Yuki
Part 2
*
,, Es tut mir leid." Presste Yuki langsam zwischen den Lippen hervor, als er Haruhikos Traurigkeit bemerkte. Sein Geliebter saß noch immer aufrecht im Bett und warf ihm daraufhin einen liebevollen, zärtlichen Blick zu, wobei seine schwarzen Mandelaugen von einem warmen Licht erfüllt wurden, das Yuki noch nie zu vor in seinem Gesicht wahrgenommen hatte. Er hatte sich inzwischen in einen der chinesischen, dunkelroten Schlafmäntel gehüllt, die sein Vater offensichtlich gesammelt hatte, da zwei ganze Schränke mit diesen fremdländischen Gewändern gefüllt waren. Der Stoff war Burgundfarben und die handbestickten Schriftzeichen an den weit ausgeschnittenen Ärmeln waren schwarz und golden. Der Mantel verhüllte auf verführerische Weise Yukis nackten Körper und die sanften Formen seiner schlanken Gestalt. ,,Ich hätte dich nicht danach fragen sollen. Jetzt habe ich die alten Erinnerungen wieder in dir geweckt und du machst dir Vorwürfe..das hätte ich nicht tun dürfen.." erklärte Yuki mit leiser Stimme. Mitleid erfasste plötzlich sein Herz. Haruhiko mußten die schrecklichsten Schuldgefühle geplagt haben. Wie sehr doch mußte er gelitten haben!
,,Du bist wunderschön..." begann Haruhiko leise, während er den nachdenklichen Yuki betrachtete, der mit seinen verträumten, traurigen Augen aus dem Fenster auf die nächtliche Stadt hinab blickte. ,,Warum wohl hat deine Mutter Dich Yuki genannt?" fügte er noch mit einem liebevollen Lächeln hinzu.
Yuki drehte sich um und schritt auf seinen Geliebten zu und setzte sich langsam an den Bettrand und streckte seine schlanke Hand nach Haruhikos Gesicht aus, berührte seine Wange zärtlich mit den Fingerspitzen und blickte ihm tief in die Augen. Noch immer spielte der Wind in den Vorhängen und erfüllte den Raum mit nächtlichen Kälte. Haruhiko küßte Yukis Fingerspitzen und legte dessen Hand auf seine Wange, ehe er die Augen schloss. ,,Yuki...." Er flüsterte den Namen so zärtlich, dass dieser spürte, wie sein Herz vor Zuneigung und Liebe zu zerfließen drohte.
,,Weißt du was, Liebster?.." fragte er dann, nachdem er sich auf Haruhikos Schoß gesetzt hatte, das chinesische Schlafgewand halb von seinen Schultern geglitten war und er den anderen sanft auf das Bett zurückdrückte.
,,Was?" fragte Haruhiko überraschend lebendig, beinahe so laut, dass er um ein Haar die sanfte Stimmung zwischen den beiden zerstört hätte.
,,Erst war mir dieses Haus unheimlich. Ich mochte es nicht.. Es war so groß. .Und vor allen Dingen so düster, so unheimlich und kalt. .All die abstrakten und kostbaren Dinge meines Vaters, die Vorstellung, er hätte einmal hier in diesem Zimmer gestanden.. Das alles mochte ich nicht. Aber ich glaube, ich könnte lernen, die Dinge mit seinen Augen zu sehen. Ich glaube, ich könnte lernen, dieses Haus ebenso sehr zu lieben wie er es einst getan hat.. Aber... ich möchte nicht alleine sein, Liebster. Ich möchte, dass Du bei mir bist. Ich will nicht, dass du mich verläßt.... Haruhiko." erklärte Yuki ruhig, wobei er seinen Blick nicht von Haruhiko abwenden konnte.
,,Ich werde nie wieder von Deiner Seite weichen, wenn es Dein Wunsch ist." Versicherte ihm dieser.
Yuki lachte leise, berührte mit seinen Fingern die Lippen des anderen und spielte mit den dunklen Haarsträhnen, die sein Gesicht umrahmten.
,,Willst Du alles für mich tun?"
,,Natürlich."
,,Willst Du mich...Willst Du mich haben?" flüsterte Yuki leise.
