Why does he love him?
Why does he love him? - Kapitel I
**
Hayao ließ erschöpft die Zimmertür hinter sich ins Schloss fallen. Bis vor
wenigen Minuten hatte er sich noch auf der Tartanbahn aufgehalten und am
täglichen Training für die Sprintwettkämpfe, die jeden Sommer stattfanden,
teilgenommen. Jetzt streifte sein Blick das liederlich gemachte Bett, das
im rechten Winkel zu seinem eigenen stand, und blieb an den frischen
Blutflecken auf dem Laken hängen. Er schüttelte stumm den Kopf, zog das
Laken mit einem Ruck herunter und knüllte es zusammen. Dann legte er die
braune Tagesdecke aufs Bett und ließ das beschmutzte Laken vorerst darunter
verschwinden. 'Nicht einmal an meinem Geburtstag kann er es lassen', dachte
Hayao enttäuscht.
"Oh, vielen Dank fürs Aufräumen, Kleiner!" Yoshiyuki, sein Zimmernachbar,
stand auf einmal hinter ihm. Er schien gerade geduscht zu haben, denn er
hatte sich lediglich ein Handtuch um die Hüften geschlungen.
"Und? Wie viel hast du diesmal verdient?" Hayao stellte diese Frage schon
beinahe mechanisch, denn eigentlich interessierte es ihn nicht.
"Knapp zweitausendfünfhundert Yen", antwortete Yoshiyuki und öffnete mit
geübtem Tritt seinen Kleiderschrank. "Cool! Dann sind's diese Woche
insgesamt schon über zehntausend. Wenn du willst, lad' ich dich auf 'nen
Eis ein, Kleiner." Er grinste Hayao an, während er sich frische Boxershorts
anzog. "Als Belohnung für dein Schweigen."
"Nein. Aber trotzdem danke", antwortete Hayao und riss seinen Blick
gewaltsam von Yoshiyukis nackten Körper los. "Ich... ich muss noch mal kurz
weg. Bis gleich!" Er verließ hastig das Zimmer, stolperte beinahe über
seine eigenen Füße und ließ die Tür polternd zufallen. Dann rannte er auf
dem schnellsten Weg zur Toilette, beugte sich übers Waschbecken und übergab
sich.
Nach einigen Minuten hatte sich Hayaos Magen wieder beruhigt, sodass er den
Wasserhahn aufdrehte, das Waschbecken notdürftig säuberte und einen Schluck
trank. Als er den Kopf hob, begegnete sein Blick dem seines Spiegelbildes.
Erschrocken stellte er fest, wie blass er war. Beinahe noch blasser als
Yoshiyuki, der wegen seiner außergewöhnlich hellen Haut von vielen nur Yuki
(=Schnee) genannt und von manchen sogar mit diesem Kanji geschrieben wurde.
Hayao nahm eine Handvoll Wasser und klatschte sie sich ins Gesicht. Der
blond gefärbte Pony seiner ansonsten braunen Haare klebte an seiner Stirn
und er fuhr sich mit der Hand über den Kopf, um wieder ein einigermaßen
vernünftiges Aussehen zu bekommen. Aber dann hielt er inne. Für wen tat er
das eigentlich? Entmutigt ließ Hayao sich auf den nicht gerade sauberen
Fußboden sinken und lehnte sich mit dem Rücken gegen die kalte Wand.
Der einzige Mensch, für den sein Herz schlug, war niemand Geringeres als
sein Zimmernachbar Yuki. Und dieser wusste auch davon, aber er hatte noch
nie in irgendeiner Weise darauf reagiert. Für ihn schien Hayao nichts
weiter als ein normaler Freund zu sein. 'Aber vielleicht will er ja auch
nichts von mir, weil ich nicht dafür bezahle', dachte Hayao bitter.
Yuki hatte nämlich seit fast zwei Jahren einen "Nebenjob": Er hatte sich zu
einem Strichjungen entwickelt und tat es mit jedem aus dem Waisenhaus,
solange dieser nur gut dafür zahlte. Obwohl Yuki Hayao gestern erzählt
hatte, dass er das schon seit seinem fünfzehnten Geburtstag tat, hatte
Hayao ihn erst vor etwa einem Monat in flagranti mit einem Jungen aus dem
Heim erwischt. Es war der wahrscheinlich größte Schock gewesen, den Hayao
jemals erlitten hatte - und er hatte ihn noch immer nicht überwunden!
