sie ließ sich die Zeitung bringen und blätterte
sie durch. „Hier ist der Artikel, Moment … da steht nichts von der
Todesursache, nur daß man die Versteigerung nicht ausfallen lassen möchte.“
„Versteigerung?“
fragte Herr Aouda, „was und warum wollte er versteigern?“
„Ich
bin mir nicht sicher. Arthur erwähnte etwas, daß Duca Canova hohe
Spielschulden hätte. Offiziell wollte er sich auf dem Land niederlassen. Er war
politisch angesehen und wollte sich so wohl aus der Affäre ziehen. Ich finde
eines aber merkwürdig …“
„Und
das wäre, liebe Schwester?“
„Nun,
der Mord von heute Nacht steht nicht in der Zeitung.“
„Eine
Vertuschung?“ fragte Herr Aouda.
Frl.
von Krainer, die durchaus Kontakt zu den Dolchverschwörern hegte, glaubte nicht
an eine gewöhnliche Antwort, wie … es war schon Redaktionsschluß, als der
Mord gemeldet wurde. „Es könnte sein.“
Herr
Aouda mußte diesen Tag noch das Bett hüten. Da er nach einer geraumen Weile
nicht mehr liegen konnte, setzte er sich auf seinen Lieblingsplatz am Fenster
und schrieb Frl. Caprice. Unter dem Deckmantel einer spannenden Geschichte, die
ihm hier in Venedig eingefallen war, faßte er das Erlebte in spannende Worte
zusammen. Irgendwann würde er Frl. Caprice die Wahrheit offenbaren.
Die
Geschwister Krainer begaben sich unterdessen zum Präsidium der Carabinieries,
um den Überfall der letzten Nacht zu Protokoll zu bringen. Es blieb bei einer
mageren Aussage, da sich Florian an die Straße nicht mehr erinnern konnte,
inder sie überfallen worden waren. Als der Beamte nach den Schüssen fragte,
wer verletzt worden war oder ob es außer den vier Involvierten noch andere
Zeugen gab, wurden die beiden Geschwister doch stutzig. Niemand erwähnte den
Ermordeten. Vielleicht war er auch in den Canal zurückgeglitten und würde in
den nächsten Tagen gefunden werden. Florian täuschte irgendwann Übelkeit vor
und trollte sich, während Myrjam blieb, um die Personalien zu Protokoll zu
geben.
Florian
mußte Gewißheit haben. Er hatte auf der Station in Erfahrung gebracht, wie die
Villa des Verstorbenen Duca Canova hieß: Palazzo Dona. Er lag am Campo S. Polo
und das war Mitten in Venedig. So machte er sich auf den Weg… nicht nach
Hause, wie er seiner Schwester hoch und heilig versprechen mußte, sondern zum
Campo S. Polo. Es war unschwer zu erkennen, welche der Palazzos der des
verstorbenen Duca Canova war. Zwei Carabinieries standen davor und ließen den
Platz nicht aus den Augen. Leider kannte Florian die beiden Männer nicht.
Seufzend machte sich der junge von Krainer auf den Weg in den Nordwesten der
Stadt. Er mußte nicht weit gehen, um auf bekanntes Terrain zu gelangen. Vor ihm
lag die Brücke, auf der der Mann erschossen worden war. Florian blinzelte, er
war sich nicht sicher, denn es gab eine Menge ähnlicher Orte in Venedig. Doch
dann entdeckte er das getrocknete Blut an der Brüstung. Es war nicht viel und
daher nicht sonderlich aufgefallen. Wenn man aber wußte, wo man zu suchen hatte
…
Das
war eindeutig der Ort, und der Mann war aus der Richtung des Palazzo Donas
geflohen. Die Zufälle häuften sich. Florian entschied sich dafür, erst einmal
ihr eigener Fluchtweg zu rekonstruieren. Es gelang ihm sogar die hastig
verborgenen Zeichenutensilien Herrn Aoudas wiederzufinden. Dann überquerte Herr
von Krainer den Canal Grande bei der Ponte Scalzi, lief am Bahnhof vorbei zur
Rio Terrà S. Leonardo. Die Kirche war ein wenig zurückgesetzt und auf den
ersten Blick nicht zu finden. Man mußte erst um eine Häuserecke gehen, um vor
dem Portal zu stehen. Florian zögerte nicht einfach in das Gotteshaus zu gehen.
