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Tod in Venedig- Part 3

 

05. Dezember 1871; Dienstag

Charon erwachte in dem fremden Bett. Sein Blick tastete im Dämmerlicht umher und ging auf Wanderschaft, erkundete die fremden Möbel und Gegenstände.

Er hatte gestern noch einen Brief an Frl. Caprice geschrieben und versucht die Eindrücke in Worte zu fassen. Da es im Haus noch still war, begann Charon noch einen zweiten Brief. Er wurde in seinen Gedanken, wie er wohl die Gefühle, die Venedig in ihm wachrief, in Worte kleiden mochte, durch ein helles Lachen unterbrochen. Es kam aus dem Garten. Charon, der am Fenster gesessen hatte, um das morgendliche Licht zu nutzen, erhob sich, um einen Blick hinunter zu werfen. Er sah die Baronesse, wie sie in einen dicken Mantel gehüllt, kleine Schneebälle formte und sie auf die weiße Rasenfläche warf. Augenblicklich erklärte sich ihr Handeln, als die weiße Katze von gestern hinter dem Spielzeug hinterherjagte. Es war possierlich den beiden zuzusehen. Das Tier zeigte alle seine Kniffe der Katzenakrobatik, um eines der Bällchen einzufangen. Gelang es ihm, so zerstäubte es und bepuderte das Fell. Plötzlich verhielt die Katze in ihrem Spiel und starrte zu dem Fenster hinauf, hinter dem Charon stand. Einen weiteren Schneeball in der Hand, wendete nun auch die Baronesse ihr Haupt und folgte dem Blick ihres Spielgefährten.

Charon schrak zurück. Das Mädchen wurde ihm Unheimlich.

 

Gegen Mittag unternahm die Familie Krainer mit Freunden einen langen Spatziergang, der auch am Polizeirevier vorbeiführte. Frl. von Krainer gelang es tatsächlich die Herren davon zu überzeugen, daß ihr Bruder den Stockdegen ganz offiziell in Venedig tragen durfte. Der Carabinierie händigte Herr von Krainer ein Zertifikat aus, das er nun bei sich tragen mußte.

 

Man schaute sich ein paar Kirchen an und ein paar malerische Flecken. Die Basilika Santa Maria Gloriosa dei Frari wartete den Gästen mit einigen pompösen Grabmählern auf. Venedig war einmal eine äußerst reiche Stadt gewesen. Der Ruhm war immer noch überall zu erkennen. Selbst der Tod war in prächtigen Wohlstand gehüllt. Neben den gängigen Grabplatten aus Marmor, deren lateinische Gebetssprüche in Gold gegossen waren, wuchsen im hintern Bereich der Basilika an den Wänden Monumente empor. Eines von ihnen war die Front einer Pyramide, zu deren offenen Eingang eine breite Treppe führte. Ein Trauerzug näherte sich dem Tor, über dem der Schriftzug Canova eingelassen war. Auf der Treppe ruhten der geflügelte Löwe Venedigs und ein Engel. Ein anderes Grabmahl war ein bombastischer Balkon, der von vier Meter hohen Negern auf ihren Schultern getragen wurde. Man hatte die Augen (bis auf Iris und Puppille selbstverständlich) der aus dunklem Marmor gehauenen Gestalten weiß ausgemalt, so daß sich ein Besucher beobachtet fühlte. Auf dem Balkon stand ein Abbild des Verstorbenen, der huldvoll die Hand erhoben hatte, die anderen Grabmähler waren ähnlich phantasievoll.

Mitten in der Kirche erhob sich ein mächtiges Gebetgestühl aus dunklem Holz. In die Lehne der Sitze waren Portraits geschnitzt worden. Sie zeigten die Dogen und Geistlichen, die einst hier gesessen hatten. Obenauf waren geschnitzte Statuen aufgestellt worden.

Das Hauptschiff endete am Altar mit einem recht barock anmutenden Kreutz. Facettenreiches Licht fiel durch das runde Oberlichtfenster hinter Jesus Christus.

 

Gegen Nachmittag setzte sich Charon ab. Er wollte sich dem Zeichnen widmen und überlegte, was er Herrn von Krainer zum Geburtstag schenken konnte. Er kam auf die Idee, sich bei der Opera zu erkundigen. Ihm gelang es tatsächlich für den kommenden Sonntag noch drei Karten zu ergattern. Madame Hlavin sang die Hauptrolle.

 

06. Dezember 1871; Mittwoch

In der Früh gratulierten alle dem nun achzehnjährigen Florian von Krainer. Man hatte sich für den Abend in ein Restaurant eingemietet, um die Feierlichkeit im engen Rahmen zu feiern.

Florian wunderte sich über die Anzahl der Karten. Es lief darauf hinaus, daß Herr Aouda nicht mitkommen wollte. Am nächsten Tag wurde die Anzahl von Herr von Dragenfeld auf vier erhöht.

 

09. Dezember 1871; Samstag

Venedig hatte so viel zu bieten. Herr von Krainer schloß sich gerne dem adeligen Künstler an, denn der Mann legte eine gewisse Gabe an den Tag, Details wahrzunehmen, an der ein Normalsterblicher einfach vorbeigegangen wäre. So erlebte Florian die Hauptstadt Italiens durch andere Augen. Charon hatte eine Neigung zur Melancholie und die verdeutlichte sich in der Gegenwart der Gassen und Wasserstraßen, die dem Vergessen anheimgefallen waren. Hier lag Venedig im Sterben.

Wurde es zu erdrückend stundenlang an einem Fleck auszuharren, um hier und dort ein Detail zu zeichnen, zog Florian den Künstler einfach weiter. Es gab unzählige Läden, die Masken, Gewänder, Stoffe, Glas und allen mögliche Plunder feil boten. Als sie an den erleuchteten Schaufenstern vorbeiflanierten, fiel Charon dahinter ein Mann auf, der sich die Auslage präsentieren ließ. Im Fenster standen unzählige bunte Glasfiguren, Briefbeschwerer, kleine Spiegel und vieles mehr. Verborgen hinter dem Kitsch - potentielle Kunden mimend - beobachteten Charon und Florian die verdächtige Gestalt. Auffällig war die altertümliche Napoleonische Kleidung, die der Mann trug. Dann war er beinahe so groß gewachsen wie Herr von Dragenfeld. Unter dem dunkelblauen Mantel lugten die Absätze schwerer Stiefel hervor. Der Mann hatte die kastanienbraunen Haare, die an den Schläfen schon ergraut waren im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden. Ein Band war um den Kopf gewunden und als der Kunde, der sich Spiegel zeigen ließ, den Kopf ein wenig zur Seite wand, konnte man die weiße Halbmaske sehen, die die rechte Gesichtshälfte verbarg. Von irgendwoher kannte Charon den Mann, nur konnte er sich nicht erinnern woher.

„Eigentümlich“, flüsterte Florian.

Herr Aouda schreckte zusammen: „Er hat uns gesehen.“

„Und wenn schon, wir sehen uns die Auslage an.“ Florian faßte sich ein Herz und betrat den Laden, gefolgt von Charon. Gerade eben war der Verkäufer dabei einen schönen Handspiegel in Papier einzuschlagen. Natürlich sah er von seiner Tätigkeit auf, sowie sich der hochgewachsene Herr herumdrehte. Seine bernsteinfarbenen Augen streiften für einen kurzen Moment die Neuankömmlinge, nickte den beiden Männern grüßend zu und widmete sich dann dem Bezahlen. Dann schritt er an Florian vorbei, der einen der Briefbeschwerer zur Hand genommen hatte und verließ den Laden.

„Wer war das?“ fragte Herr von Krainer den Verkäufer, als er das Stück seiner Wahl auf den Tisch legte.

Der Verkäufer zuckte mit den Schultern: „Er nannte seinen Namen nicht.“

„Weswegen ist er so seltsam gekleidet?“

„Vielleicht gehört er zum Theater“, antwortete der Mann, während er den Briefbeschwerer einpackte. Florian zahlte und gemeinsam mit Charon verließen sie den Laden. Natürlich war der seltsame Venezianer schon längst in einem der Gäßchen verschwunden.

 

Florian und Charon unterhielten sich noch eine Weile über die merkwürdige Begegnung. Sie setzten sich später in ein Café und redeten bis spät in die Nacht hinein. Sie waren die letzten, die gingen.