Aber er deckte Yuki weiterhin. Auch wenn es ihm noch so sehr weh tat,
wollte er den Jungen, den er liebte, nicht ans Messer liefern. Denn wenn
die Leiterin des Waisenhauses DAS herausbekäme, würde wer weiß was mit Yuki
passieren. Er war zwar noch nicht volljährig, aber mit Sicherheit hätte das
Ganze ein schreckliches Nachspiel. Nein, Hayao wollte nicht, das Yuki in
solch eine Klemme geraten würde! Lieber sah er sich das Schauspiel mit an.
Er meldete ja auch nicht, dass Yuki in seinem Zimmer rauchte, obwohl das
streng verboten war. Aber er hatte einen Verdacht, warum sein Zimmernachbar
das tat: Zwar kannte er sich auf dem Gebiet Drogen nicht sonderlich aus,
aber er hatte schon öfters das Gefühl gehabt, dass Yukis Zigaretten - die
zudem alle selbst gedreht waren - eigenartig rochen, nicht so wie die der
anderen Raucher auf dem Hof. Yuki tat irgendwelches Zeug in den Tabak!
Zumindest in dieser Sache war Hayao sich hundertprozentig sicher, auch wenn
er nicht genau wusste, WAS es für ein Zeug war. Aber wenn Yuki in die Stadt
ging, wollte er immer allein "noch mal wohin". Wer wusste schon, ob er sich
nicht irgendwo so etwas wie Marihuana besorgte?
In solchen Momenten wie diesen dachte er unweigerlich an seinen großen
Bruder Masao. Dieser war der Einzige, der von seiner ungewöhnlich starken
Zuneigung zu Yuki gewusst hatte. Auch wenn er ihm, Hayao, jedesmal davon
abgeraten hatte, sich auch nur näher auf "diesen Typen" einzulassen, so
hatte er ihm doch wenigstens zugehört und ihn getröstet.
Als Masao achtzehn wurde und versprach, seinen Bruder sofort aus dem Heim
zu holen, sobald er eine eigene Existenz aufgebaut hatte, fiel Hayao der
Gedanke an einen Abschied von Yuki nicht gerade leicht. Aber soweit war es
gar nicht mehr gekommen: Kurz nach Hayaos vierzehntem Geburtstag erhielt er
die schreckliche Nachricht, dass sein Bruder bei einem Autounfall schwer
verletzt worden war. Und noch bevor er ihn im Krankenhaus besuchen konnte,
erlag Masao seinen inneren Verletzungen. Genau wie seine Eltern...
Yuki war es gewesen, der Hayao in dieser Zeit getröstet hatte. Er hatte
sich um ihn gekümmert und zum ersten Mal war eine weiche, eine völlig
unbekannte Seite des sonst so harten Kampfsportlers Yoshiyuki ans Licht
gekommen. Aber nach einem halben Jahr wurde aus Yuki wieder der alte
Yoshiyuki, der nur sein eigenes Wohlergehen im Kopf hatte. Trotzdem fühlte
sich Hayao Tag für Tag mehr zu seinem Freund hingezogen und gestand diesem
das auch. Yuki zeigte allerdings keinerlei Reaktion außer einem winzigen,
beinahe belustigt wirkenden Lächeln.
"Sag mal, was machst du'n hier so lange?" Hayao schreckte aus seinen
Erinnerungen auf und blickte in Yukis wasserblaue Augen, die ihn
anstarrten. "Komm hoch, es ist schon nach zehn Uhr." Er hielt Hayao die
Hand hin, aber dieser zuckte nur mit den Schultern und stand ohne Hilfe
auf. Er wusste, wenn er jetzt Yukis Hand ergriffen hätte, dann hätte er
seine Tränen nicht mehr zurückhalten können.
Als Hayao in seinem Bett lag und wie jede Nacht die Wand anstarrte, vernahm
er von Yuki leise Geräusche. Er hielt erschrocken die Luft an, als er
realisierte, WAS sein Freund tat: Yuki verschaffte sich gerade die
Befriedigung, die er anderen tagsüber schenkte... oder besser, verkaufte!