Im Hauptschiff saßen im Gebetsgestühl ein paar gebeugte Gestalten. Ein Meßdiener
wechselte in aller Ruhe die Kerzen der Leuchter aus. Florian ging vor zum Jesus
und bekreuzigte sich, dann nahm er sich die Nebenschiffe vor. Irgendwo würde er
schon den dritten Leonardo finden. Ob der Heilige an sich gemeint war, den man
hier überall als Statue antraf oder war eine reale Person der dritte im Bunde.
Die Grabplatten stellten eine Pleite dar. Hier deutete nichts auf den Gesuchten
hin. Florian seufzte und näherte sich dem Meßdiener. Der schaute auf und
setzte ein Lächeln auf. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich
suche einen Senior Leonardo.“
„Bedaure,
hier gibt es niemanden mit diesem Namen.“
Florian
bedankte sich bei dem jungen Mann und schlich enttäuscht in Richtung Heimat. Wo
hatte er einen Denkfehler begangen? Wo war der dritte Leonardo?
Als
Florian nach einem wirklich großen Umweg zum Palazzo Manin zurückkehrte,
erwartete ihn seine Schwester. Der Wut der Sorge stand ihr ins Gesicht
geschrieben. „Du solltest doch nach Hause gehen“, warf sie ihm vor, „wo
warst du?“
Florian
deutete auf das Päckchen unter seinem Arm: „Ich … ich bin unseren Fluchtweg
abgegangen, um Herr Aoudas Zeichenmaterial zu suchen.“ Damit Myrjam keine Zeit
zum weiteren Fragenstellen hatte, überfiel Florian seine Schwester mit einer
Bitte: „Wärst du so lieb und würdest Herrn Aouda seine Sachen geben?“
Myrjam
stutzte: „Weswegen?“
„Ich“,
druckste der kleine Bruder herum, „ich möchte nicht, daß Herr Aouda denkt,
ich hätte ihm einen Gefallen getan.“
„Wenn
du meinst. Dann sage ich ihm, daß die Carabinieries die Sachen gefunden
haben.“
Charon
saß auf dem Fensterbrett und starrte hinaus in den winterlichen Garten. Im
Schutz des Geviert war es Windstill. Die Flocken, die hoch oben im Himmel noch
einen wilden Tanz aufgeführt hatten, bewegten sich nun leise im Takt einer unhörbaren
Musik.
Es
war niemand unten im Garten, weder die kleine Baronesse noch ihre unheimliche
Katzenfreundin. Wenn sie dagewesen wären, hätte Charon nicht so entspannt die
durchlebten Abenteuer für Frl. Caprice niederschreiben können. Ein leises
Klopfen an der Türe ließ ihn aufhorchen. „Kommen Sie herein.“
Es
waren die Krainergeschwister. Myrjam trug seine Zeichensachen. „Sehen Sie“,
begrüßte sie den Halbinder, „das haben die Carabinieries gefunden.“ Die Röte
der Flunkerei bepuderte augenblicklich ihre Wangen. Charon schmunzelte und sah
über den faux pas hinweg. „Vielen Dank. Würden Sie sie dort auf die Kommode
legen?“
Myrjam
war dankbar darum, sich abwenden zu können. Sie nestelte eine Weile an der
Zeichenmappe herum, bis das heiße Gefühl aus ihren Wangen gewichen war. Sie hörte
hinter sich Herr Aouda fragen: „Wo waren Sie denn, Herr Krainer?“
„Das
würde mich ebenfalls interessieren.“ Myrjam drehte sich herum und schloß zu
den Herren auf.
Florian
sah sich in die Falle getappt. Wütend funkelte er seine Schwester an.
„Meine
Dame, darf ich Ihnen den Platz anbieten?“ Charon rückte einen Sessel zurück
und Myrjam setzte sich.