Innerhalb weniger Sekunden war Haruhiko durch eine sanfte Bewegung über ihm
und blickte für einen Moment direkt in Yukis dunkle, verträumte Augen. Für
die Dauer eines Herzschlages glaubte er, zu sehen, wie der herabfallende Schnee
sich darin spiegelt. Schnee, der nicht da war. Schnee, der vom Himmel gefallen
war, als seine Schwester am Fenster saß und entzückt die dicken Flocken
beobachtete, die der Wind in alle Richtungen segeln ließ. Dann sah er wieder
sich selbst. Sein eigenes Gesicht, dass sich in Yukis Augen spiegelte, der ihn
etwas überrascht aber keineswegs verwirrt oder gar böse anblickte. ,,Was ist
mit dir?"
,,Es ist nichts....Für einen Moment nur. .hatte ich das Gefühl...ich. .hatte
das Gefühl..."
Yuki erhob erwartungsvoll die schmalen Augenbrauen. ,,Ja? Was denn?"
,,Es ist...nicht so wichtig, Liebster. Ich glaube, ich bin einfach nur müde.." Yuki berührte vorsichtig Haruhikos Gesicht; die langen, geschwungenen Wimpern, welche seine dunklen Augen auf so sanfte Weise überschatteten, die kleine, etwas spitze Nase, die seinem Aussehen etwas Zartes, Kindliches verlieh und die blassen Lippen, deren Innenseite warm und feucht waren. ,,Sag´ mir, wie ich Dir trösten kann und ich werde es tun. Was immer du verlangst, Koibito, ich tue es." Flüsterte Yuki zärtlich.
Haruhikos Hände glitten langsam aber innig über Yukis schlanken Körper, über seine Brust, entlang den Rippen und schließlich hinab zu seinen Hüften und machten unmissverständlich klar, was er wollte. Yuki regte sich langsam unter den Berührungen und schloss seine Augen, während die Lippen des anderen weiter hinab glitten, ohne etwas Bestimmtes zu suchen. Yukis Finger gruben sich in den Stoff des chinesischen Schlafmantels, der unter ihm auf dem Bett ausgebreitet lag, als Haruhikos Lippen die weiche, blasse Haut dicht neben seinem Bauchnabel küßten und er den Atem des anderen darauf spüren konnte. Es war ein so herrliches Gefühl; beinahe so herrlich, dass er deswegen hätte weinen können, doch er wollte Haruhiko keine Tränen zeigen. Nicht jetzt. Nicht in diesem Augenblick. Sein ganzer Körper sehnte sich wieder danach, mit dem anderen vereint zu werden. Haruhikos Mund berührte seine Oberschenkel und glitt schließlich hinab zu der etwas blassen, weichen und nahezu unbehaarten Haut seiner schlanken, geschmeidigen Beine. Yuki spürte, wie die langen, schlanken Finger seines Liebsten sein Fußgelenk sanft umfassten.
Haruhiko legte sich vorsichtig über ihn, wobei jede einzelne seiner Bewegungen etwas so langsames und sanftes an sich hatte, dass es an Grausamkeit grenzte. Der Duft des parfümierten, kostbares Gewandes hatte sich bereits auf Yukis Haut übertragen und erfüllte ihn plötzlich voll und ganz, als er versuchte, den anderen – so fern es ihm möglich war – keine Schmerzen zuzufügen. Ein leiser Laut; schluchzend und beinahe an einen unterdrückten Schrei grenzend drang in Haruhikos Bewusstsein, doch er wußte, dass der andere keinen Schmerz empfand. Yuki war so sanft, so blass, leise und ruhig. Diese schwarzen, verträumten Mandelaugen. Oh ja, wie sehr liebte er ihn! Schon bald hatte sich Yukis Ruhe jedoch in ein Verlangen gewandelt, seine Hände gruben sich in Haruhikos Haare und er flüsterte leise Worte in sein Ohr; ein erleichtertes Schluchzen kam über seine Lippen und der Griff um Haruhikos Körper begann langsam und geschmeidig, sich zu lockern. Er umfasste Haruhikos Gesicht mit beiden Händen und küßte ihn liebevoll auf die Stirn, in die ihm einige schwarze Strähnen seiner wilden Mähne gefallen war. Ohne etwas zu sagen richtete Yuki sich auf, legte den Schlafmantel wieder über seine Schultern und erhob sich vom Bett. Haruhiko nahm den dezenten Geruch von Yukis Haut wahr, als er sich auf das schwarz bezogene, ordentliche Bett sinken ließ und seinen Geliebten beobachtete, der mit seinen langsamen, ruhigen Schritten in Richtung Badezimmer ging. Haruhikos Blick fiel dabei auf die schwarz lackierten Fußnägel und das silberne Kettchen, dass locker um sein schmales Fußgelenk hing. Yuki schwieg.