Die Dunkelheit begleitete sie, als sie den Weg nach Hause einschlugen. Gerade hatten sie eine Brücke überquert und folgten dem Lauf des Canals, als sie einen Ruf von hinten vernahmen. Ein Mann, mehr ein Schatten, war auf der Brücke aufgetaucht. Man konnte die Furcht erkennen, die von ihm Besitz ergriffen hatte, als er sich im Laufen herumdrehte. Ein Schuß hallte zwischen den Gassen wider. Die Gestalt auf der Brücke zuckte zusammen, dann stürzte sie über das Geländer in den Canal. Charon packte Florian an der Schulter und zog ihn hinter eine Häuserecke. Von dort beobachteten sie zwei Verfolger. Diese blieben auf der Brücke stehen und starrten ins Wasser hinunter. In der Hand des einen konnten sie den Lauf einer Pistole erkennen. Die Männer huschten auf ihre Seite des Canals und schauten unter der Brücke nach, dann verschwanden sie hinter dem Pfeiler und suchten die Promenade Canalaufwärts.

Ein leises Geräusch ließ die beiden Abenteurer aufhorchen. Eine Hand erschien an der Canaleinfassung. Ohne darüber nachzudenken, in was er sich da einmischte, verließ Charon das Versteck und zog den Mann an Land. Es war nicht nur Wasser, das dessen Jacke durchnäßte …

Verzweifelt, dem Tode nahe, packte der Fremde Charons Mantel am Revers: „Leonardo, Leon… dräs Leonardo.“ Er drückte Charon etwas in die Hand, dann schloß er die Augen, für immer. Herr Aouda ließ den Mann zu Boden gleiten.

Florian war nun ebenfalls aus seinem Versteck gekommen. „Was hast du da?“

„Einen Zettel.“

Florian griff danach, als sie jemanden rufen hörten: „Da.“ Die beiden Abenteurer sahen auf und erkannten, daß sie entdeckt worden waren. Sie nahmen die Beine in die Hand und rannten los. Charon war immer voraus und zerrte Herr von Krainer hinter sich her. Es ging immer tiefer in das enge Labyrinth Venedigs. Sie flogen über Brücken dahin, bogen flugs in abzweigende Gassen, rannten Treppen empor und anderorts wieder herunter … immer die Verfolger im Nacken und das Wissen, daß diese eine Pistole besaßen … und sich nicht davor scheuten, sie auch zu benutzen.

„Hier hinein“, wieder bogen sie irgendwo ab und standen plötzlich in einer Sackgasse. Es war keine gewöhnliche, denn die Gasse endete an einem breiteren Canal. Ohne darüber nachzudenken ließ sich Florian in das eiskalte Wasser hinunter. Charon folgte ihm. Nur die Angst um sein eigenes Leben treibt einen Menschen dazu, etwas derartige Gefährliches zu machen, vor allem, wenn man nicht Schwimmen gelernt hat. Beide Männer hielten sich an Mauervorsprüngen fest und hangelten sich von der offenen Sackgasse weg, ein Versteck zu finden. Die Panik ließ sie die Kälte vergessen, die wie ein Raubtier in ihre Glieder biß. Es erschien niemand am Wasser. Anscheinend waren sie ihren Verfolgern entkommen. Ein Boot lag vertäut in der Nähe. Schwerfällig enterten sie es, um erst einmal zu verschnaufen. Es blieb einige Atemzüge ruhig. „Ich frage mich, was so wichtig gewesen ist?“

Florian, der den Zettel immer noch in der Hand hielt, faltete ihn auseinander. Im Mondlicht erkannte er, daß der Text in Blut verfaßt worden war. „Mein Freund! Bald ruhe ich bei meinen Ahnen. Im Licht des blinden Löwen, erwächst Einsicht. Regino“, übersetzte Florian für Charon.

Ein leises Platschen ließ sie emporfahren und über den Bootsrand schauen. Eine dunkle Silhouette steuerte auf sie zu. Als die beiden Verfolger erkannten, daß man sie bemerkt hatte, verhielten sie. „Heda!“ rief der eine, „geben Sie uns, was uns gehört und wir lassen Sie ziehen!“

„Wie können wir Ihnen glauben?“

Die beiden Männer lachten: „Gar nicht“, erwiderte der eine.

Florian und Charon sahen einander an, dann packten sie die Ruder und begannen wie wild zu paddeln. Das Boot nahm Fahrt auf und ihre Verfolger ebenfalls.

„Halten Sie an!“ schrie der eine Mann, dann krachte ein Schuß. „Charon!“ schrie Herr von Krainer, als dieser getroffen zusammensackte.

„Noch einmal schieße ich nicht daneben“, warnte die dunkle Stimme. Das Verfolgerboot näherte sich langsam, während die eine Gestalt die Pistole auf die Flüchtenden gerichtet hielt.

„Her mit der Nachricht.“

Florian zögerte kurz, woraufhin sich der Lauf der Waffe gegen ihn richtete. In diesem Moment erwachte Charon zum Leben. Er versuchte den Mann anzurempeln, um mit ihm über Bord zu gehen. Es mißlang. Der Vermummte war recht geschickt. Ihn packte die Wut und er schlug Charon mit dem Knauf seiner Waffe nieder. Das letzte, was dieser sah, war ein Schmuckstück an einer silbernen Kette, das seinem Angreifer aus dem Kragen gerutscht war: ein auf dem Kopf stehendes altertümliches Tatzenkreuz.

„Her mit der Nachricht!“ die Stimme wurde nachdrücklicher.

Florian zögerte nun nicht mehr. Er gab dem Mann den Zettel. Dieser riß ihn ihm förmlich aus der Hand. Plötzlich waren Pfeifen zu hören. Die Carabinieries!

Die Vermummten fluchten, warfen die Paddel der beiden fort und ruderten von dannen.

 

Es war ein Glück, daß die Carabinierie die Schüssen gehört und ihrerseits die Verfolgung aufgenommen hatten. Sie holten die beiden durchgefrorenen und verletzten Männer aus dem dahintreibenden Boot. Und es war ein Glück, daß es die beiden Gesetzeshüter waren, denen man schon einmal begegnet war.

Man brachte Herrn von Krainer und Herrn Aouda ins Hospital, wo man sich um die Schulterverletzung des letzteren kümmerte.

 

Wieviel Zeit vergangen war, das wußte Florian nicht. Er trug saubere und trockene Kleidung und saß in einem Stuhl nahe dem Bett, indem Herr Aouda schlief. Die Bilder der Verfolgung spukten ihm im Kopf herum und wie nahe er dem Tod gewesen war. War dies Abenteuer?

Was bedeuteten die Worte auf dem Zettel?

Die Türe wurde geöffnet und Myrjam trat ein. „Flo, wie geht es dir?“

„Mir geht es gut.“ Das stimmte nicht. Er war sehr müde, erschreckt, verunsichert …

„Schön. Wie ich gehört habe, hat Herr Aouda eine Schußverletzung davongetragen. Der Arzt sagte mir, daß es ihm bald besser geht. Mehr Glück als Verstand. Kommst du?“

„Nein, ich bleibe hier.“

„Und was willst du hier?“

„Achtgeben.“

Myrjam schmunzelte: „Mit geschlossenen Augen, wie? Einen guten Wachhund gibst du ab, kleiner Bruder.“

„Ich bleibe.“

„Das denke ich nicht. Du gehörst ins Bett und zwar sofort.“

„Ich bleibe“, wiederholte sich Florian.

„Es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens, du kommst freiwillig mit oder zweitens Arthur trägt dich bis in dein Bett … also wähle.“

Florian murrte, dann stand er auf und folgte seiner Schwester… nach Hause.

 

Feuer, überall war Feuer. Da waren Stimmen, die etwas schrien, da waren Hände, die nach ihm griffen. Er roch den Duft seiner Mutter, er fühlte ihre Gegenwart, er spürte ihre Angst. Angst, ja die hatte er, schreckliche Angst. Da war sein Kindermädchen, das ihn fortzog, da war das Feuer, überall war Feuer, es leckte nach ihm, es krachte und knisterte … da waren Schüsse, Schüsse die durch die dunkle Helligkeit zu ihm hinüberschrien, da war ein Biß, ein Schlangenbiß? der ihm in der Schulter brannte … und da war das Kreuz des Christentums … nur das es auf dem Kopf stand. Stand er Kopf? Oder war es die Welt?