„Meine
Schwester ist keine Dame“, platzte es aus Florian heraus. Eisiges Schweigen
setzte ein. Myrjam stand langsam auf und verließ leise das Zimmer. Sie sagte
keinen Ton und warf ihrem Bruder keinen vorwurfsvollen Blick zu, das war ein
deutliches Zeichen, daß Florian seine Schwester wirklich verletzt hatte.
„Herr
von Krainer, ich muß Sie doch sehr bitten. Wie können Sie von Ihrer Schwester
behaupten, sie sei keine Dame?“ Auf Herr Aoudas Stirn war eine steile Falte
erschienen.
Florian
merkte, daß er mal wieder zu schnell gesprochen hatte. Seine leise Wut war auch
schon verraucht. „Sie verhält sich manchmal wirklich nicht wie eine Dame“,
sagte der junge Mann kleinlaut.
„Das
mag ja Ihre Ansicht sein, aber dann müssen Sie sie doch nicht preisgeben. Sie
sollten sich überlegen, wie Sie Ihre Schwester wieder wohlgewogen machen.“
„Schon
wieder ein Geschenk“, murmelte Florian.
„Das
läßt ja tief Einblicken. Dann sollte es diesmal ein schöneres Geschenk
sein.“
„Keine
Pralinen, keine Blumen …“
Herr
Aouda seufzte: „Nein, wenn das Ihre übliche Entschuldigung ist, dann sollte
es diesmal etwas sein, daß Ihre Schwester besonders mag.“
„Mir
fällt nichts ein. Herr von Dragenfeld beschenkt sie mit allem, was ihr Herz
begehrt.“ Florians Stimme klang traurig. Vielleicht war er eifersüchtig auf
jenen Herren, der ihm die Schwester fortgenommen hatte.
„Heute
Abend ist es ohnehin zu spät. Wir werden morgen nach einem passenden Geschenk
Ausschau halten. Nun berichten Sie schon, was haben Sie herausgefunden?“
Florian
war dankbar für den Themenwechsel und berichtete von seiner kleinen Odyssee
durch Venedig. Herr Aouda hörte sehr aufmerksam zu und überlegte, was man noch
machen konnte. Er schlug vor, sich das Stadtarchiv vorzunehmen, um mehr über
Duca Canova herauszufinden. „Ich muß Ihre Euphorie zügeln. Es könnte
durchaus sein, daß der verstorbene Duca mit dem Mord auf der Brücke nichts
gemein hat. Allerdings ist es nicht von der Hand zu weisen, daß der Ermordete
ein Bote Canovas gewesen ist.“
Die
beiden Männer grübelten noch recht lange über die Geschehnisse ohne auf einen
grünen Zweig zu kommen. Irgendwann war die weiße Katze, die wohl im Schrank
geschlagen hatte, zu Charon geschlendert und war ihm auf den Schoß gesprungen.
Leise schnurrend lag sie nun da und schien unbeteiligt.
„Im
Licht des blinden Löwen erwächst Einsicht. Müssen wir nun jeden Löwen in
Venedig aufsuchen?“ seufzte Florian.
„Da
hätten wir viel zu tun. Es könnte auch eine Metapher sein. Vielleicht steht
der Löwe für Venedig…“
„Eine
politische Nachricht?“
„Ich
weiß es nicht … ich habe keine Ahnung.“
Da
läutete es zum Abendessen. Natürlich war es die Katze, die zuerst an der Tür
stand. Gemeinsam gingen die beiden Herren hinüber zum Speisesaal. Eisiges
Schweigen beherrschte den heutigen Abend … zumindest empfand das Florian so.
Die
beiden Herren beschlossen, wenn der Abend schon eisig begonnen hatte, sollte man
ihn auch eisig beenden. So wagten sie einen weiteren Spaziergang durch das nächtliche
Venedig. Der Schneefall des Nachmittags hatte nicht nachgelassen. Nun knirschte
die weiße Pracht bei jedem Schritt, den die beiden Männer taten. Zunächst
hing jeder seinen Gedanken nach. Florian dachte über ein Gespräch nach, daß
er mit Charon vor einiger Zeit geführt hatte. Es ging darum, daß Charon sich
Schuldig am Tod eines Mädchens fühlte. Laut ihm waren sie beide sehr glücklich
miteinander gewesen, doch dann hatte sich etwas ereignet und daraufhin hatte sie
sich das Leben genommen. Charon war danach - das war vor zwei Jahren - aus
England geflohen und versuchte nun zu vergessen. Allerdings hatte er nicht damit
gerechnet Florian zu begegnen, dessen Eigenschaften auch unbändige Neugierde
beinhaltete.