Hatte er etwas falsch gemacht? Ihm wehgetan? Mit diesen Gedanken fiel Haruhiko augenblicklich in einen unruhigen Schlaf, gegen den er zuerst vergeblich versuchte, anzukämpfen. Yukis Geruch umgab ihn so angenehm wie ein sanfter Schleier.
Yuki strich sich die noch feuchten Haarsträhnen aus dem Gesicht, nachdem er sich geduscht hatte und griff nach dem Schlafmantel, um ihn wieder anzuziehen und den breiten, aufwendig bestickten Gürtel zusammen zu binden.
In diesem eigenartigem Haus schien sogar das Badezimmer auf seine ganz besondere Weise abstrakt – die Tür war sehr hoch, schmal und dunkel, das Schloss war groß und aufwendig ausgearbeitet worden. Ein riesengroßer, ebenso schöner wie uralt wirkender, bronzener Schlüssel steckte darin. Blickte man aus dem Fenster, sah man die große, wuchtige Eiche, deren Äste keine Blätter trugen und so schwarz waren wie Kohle. Ihre großen Wurzeln hatten sich bereits tief in den Boden geschlagen. Wie wunderschön. .diese Einsamkeit doch ist...
Nachdem Yuki wieder an das Bett getreten war, beobachtete er eine Weile den schlafenden Haruhiko. Sein Gesicht glich dem einer Porzellanpuppe – blass, fein und beinahe leblos, bis auf die Tatsache, dass seine Augenlider unruhig flatterten, als würde er schlecht träumen. Yuki streichelte ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste ihn auf die nackte Schulter, wo seine Lippen für einige Sekunden verweilten und die Berührung seiner weichen, warmen Haut genossen.
,,Yuki...." flüsterte Haruhiko leise, verschlafen und beinahe etwas verzweifelt. ,,Yuki...Warum.. Warum nur. Verlass mich nicht... verlass...verlass mich bitte nicht.." Er sprach nicht von ihm. Er mußte von seiner toten Schwester sprechen. Yuki konnte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, Haruhiko je richtig weinen zu sehen. Doch nun quoll eine dicke, silbrig schimmernde Träne unter seinen dichten, langen Wimpern hervor und glitt seine blasse Wange hinunter.
,,Sie sieht dich, Haruhiko. Yuki sieht dich, da bin ich mir ganz sicher." Er küßte die Träne von Haruhikos Gesicht und schmeckte die salzige Flüssigkeit auf seiner Zunge. ,,Sie sieht dich."
*
,,Mein Spitzel berichtete mir, dass sich Iwamotos Sohn gleich nach der Entlassung aus der Klinik auf das Anwesen seines Vaters zurückgezogen hat." Erklärte Kojiro und drückte seine Brille dichter auf die Nase, als könne er seine Augen dadurch noch mehr verbergen.
Er schritt zusammen mit Junko an seiner Seite durch den Zen-Garten des Hauses. An seiner Seite hätte sie wie ein Schulmädchen gewirkt, würde man ihr reifes und frauliches Gesicht nicht sehen, denn sie reichte ihm nur bis zur Schulter und war so schlank, zierlich und feingliedrig wie ein junges, noch nicht ausgewachsenes Mädchen. Junko trug an Feiertagen wie heute stets einen traditionellen Kimono. Die schwarze Seide, welche rot und golden bestickt war, ließ ihre Haut so weiß wie Milch aussehen. Ihre zierlichen, kleinen Füßen steckten in den hölzernen Getas, in denen sie sich so geschmeidig bewegen konnte wie eine Edelhure – eigentlich bin ich mein Leben lang nichts anderes gewesen.., sagte Junko sich manchmal selbst und lächelte bei dem Gedanken daran. Das lange, rabenschwarze Haar trug sie hoch aufgesteckt, das Gesicht kalkweiß geschminkt. Schon lange schminkten sich die Frauen nicht mehr weiß, doch Junko liebte es. Sie fand, es gehörte zu dem perfekten Erscheinungsbild einer traditionellen, japanischen Frau ebenso sehr wie der winzig kleine, scharlachrote Schirm, den sie über sich aufgespannt hatte, um sich vor dem kühlen, unangenehmen Wind zu schützen, der ihre Frisur in Unordnung gebracht hätte.