Charon erwachte und ihm war übel.

 

10. Dezember 1871; Sonntag

Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Es hatte beinahe so geklungen, wie das sachte Klopfen gegen Holz … innerhalb seines Zimmers. Die Flucht durch Venedigs engen Gassen und die durchlebte Angst saß ihm noch tief im Gebein. Waren sie ihm bis hier her gefolgt?

Sicherlich hätten die dunklen Gestalten kurzen Prozeß mit ihnen beiden gemacht, wenn nicht die Carabinieries aufgetaucht wären. Wollte man es nun beenden?

Florians Sicht in sein Zimmer hinein war durch die zugezogenen Vorhänge seines Himmelbettes versperrt. Er konnte zwei Helligkeiten ausmachen. Das bläuliche Licht, das durch die Läden der Fenster sickerte und das warme das aus dem Türchen des Kachelofens drang. Irgendwer hatte das stete Flämmchen der Gaslampen ausgeblasen.

Vorsichtig schlug Florian den Vorhang bei Seite und ließ sich auf den flauschigen Teppich zu seinen Füßen gleiten. Hastig sah er sich nach seinem Stockdegen um, den irgendwer beim Kleiderständer deponiert hatte. Flugs war er hinübergeeilt und zog die Klinge blank.

Da war ein Hauchen hinter ihm und er fuhr herum. Ein Schatten huschte, nur aus den Augenwinkeln wahrnehmbar, über die gegenüberliegende Wand … was ging in drei Teufels Namen hier vor?

Florian bemerkte, daß seine Schranktüre einen Spalt breit offen stand und so schlich er sich heran und riß sie auf. Niemand verbarg sich hinter seinen Anzügen. Florian drehte sich herum und versuchte ein weiteres Versteck auszumachen. Etwas streifte seine Waden.

Erschrocken sprang Florian bei Seite und starrte an seiner Degenklinge hinunter auf den Boden. Eine weiße Katze erwiderte den Blick aus großen vorwurfsvollen Augen. Dann schnupperte das Tier an der metallenen Spitze, die Florian auf es gerichtet hatte und begann leise zu schnurren. Auf leisen Pfoten schritt die Katze an dem Säbel vorbei, ließ ihren Schwanz majestätisch über die Klinge streifen und umschmeichelte die Beine des Mannes.

Florian ließ langsam die Luft von seinen Lippen entweichen. Es war nur die Katze gewesen. Er ließ sie raus und legte sich wieder nieder. Allerdings wollte ihn der Schlaf nicht mehr holen. In seinen Gedanken wiederholten sich die Worte des Ermordeten. Leonardo, Leonar … hier war die Stimme gebrochen und dann träs … drei. Drei mal Leonardo? Florian stand wieder auf und suchte die Venedigkarte, die ihm Myrjam gegeben hatte. Er breitete sie auf dem Bett aus und studierte sie im Licht der entzündeten Gaslampen. Das Straßen- und Platzregister auf der Rückseite folgte irgendeinem unvertrauten Muster. Jedenfalls war es nur vage an das Alphabet angelehnt… Florian vermutete einen Druckfehler. Es gab keine Straße mit dem Namen „Leonardo“. Da das Register schon Fehlerhaft war, machte sich Florian die Mühe und durchforstete die Karte selbst nach den Straßennamen und tatsächlich wurde er fündig. Im Nordwesten Venedigs, beginnend am Canale di Cannaregio lag die Rio Terrà S. Leonardo. Dort war auch eine Kirche eingezeichnet, die diesem Heiligen geweiht war. Zwei mal Leonardo. Den dritten würde er wohl vor Ort finden. Als er endlich Geräusche im Haus vernahm, stand er müde auf und begab sich in den Herrensalon. Dort läutete er nach einem der Bediensteten und ließ sich einen starken Kaffee bringen.

Zusammengekauert lümmelte Florian sich in einem der großen Ohrensessel. Eines von vier Büchern, die er aus dem Regal gezogen hatte, lag ihm auf dem Schoß, die anderen drei hatte er neben sich auf den Boden gestapelt. Der Kaffee duftete aus seiner feinen Porzellantasse, die ihm der Diener auf einen kleinen Beistelltisch serviert hatte.

Müde, die Zeilen lesend aber nicht begreifend, da die Gedanken überall verweilten, nur nicht beim Inhalt des Buches, zogen die Sekunden und Minuten zäh wie Stunden an dem jungen Mann vorüber. Es war noch nicht hell, als ein Geräusch an Florians Ohr drang. Er lugte hinter der Lehne seines Sessels hervor und entdeckte Baronesse de Traghetto vor einem der Regale. Sie studierte die Buchrücken, indem sie sie mit dem Zeigefinger abfuhr. Ein Blick auf die Kaminuhr sagte Florian, daß es immer noch sehr früh war. Dennoch war die junge Dame schon perfekt frisiert und gekleidet. Was trieb sie zu so einer frühen Stunde hier?

Florian räusperte sich leise, um auf sich aufmerksam zu machen. Das gelang ihm auch, denn das kleine Fräulein schrak sichtlich zusammen. Sie hatte sich allein gewähnt. Langsam drehte sich Baronesse de Traghetto herum. Ihre Augen, die so schwarz waren, wie Kohle, blickten Herrn von Krainer eiskalt an. „Was treiben Sie denn hier?“ fragte sie mißgelaunt.

„Ich konnte nicht schlafen. Daher bin ich hier her gekommen, um zu lesen.“ Florian kam der Gedanke, daß er vielleicht erst hätte fragen sollen, bevor er hier so eigenmächtig eingedrungen war. „Wenn ich etwas falsch gemacht haben sollte, so tut es mir leid.“

Die junge Baronesse überging die Entschuldigung und starrte auf die Bücher, die Florian neben sich auf den Boden gestapelt hatte: „Was lesen Sie denn da?“

„Französische Balladen.“

„Soetwas lesen Sie?“ fragte die Baronesse erstaunt.

Florian, der sich für zurückhaltende Höflichkeit entschieden hatte, mußte arg an sich halten, um dieser unverschämten Person seine Meinung frei ins Gesicht zu sagen. „Trauen Sie mir diese Literatur nicht zu?“

„Sie machen auf mich nicht den Eindruck eines Poeten.“

Etwas lauter, als er es beabsichtigt hatte, schlug Florian das Buch auf seinem Schoß zu. Dabei fiel ihm auf, daß er lediglich mit Schlafanzug und Morgenrock bekleidet war. Es war eine durchaus gängige Bekleidung für einen Gentleman, der sich allein in seinen Räumen aufhielt. „Manche Talente ruhen eben im Verborgenen“, erwiderte Florian leise. Seltsamerweise verfinsterte sich der Blick des Mädchens zu reinem Zorn. „Spielen Sie auf etwas Bestimmtes an?“

„Nein, nein … was meinen Sie?“

„Ach“, schimpfte die Baronesse, „was kann ich von einer Person schon erwarten, die sich nicht einmal der Etikette entsprechend kleidet.“ Sie drehte sich herum, zog eines der Bücher aus dem Regal und schritt zur Türe. Dort vermeinte Florian sie noch sagen zu hören. „Ich frage mich, warum Herr von Dragenfeld ausgerechnet diese Personen hergebracht hat.“

Während des Frühstücks vermied Florian den Blick der Baronesse, der ihm wie Nadelstiche in den Nacken stach. Herr von Dragenfeld und Barone Traghetto unterhielten sich. Der italienische Klang umschmeichelte untermalte die Müdigkeit Florians, bis ein Wort fiel, daß ihn schlagartig weckte: „Mord.“

„Er war ein angesehener Mann“, sagte Herr von Dragenfeld, „ich denke nicht, daß er sich selbst das Leben genommen hat.“

„Sie kannten Ihn nicht. Er war von seinen Ideen besessen …“

„…Eher von seinen Leidenschaften“, wurde der Barone von Herrn von Dragenfeld unterbrochen.