„Sagen
Sie, Sir of Courtland…“
Herr
Aouda schrak bei dieser Bezeichnung zusammen: „Nennen Sie mich um
Himmelswillen nicht so.“
„Gut,
Herr von und zu, wie hieß den die Frau … na, Sie wissen schon wen ich
meine.“
Feinfühlig,
wie immer, seufzte Charon innerlich. Es lag nun zwei Jahre zurück und doch
waren die seelischen Wunden nicht verheilt. Außerdem galt es ein Mißverständnis
aufzuklären… ein sehr brisantes. „Dieses Mädchen hieß Jonathan of
Courtland und war mein Cousin.“
Florian
blieb stehen und starrte Charon entgeistert an. „Sie wollen sagen …?“
„Das
ich pervers bin? Nur zu … das habe ich oft genug vernommen. Jonathan und ich
haben uns geliebt und was ist falsch daran? Was können zwei liebende Seelen dafür,
daß sie in gleichgeschlechtliche Körper gesperrt wurden? Sie wissen gar nicht,
was wir durchleben mußten, als das herauskam. Jonathan, der feine Geist …
viel zu zart, um in ein Internat zu gehen. Er hat das nicht verkraftet… und
schied aus eigener Hand von mir.“
Florians
Mine war vereist. Er fand die Vorstellung zweier Männer … einfach nur
widerlich. „Gute Nacht, Sir of Courtland“, sagte Herr von Krainer, drehte
sich herum und ging. Schnell hatte ihn die Nacht verschluckt.
In
Charons Herzen erblühte die Blume der Verzweiflung. Er hatte sich anvertraut,
er hatte sich für einen kurzen Moment seiner Vergangenheit gestellt, hatte alte
Wunden wieder aufgerissen, in der Hoffnung zumindest auf Verständnis zu stoßen…
es war schief gelaufen. Seine Ehrlichkeit hatte ihm die zweitliebste Person
seines Lebens davongescheucht. Niemals wieder würde ihm Florian in unschuldiger
Unbedarftheit begegnen. Diese Zeiten waren nun für immer vorbei. Wahrscheinlich
war, daß er zurück nach Frankfurt geschickt wurde … wenn Florian zu seiner
Schwester gehen würde.
Florian
eilte Schnurstracks zum Palazzo Manin zurück. Er eilte die Treppen hinauf und
stand alsbald vor der Zimmertüre Myrjams. Unlängst hatte er seinen
beleidigenden Ausrutscher ihr gegenüber verdrängt und so klopfte er bei ihr
Sturm. Es dauerte eine Weile, bis seine Schwester ihm die Türe öffnete. Sie
war schon in Bett gewesen und trug nun über ihrem Nachtkleid einen weißen flauschigen Morgenmantel. In ihrer rechten Hand ruhte
der Schürhaken des Kachelofens. „Florian, um Himmels Willen, was ist
passiert?“
„Myrjam
… ich muß mit dir reden …“
„Komm
erst einmal herein kleiner Bruder.“ Myrjam stellte den Schürhaken zurück in
den Ständer und setzte sich dann in einen der Sessel. Florian indes war derart
verwirrt, daß er es vorzog auf- und abzulaufen. Myrjam, die das nicht lange
aushielt, stand wieder auf und stellte sich ihrem Bruder in den Weg. Dann legte
sie ihre Hände auf seine Schulter und schenkte ihm einen tiefen Blick aus ihren
braunen Augen: „Was ist geschehen?“
„Charon
…“ und dann platzte die ganze Geschichte aus Florian heraus.
„Oh
Gott, dann habe ich mich doch nicht geirrt“, flüsterte Myrjam.