,,Das verwundert mich nicht sonderlich. Dieser Junge ist Iwamotos Sohn und mit großer Wahrscheinlichkeit ein ebenso verrückter Träumer wie er, der nicht dazu fähig ist, das Leben so zu ertragen wie es ist. Mein Mann hasste die Wirklichkeit."
,,Er hat sich zusammen mit seinem Leibwächter dorthin zurückgezogen, Junko-sama."
Die schöne Frau erhob überrascht die schmalen, schwarzen Augenbrauen und auf ihrem weißen Gesicht zeigte sich leichtes Entzücken. ,,Tatsächlich? Offensichtlich hat auch er an diesem Jungen einen Narren gefressen. Ganz wie sein Vater. Darf ich fragen, was Du zu Tun gedenkst?" erwiderte Junko, ohne Kojiro auch nur anzublicken.
,,In diesem Fall muss ich wohl zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen, wie man so schön sagt."
,,Weihst Du mich ein?" fragte Junko und das hinterlistige, wenn auch nur schwache Lächeln auf ihren dunklen Lippen brachte selbst ihn zum Schaudern, doch er ließ sich nichts von seinen Gefühlen anmerken. Junko war eine der vielen Geliebten, die er hatte, doch sie war die Einzige, die er tatsächlich verehrte. Vielleicht machte das ihr bereits fortgeschrittenes Alter. Mit ihren 36 Jahren war sie im Vergleich zu den jungen, dummen Mädchen, die er sonst verführte, eine alte Frau und war seit 11 Jahren länger in dieser Welt aus Intrigen, Geld und Machtgier als er, doch daran hatte er sich nie gestört. Er liebte ihr Wesen. Ihre Fähigkeit, perfekt zu kombinieren, während sich auf ihrem milchweißen Gesicht nichts zu regen schien – beinahe, als wäre sie die Unschuld selbst. Doch dass Junko das nicht war, durfte allgemein bekannt sein. Jeder Mann des Clans, jeder Angestellter der Iwamoto verehrte Junko Iwamoto. Zu Recht, wie Kojiro fand.
,,Der junge Iwamoto und Haruhiko müssen gleichzeitig aus dem Weg geschafft werden. Schnell, diskret und ohne großes Aufsehen."
,,Du unterschätzt die Anhänger meines Mannes. Es gibt einige wenige in diesem Haus, die ihn geehrt haben und seinen letzten Willen respektieren. Wie willst Du vorgehen?"
,,Ich stehe mit Anhängern der Oakazu in Verbindung. Sie werden den jungen Iwamoto nach Tokyo bringen und seinen kleinen Günstling dorthin locken."
,,Das klingt alles sehr simpel, Kojiro-sama. Du überschätzt Dich und unterschätzt die Iwamoto. Glaubst Du, Haruhiko wird dem Jungen sofort folgen? Welch ein schlecht durchdachter Plan. Du enttäuschst mich regelrecht, Koi."
Kojiro räusperte sich, bot seiner Begleiterin den Arm, damit diese sich einhaken konnte und erklärte daraufhin mit seiner etwas rauen, leisen Stimme, die der seines Bruders in keiner Weise glich:
,,Wußtest Du, das Haruhikos jüngere Schwester vor einem Jahr Opfer eines Anschlags wurde? Man hat sie vor seinen Augen erschossen."
Junko blinzelte etwas überrascht.
,,So...und was hat das nun mit deinem Vorhaben zu tun? Lass uns das woanders besprechen. Ich hasse Novemberkälte und ich hasse diesen Garten." Das tat sie tatsächlich. Junko mochte die Natur nicht. Sie hatte noch nie verstehen können, wieso viele Menschen versuchten, sich von ihrem Stress und ihren Sorgen zu erholen, indem sie ins Freie gingen. Sie hatte im Laufe der Jahre gelernt, sich nur inmitten vierer Wände und verschlossenen Türen wahrhaftig sicher zu fühlen. Was dies anging, war Minami ebenfalls das Abbild ihrer Mutter. Sie schien den Zen-Garten ihres Vaters eben so sehr zu hassen wie Ruhe, die darin herrschte. Doch sie war stets höflich genug, um ihre Ablehnung gegenüber den Interessen ihres Vaters nicht zu zeigen. ,,Weihe mich in Deine Pläne ein, Kojiro-sama. Lass uns reden."