„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Letztendlich haben sie ihn in den Ruin getrieben.“

„Ruin? Stand es so schlimm um ihn? Ich dachte, daß er aufgrund seines Alters aufs Land hinaus ziehen wollte. Daher die Versteigerung.“

„Arthur, Sie sind ein Idealist und werden es immer bleiben. Offiziell wollte er aufs Land ziehen, natürlich … Sie verstehen?“

Der großgewachsene Mann räusperte sich und nickte dann. „Ich kannte Duca Canova flüchtig. Ich bin ihm in einigen Clubs begegnet. Er war ein Mann, der genau wußte, was er wollte.“

„Dennoch kann einer gestandenen Person ein Schicksalsschlag das Genick brechen.“

„Nein, Dario, nein … Duca Canova hat meiner Meinung nach keinen Selbstmord begangen.“

Die beiden Herren wechselten das Thema und Florian sah weg, genau in die Augen Baronesse Traghettos. Diese hob tadelnd eine Augenbraue. Sie hatte gemerkt, daß Florian ihren Vater und seinen Gast belauscht hatte.

Wer war dieser Duca Canova. Von irgendwoher kannte er den Namen, nur konnte er sich nicht mehr daran erinnern, woher. Hatte dieser ominöse Selbstmord und der Mord des gestrigen Abends etwas miteinander zu tun? Das galt es herauszufinden.

 

Schatten huschten über die drei weißen Vorhänge, die sein kleines Refugium begrenzten. Stimmen drangen von überall her. Sie waren weit entfernt oder gleich neben an … aber alle unverständlich. Blasses Licht drang durch die hellen Stoffwände. Es war Tag … der nächste Tag.

Da wurde einer der Vorhänge bei Seite gezogen und eine Dame in einer weißen Schürze trat neben das Bett. Sie redete freundlich auf Charon ein, gab ihn etwas zu trinken, das seltsam schmeckte, aber seine Kopfschmerzen linderte. Von der Dame erhielt er Papier und einen Stift. Er versuchte sich an das Tatzenkreuz zu erinnern und zeichnete es. Später kam der Arzt, der die Verbände abnahm und sich die Schußverletzung am Oberarm und die Platzwunde am Kopf ansah. Zufrieden nickte der Mann und redete etwas Freundliches. Er stand auf und rief nach einer der Schwestern. Es war ein Kommen und Gehen an dem Krankenbett des Herrn Aouda. In der kurzen Pause, die nun entstand, konnte sich der Halbinder in Ruhe seine Oberarmverletzung ansehen. Erleichtert stellte er fest, daß es sich um einen leichten Streifschuß handelte. Man hatte die Wunde mit vier Stichen genäht.

Eine leise freundliche Stimme sprach ihn mahnend an und Charon blickte auf. Die Schwester schüttelte leicht den Kopf und deutete auf die Wunde. Sie tadelte den Mann, daß er nicht daran herumspielen sollte. Artig nahm Charon die Hand weg. Die Schwester besah sich die Wunde, strich etwas darauf, daß leicht nach Nelken roch und verband sie aufs neue. Dann besah sie sich die Kopfverletzung. Sie deutete auf den Verband, den sie in der Hand hielt und dann auf Charon. Er verstand die Geste so, daß sie ihn fragte, ob sie seinen Kopf noch einmal mit einem Turban schmücken sollte. Anscheinend war ein Verband nicht mehr von Nöten. So schüttelte Herr Aouda den Kopf… was ihm eine neue Welle von Schmerzen einbrachte. Die Schwester träufelte eine Tinktur auf ein Läppchen und drückte dies dann vorsichtig auf die Beule, die sich unter Charons schwarzem Haar befand. Die oberflächlichen Schmerzen verschwanden, leider nicht die, die in seinem Kopf ein kleines Feuerwerk veranstalteten.

Als die Schwester gehen wollte, hielt sie Charon zurück. Er zog seine Zeichnung hervor. Die junge Frau drehte das Bild so herum, daß das Kreuz für ihr Sinnen richtig herum stand. Sie nickte und deutete damit an, daß sie das Kreuz kannte oder daß sie die Zeichnung für gut befand. Charon nahm ihr die Skizze aus der Hand, drehte das Blatt um 180° und drückte es der Frau wieder in die Hand. Verwirrt schüttelte diese ihr Haupt und drehte das Bild richtig herum. „No“, sagte Charon.

Nun schien die Schwester zu begreifen. Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn und sie bekreuzigte sich. Ihre Stimme klang streng, als sie etwas sagte. Dann und verließ sie ihren Patienten.

 

Charon dämmerte wieder ein. Er vermischte die Geräusche in dem Raum, der durch Stoffwände in mehrere Kabinen unterteilt war mit der Verfolgung der gestrigen Nacht. Immer wieder tauchte dieses Kreuz auf und die seltsamen Worte, die auf dem Brief gestanden waren. Im Licht des blinden Löwen, erwächst Einsicht. Der venezianische Löwe trug Flügel, wie ein Engel. Doch warum war das arme Tier erblindet? Warum mußte es sein Augenlicht vergeben, um Einsicht zu gewinnen? Wie kann man sehen ohne sehen zu können? Da war die rauhe Stimme des einen Verfolgers. Die Intornation der Worte war merkwürdig gewesen. Es klang vertraut … fast wie bei einem Pfarrer.

Das Kreuz, das Tatzenkreuz war der Schlüssel … doch wohin? In die Hölle? Es war ein unheiliges Symbol … es wäre logisch wenn es so wäre.

 

„Wachen Sie auf“, drang ihm eine sanfte Stimme ins Bewußtsein. Verwirrt schlug Charon die Augen auf. Weiß, alles um ihn herum war weiß … dann erinnerte er sich.

„Wie geht es Ihnen?“ fragte die Stimme weiter.

Langsam richtete sich Charon auf. „Frl. von Krainer, wie geht es Ihrem Bruder?“

„Sie sind mir einer. Sie liegen im Hospital und nicht er.“

„Wie geht es ihm?“ beharrte der Halbinder auf seiner Frage.

„Gut. Sie können sich selbst davon überzeugen. Florian!“

Herr von Krainer, der aus unerfindlichen Gründen hinter dem Vorhang gewartet hatte, trat in Charons Sichtfeld.

„Ich bin erleichtert. Ich befürchtete schon, daß unsere Verfolger Sie verletzt hätten.“

„Nein, mir geht es gut.“ Der goldene Engel hatte Farbe eingebüßt. Die schlaflose Nacht machte sich bemerkbar. Charon lächelte nachsichtig über diese kleine stolze Flunkerei.

„Was haben Sie da gezeichnet?“ fragte Frl. von Krainer und hob das Bild hoch. Natürlich hielt sie das Kreuz, wie es sich für eine Christin gehörte mit dem langen Schenkel nach unten. Dann stutzte sie. „Sie haben die Öse und die Kette am falschen Ende gezeichnet.“

„Nein, die Zeichnung stimmt“, erklärte Herr Aouda, „ich habe dieses Kreuz bei dem Mann gesehen, der mich niedergeschlagen hat.“

Florian mischte sich ein und gesellte sich neben seine Schwester: „Ein verkehrt herum getragenes Kreuz?“

Die drei sahen sich an. Jedem wurde unwohl bei dem Gedanken. „Die Schwester reagierte äußerst ungehalten über diese Zeichnung.“

„Das ist auch kein Wunder“, murmelte Frl. von Krainer, „es stellt das Christentum auf den Kopf. Es beinhaltet etwas Böses. Auf was sind Sie und mein Bruder nur gestoßen? Aber, es ist besser, wir sprechen später darüber. Ich habe Ihnen etwas zum Wechseln mitgebracht.“ Gewand hob Myrjam eine Tasche auf das Fußende des Bettes. Charon erbleichte. Es war ihm ganz und gar nicht recht, das jemand in seinem Zimmer gewesen war. Er verbarg seine Skizzenbücher unter den Socken. Frl. von Krainer, die sicherlich nicht diese Tasche gepackt hatte, entging die erblaßte Hautfarbe des Halbinders. „Wir werden Sie zum Palazzo Manin geleiten“, lächelte sie, „dort können Sie genausogut genesen wie hier.“

 

Sprachs getan. Die Geschwister Krainer geleiteten einen gegen die Kälte eingemummelten Herrn Aouda mit dem Boot bis zum Palazzo. Diener halfen dem Halbinder hinauf in sein Zimmer, der sich erst einmal ermattet auf sein Bett setzte. Ihm gegenüber ließ sich Frl. von Krainer in einem Sessel nieder. Florian zog es vor zu stehen.