Florians
Stimme überschlug sich beinahe: „Was meinst du?“
„Er
hat sich in dich verliebt.“
„In
MICH? Das kann nicht sein. Nein, nein, da irrst du dich.“
Myrjam
ließ es auf sich beruhen. „Was mache ich nur? Ich muß ihn fortschicken.“
„Das
kannst du doch auch nicht machen.“
Myrjam
seufzte: „Ich muß es tun.“
„Was
ist falsch daran … ich meine, wenn zwei Seelen sich lieben, warum sollte man
sie trennen? Was Gott zusammengeführt hat, sollte der Mensch nicht trennen.“
„Ach
Florian, in der Bibel steht geschrieben, daß gleichgeschlechtliche Liebe
Teufelei ist. Wer sich ihr hingibt verspielt seine Seele.“
„Das
ist Unsinn!“ begehrte Florian auf.
„Und
das ist Gotteslästerein, Flo!“ sagte Myrjam streng. Etwas sanfter fügte sie
hinzu: „Nicht überall sieht man Herr Aoudas Vorliebe so streng. Ich habe Länder
bereist, da ist es egal. Indien, China, (Welche
Länder??) , sogar in Paris und in London gibt es Clubs – geheime Clubs
– die das dulden.“
„Unserer
Gesellschaft zu viele Fesseln auferlegt worden“, murrte der junge von Krainer.
„Flo,
der Weltverbesserer“, scherzte Myrjam, „jetzt wirst da aber ins Bett gehen.
Du kannst ja kaum noch deine Augen offen halten.“
Florian,
der die letzte Nacht schon kaum geschlafen hatte, folgte dem Rat seiner
Schwester und ging schlafen.
Anderorts
stemmte sich eine einsame Gestalt gegen das nächtliche Schneetreiben. Die
Finsternis biß mit eisiger Kälte durch den Wintermantel, den Charon um seine
schmalen Schultern gewunden hatte. Alles war egal geworden, alles war in seinem
Inneren zu Eis erstarrt, jeder Gedanke war gefroren … leider die Atemzüge
nicht, die vor Kälte brennende Luft in seine Lungen pumpten, leider sein Herz
nicht, daß schlaff weiterhin Blut auf die lebensspendende Reise durch seinen Körper
schickte … leider seine Muskeln nicht, die ihn weiterhin durch das Labyrinth
Venedigs trieben. Einfach fallen lassen, einfach in das dunkle Schwarz der Canäle
eintauchen, sich treiben lassen, hinaus in die Bucht, hinaus in das weite freie
Meer.
Irgendwann,
irgendwo ließ sich Charon in einem Hauseingang nieder. Er schlang die Arme um
seine Knie und bettete seinen Kopf darauf. Sollte er hier einschlafen? Dann würde
er mit Jonathan vereint sein, wie vor so vielen Jahren, als sie fast noch Kinder
waren.
Eine
leise Bewegung ließ Charon aufhorchen. Es benötigte einige schmerzende Atemzüge,
um zu erkennen, daß sich die Türe geöffnet hatte. „Herr Aouda, Sie werden
sich hier Draußen den Tod holen“, sprach ihn eine Stimme an. Es war Deutsch
mit einer Priese Italienisch gewürzt. Verwirrt sah Charon auf. Auf einer weißen
Halbmaske spiegelte sich der rötliche Schein einer Kerze, die der Mann in der
rechten Hand trug. Die linke Gesichtshälfte lag im Dunkeln und nur die Augen
blitzten bernsteinfarben. „Kommen Sie schon.“ Der Fremde reichte Charon die
freie Hand. Zögerlich nahm der Halbinder die suspekte Einladung an. Woher
kannte der Mann seinen Namen? Die Hand, die Charons ergriff steckte in einem
feinen weißen Handschuh, dann wurde der Halbinder auf die Füße gezogen.
„Wir
gehe nach oben, in den Salon.“
Charon
sah sich genötigt an seinem unheimlichen Gastgeber vorbeizugehen, damit dieser
die Türe hinter ihm schließen konnte. Dann folgte er dem Mann durch einen
kurzen Gang, eine Treppe hinauf. Das Haus roch, als würde niemand hier wohnen.