*
Haruhikos Atem war leise und gleichmäßig, während er noch immer auf dem Bett lag. Nun schien er in einen traumlosen Schlaf gefallen zu sein, denn seine Züge hatten sich entspannt. Yuki hatte sich bereits angezogen, um in einer Stunde das Haus zu verlassen und den Hauptsitz der Iwamoto aufzusuchen, um sich dort mit den Beratern seines verstorbenen Vaters zu treffen – wie es seine Pflicht war. Der ganze Clan erwartete es von ihm. Nun – vielleicht nicht der Ganze; gewiss mochte es auch Leute geben, welche nur darauf aus waren, dass der junge Iwamoto einen Fehler beging. Yuki war sich dessen mehr als nur bewusst. Er wünschte sich, die Ruhe dieses Hauses nie mehr verlassen zu müssen, während er aus dem Fenster blickte. Yuki hatte Haruhiko absichtlich nicht Bescheid gegeben. Dieses eine Mal wollte er seinen neuen Familien völlig allein und vor allem selbstständig gegenüber stehen. Vielleicht war es besser, dieses mal ohne seinen geliebten Leibwächter dort aufzutauchen....
Der Geruch des warmem Kaffees, an dem er nippte, war unangenehm. Sein Blick fiel auf die große, uralte Eiche, die wie eine eiserne Wächterin neben dem Haus seines Vaters stand. Bis auf die kleine steinerne Brücke, die über einen schmalen Bach führte, schien sich nichts auf dem Gelände um das Haus herum befinden. Als ob der morgendliche Nebel es von der restlichen Welt auf faszinierende Weise abgetrennt hätte. Der Nebel war verhangen von tiefgrauen Wolken – auch heute würde man keine Sonne zu Gesicht bekommen. Obwohl ein schneidend kalter Wind an den kahlen Ästen der Eiche rüttelte, fiel kein Schnee. Es hat dieses Jahr noch nicht geschneit...dachte Yuki, während er seine kalten Finger am Rand der Tasse wärmte. Er dachte an seiner Mutter und daran, dass er ihr versprochen hatte, sich bei ihr zu melden, sobald die Trauerfeierlichkeiten vorüber waren. Bis jetzt hatte er sie noch nicht angerufen, da er es für besser hielt, ihr zu schreiben. So sehr er sie auch vermisste – er wollte diese liebe, zierliche, kleine Frau, die mehr seine beste Freundin als seine Mutter war, nicht in die schmutzigen Geschäfte der Yakuza hinein ziehen.
Seine kalten Finger begannen langsam, sich zu erwärmen. Warum nur kam ihm gerade jetzt seine Mutter in Gedanken? Ja...Sie hatte stets seine Hände gewärmt, nachdem er im Schnee gespielt hatte....Yukis Lippen verzogen sich zu einem liebevollen, sanften Lächeln, als er sich an einen Abend erinnerte, an dem er stundenlang im Schnee gespielt hatte und spät abends nach Hause kam. Mit von der Kälte geröteten Wangen und seinen etwas zu großen, schweren Stiefelchen war er in den Flur gestapft und hatte sich die pelzigen Ohrenschützer vom Kopf genommen. Seine Mutter kam ihm sofort entgegen, begrüßte ihn mit ihrem sanften Lächeln, bei dem stets ihre braunen, großen Augen in unzähligen Fältchen verschwanden und streckte die Arme nach ihm aus. Sie roch nach Küche. Yuki erinnerte sich daran, dass seine Mutter immerzu nach Küche gerochen hatte. Die Küche schien ihr der liebste Platz auf der Welt zu sein. Ihre Hände – die nicht sehr viel größer waren als Yukis – umschlossen seine eiskalten Finger und wärmten sie. Wie sehr er sie doch vermisste...weit mehr, als er vermutet hatte.
Yuki leerte seine Kaffeetasse. Ob er Haruhiko wecken sollte? Eine Weile dachte er darüber nach, es zu tun, beschloß jedoch, es nicht zu tun. Stattdessen streichelte er ihm liebevoll durch das Haar und küßte zärtlich die glatten, seidenweichen Augenlider. Haruhiko legte für wenige Sekunden die Stirn in Falten, als würde er Schmerzen haben, entspannte sich aber ebenso schnell wieder. Ich brauche keine Angst haben. Nicht, solange Du an meiner Seite bist.
Die Tür fiel ins Schloss.