Hayao musste sich anstrengen, um kein verräterisches Geräusch von sich zu
geben. Aber es fiel ihm von Minute zu Minute schwerer, sein Keuchen zu
unterdrücken. Unbewusst hatte er schon angefangen, sich bei Yukis
animierenden Geräuschen selbst zu streicheln. Ein leiser Seufzer entfuhr
seinen Lippen und er presste sie erschrocken zusammen. Unfähig, sich zu
bewegen, hörte er, dass Yuki innegehalten hatte. Er fühlte die bohrenden
Blicke seines Zimmernachbarn im Rücken und bemerkte, dass dieser plötzlich
aufstand und sich seinem Bett näherte. Hayao hielt die Luft an.
"Du bist noch wach, Kleiner?" Yuki setzte sich auf Hayaos Bett und zog ihm
ohne Vorwarnung die Decke weg. "Oh, oh, oh", tadelte er, als er Hayaos
Erektion entdeckte, die dieser erfolglos zu verbergen versuchte. Doch
anstatt ihn jetzt auszulachen, schob Yuki Hayaos Hand beiseite und legte
seine eigene um dessen heißes Glied.
"Was...?"
"Mein Geburtstagsgeschenk, Kleiner." Yuki bewegte seine Hand langsam auf
und ab. "Komm schon, dreh dich um, dann geht's besser!" Ohne zu wissen, wie
ihm geschah, befolgte Hayao Yukis Anweisung und drehte sich auf den Rücken.
Und plötzlich spürte er, wie sich Yukis warme Lippen um seine Eichel
schlossen. Ein lauter Seufzer entfuhr ihm. "Gefällt es dir?", fragte Yuki
und setzte die für diese Frage unterbrochene Liebkosung sofort wieder fort.
Hayao nickte. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen und seine Lippen
zitterten leicht. Er konnte es nicht glauben, dass das hier wirklich
geschah! Yuki - SEIN Yuki - hatte gerade sein Glied im Mund! Das konnte nur
ein Traum sein. Aber es fühlte sich unheimlich real an...
Als Hayao am nächsten Morgen aufwachte, hatte er die Bilder der vergangenen
Nacht sofort wieder vor Augen. Er schielte zu Yuki hinüber, der schon
aufgestanden war und sich gerade anzog. "Morgen", grüßte dieser knapp und
nickte Hayao zu, während er seine Gürtelschnalle schloss. Seine Begrüßung
war nicht anders als sonst und auch sein Blick war finster wie eh und je;
als hätte es die vergangene Nacht überhaupt nicht gegeben. "Zwischen
siebzehn und zwanzig Uhr brauche ich heute das Zimmer, Kleiner." Kein
"Geht das in Ordnung?" oder "Ist das okay für dich?". Nein, es war für Yuki
anscheinend schon selbstverständlich geworden, dass sich Hayao in dieser
Zeit nicht blicken ließ. "Bis dann!" Die Tür wurde leise geschlossen.
Hayao beschloss, noch eine Weile liegenzubleiben. Sie hatten zwei Wochen
Ferien und außer Sport hatte er keinen Unterricht. Er besaß alle Zeit der
Welt, denn im Gegensatz zum Jiu Jitsu-Training, das Yuki jeden Morgen
betrieb, übten die Sprinter erst nachmittags, wenn die Fußballer den
Sportplatz freigaben. Trotzdem hielt er es schon nach zehn Minuten nicht
mehr im Bett aus und stand auf. Er war ein geborener Frühaufsteher und
wollte vor dem Frühstück lieber noch etwas Joggen, als untätig
herumzuliegen. Er wusch sich flüchtig, schlüpfte in seinen Trainingsanzug
und schnürte seine Turnschuhe zu. Als er schon auf dem Weg zur Tür war,
besann er sich darauf, wie kalt es doch am frühen Morgen war. Seufzend
machte er kehrt, um seine frisch gewaschene Sportjacke aus dem Schrank zu
holen.
Als er sie vom Bügel nahm, fiel ihm auf, dass Yuki seinen Schrank wie so
oft nicht verschlossen hatte. Der schwarze Ärmel seines Lieblingspullovers
hing halb draußen und auch ein Strumpf lag davor auf dem Boden. Sein Freund
schien sich überhaupt nicht darum zu scheren, ob ihr Zimmer aufgeräumt und
gemütlich aussah oder nicht. Wenigstens hatte Hayao ihm angewöhnen können,
morgens sein Bett zu machen - wenn's auch immer sehr oberflächlich war.
Seufzend hob er den Strumpf auf, schob den Pullover ins Fach und wollte
gerade Yukis Schrank schließen, als sein Blick auf eine kleine Tüte fiel,
die hinten in der Ecke lag. Er zögerte einen Moment und griff dann danach.