Außerdem war es auf dem Gang beinahe so beißend kalt, wie draußen. Oben
angelangt sickerte unter einer der Türen warmer Schein hindurch. Genau dorthin
steuerte der Gastgeber hin. Hinter der Türe lag ein etwas geräumigeres Zimmer.
Es gab einen Kamin, indem ein warmes Feuer prasselte. Da stand eine Kommode, ein
Schreibtisch, eine Sesselgruppe um einen Tisch und ein kleines Regal, indem
vielleicht fünfzehn Bücher standen. Alles sah nach einem einfachen Haushalt
aus, wäre da nicht die goldene Kaminuhr gewesen, die Vase auf der Kommode oder
das Ölgemälde an der verbliebenen Wand.
Charon
strebte zuerst auf den Kamin zu und genoß die Wärme auf seinem Gesicht.
„Geben Sie mir Ihren Mantel“, forderte ihn der Fremde auf. Gewissenhaft hängte
er ihn an einen Kleiderständer, der vorsorglich schon in der Nähe des Kamins
stand. „Wollen Sie Tee?“
Charon
nickte. Er beobachtete den Fremden genau, wie er aus dem Kessel, der über dem
Feuer hing Wasser in zwei Tassen goß und dann jeweils ein Tee-Ei hinzu gab. Der
Fremde mußte schwere Verletzungen in seiner Vergangenheit davongetragen haben,
anders konnte sich Charon die Maske und die Handschuhe nicht erklären. Starr
nicht darauf, gemahnte er sich und doch faszinierten ihn die Situation und der
Mann, der ihn da hinein gebracht hatte. Schweigend reichte ihm sein Gastgeber
eine der Tassen, dann setzte er sich in einen der Sessel. Charon folgte seinem
Beispiel.
„Geht
es Ihnen besser?“ fragte der Mann.
„Mir
ist immer noch ein wenig kalt.“
„Kein
Wunder. Wollen Sie eine Decke?“
„Nein“,
wehrte Charon ab, „es geht schon. Der Tee wird seines dazu tun. Verzeihen Sie
die Frage, aber, wer sind Sie?“
„Das
wissen Sie nicht? Sie haben mich doch gesucht. Gefunden haben Sie mich, würde
ich sagen.“
Charon
stand auf den Schlauch. „Ich verstehe Sie nicht.“
„Don Leonardo de Colhuacán.“
„Herr
Aouda.“
„Sehr
erfreut.“ Don Leonardo ergriff die Hand seines Gastes und drückte diese.
„Wer
sind Sie?“
„Eine
berechtigte Frage.“
„Ich
habe Sie schon einmal gesehen. Das war in Frankfurt zur Städeleröffnung. Sie
waren in Begleitung einer Spanierin.“
Don
Leonardo war verblüfft: „Sie waren im Städel? Ich habe Sie nicht gesehen.
Und was meine Begleitung betrifft, ist das gute Frl. Lopez de Sangrín
Mexikanerin. Nun fragen Sie sich, was ich mit Frankfurt zu schaffen habe. Ich führe
dort ein Antiquitätengeschäft.“
Das
beantwortete die Frage nach den erlesenen Gegenständen in diesem ansonst eher
bescheiden zu nennenden Raum. „Was ist mit diesem Haus?“
„Oh,
es steht sehr oft leer. Leider. Aber, es gibt genügend gute Nachbarn, die hin
und wieder hineinschauen und Lüften. Sie verstehen schon.“ Don Leonardo
nippte geschickt an seinem Tee. Es bereitete ihm wohl keine Schwierigkeiten
mehr, daß die Tasse in Konflikt mit der Maske geriet. „Mich würde
interessieren, weswegen Sie mich gesucht haben.“
„Ich
habe Sie nicht gesucht.“
Don
Leonardo schmunzelte, was ihn durch die Halbmaske, die seine rechte Gesichtshälfte
bedeckte, unheimlich wirken ließ. „Wenn man es genau nimmt, hat mich Florian
von Krainer gesucht.“
„Sie
wissen ja bestens Bescheid.“
„Ich
habe gute Nachbarn. Nun?“
Herr
Aouda räusperte sich, er wollte sein Anliegen noch nicht Preis geben. „Was
sagt Ihnen Duca Canova?“
Don
Leonardo funkelte sein Gegenüber aus seinen bernsteinfarbenen Augen an. „Nun
gut, ich will es Ihnen verraten. Duca Canova war ein Freund meines Vaters. Er
bat mich auf dem schnellsten Wege her zu kommen. Es ging um eine Entdeckung, die
er gemacht hatte… um zwei Buchseiten, um genau sein. Duca Canova war
leidenschaftlicher Sammler religiöser Gegenstände und Schriften. Ich denke, er
hat … hatte die größte Bibelsammlung Norditaliens. Er teilte mir mit, daß
diese beiden Seiten einen bestimmten Aspekt des Glaubens revolutionieren könnten.