Eine dicke, silberne Träne perlte von Haruhikos langen Wimpern und tropfte an seinem Kinn herab auf das dunkle Kissen. Es ist so kalt....so kalt...Yuki, es ist so kalt..
*
Der schneidend kalte, heftige Novemberwind heulte um die Mauern des Hauses, als Haruhiko die Augen öffnete. Sein Kopf war zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder vollkommen klar, als er sich langsam umblickte und sich vom Bett erhob. Diese Nacht schien ewig angedauert zu haben – zumindest hatte er das Gefühl, seit unzähligen Stunden zu schlafen. Es mußte bereits Vormittag sein, obwohl der Himmel noch immer so dunkel und verhangen war wie am frühen Morgen oder am späten Abend. Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, welches im etwas wirr über die Stirn fiel.
Nachdem er sich seine Kleidung übergezogen und sich kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, war er hell wach geworden. Verblüfft stellte er fest, dass Yukis Schlafmantel auf dem ledernen Sessel am anderen Ende des großen, beinahe leeren Wohnzimmers hing. Hatte er etwa schon das Haus verlassen? Haruhiko überquerte den Burgundfarbenen Teppich und schritt hinüber zu jenem Sessel, der vor einem hohen, schmalen Fenster stand, welches von einer schneeweißen Gardine verhangen war. Das ganze Zimmer war in ein angenehmes Halbdunkel gehüllt. Er berührte den Mantel mit seinen Fingern, glitt über den weichen, dunklen Stoff und nahm den sanften Geruch auf, der daran heftete und ihn so sehr an Yuki erinnerte. Er glaubte, dessen weiche Haut unter sich zu spüren, seine leise Stimme hören zu können, die immer wieder seinen Namen flüsterte. Lauter, regelmäßiger Atem. Dunkelbraune, verträumte Mandelaugen, die ihm ins Gesicht blickten. Bitter-süßer Schmerz. Eine angenehme Enge. Hitze. Nichts als Hitze....
Haruhiko legte das Gewand beiseite und rief einmal nach Yuki, bekam jedoch keine Antwort. Alles, was er empfing, war die Stille dieses großen Hauses, welches in seiner ganzen Einsamkeit nun vor ihm lag. Als er sich umdrehte, um den Schlafmantel wieder an seinen Platz zu legen, fiel ihm ein kleiner Zettel auf dem dunklen Tisch im Wohnzimmer auf; so klein, dass er ihn beinahe übersehen hätte. Er griff danach. Eine sehr geschwungene Handschrift.
Bitte verzeih, dass ich Dich heute zurücklassen musste. Doch dieses eine Mal möchte ich meiner Familie ohne Schutz gegenüber treten; ohne deinen Schutz; den Schutz meines Liebsten. Dass Du stets an meiner Seite stehst, ist mein größtes Glück.
Ich hoffe, Du entschuldigst diesen Schritt, den ich zu machen beschlossen habe .Ich bin bald zurück.
Aishiteru
Haruhiko verschwand so hastig aus dem Zimmer, dass die Tür ins Schloss gefallen war, ehe der Zettel auf den chinesischen Teppich niedergesegelt war. Yuki, Yuki, Yuki – wie dumm er nur war! Das Haus der Iwamoto alleine und ohne Schutz zu betreten glich einem Selbstmord! Wie konnte er nur so leichtsinnig sein, anzunehmen, im Haus seiner Familie sicher zu sein? Nirgendwo auf der Welt gab es mehr Menschen, die mehr nach seinem Leben und seinem Ruf trachteten als im Haus der Iwamoto! Haruhiko sprang hastig in seinen Wagen, drehte den Schlüssel und fuhr so schnell er konnte durch das schwarze Gittertor, welches dieses Anwesenheit so vollkommen von der harten Realität abzutrennen schien. Der Schweiß war ihm auf die Stirn getreten und sein Herz schlug so schnell, dass er Angst hatte, es würde ihm aus der Brust springen. Er schluckte den Kloß in seinem Hals und versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren. Dieser Moment... er kannte ihn. Er war schon einmal so eilig in seinen Wagen gestiegen und Hals über Kopf losgefahren. Es war schon einmal passiert.