„Wir müssen heute noch zur Polizei. Mein Bruder und Sie sollten sich überlegen, was Sie den Herren sagen wollen.“

Charon und Florian warfen sich einen fragenden Blick zu, ob sie Myrjam in alles einweihen sollten. Sie berichteten letztendlich von dem Mann, der erschossen wurde und von der Verfolgung.

„Ihr wart Zeuge eines Überfalls“, grübelte Myrjam, „das können wir den Carabinieries so erzählen. Ich würde aber das Detail des Kreuzes weglassen. Schlafende Hunde sollte man nicht wecken.“

„Myrjam, du meinst, wir sollen denen eine Lüge auftischen?“ Florian blickte verwirrt drein.

„Ich bevorzuge die Bezeichnung: Verschweigen.“

Herr Aouda mischte sich ein: „Was meinen Sie mit: Schlafende Hunde sollte man nicht wecken?“

Myrjam sah ein wenig hilflos aus: „Ich kann es nicht genau definieren. Ihre Zeichnung bereitet mir Angst. Wer weiß, wer diese Leute sind, wie mächtig sie sind … sie haben versucht Sie und meinen Bruder aus dem Weg zu räumen. Wenn wir nun nicht mehr auf uns Aufmerksam machen, dann vergessen sie womöglich Ihr Einmischen.“

„Gut, wir lassen dieses Detail weg“, sagte Florian sofort. „Ich … habe da noch eine andere Frage: Wer war Duca Canova?“

Myrjam zwinkerte verblüfft: „Warum fragst du mich das? Siehst du einen Zusammenhang zwischen seinem Verscheiden und eurem Abenteuer?“

„Zwei Morde in einer Nacht, wenn das kein Zusammenhang ist.“

„Langsam, Flo, es ist noch nicht sicher, ob der Duca ermordet worden ist.“

„Was steht denn in der Zeitung?“ fragte Herr Aouda.

„Ich weiß es nicht“, gestand Myrjam. Sie ließ sich die Zeitung bringen und blätterte sie durch. „Hier ist der Artikel, Moment … da steht nichts von der Todesursache, nur daß man die Versteigerung nicht ausfallen lassen möchte.“

„Versteigerung?“ fragte Herr Aouda, „was und warum wollte er versteigern?“

„Ich bin mir nicht sicher. Arthur erwähnte etwas, daß Duca Canova hohe Spielschulden hätte. Offiziell wollte er sich auf dem Land niederlassen. Er war politisch angesehen und wollte sich so wohl aus der Affäre ziehen. Ich finde eines aber merkwürdig …“

„Und das wäre, liebe Schwester?“

„Nun, der Mord von heute Nacht steht nicht in der Zeitung.“

„Eine Vertuschung?“ fragte Herr Aouda.

Frl. von Krainer, die durchaus Kontakt zu den Dolchverschwörern hegte, glaubte nicht an eine gewöhnliche Antwort, wie … es war schon Redaktionsschluß, als der Mord gemeldet wurde. „Es könnte sein.“

 

Herr Aouda mußte diesen Tag noch das Bett hüten. Da er nach einer geraumen Weile nicht mehr liegen konnte, setzte er sich auf seinen Lieblingsplatz am Fenster und schrieb Frl. Caprice. Unter dem Deckmantel einer spannenden Geschichte, die ihm hier in Venedig eingefallen war, faßte er das Erlebte in spannende Worte zusammen. Irgendwann würde er Frl. Caprice die Wahrheit offenbaren.

 

Die Geschwister Krainer begaben sich unterdessen zum Präsidium der Carabinieries, um den Überfall der letzten Nacht zu Protokoll zu bringen. Es blieb bei einer mageren Aussage, da sich Florian an die Straße nicht mehr erinnern konnte, inder sie überfallen worden waren. Als der Beamte nach den Schüssen fragte, wer verletzt worden war oder ob es außer den vier Involvierten noch andere Zeugen gab, wurden die beiden Geschwister doch stutzig. Niemand erwähnte den Ermordeten. Vielleicht war er auch in den Canal zurückgeglitten und würde in den nächsten Tagen gefunden werden. Florian täuschte irgendwann Übelkeit vor und trollte sich, während Myrjam blieb, um die Personalien zu Protokoll zu geben.

 

Florian mußte Gewißheit haben. Er hatte auf der Station in Erfahrung gebracht, wie die Villa des Verstorbenen Duca Canova hieß: Palazzo Dona. Er lag am Campo S. Polo und das war Mitten in Venedig. So machte er sich auf den Weg… nicht nach Hause, wie er seiner Schwester hoch und heilig versprechen mußte, sondern zum Campo S. Polo. Es war unschwer zu erkennen, welche der Palazzos der des verstorbenen Duca Canova war. Zwei Carabinieries standen davor und ließen den Platz nicht aus den Augen. Leider kannte Florian die beiden Männer nicht. Seufzend machte sich der junge von Krainer auf den Weg in den Nordwesten der Stadt. Er mußte nicht weit gehen, um auf bekanntes Terrain zu gelangen. Vor ihm lag die Brücke, auf der der Mann erschossen worden war. Florian blinzelte, er war sich nicht sicher, denn es gab eine Menge ähnlicher Orte in Venedig. Doch dann entdeckte er das getrocknete Blut an der Brüstung. Es war nicht viel und daher nicht sonderlich aufgefallen. Wenn man aber wußte, wo man zu suchen hatte …

Das war eindeutig der Ort, und der Mann war aus der Richtung des Palazzo Donas geflohen. Die Zufälle häuften sich. Florian entschied sich dafür, erst einmal ihr eigener Fluchtweg zu rekonstruieren. Es gelang ihm sogar die hastig verborgenen Zeichenutensilien Herrn Aoudas wiederzufinden. Dann überquerte Herr von Krainer den Canal Grande bei der Ponte Scalzi, lief am Bahnhof vorbei zur Rio Terrà S. Leonardo. Die Kirche war ein wenig zurückgesetzt und auf den ersten Blick nicht zu finden. Man mußte erst um eine Häuserecke gehen, um vor dem Portal zu stehen. Florian zögerte nicht einfach in das Gotteshaus zu gehen. Im Hauptschiff saßen im Gebetsgestühl ein paar gebeugte Gestalten. Ein Meßdiener wechselte in aller Ruhe die Kerzen der Leuchter aus. Florian ging vor zum Jesus und bekreuzigte sich, dann nahm er sich die Nebenschiffe vor. Irgendwo würde er schon den dritten Leonardo finden. Ob der Heilige an sich gemeint war, den man hier überall als Statue antraf oder war eine reale Person der dritte im Bunde. Die Grabplatten stellten eine Pleite dar. Hier deutete nichts auf den Gesuchten hin. Florian seufzte und näherte sich dem Meßdiener. Der schaute auf und setzte ein Lächeln auf. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich suche einen Senior Leonardo.“

„Bedaure, hier gibt es niemanden mit diesem Namen.“

Florian bedankte sich bei dem jungen Mann und schlich enttäuscht in Richtung Heimat. Wo hatte er einen Denkfehler begangen? Wo war der dritte Leonardo?

 

Als Florian nach einem wirklich großen Umweg zum Palazzo Manin zurückkehrte, erwartete ihn seine Schwester. Der Wut der Sorge stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Du solltest doch nach Hause gehen“, warf sie ihm vor, „wo warst du?“

Florian deutete auf das Päckchen unter seinem Arm: „Ich … ich bin unseren Fluchtweg abgegangen, um Herr Aoudas Zeichenmaterial zu suchen.“ Damit Myrjam keine Zeit zum weiteren Fragenstellen hatte, überfiel Florian seine Schwester mit einer Bitte: „Wärst du so lieb und würdest Herrn Aouda seine Sachen geben?“

Myrjam stutzte: „Weswegen?“

„Ich“, druckste der kleine Bruder herum, „ich möchte nicht, daß Herr Aouda denkt, ich hätte ihm einen Gefallen getan.“

„Wenn du meinst. Dann sage ich ihm, daß die Carabinieries die Sachen gefunden haben.“

 

Charon saß auf dem Fensterbrett und starrte hinaus in den winterlichen Garten. Im Schutz des Geviert war es Windstill. Die Flocken, die hoch oben im Himmel noch einen wilden Tanz aufgeführt hatten, bewegten sich nun leise im Takt einer unhörbaren Musik.