Zwar war Duca Canova ein älterer Herr, dennoch unternahm er viele
abenteuerliche Reisen. Er kam aus Moskau, als er die beiden Seiten
mitbrachte.“
„Ihre
Ehrlichkeit ehrt Sie. Glauben Sie an den Selbstmord des Duca?“
„Nein,
nie und nimmer. Duca Canova war ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben
stand.“
„Hat
er Erben?“
„Erben?
Nein, er war allein. Ich denke, das lag an seiner Gläubigkeit.“
„Wie
läßt sich das mit seiner Spielleidenschaft vereinbaren?“
Don
Leonardo starrte den Halbinder einen Moment lang an: „Sie wissen ja gut
Bescheid. Duca Canova war in der Tat ein leidenschaftlicher Spieler. Das war die
Prüfung, die Gott ihm unterzog. Leider versagte er jedesmal.“
„In
der Nacht, als der Duca starb, wurde ein Mann ermordet. Vielleicht kennen Sie
ihn?“ Charon beschrieb den Italiener, doch konnte der Don nichts dazu
beitragen. „Es tut mir leid, wenn ich ihn sehen würde, könnte ich Ihnen mit
Bestimmtheit sagen, ob ich den Mann kenne oder nicht. Sie denken also, daß es
einen Zusammenhang zwischen dem Mord auf der Brücke und dem Duca gibt?“
„Es
könnte sein“, druckste Herr Aouda herum. „Ich muß mich erst mit Herrn von
Krainer beraten.“
Der
Entschluß seines Gastes stimmte den Don nicht gerade fröhlich. Schroff sagte
er: „Dann tun Sie dies. Lassen Sie mich wissen, wann Sie sich entschieden
haben.“
Er
geleitete seinen Gast hinaus. Auf der Schwelle sagte Don Leonardo: „Bitte
lassen Sie sich nicht zu viel Zeit. Ich will auf alles in der Welt den Mörder
meines Vaters Freund finden.“
„Wenn
wir Ihnen helfen können, dann - das verspreche ich Ihnen - werden wir Ihnen zur
Seite stehen.“
„Ich
danke Ihnen. Ähm, im Übrigen bin ich nicht vom Theater.“
Woher
Don Leonardo das wieder wußte? Wer hatte gelauscht? Dieser Mann, der sich
vorzugsweise in napoleonische Kleidung gewandete, mußte hier in Venedig über
mehrere „guter Nachbarn“ verfügen. Traue ihm nicht, mahnte Charon eine
innere Stimme.
11. Dezember 1871; Montag
Es
hatte noch nicht zum Frühstück geläutet, als es bereits an Herrn Aoudas
Zimmertüre klopfte. Da der Halbinder ohnehin keinen Schlaf gefunden hatte, war
er ziemlich bekleidet. So rief er, „herein“, und war nicht sonderlich überrascht,
als sich sein Gast als Myrjam von Krainer herausstellte. In ihr freundliches
Gesicht hatte sich Sorge eingenistet. Immerhin war es keine Wut.