*
Als Yuki die Augen aufschlug, spürte er den bitteren Geschmack des Betäubungsmittels, dass man mit einem Taschentuch auf seinen Mund gepresst hatte. Durch einen trüben Schleier hindurch konnte er wahrnehmen, dass es um ihn herum Dunkelheit war. Die Luft schien kühl und feucht zu sein, der Geruch von Benzin und Stahl drang in sein Bewusstsein. Der Boden unter ihm war schmerzhaft hart und eisig kalt. Mit gefesselten Händen startete Yuki seinen ersten, jedoch vergeblichen Versuch, sich zu erheben. Er erkannte zwei breitschultrige Männer in Schwarz vor sich; mit Sonnenbrillen und beinahe identischem Haarschnitt. Ein weiterer gesellte sich zu ihnen, als Yuki das Bewusstsein vollständig erreicht hatte – ein hochgewachsener, schlanker Mann Anfang 30 mit einem scharfgeschnittenen Gesicht und grausamen Zügen. Eine tiefe Narbe zog sich über seine Wange vom Ohr bis zum Kinn hinunter. Yuki legte die Stirn in Falten und versuchte so gut es ging, daran zu erinnern, was soeben vorgefallen war. Er hatte das Iwamoto Haus betreten und hörte hastige Schritte näher kommen. Gekonnte, schnelle Griffe umfingen ihn. Schmerzen. Und in all diesem Durcheinander das milchweiße Gesicht seiner Stiefmutter. Ein bitterer Geschmack auf seiner Zunge. Weiter vermochte er nicht, sich zu erinnern.
,,Wer... wer seid ihr?" presste er leise zwischen den Zähnen hervor, versuchte jedoch nicht weiter sich zu befreien. An einem der beiden breitschultrigen Männer erkannte er eine eigenartige Tätowierung auf dem Handrücken, der andere trug an jedem seiner langen Finger einen silbernen Ring. Diese Männer waren ihm noch nie zuvor unter die Augen gekommen.
Sie begannen, sich leise und in einem etwas eigenartigen Dialekt zu unterhalten, was verriet, dass sie aus einer völlig anderen Gegend kamen. Schließlich sagte der Mann mit dem vernarbten Gesicht: ,,Ruhe! Wir haben zu warten, bis unsere Auftraggeber hier sind." Seine Stimme hatte etwas Rauhes und Unangenehmes.
Auftraggeber? ...Auftraggeber...
Langsame Schritte waren auf dem harten, kalten Boden zu hören. Schritte von hochhackigen und flachen Schuhen, wobei erstere wesentlich langsamer und gemächlicher waren. Offensichtlich schien eine Frau dabei zu sein. Yuki spürte, wie erneut alles vor seinen Augen zu verschwimmen drohte.
,,Wer....wer sind... sie?" flüsterte Yuki in die Dunkelheit.
Er hörte, wie eine Waffe geladen wurde und spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat.
,,Nein! Noch nicht. Die Abmachung war, zu warten." Ertönte eine sehr leise, ruhige und dunkle Männerstimme etwas weiter entfernt.
Warten...Warten. .Aber worauf? Hatte man ihn hierher geschleppt, um ihn zu töten? Worauf in Gottes Namen wollten sie denn warten? Plötzlich überkam ihn ein schrecklicher Verdacht. Haruhiko! Sie schienen ganz offensichtlich darauf zu warten, dass Haruhiko auftauchte, um ihn zu retten! Sein Herz begann vor Entsetzen und Angst zu rasen. ,,Ich hoffe, dies hier frischt Euer Gedächtnis etwas auf." Erklang die ihm flüchtig bekannte Stimme wieder. Er hörte das Klicken der Schlösser eines Koffers. Ein kurzes Murmeln und die Schritte, die sich vorhin so ruhig und gelassen genähert hatten, entfernten sich nun ebenso unscheinbar wieder.
"Habe ich nicht das Recht, zu erfahren, wer Sie sind?" flüsterte Yuki aufgebracht. Er tat dies, um die beiden Männer etwas abzulenken, falls Haruhiko auftauchen würde. Er musste verhindern, dass sie ihn entdecken würden, falls er hierher käme. Doch er würde kommen. Es bestand kein Zweifel. Da offensichtlich seine eigene Familie hinter diesem Komplott steckten, mussten sie auch Haruhiko hierher gelockt haben. Bestimmt würde es sich nur noch im Minuten handeln, ehe er hier eintreffen würde.
Dicke Tränen der Verzweiflung traten in seine Augen.
Bitte komm nicht ... bitte komm nicht, oder sie werden uns beide töten.. Er wäre gern bereit gewesen, sein Leben für den anderen zu geben. Noch nie war er sich einer Sache so sicher wie jetzt in diesem Augenblick voller Grausamkeit und Angst.