Der Inhalt des kleinen Tütchens war ein Gemisch aus zerhackten
Pflanzenblättern und -blüten. Und Hayao war sich ganz sicher, dass sie
nicht aus dem Biotop des Waisenhauses stammten! Warum besorgte sich Yuki
nur immer wieder dieses Zeug? Wusste er nicht, dass solche Rauschgifte
süchtig machen konnten? Hayao hatte zwar keine Ahnung, womit genau er es
hier zu tun hatte, aber er vermutete, das war das Zeug, das man in den
Krimis immer als Marihuana bezeichnete. Und das war bestimmt gefährlich! Ob
es illegal war, konnte Hayao nicht sagen, aber im Heim waren sowieso Drogen
jeglicher Art untersagt. Hayao hoffte, dass Yuki sich darüber im Klaren
war, was er tat! Er hatte schon mehrmals versucht, ihn zur Vernunft zu
bringen, aber auf dem Ohr war sein Freund definitiv taub. Und Hayao wusste
nicht, was er noch tun sollte, außer etwas auf Yuki zu achten. Helfen
konnte er ihm nicht, denn er wollte auf keinen Fall zur Heimleiterin gehen!
Hayao packte das Tütchen zurück und schob den Pullover darüber. Dann
verließ er leise das Haus, da die meisten Jungen noch schliefen...
Der kühle Morgenwind wehte ihm um die Nase, als er gleichmäßig einen Fuß
vor den anderen setzte. Er hatte sich mittlerweile schon warmgelaufen und
einen guten Tritt gefunden - nicht zu schnell und nicht zu langsam. Er ließ
seinen Blick über den Sportplatz des Waisenhauses gleiten. Es war schön
hier, da konnte er nicht meckern. Die völlig neue Tartanbahn wurde von
einem grünen Rasen umrahmt, auf dessen Außenseite sich die Zuschauertribüne
befand. Im Mittelfeld wurde meistens Fuß- oder Baseball gespielt und beim
jährlichen Sommerfest wurde es als Aufstellfläche für Stände genutzt.
Als Hayao zum siebenten Mal eine Runde beendete, erblickte er Yuki, der mit
einem Jungen aus ihrem Wohntrakt am Fußballtor stand und sich mit ihm
unterhielt. Hayao entdeckte beim Näherkommen, dass es Mitsuru, der Captain
der Fußballmannschaft, war. War dieser etwa auch einer von denen, die sich
Sex mit Yuki erkauften? Hayao wollte es einfach nicht glauben, aber im
gleichen Moment sah er mit eigenen Augen, wie Mitsuru Yuki ein paar
Geldscheine zusteckte. Also war es wirklich so!
Hayao blieb wie angewurzelt stehen. Seine Lungen brannten und sein Atem
ging unregelmäßig. Er hatte bei den letzten paar Metern nicht mehr auf das
regelmäßige Ein- und Ausatmen geachtet. Aber was machte das schon? Viel
schlimmer war es, dass er jetzt zum ersten Mal einen von Yukis "Freiern"
kannte! Bisher hatte er nie Wert darauf gelegt, zu erfahren, mit wem es
Yuki trieb. Und von selbst kam sein Zimmernachbar auch nicht auf dieses
Thema zu sprechen. Wie sollte er, Hayao, jetzt noch einmal ein vernünftiges
Wort mit Mitsuru reden können? Oder ihm in die Augen sehen, ohne vor
Verlegenheit rot zu werden? Das war doch unmöglich!
Kurz vor siebzehn Uhr verließ Hayao mit geschulterter Sporttasche sein
Zimmer. Im Treppenhaus begegnete er Mitsuru, aber er hielt seinen Blick
stur geradeaus und würdigte den allseits beliebten Fußballer nicht eines
Blickes. 'Immerhin ist er pünktlich', dachte Hayao verächtlich.
Gleichzeitig spürte er, wie sich eine dumpfe Leere in ihm ausbreitete. Er
beeilte sich, um schnell zum Training zu kommen. Erst, wenn er mit voller
Geschwindigkeit lief, würden seine Gedanken vielleicht wieder etwas klarer
werden...
-------------------------------------------------------------------------
Bin immer für Feedback offen, egal ob gut (haha!) oder schlecht...
Übrigens entsprachen zu der Zeit, als ich diese Geschichte geschrieben habe
(13. Juli) 1000 Yen laut Wechselkurs etwa 20 DM. Danke dir, Bernd-san!