„Guten
Morgen. Ich muß mit Ihnen ein ernstes Wort wechseln“, kam das Fräulein ohne
Umschweife zum Hauptthema. „Herr von Krainer hat mir Ihr nächtliches Gespräch
gebeichtet.“
„Ich
werde meine Koffer packen und mich zurück nach Frankfurt begeben, entschuldigen
Sie vielmals.“
Frl.
von Krainer seufzte: „Ich möchte mit Ihnen nicht streng verfahren, da ich Sie
schätze. Aber ich muß es und das wissen Sie. Es gibt zwei Möglichkeiten für
Sie. Entweder bringe ich Sie heute noch zum Zug oder Sie akzeptieren meine
Bedingungen. Sollte Ihre Vorliebe jemals an die Öffentlichkeit geraten, dann
ist der Ruf meiner Familie für immer dahin. Sie müssen sich besser verbergen,
als jemals zuvor. Es war ein Fehler es meinem Bruder zu sagen, ein großer
Fehler.“
„Ich
vertraue ihm.“
„Ich
vertraue ihm auch. Doch Sie haben in Worte gekleidet, was besser unausgesprochen
geblieben wäre. Die neuropäische Gesellschaft ist ein wankelmütiges Wesen und
sollte sie Ihre Neigung erahnen, dann werden Sie unweigerlich vor das
Strafgericht gebracht werden. Begreifen Sie denn nicht? Es ist in Neuropa
strafbar Umtrieben nachzugehen. Wenn Ihre Neigung ans Tageslicht gezerrt wird,
dann werden Sie untergehen und meinen Bruder mit sich reißen. Daher verbiete
ich Ihnen einen näheren Umgang mit ihm. Sie können ihm gerne Freund bleiben,
mehr nicht. Es wird für Sie eine harte Zeit anbrechen, wenn Sie bleiben.“
Frl. von Krainer wendete sich zum Gehen.
„Ich
akzeptiere die Bedingungen“, flüsterte Herr Aouda.
Myrjam
senkte den Kopf. „Es tut mir leid.“ Dann drehte sie sich herum und blickte
ihrem traurigen Gegenüber in die Augen. „Ich erkenne mich nicht wieder. Mein
Herz ist frei und meine Gedanken sind es auch. Leider müssen wir eine gewisse
Form wahren. Unter anderen Umständen würde ich Sie voll und ganz akzeptieren
… auch wenn sich Florian für Sie entscheiden sollte. Es wird nicht geschehen,
denke ich. Er wird irgendwann eine hübsche Frau ehelichen, die er liebt.“
Charon
schluckte: „Er ist noch nicht so weit.“
„Das
weiß ich selbst. Wenn es nach mir ginge, hätte er alle Zeit der Welt. Florian
ist wie ich … er liebt die Freiheit und bevor er heiratet, soll er sie genießen.“
Es
klingelte zum Frühstück. Herr Aouda schmunzelte bitter und reichte Frl. von
Krainer den Arm. „Darf ich bitten?“
„Gerne…
Arthur weiß im Übrigen nichts. Obwohl er der letzte wäre, der Sie verdammen würde.“
Gemeinsam
erschienen sie am Frühstückstisch. Florian zog es vor, einen gewissen Abstand
zwischen Herrn Aouda und sich selbst zu wahren. Natürlich entging das der
kleinen Baronesse nicht. Ihre kohlschwarzen Augen schienen mal wieder die
Gedanken der beiden Herren lesen zu wollen. Arthur stand gewissenhaft auf, als
Myrjam sich zu ihm gesellte. „Guten Morgen“, sagte er und hauchte ihr einen
Kuß auf die Stirn. Barone de Traghetto schmunzelte.
Wie
immer gestaltete sich das Frühstück als italienisches Kauderwelsch für den
guten Charon Aouda. Er saß unter vielen plaudernden Menschen und war doch
allein. Lustlos starrte er auf sein Brötchen, daß vor ihm auf dem Teller lag.
Seit dem Krankenhaus hatte er nur Tee zu sich genommen. Sein Magen war ihm
seitdem wie zugeschnürt.
Als
die Tafel aufgehoben wurde, war es Herr von Krainer, der als erstes aufstand und
den Frühstücksraum verließ. Herr Aouda wollte ihm folgen, doch Myrjam sah ihn
warnend an. Charon zögerte … ihm brannte ja noch mehr auf der Seele, es war
ja nicht nur seine eigene Unsicherheit, sondern auch der Fall, der Fortschritte
gemacht hatte.