Es war niemand unten im Garten, weder die kleine Baronesse noch ihre unheimliche Katzenfreundin. Wenn sie dagewesen wären, hätte Charon nicht so entspannt die durchlebten Abenteuer für Frl. Caprice niederschreiben können. Ein leises Klopfen an der Türe ließ ihn aufhorchen. „Kommen Sie herein.“

Es waren die Krainergeschwister. Myrjam trug seine Zeichensachen. „Sehen Sie“, begrüßte sie den Halbinder, „das haben die Carabinieries gefunden.“ Die Röte der Flunkerei bepuderte augenblicklich ihre Wangen. Charon schmunzelte und sah über den faux pas hinweg. „Vielen Dank. Würden Sie sie dort auf die Kommode legen?“

Myrjam war dankbar darum, sich abwenden zu können. Sie nestelte eine Weile an der Zeichenmappe herum, bis das heiße Gefühl aus ihren Wangen gewichen war. Sie hörte hinter sich Herr Aouda fragen: „Wo waren Sie denn, Herr Krainer?“

„Das würde mich ebenfalls interessieren.“ Myrjam drehte sich herum und schloß zu den Herren auf.

Florian sah sich in die Falle getappt. Wütend funkelte er seine Schwester an.

„Meine Dame, darf ich Ihnen den Platz anbieten?“ Charon rückte einen Sessel zurück und Myrjam setzte sich.

„Meine Schwester ist keine Dame“, platzte es aus Florian heraus. Eisiges Schweigen setzte ein. Myrjam stand langsam auf und verließ leise das Zimmer. Sie sagte keinen Ton und warf ihrem Bruder keinen vorwurfsvollen Blick zu, das war ein deutliches Zeichen, daß Florian seine Schwester wirklich verletzt hatte.

„Herr von Krainer, ich muß Sie doch sehr bitten. Wie können Sie von Ihrer Schwester behaupten, sie sei keine Dame?“ Auf Herr Aoudas Stirn war eine steile Falte erschienen.

Florian merkte, daß er mal wieder zu schnell gesprochen hatte. Seine leise Wut war auch schon verraucht. „Sie verhält sich manchmal wirklich nicht wie eine Dame“, sagte der junge Mann kleinlaut.

„Das mag ja Ihre Ansicht sein, aber dann müssen Sie sie doch nicht preisgeben. Sie sollten sich überlegen, wie Sie Ihre Schwester wieder wohlgewogen machen.“

„Schon wieder ein Geschenk“, murmelte Florian.

„Das läßt ja tief Einblicken. Dann sollte es diesmal ein schöneres Geschenk sein.“

„Keine Pralinen, keine Blumen …“

Herr Aouda seufzte: „Nein, wenn das Ihre übliche Entschuldigung ist, dann sollte es diesmal etwas sein, daß Ihre Schwester besonders mag.“

„Mir fällt nichts ein. Herr von Dragenfeld beschenkt sie mit allem, was ihr Herz begehrt.“ Florians Stimme klang traurig. Vielleicht war er eifersüchtig auf jenen Herren, der ihm die Schwester fortgenommen hatte.

„Heute Abend ist es ohnehin zu spät. Wir werden morgen nach einem passenden Geschenk Ausschau halten. Nun berichten Sie schon, was haben Sie herausgefunden?“

Florian war dankbar für den Themenwechsel und berichtete von seiner kleinen Odyssee durch Venedig. Herr Aouda hörte sehr aufmerksam zu und überlegte, was man noch machen konnte. Er schlug vor, sich das Stadtarchiv vorzunehmen, um mehr über Duca Canova herauszufinden. „Ich muß Ihre Euphorie zügeln. Es könnte durchaus sein, daß der verstorbene Duca mit dem Mord auf der Brücke nichts gemein hat. Allerdings ist es nicht von der Hand zu weisen, daß der Ermordete ein Bote Canovas gewesen ist.“

Die beiden Männer grübelten noch recht lange über die Geschehnisse ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Irgendwann war die weiße Katze, die wohl im Schrank geschlagen hatte, zu Charon geschlendert und war ihm auf den Schoß gesprungen. Leise schnurrend lag sie nun da und schien unbeteiligt.

„Im Licht des blinden Löwen erwächst Einsicht. Müssen wir nun jeden Löwen in Venedig aufsuchen?“ seufzte Florian.

„Da hätten wir viel zu tun. Es könnte auch eine Metapher sein. Vielleicht steht der Löwe für Venedig…“

„Eine politische Nachricht?“

„Ich weiß es nicht … ich habe keine Ahnung.“

 

Da läutete es zum Abendessen. Natürlich war es die Katze, die zuerst an der Tür stand. Gemeinsam gingen die beiden Herren hinüber zum Speisesaal. Eisiges Schweigen beherrschte den heutigen Abend … zumindest empfand das Florian so.

 

Die beiden Herren beschlossen, wenn der Abend schon eisig begonnen hatte, sollte man ihn auch eisig beenden. So wagten sie einen weiteren Spaziergang durch das nächtliche Venedig. Der Schneefall des Nachmittags hatte nicht nachgelassen. Nun knirschte die weiße Pracht bei jedem Schritt, den die beiden Männer taten. Zunächst hing jeder seinen Gedanken nach. Florian dachte über ein Gespräch nach, daß er mit Charon vor einiger Zeit geführt hatte. Es ging darum, daß Charon sich Schuldig am Tod eines Mädchens fühlte. Laut ihm waren sie beide sehr glücklich miteinander gewesen, doch dann hatte sich etwas ereignet und daraufhin hatte sie sich das Leben genommen. Charon war danach - das war vor zwei Jahren - aus England geflohen und versuchte nun zu vergessen. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet Florian zu begegnen, dessen Eigenschaften auch unbändige Neugierde beinhaltete.

„Sagen Sie, Sir of Courtland…“

Herr Aouda schrak bei dieser Bezeichnung zusammen: „Nennen Sie mich um Himmelswillen nicht so.“

„Gut, Herr von und zu, wie hieß den die Frau … na, Sie wissen schon wen ich meine.“

Feinfühlig, wie immer, seufzte Charon innerlich. Es lag nun zwei Jahre zurück und doch waren die seelischen Wunden nicht verheilt. Außerdem galt es ein Mißverständnis aufzuklären… ein sehr brisantes. „Dieses Mädchen hieß Jonathan of Courtland und war mein Cousin.“

Florian blieb stehen und starrte Charon entgeistert an. „Sie wollen sagen …?“

„Das ich pervers bin? Nur zu … das habe ich oft genug vernommen. Jonathan und ich haben uns geliebt und was ist falsch daran? Was können zwei liebende Seelen dafür, daß sie in gleichgeschlechtliche Körper gesperrt wurden? Sie wissen gar nicht, was wir durchleben mußten, als das herauskam. Jonathan, der feine Geist … viel zu zart, um in ein Internat zu gehen. Er hat das nicht verkraftet… und schied aus eigener Hand von mir.“

Florians Mine war vereist. Er fand die Vorstellung zweier Männer … einfach nur widerlich. „Gute Nacht, Sir of Courtland“, sagte Herr von Krainer, drehte sich herum und ging. Schnell hatte ihn die Nacht verschluckt.

In Charons Herzen erblühte die Blume der Verzweiflung. Er hatte sich anvertraut, er hatte sich für einen kurzen Moment seiner Vergangenheit gestellt, hatte alte Wunden wieder aufgerissen, in der Hoffnung zumindest auf Verständnis zu stoßen… es war schief gelaufen. Seine Ehrlichkeit hatte ihm die zweitliebste Person seines Lebens davongescheucht. Niemals wieder würde ihm Florian in unschuldiger Unbedarftheit begegnen. Diese Zeiten waren nun für immer vorbei. Wahrscheinlich war, daß er zurück nach Frankfurt geschickt wurde … wenn Florian zu seiner Schwester gehen würde.