Schnelle Schritte. Schüsse. Das Stöhnen zweier Männer und das dumpfe Geräusch, als sie zu Boden fielen.
Urplötzlich tauchte das Gesicht seiner Mutter aus dem Nebel auf. Er würde sie nie mehr wieder sehen. Das wusste er. Er würde hier in dieser eiskalten Dunkelheit sein Leben lassen; durchbohrt von einer Kugel oder verblutet durch den Schnitt einer scharfen Klinge an seiner Kehle. ,,Haruhiko..."presste er zwischen den Zähnen hervor, als er die Geräusche eines beginnenden Kampfes hörte. Zwei Schüsse fielen und hastige Schritte kamen näher auf Yuki zu. Zwei starke, vertraute Hände berührten ihn an den Schultern und zogen ihn schließlich hastig auf die Beine.
"Rettet Euch, junger Herr!" zischte Haruhiko hastig, während seine Leibwächter ein Gefecht mit Yukis Entführern begonnen hatten.
Yuki konnte wieder klar sehen.
,,Du musst von hier verschwinden, hörst Du? Zwei Straßen weiter wartet ein Taxi auf Dich, es bringt Dich in den 13. Bezirk und von dort aus direkt zum Flughafen. Beeil Dich!"
Ein flüchtiger Kuss auf die Stirn. Haruhikos zarter Geruch. Seine feuchten, dunklen Lippen.
"Es ist zu Ende, Iwamoto-sama!" ertönte eine dunkle Stimme und vier weitere Männer tauchten auf - alle gehüllt in dunkle Anzüge, getarnt mit Sonnebrillen. Im Nu waren Haruhikos Leibwächter bezwungen und er selbst wurde grob von hinten überwältigt.
Die Waffe richtete sich direkt auf Yuki.
Haruhiko sah wie sich seine verträumten Augen langsam öffneten.
Die langen Wimpern sich erhoben und die Schatten auf seinen Wangen wichen.
Fallende, tanzende Schneeflocken im dunklen Braun seiner Augen.
Ein Schuss.
Blut.
Blut.
Blut auf dem Boden.
Haruhikos entsetzter Aufschrei hallte durch die Garage und es gelang ihm mit aller Kraft, sich zu befreien. Während der dritte Leibwächter endlich hereinstürmte und die beiden anderen befreite, stürmte Haruhiko sofort auf Yuki zu, dessen Körper leblos am Boden in einer großen, dunklen Blutlache lag. Er befühlte mit zittrigen Händen seinen Puls und hob ihn vorsichtig an. Der schwarze Mantel hatte sich durch das Blut dunkel verfärbt.
"Yuki..Yuki, sieh´ mich an..Sieh´ mich an!" flehte er und fuhr ihm mit der Handfläche über die schweißnasse Stirn.
Yuki hob sanft die Lider und blickte Haruhiko mit schleierhaftem Blick direkt ins Gesicht. Als er langsam die Lippen öffnen wollte, tropfte Blut aus seinem Mundwinkel hervor und floß über sein Kinn und seinen Hals hinunter.
Da waren sie wieder. Die tanzenden Schneeflocken in Yukis Augen. Dieselben, die er auch bei seiner Schwester vor langer Zeit gesehen hatte.
Haruhiko spürte die heißen Tränen in seinen Augen, die langsam über seine Wangen hinunter rollten und er legte wie unter großen Schmerzen die Stirn in Falten.
,,..Merkwürdig. .der Schnee. .wo kommt plötzlich der Schnee her?......" fragte Yukis Stimme sanft.
,,Ich habe davon geträumt. Gestern nacht. Ich wusste, dass es passieren würde. Ich wusste es."
,,Wein nicht."
,,Du darfst nicht sterben! Du darfst nicht auch noch sterben! Du darfst es einfach nicht!"
,,Sie winkt, Haruhiko. Sie winkt immer, immer wieder. Und sie lächelt."
~ Ende ~
Für einen Moment begann er sich zu fragen, wann es das letzte Mal geschneit hatte. Es schien schon Jahre zurückzuliegen. Der junge Mann verließ den Friedhof und beschloss, nach Hause zurückzukehren. Das nächste Mal würde er wieder hierher kommen, wenn es schneit. Doch wenn er jetzt gleich hinauf zum graublauen Himmel blickt, dann würde er winken. Er würde immer, immer wieder winken. Und lächeln.