 

Florian eilte Schnurstracks zum Palazzo Manin zurück. Er eilte die Treppen hinauf und stand alsbald vor der Zimmertüre Myrjams. Unlängst hatte er seinen beleidigenden Ausrutscher ihr gegenüber verdrängt und so klopfte er bei ihr Sturm. Es dauerte eine Weile, bis seine Schwester ihm die Türe öffnete. Sie war schon in Bett gewesen und trug nun über ihrem Nachtkleid einen  weißen flauschigen Morgenmantel. In ihrer rechten Hand ruhte der Schürhaken des Kachelofens. „Florian, um Himmels Willen, was ist passiert?“

„Myrjam … ich muß mit dir reden …“

„Komm erst einmal herein kleiner Bruder.“ Myrjam stellte den Schürhaken zurück in den Ständer und setzte sich dann in einen der Sessel. Florian indes war derart verwirrt, daß er es vorzog auf- und abzulaufen. Myrjam, die das nicht lange aushielt, stand wieder auf und stellte sich ihrem Bruder in den Weg. Dann legte sie ihre Hände auf seine Schulter und schenkte ihm einen tiefen Blick aus ihren braunen Augen: „Was ist geschehen?“

„Charon …“ und dann platzte die ganze Geschichte aus Florian heraus.

„Oh Gott, dann habe ich mich doch nicht geirrt“, flüsterte Myrjam.

Florians Stimme überschlug sich beinahe: „Was meinst du?“

„Er hat sich in dich verliebt.“

„In MICH? Das kann nicht sein. Nein, nein, da irrst du dich.“

Myrjam ließ es auf sich beruhen. „Was mache ich nur? Ich muß ihn fortschicken.“

„Das kannst du doch auch nicht machen.“

Myrjam seufzte: „Ich muß es tun.“

„Was ist falsch daran … ich meine, wenn zwei Seelen sich lieben, warum sollte man sie trennen? Was Gott zusammengeführt hat, sollte der Mensch nicht trennen.“

„Ach Florian, in der Bibel steht geschrieben, daß gleichgeschlechtliche Liebe Teufelei ist. Wer sich ihr hingibt verspielt seine Seele.“

„Das ist Unsinn!“ begehrte Florian auf.

„Und das ist Gotteslästerein, Flo!“ sagte Myrjam streng. Etwas sanfter fügte sie hinzu: „Nicht überall sieht man Herr Aoudas Vorliebe so streng. Ich habe Länder bereist, da ist es egal. Indien, China, (Welche Länder??) , sogar in Paris und in London gibt es Clubs – geheime Clubs – die das dulden.“

„Unserer Gesellschaft zu viele Fesseln auferlegt worden“, murrte der junge von Krainer.

„Flo, der Weltverbesserer“, scherzte Myrjam, „jetzt wirst da aber ins Bett gehen. Du kannst ja kaum noch deine Augen offen halten.“

Florian, der die letzte Nacht schon kaum geschlafen hatte, folgte dem Rat seiner Schwester und ging schlafen.

 

Anderorts stemmte sich eine einsame Gestalt gegen das nächtliche Schneetreiben. Die Finsternis biß mit eisiger Kälte durch den Wintermantel, den Charon um seine schmalen Schultern gewunden hatte. Alles war egal geworden, alles war in seinem Inneren zu Eis erstarrt, jeder Gedanke war gefroren … leider die Atemzüge nicht, die vor Kälte brennende Luft in seine Lungen pumpten, leider sein Herz nicht, daß schlaff weiterhin Blut auf die lebensspendende Reise durch seinen Körper schickte … leider seine Muskeln nicht, die ihn weiterhin durch das Labyrinth Venedigs trieben. Einfach fallen lassen, einfach in das dunkle Schwarz der Canäle eintauchen, sich treiben lassen, hinaus in die Bucht, hinaus in das weite freie Meer.

Irgendwann, irgendwo ließ sich Charon in einem Hauseingang nieder. Er schlang die Arme um seine Knie und bettete seinen Kopf darauf. Sollte er hier einschlafen? Dann würde er mit Jonathan vereint sein, wie vor so vielen Jahren, als sie fast noch Kinder waren.

Eine leise Bewegung ließ Charon aufhorchen. Es benötigte einige schmerzende Atemzüge, um zu erkennen, daß sich die Türe geöffnet hatte. „Herr Aouda, Sie werden sich hier Draußen den Tod holen“, sprach ihn eine Stimme an. Es war Deutsch mit einer Priese Italienisch gewürzt. Verwirrt sah Charon auf. Auf einer weißen Halbmaske spiegelte sich der rötliche Schein einer Kerze, die der Mann in der rechten Hand trug. Die linke Gesichtshälfte lag im Dunkeln und nur die Augen blitzten bernsteinfarben. „Kommen Sie schon.“ Der Fremde reichte Charon die freie Hand. Zögerlich nahm der Halbinder die suspekte Einladung an. Woher kannte der Mann seinen Namen? Die Hand, die Charons ergriff steckte in einem feinen weißen Handschuh, dann wurde der Halbinder auf die Füße gezogen.

„Wir gehe nach oben, in den Salon.“

Charon sah sich genötigt an seinem unheimlichen Gastgeber vorbeizugehen, damit dieser die Türe hinter ihm schließen konnte. Dann folgte er dem Mann durch einen kurzen Gang, eine Treppe hinauf. Das Haus roch, als würde niemand hier wohnen. Außerdem war es auf dem Gang beinahe so beißend kalt, wie draußen. Oben angelangt sickerte unter einer der Türen warmer Schein hindurch. Genau dorthin steuerte der Gastgeber hin. Hinter der Türe lag ein etwas geräumigeres Zimmer. Es gab einen Kamin, indem ein warmes Feuer prasselte. Da stand eine Kommode, ein Schreibtisch, eine Sesselgruppe um einen Tisch und ein kleines Regal, indem vielleicht fünfzehn Bücher standen. Alles sah nach einem einfachen Haushalt aus, wäre da nicht die goldene Kaminuhr gewesen, die Vase auf der Kommode oder das Ölgemälde an der verbliebenen Wand.

Charon strebte zuerst auf den Kamin zu und genoß die Wärme auf seinem Gesicht. „Geben Sie mir Ihren Mantel“, forderte ihn der Fremde auf. Gewissenhaft hängte er ihn an einen Kleiderständer, der vorsorglich schon in der Nähe des Kamins stand. „Wollen Sie Tee?“

Charon nickte. Er beobachtete den Fremden genau, wie er aus dem Kessel, der über dem Feuer hing Wasser in zwei Tassen goß und dann jeweils ein Tee-Ei hinzu gab. Der Fremde mußte schwere Verletzungen in seiner Vergangenheit davongetragen haben, anders konnte sich Charon die Maske und die Handschuhe nicht erklären. Starr nicht darauf, gemahnte er sich und doch faszinierten ihn die Situation und der Mann, der ihn da hinein gebracht hatte. Schweigend reichte ihm sein Gastgeber eine der Tassen, dann setzte er sich in einen der Sessel. Charon folgte seinem Beispiel.

„Geht es Ihnen besser?“ fragte der Mann.

„Mir ist immer noch ein wenig kalt.“

„Kein Wunder. Wollen Sie eine Decke?“

„Nein“, wehrte Charon ab, „es geht schon. Der Tee wird seines dazu tun. Verzeihen Sie die Frage, aber, wer sind Sie?“

„Das wissen Sie nicht? Sie haben mich doch gesucht. Gefunden haben Sie mich, würde ich sagen.“

Charon stand auf den Schlauch. „Ich verstehe Sie nicht.“

„Don Leonardo de Colhuacán.“

„Herr Aouda.“

„Sehr erfreut.“ Don Leonardo ergriff die Hand seines Gastes und drückte diese.

„Wer sind Sie?“

„Eine berechtigte Frage.“

„Ich habe Sie schon einmal gesehen. Das war in Frankfurt zur Städeleröffnung. Sie waren in Begleitung einer Spanierin.“

Don Leonardo war verblüfft: „Sie waren im Städel? Ich habe Sie nicht gesehen. Und was meine Begleitung betrifft, ist das gute Frl. Lopez de Sangrín Mexikanerin. Nun fragen Sie sich, was ich mit Frankfurt zu schaffen habe. Ich führe dort ein Antiquitätengeschäft.“

Das beantwortete die Frage nach den erlesenen Gegenständen in diesem ansonst eher bescheiden zu nennenden Raum. „Was ist mit diesem Haus?“

„Oh, es steht sehr oft leer. Leider. Aber, es gibt genügend gute Nachbarn, die hin und wieder hineinschauen und Lüften. Sie verstehen schon.“ Don Leonardo nippte geschickt an seinem Tee. Es bereitete ihm wohl keine Schwierigkeiten mehr, daß die Tasse in Konflikt mit der Maske geriet. „Mich würde interessieren, weswegen Sie mich gesucht haben.“

„Ich habe Sie nicht gesucht.“

Don Leonardo schmunzelte, was ihn durch die Halbmaske, die seine rechte Gesichtshälfte bedeckte, unheimlich wirken ließ. „Wenn man es genau nimmt, hat mich Florian von Krainer gesucht.“

„Sie wissen ja bestens Bescheid.“

„Ich habe gute Nachbarn. Nun?“

Herr Aouda räusperte sich, er wollte sein Anliegen noch nicht Preis geben. „Was sagt Ihnen Duca Canova?“

Don Leonardo funkelte sein Gegenüber aus seinen bernsteinfarbenen Augen an. „Nun gut, ich will es Ihnen verraten. Duca Canova war ein Freund meines Vaters. Er bat mich auf dem schnellsten Wege her zu kommen. Es ging um eine Entdeckung, die er gemacht hatte… um zwei Buchseiten, um genau sein. Duca Canova war leidenschaftlicher Sammler religiöser Gegenstände und Schriften. Ich denke, er hat … hatte die größte Bibelsammlung Norditaliens. Er teilte mir mit, daß diese beiden Seiten einen bestimmten Aspekt des Glaubens revolutionieren könnten. Zwar war Duca Canova ein älterer Herr, dennoch unternahm er viele abenteuerliche Reisen. Er kam aus Moskau, als er die beiden Seiten mitbrachte.“

„Ihre Ehrlichkeit ehrt Sie. Glauben Sie an den Selbstmord des Duca?“

„Nein, nie und nimmer. Duca Canova war ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben stand.“

„Hat er Erben?“

„Erben? Nein, er war allein. Ich denke, das lag an seiner Gläubigkeit.“

„Wie läßt sich das mit seiner Spielleidenschaft vereinbaren?“

Don Leonardo starrte den Halbinder einen Moment lang an: „Sie wissen ja gut Bescheid. Duca Canova war in der Tat ein leidenschaftlicher Spieler. Das war die Prüfung, die Gott ihm unterzog. Leider versagte er jedesmal.“

„In der Nacht, als der Duca starb, wurde ein Mann ermordet. Vielleicht kennen Sie ihn?“ Charon beschrieb den Italiener, doch konnte der Don nichts dazu beitragen. „Es tut mir leid, wenn ich ihn sehen würde, könnte ich Ihnen mit Bestimmtheit sagen, ob ich den Mann kenne oder nicht. Sie denken also, daß es einen Zusammenhang zwischen dem Mord auf der Brücke und dem Duca gibt?“

„Es könnte sein“, druckste Herr Aouda herum. „Ich muß mich erst mit Herrn von Krainer beraten.“

Der Entschluß seines Gastes stimmte den Don nicht gerade fröhlich. Schroff sagte er: „Dann tun Sie dies. Lassen Sie mich wissen, wann Sie sich entschieden haben.“

Er geleitete seinen Gast hinaus. Auf der Schwelle sagte Don Leonardo: „Bitte lassen Sie sich nicht zu viel Zeit. Ich will auf alles in der Welt den Mörder meines Vaters Freund finden.“

„Wenn wir Ihnen helfen können, dann - das verspreche ich Ihnen - werden wir Ihnen zur Seite stehen.“

„Ich danke Ihnen. Ähm, im Übrigen bin ich nicht vom Theater.“

Woher Don Leonardo das wieder wußte? Wer hatte gelauscht? Dieser Mann, der sich vorzugsweise in napoleonische Kleidung gewandete, mußte hier in Venedig über mehrere „guter Nachbarn“ verfügen. Traue ihm nicht, mahnte Charon eine innere Stimme.

11. Dezember 1871; Montag

Es hatte noch nicht zum Frühstück geläutet, als es bereits an Herrn Aoudas Zimmertüre klopfte. Da der Halbinder ohnehin keinen Schlaf gefunden hatte, war er ziemlich bekleidet. So rief er, „herein“, und war nicht sonderlich überrascht, als sich sein Gast als Myrjam von Krainer herausstellte. In ihr freundliches Gesicht hatte sich Sorge eingenistet. Immerhin war es keine Wut.

„Guten Morgen. Ich muß mit Ihnen ein ernstes Wort wechseln“, kam das Fräulein ohne Umschweife zum Hauptthema. „Herr von Krainer hat mir Ihr nächtliches Gespräch gebeichtet.“

„Ich werde meine Koffer packen und mich zurück nach Frankfurt begeben, entschuldigen Sie vielmals.“

Frl. von Krainer seufzte: „Ich möchte mit Ihnen nicht streng verfahren, da ich Sie schätze. Aber ich muß es und das wissen Sie. Es gibt zwei Möglichkeiten für Sie. Entweder bringe ich Sie heute noch zum Zug oder Sie akzeptieren meine Bedingungen. Sollte Ihre Vorliebe jemals an die Öffentlichkeit geraten, dann ist der Ruf meiner Familie für immer dahin. Sie müssen sich besser verbergen, als jemals zuvor. Es war ein Fehler es meinem Bruder zu sagen, ein großer Fehler.“

„Ich vertraue ihm.“

„Ich vertraue ihm auch. Doch Sie haben in Worte gekleidet, was besser unausgesprochen geblieben wäre. Die neuropäische Gesellschaft ist ein wankelmütiges Wesen und sollte sie Ihre Neigung erahnen, dann werden Sie unweigerlich vor das Strafgericht gebracht werden. Begreifen Sie denn nicht? Es ist in Neuropa strafbar Umtrieben nachzugehen. Wenn Ihre Neigung ans Tageslicht gezerrt wird, dann werden Sie untergehen und meinen Bruder mit sich reißen. Daher verbiete ich Ihnen einen näheren Umgang mit ihm. Sie können ihm gerne Freund bleiben, mehr nicht. Es wird für Sie eine harte Zeit anbrechen, wenn Sie bleiben.“ Frl. von Krainer wendete sich zum Gehen.

„Ich akzeptiere die Bedingungen“, flüsterte Herr Aouda.

Myrjam senkte den Kopf. „Es tut mir leid.“ Dann drehte sie sich herum und blickte ihrem traurigen Gegenüber in die Augen. „Ich erkenne mich nicht wieder. Mein Herz ist frei und meine Gedanken sind es auch. Leider müssen wir eine gewisse Form wahren. Unter anderen Umständen würde ich Sie voll und ganz akzeptieren … auch wenn sich Florian für Sie entscheiden sollte. Es wird nicht geschehen, denke ich. Er wird irgendwann eine hübsche Frau ehelichen, die er liebt.“

Charon schluckte: „Er ist noch nicht so weit.“

„Das weiß ich selbst. Wenn es nach mir ginge, hätte er alle Zeit der Welt. Florian ist wie ich … er liebt die Freiheit und bevor er heiratet, soll er sie genießen.“

Es klingelte zum Frühstück. Herr Aouda schmunzelte bitter und reichte Frl. von Krainer den Arm. „Darf ich bitten?“

„Gerne… Arthur weiß im Übrigen nichts. Obwohl er der letzte wäre, der Sie verdammen würde.“

Gemeinsam erschienen sie am Frühstückstisch. Florian zog es vor, einen gewissen Abstand zwischen Herrn Aouda und sich selbst zu wahren. Natürlich entging das der kleinen Baronesse nicht. Ihre kohlschwarzen Augen schienen mal wieder die Gedanken der beiden Herren lesen zu wollen. Arthur stand gewissenhaft auf, als Myrjam sich zu ihm gesellte. „Guten Morgen“, sagte er und hauchte ihr einen Kuß auf die Stirn. Barone de Traghetto schmunzelte.

Wie immer gestaltete sich das Frühstück als italienisches Kauderwelsch für den guten Charon Aouda. Er saß unter vielen plaudernden Menschen und war doch allein. Lustlos starrte er auf sein Brötchen, daß vor ihm auf dem Teller lag. Seit dem Krankenhaus hatte er nur Tee zu sich genommen. Sein Magen war ihm seitdem wie zugeschnürt.

Als die Tafel aufgehoben wurde, war es Herr von Krainer, der als erstes aufstand und den Frühstücksraum verließ. Herr Aouda wollte ihm folgen, doch Myrjam sah ihn warnend an. Charon zögerte … ihm brannte ja noch mehr auf der Seele, es war ja nicht nur seine eigene Unsicherheit, sondern auch der Fall, der Fortschritte gemacht hatte.

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